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Verletzte Würde

Deutschland und die Opfer von Aids: Man wollte uns nicht sehen

Ein Staatsakt wie bei Corona im April 2021 lenkt die Aufmerksamkeit der gesamten Gesellschaft auf Opfer und Hinterbliebene und drückt kollektive Anteilnahme aus. Diese Anteilnahme hat es bei Aids nie gegeben.


Am 23. Juni erinnerte Michael Jähme im Rahmen des Cologne Pride an die an HIV/Aids gestorbenen Menschen. Wegen Baumaßnahmen am "Kalten Eck" fand die jährliche Veranstaltung in diesem Jahr im Café Bach statt. Wir dokumentieren Jähmes Rede (Bild: Danny Frede / Aidshilfe Köln)

Manchmal passiert es, da wird ein gut reflektierter und gründlich bearbeiteter Teil der eigenen Lebensgeschichte, den man eigentlich als abgeschlossen betrachtet, durch ein aktuelles Ereignis berührt und man wird von heftigem Emotionen überrascht.

So erging es mir, als ich am 17. Oktober 2020 die Nachricht vernahm, der damalige Kanzleramtsminister Helge Braun würde beabsichtigen, für die Opfer, also die Toten der Corona-Pandemie, eine besondere Ehrung, einen Staatsakt auszurichten. In einem Zeitungsinterview begründete er das mit: "Wir sollten ein Zeichen setzen, dass die Verstorbenen nicht vergessen sind."

Meine Reaktion erfolgte prompt: Ein Nerv in mir war getroffen. Ich verspürte heftige Empörung. Ich schrieb spontan an Freunde: "In mir weckt das Wut und Zorn: Was ist mit den Aids-Opfern, vergessen und früher verachtet?? Warum gibt es und gab es da nie einen Vorschlag zu einem Staatsakt?"

Abgrenzung statt Mitgefühl

Ich möchte heute nicht in eine Diskussion einsteigen darüber, welche Pandemie schrecklicher war, und welche Berechtigung ein Staatsakt für die Corona-Toten hat oder nicht.

Ich möchte mich stattdessen darauf konzentrieren und Sie einladen, mit mir nachzuspüren, was es denn genau war, das meine spontane Empörung ausgelöst hat, welcher Nerv es ist, der da in mir getroffen ist.

Für Menschen, die an Aids gestorben sind, hat es meines Wissens nie einen nationalen Gedenkakt gegeben. Aids hat anders als Corona nicht die gesamte Bevölkerung betroffen. Das Drama des Sterbens an Aids fand abseits der öffentlichen Wahrnehmung statt. In Familien wurde Aids als Todesursache verschämt verschwiegen, über das wahre Leben der Verstorbenen wurde selten frei und direkt gesprochen. Eine HIV-Infektion und Aids-Erkrankung galt für die bürgerliche Gesellschaft als Beweis für ein "falsch gelebtes Leben". Da brauchte man kein Mitgefühl entwickeln und grenzte sich lieber ab, und die Betroffenen aus. Aids wurde versteckt und beschwiegen. Menschen mit HIV und Aids wurden wie Aussätzige behandelt, ihnen wurde Menschenwürde verweigert, in den ersten Jahren der Aids-Krise oft genug und gerade auch bei der medizinischen Versorgung.

Forderung nach Wiedergutmachung

Diese verletzte Würde, besonders der frühen Jahre der HIV-Pandemie, ist es, die als erlebte Erfahrung des gesellschaftlichen Klimas immer noch in mir vorhanden ist und sich beim Hören der Ankündigung eines Staatsaktes für die Corona-Toten als heftiger Schmerz wieder meldete. Auch wenn ich nun seit 1990 mit der HIV-Diagnose lebe, auch wenn ich HIV überlebt habe und auch wenn uns gemeinsam mit der Arbeit in den Aidshilfen viel gelungen ist an Abbau von Stigmatisierung und Diskriminierung, so scheint es da trotz alledem immer noch etwas zu geben, das latent als Unruhe in mir schlummert. Eine wirkliche Heilung von diesen frühen Verletzungen meiner Würde ist ganz offensichtlich noch nicht erfolgt. Es steht noch etwas aus. Es gibt noch eine Forderung von mir an die Gesellschaft. Es ist eine Forderung nach Wiedergutmachung.


Gedenkinstallation "Namen und Steine" in Köln (Bild: Danny Frede / Aidshilfe Köln)

Mich hat erstaunt, dass in der aktuellen Coronavirus-Pandemie so wenig auf die Erfahrungen im Umgang mit der vorherigen Pandemie, mit HIV, geschaut wurde. Weder Politik noch Medien schenkten dem alten Erfahrungswissen Beachtung. In den 1980er Jahren hat Rolf Rosenbrock das Buch geschrieben: "AIDS kann schneller besiegt werden." Seitdem gibt es einen Maßnahmenkatalog voller wirksamer Instrumente. Wer die Aids-Krise erlebt hat, kannte jetzt bei Corona alle Begriffe und kannte die Dynamiken vom Leben mit sich ständig verändernden Wissensständen.

