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Jubiläum
Vor fünf Jahren: Bundestag beschließt Gleichbehandlung im Ehe-Recht
2017 machte Deutschland einen großen Sprung beim Abbau von Diskriminierung: Völlig überraschend öffnete der Bundestag binnen einer Woche die Ehe für Schwule und Lesben.

Bis 2017 herrschte in Deutschland noch ein Ehe-Verbot für Schwule und Lesben
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30. Juni 2022, 08:28h 4 Min.
An einem Freitagvormittag vor fünf Jahren begann die Zeitenwende in der Queerpolitik: Der Deutsche Bundestag beschloss am 30. Juni 2017 die weitgehende Gleichbehandlung von Schwulen und Lesben im Ehe-Recht. In einer freien Abstimmung votierten 393 Abgeordnete dafür, 226 waren dagegen – alle Gegenstimmen kamen aus der Union (sowie der fraktionslosen Erika Steinbach). Die AfD war damals noch nicht im Bundestag. Ein Viertel der CDU/CSU-Fraktionsmitglieder stimmte gegen die christdemokratische und christsoziale Mehrheitsmeinung und für die Gleichbehandlung, darunter auch die damalige Bundesverteidigungsministerin und heutige EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen.
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Nur eine Woche vor der Abstimmung hätte praktisch niemand darauf gewettet, dass die Ehe-Öffnung so schnell kommt. Es schien, als ob die Ehe für alle zum Wahlkampfthema für die Bundestagswahl am 24. September werden würde. Alle möglichen Koalitionspartner der Union, also SPD, FDP und die Bündnisgrünen, versprachen ihren Wähler*innen bereits, keine Koalition ohne Ehe für alle eingehen zu wollen.
/ dbk_online | Die katholische Kirche hadert bis heute damit, wie sie Diskriminierung bei Eheschließungen rechtfertigen kann@ErzbischofKoch: Wie können wir verhindern, dass das Besondere einer christlichen #ehe diskriminierend wirkt gegenüber anderen Lebensformen? Das ist eine Frage, die mir in Deutschland öfters begegnet. #WMOF22 #Papst #Franziskus Mehr: https://t.co/2FwOpi58H7 2/2
Deutsche Bischofskonferenz – offizieller Account (@dbk_online) June 26, 2022
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Ein Interview der Frauenzeitschrift "Brigitte" mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) änderte alles: Die Regierungschefin erklärte am Abend des 26. Juni, sie könne sich eine Abstimmung ohne Fraktionszwang zum Thema vorstellen. Am Morgen des 27. Juni kündigte die SPD dann an, die Abstimmung noch in dieser Sitzungswoche – der letzten vor der Bundestagswahl – durchführen zu wollen. Dafür lag bereits der Entwurf des Bundesrates vor, der eigentlich schon von der Länderkammer aufgegeben worden war. Nur drei Tage später war die Sache dann gelaufen. Feinde der Gleichstellung – wie der damalige Innenminister Thomas de Maizière oder die katholische Kirche – wurden von diesem ungewohnten Tatendrang völlig überrumpelt.
Kanzlerin Merkel stimmte zwar gegen die Ehe für alle. Später zeigte sie sich aber zufrieden damit, dass das ihre Partei spaltende Thema endlich vom Tisch ist. Andere Nein-Sager*innen – etwa die frühere Kölner Abgeordnete Gisela Manderla – bedauerten später ihr Festhalten am Ehe-Verbot für Schwule und Lesben.
/ MartinSchulz | Die schnelle SPD-Intervention sorgte für die unverhoffte Ehe-Öffnung. An die historische Woche erinnert auch der damalige SPD-Chef Martin SchulzHeute vor fünf Jahren haben wir gegen jahrelange konservative Blockaden die #ehefüralle durchgesetzt. Das war ein längst überfälliger Schritt, ein Meilenstein. Viel bleibt zu tun. Aber dieser Erfolg zeigt: Es lohnt sich immer, für gesellschaftlichen Fortschritt zu kämpfen! @spdde
Martin Schulz (@MartinSchulz) June 30, 2022
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Die Akzeptanz der Ehe war ohnehin schnell größer als noch beim Lebenspartnerschaftsgesetz 2001: Bayern wollte nicht einmal gegen die Gleichbehandlung klagen. Anfang des Jahrtausends hatte der Freistaat demgegenüber gemeinsam mit Sachsen und Thüringen noch versucht, die Einführung von Lebenspartnerschaften zu verhindern – mit dem Argument, dass das Grundgesetz nur heterosexuelle Paare und Familien schütze. Das Bundesverfassungsgericht winkte aber ab.