Die Gesellschaft will sich nicht erinnern

Aber die Gesellschaft als Gesamtes hatte Aids vergessen, und konnte deshalb ganz offensichtlich nicht auf Bewährtes zurückgreifen. Stattdessen beobachtete ich, wie die Gesellschaft nun mühsam lernte, was wir schon bei HIV haben lernen müssen und längst wissen: Es gibt keinen 100%igen Schutz. Es gibt wirksame Maßnahmen und Verhaltensweisen, die das Ansteckungsrisiko reduzieren. Es braucht Aufklärung über die Übertragungswege. Menschen müssen befähigt werden, eigene realistische Risikoeinschätzungen zu treffen und eigenes Risikomanagement zu lernen, auf der Grundlage des heutigen Wissensstandes.

So wie die Gesellschaft die HIV-Pandemie und das anfangs qualvolle und einsame Sterben an Aids vergessen hat – und sich auch nicht daran erinnern will -, so fühle auch ich mich mit meinen Erfahrungen vergessen.

Wir waren in unseren Communities alleine

Ein Staatsakt wie bei Corona im April 2021 lenkt die Aufmerksamkeit der gesamten Gesellschaft auf Opfer und Hinterbliebene und drückt kollektive Anteilnahme aus. Diese gemeinsame Anteilnahme hat es bei Aids nie gegeben. Man wollte uns nicht sehen. Wir waren in unseren Communities alleine, – wenn wir sie denn hatten. Die kollektive Anteilnahme ist uns vorenthalten worden.

Wir werden alt und haben HIV überlebt, als HIV-Positive wie als HIV-Negative. Sichtbar ist, dass wir da sind. Was wir erlebt haben, sieht man uns nicht an. Unsere Schmerzen müssen wir immer noch erklären, um verstanden zu werden, wenn durch äußere Ereignisse ein Nerv getroffen ist und wir emotional reagieren.

Ich vermute, ich bin nicht der Einzige, der diese Erfahrung macht.

Das Gedenken der Aidshilfe Köln heute hier am "Kalten Eck" spendet die Erfahrung, mit der erlebten Geschichte nicht alleine zu sein. Es tut gut, hier zu sein.



17 Kommentare

#1 PeerAnonym
  • 28.06.2022, 10:01h
  • Da kann ich mich nur anschließen.

    Der Umgang mit HIV, HIV-Kranken und AIDS-Toten war und ist in Deutschland mangelhaft.

    Hätte man (nicht nur in Deutschland) von Anfang an anders reagiert, hätten viele Menschenleben gerettet werden können und man wäre längst viel weiter.

    Aber es betraf ja vermeintlich nur die Schwulen, die Junkies und andere Leute, die einem egal waren.

    Das ist bis heute nicht wirklich aufgearbeitet worden. Genauso wie die Verfolgung von Schwulen im Dritten Reich bis heute nicht richtig aufgearbeitet wurde.

    Und mit den sog. Homo-"Heilungen", die nach wie vor nur teilweise verboten sind, passiert momentan genau dasselbe, wo man sich in einigen Jahren oder Jahrzehnten fragen wird, wie man sowas hinnehmen konnte. Die Menschheit lernt eben doch nicht aus der Geschichte.
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#2 LothiAnonym
  • 28.06.2022, 10:15h
  • Antwort auf #1 von Peer
  • So ganz stimmt Deine Aussage hierzu nicht. Schon damals zu Beginn der AIDS Pandemie war das Robert Koch Institut zumindest schon bereit Homosexuelle auf das AIDS Virus Testen zu lassen. Und wer wollte konnte diesen auch Anonym machen lassen. Was ich dann z.B. auch getan habe. Leider gab es zu diesem Zeitpunkt noch kein Gegenmittel und somit verstarben viele an den Folgen von AIDS.
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#3 MoKiAnonym
  • 28.06.2022, 10:34h
  • Als nicht mehr ganz so junger schwuler Mann konnte ich über drei Jahrzehnte den Sex nur mit Kondom machen. Völlig egal, ob es um eine schnelle Nummer ging oder Sex in einer Beziehung. Meine Sexualität war über weite Strecken von Krankheit, Siechtum und Tod bedroht. Natürlich war die Kondomnutzung der Goldstandard der HIV-Prävention und hat mich und viele andere geschützt. Aber die Nutzung war eben auch ein sozial erwünschtes Verhalten.

    Ich habe Hochachtung vor allen schwulen Männern, die das über so eine lange Zeit geschafft haben und amüsiere mich über die Allgemeinbevölkerung, die nicht in der Lage ist, für zehn Minuten beim Einkauf im REWE eine Maske zu tragen und sich ihrer Freiheit beraubt fühlt.

    Ich stimme Michael Jähme zu! Man hat in vielerlei Hinsicht nichts aus der HIV-Pandemie gelernt. Rein gar nichts.
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#4 PeerAnonym
  • 28.06.2022, 10:38h
  • Antwort auf #2 von Lothi
  • Ja natürlich:
    Teile der Wissenschaft waren schon längst viel weiter als Politik und Gesellschaft. Und es gab auch sehr früh schon AIDS-Hilfen.

    Ich beziehe mich eher auf die Untätigkeit der Politik - damals wie heute.
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#5 StaffelbergblickAnonym
  • 28.06.2022, 12:52h
  • Antwort auf #2 von Lothi
  • Lothar ... wir hatten damals das Glück, dass in Berlin ziemlich schnell eine AIDS-Taskforce installiert wurde. Mit Prof. Bienzle einem erfahrenen Infektionsmediziner. Ich kann mich noch an die erste Untersuchung bei ihm erinnern. Die ersten Diskussionsaufhänger waren "vergrößerte Lymphknoten" ... also zu Untersuchung .. und bei mir als unauffällig bewertet. Ich hatte auch das Glück ihn mal in einer speziellen HIV/AIDS Vorlesung hören zu können. Das wurde nicht um den heißen Brei rumgeredet. Da flogen plötzlich Begriffe wie "Arschficken" durch den Raum und ob es sinnvoll ist vor dem Analverkehr eine Analspülung durchzuführen (nein, dadurch wird die Darmschleimhaut verletzt und ist somit für Viren aufnahmefähiger).
    Und dann hatten wir Glück, dass gerade das AVK in Schöneberg ein Krankenhaus war mit reichlich schwuler Erfahrung. Vor HIV/AIDS lagen so manche meiner Freunde mit ihrer Hepatitis B wochenlang isoliert auf der Infektionsabteilung.
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#6 PetterAnonym
  • 28.06.2022, 15:08h
  • Mit mittlerweile leider schon 50 Jahren gehöre ich zu der Genration, die noch gerade bevor sie sexuell aktiv wurde, von HIV/AIDS erfuhr.

    Einigermaßen war das gut, denn wäre ich nur 3-4 Jahre älter und hätte das nicht vor meinen ersten sexuellen Erfahrungen gewusst, wäre ich heute vielleicht schon nicht mehr da und sehr jung gestorben.

    Andererseits hat einem das natürlich auch wahnsinnig Angst gemacht. Ein lustvolles, befreites Entdecken der eigenen Sexualität war nicht möglich. Ständig und sogar bei Safer Sex schwirrte das im Hinterkopf rum.

    Aber das ist natürlich dennoch nichts im Vergleich zu denjenigen, die sich infiziert hatten zu einer Zeit, wo man diese Geißel noch viel weniger im Griff hatte als heute.

    Diese Scheiß-Krankheit hat so viele von uns qualvoll umgebracht, so viele Beziehungen und Familien zerstört, so viel Leid und Trauer gebracht... Wir wären wohl auch gesellschaftlich längst viel weiter, wenn dieses Stigma nicht gekommen wäre und wenn nicht ganze Generationen von uns zu weiten Teilen ausgelöscht worden wären.

    Es sollte noch viel mehr Geld in die Erforschung schlimmer Krankheiten wie HIV, aber auch Krebs, Alzheimer, Parkinson, Multiple Sklerose, etc. etc. etc. fließen-

    An dem Tag, wo HIV voll heilbar ist und es vielleicht auch eine Impfung gibt, werde ich eine ganze Woche durchfeiern.
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#7 seb1983
  • 28.06.2022, 15:21h
  • Was mir dabei immer in den Sinn kommt:

    In den Industriestaaten waren und sind die Ansteckungszahlen relativ gering und auf Minderheiten wie Schwule begrenzt. Seit den 1990er Jahren gibt es erste Therapien, Krankenkassen und Sozialsysteme sind eingesprungen wenn nichts mehr ging.

    Im südlichen Afrika dagegen erleben wir nach wie vor gigantische Ansteckungszahlen, 10% oder in Südafrika sogar 20% der Bevölkerung sind infiziert, Familien stehen ohne Ernährer da, tausende Aidswaisen, eine flächendeckende Medikamentenversorgung existiert auch 2022 nicht.
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#8 PetterAnonym
  • 28.06.2022, 15:25h
  • Antwort auf #7 von seb1983
  • Ja, und immer noch erzählen diverse Kirchen in solchen Staaten, Kondome seien Teufelszeug und würden nicht schützen, sondern AIDS erst verursachen.

    Damit haben diese Religionen auch die Millionen hungernden AIDS-Waisen mit zu verantworten. Eigentlich müssten die enteignet werden und das Geld diesen Opfern der Religion zugute kommen.
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#9 seb1983
  • 28.06.2022, 17:23h
  • Antwort auf #8 von Petter
  • Es gab auch schon afrikanische Gesundheitsminister die auf den Vorwurf ungeschützt mit einer professionellen Dame verkehrt zu haben antworteten "nicht schlimm ich habe danach geduscht" und gegen HIV diverse Kräuter empfohlen haben.

    Von daher war der Umgang damit bei uns dann doch etwas professioneller und hat die Fallzahlen entsprechend niedrig gehalten.
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#10 LorenProfil