Warnungen vor "Volkstod"
Nach dem Einzug der AfD wurde der Ton zwar schriller: So warnte die Partei im Nazi-Jargon davor, dass heiratende Homosexuelle den "Volkstod" herbeiführen könnten. Alle anderen Bundestagsfraktionen – einschließlich der Union – wiesen aber 2019 den AfD-Antrag auf Wiedereinführung des Eheverbots zurück. Bis heute ist der Volkstod freilich nicht eingetreten.
Wie sehr Hass auf queere Menschen aber selbst in demokratischen Parteien noch schwelt, zeigten die Reaktionen zum Ampel-Koalitionsvertrag: Selbst aus der Union kamen die gebetsartig wiederholten Warnungen, dass queere Rechte die heterosexuelle Ehe gefährdeten. Mit dem anstehenden Projekten wie dem Selbstbestimmungsgesetz und der Änderung von Artikel 3 des Grundgesetzes könnten diese Reflexe wieder an die Oberfläche kommen.
LGBTI-Aktivist*innen sehen noch einige Baustellen bei der Ehe für alle. So gibt es noch immer direkte Diskriminierung von homosexuellen Ehe-Paaren. Konkret geht es darum: Wenn eine verheiratete lesbische Frau ein Kind bekommt, wird die Ehepartnerin nicht direkt als Mit-Mutter anerkannt, sondern muss den bürokratischen Weg der Stiefkindadoption gehen.
/ teresabueckerUnd trotz fünf Jahren #EhefuerAlle stehen noch immer nicht beide Mütter eines lesbischen Ehepaares von Anfang an in der Geburtsurkunde ihrer Kinder. Gleiche Rechte heißt rechtliche Mutterschaft für beide von Anfang an. https://t.co/mX1VUG3Cax
teresa bücker (@teresabuecker) June 30, 2022
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Vor zwei Jahren wollte die Koalition aus Union und SPD sogar die Diskriminierung lesbischer Frauen mit dem sogenannten Adoptionshilfe-Gesetz verstärken, indem lesbischen Eltern wie unverheirateten Paaren eine Zwangsberatung auferlegt werden sollte. Der Bundesrat konnte diese durch nichts gerechtfertigte Diskriminierung gegenüber heterosexuellen Eheleuten aber noch verhindern.
Dieser Angriff hat gezeigt, dass die Rechte queerer Menschen noch immer zu jeder Zeit in Gefahr sein können, wenn sich der politische Wind dreht. Daher halten es queere Aktivist*innen für unbedingt notwendig, dass der Schutz von LGBTI ausdrücklich in den Antidiskriminierungsartikel des Grundgesetzes aufgenommen wird. Das hat die Ampel-Koalition zwar in ihrem Koalitionsvertrag versprochen. Da eine Zweidrittelmehrheit in beiden Parlamentskammern nötig ist, ist die Regierung dabei aber auf Unterstützung aus der Union angewiesen. Immerhin: Zuletzt hatten viele Politiker*innen von CDU/CSU Entgegenkommen signalisiert, darunter etwa auch der NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst.
Links zum Thema:
» Debatte zur Ehe für alle vom 30.6.2017 auf bundestag.de
Mehr zum Thema:
» Liveblog zur Ehe für alle: Der historische Beschluss und die Reaktionen (30.06.2017)
» Ehe für alle: CDU und CSU heben Fraktionszwang auf (27.06.2017)
» Ehe für alle: SPD kündigt Bundestags-Abstimmung noch in dieser Woche an (27.06.2017)
» Ehe für alle: Merkel kann sich plötzlich eine freie Abstimmung vorstellen (26.06.2017)















Fakt ist:
die SPD hat jahrelang gemeinsam mit der Union die Eheöffnung verhindert. Erst als die Grünen das zum Wahlkampfthema gemacht haben und sagten, das wäre für sie Koalitionsbedingung hat Angela Merkel sich (weil sie den Sitzungsplan nicht im Kopf hatte) im Brigitte-Interview verplappert und dann die Abstimmung freigegeben. (Was eigentlich gar nicht nötig wäre, weil nach Art. 36 GG eh jeder Abgeordnete frei und nach eigenem Gewissen abstimmen darf.)
Und erst dann hat die SPD sich getraut, auch für die Eheöffnung zu stimmen.
Aber das war nicht der Erfolg der SPD, die der Union jahrelang die Mehrheiten für eine Blockade gesichert hat, sondern das war der Erfolg der Grünen, die das zur Koalitionsbedingung und damit zum Wahlkampfthema gemacht haben. Und die Schusseligkeit von Frau Merkel.
Glaubt die SPD wirklich, wenn 5 Jahre vergangen sind, würden wir uns nicht mehr an die korrekten Abläufe erinnern?