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Jubiläum

Vor fünf Jahren: Bundestag beschließt Gleich­behandlung im Ehe-Recht

2017 machte Deutschland einen großen Sprung beim Abbau von Diskriminierung: Völlig überraschend öffnete der Bundestag binnen einer Woche die Ehe für Schwule und Lesben.


Bis 2017 herrschte in Deutschland noch ein Ehe-Verbot für Schwule und Lesben

An einem Freitagvormittag vor fünf Jahren begann die Zeitenwende in der Queerpolitik: Der Deutsche Bundestag beschloss am 30. Juni 2017 die weitgehende Gleichbehandlung von Schwulen und Lesben im Ehe-Recht. In einer freien Abstimmung votierten 393 Abgeordnete dafür, 226 waren dagegen – alle Gegenstimmen kamen aus der Union (sowie der fraktionslosen Erika Steinbach). Die AfD war damals noch nicht im Bundestag. Ein Viertel der CDU/CSU-Fraktionsmitglieder stimmte gegen die christdemokratische und christsoziale Mehrheitsmeinung und für die Gleichbehandlung, darunter auch die damalige Bundesverteidigungsministerin und heutige EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen.

Direktlink | Die einstündige Bundestagsdebatte und Abstimmung, die das Ehe-Verbot für Schwule und Lesben beendete
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Nur eine Woche vor der Abstimmung hätte praktisch niemand darauf gewettet, dass die Ehe-Öffnung so schnell kommt. Es schien, als ob die Ehe für alle zum Wahlkampfthema für die Bundestagswahl am 24. September werden würde. Alle möglichen Koalitionspartner der Union, also SPD, FDP und die Bündnisgrünen, versprachen ihren Wähler*innen bereits, keine Koalition ohne Ehe für alle eingehen zu wollen.

/ dbk_online | Die katholische Kirche hadert bis heute damit, wie sie Diskriminierung bei Eheschließungen rechtfertigen kann
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Ein Interview der Frauenzeitschrift "Brigitte" mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) änderte alles: Die Regierungschefin erklärte am Abend des 26. Juni, sie könne sich eine Abstimmung ohne Fraktionszwang zum Thema vorstellen. Am Morgen des 27. Juni kündigte die SPD dann an, die Abstimmung noch in dieser Sitzungswoche – der letzten vor der Bundestagswahl – durchführen zu wollen. Dafür lag bereits der Entwurf des Bundesrates vor, der eigentlich schon von der Länderkammer aufgegeben worden war. Nur drei Tage später war die Sache dann gelaufen. Feinde der Gleichstellung – wie der damalige Innenminister Thomas de Maizière oder die katholische Kirche – wurden von diesem ungewohnten Tatendrang völlig überrumpelt.

Kanzlerin Merkel stimmte zwar gegen die Ehe für alle. Später zeigte sie sich aber zufrieden damit, dass das ihre Partei spaltende Thema endlich vom Tisch ist. Andere Nein-Sager*innen – etwa die frühere Kölner Abgeordnete Gisela Manderla – bedauerten später ihr Festhalten am Ehe-Verbot für Schwule und Lesben.

/ MartinSchulz | Die schnelle SPD-Intervention sorgte für die unverhoffte Ehe-Öffnung. An die historische Woche erinnert auch der damalige SPD-Chef Martin Schulz
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Die Akzeptanz der Ehe war ohnehin schnell größer als noch beim Lebenspartnerschaftsgesetz 2001: Bayern wollte nicht einmal gegen die Gleichbehandlung klagen. Anfang des Jahrtausends hatte der Freistaat demgegenüber gemeinsam mit Sachsen und Thüringen noch versucht, die Einführung von Lebenspartnerschaften zu verhindern – mit dem Argument, dass das Grundgesetz nur heterosexuelle Paare und Familien schütze. Das Bundesverfassungsgericht winkte aber ab.

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Warnungen vor "Volkstod"

Nach dem Einzug der AfD wurde der Ton zwar schriller: So warnte die Partei im Nazi-Jargon davor, dass heiratende Homosexuelle den "Volkstod" herbeiführen könnten. Alle anderen Bundestagsfraktionen – einschließlich der Union – wiesen aber 2019 den AfD-Antrag auf Wiedereinführung des Eheverbots zurück. Bis heute ist der Volkstod freilich nicht eingetreten.

Wie sehr Hass auf queere Menschen aber selbst in demokratischen Parteien noch schwelt, zeigten die Reaktionen zum Ampel-Koalitionsvertrag: Selbst aus der Union kamen die gebetsartig wiederholten Warnungen, dass queere Rechte die heterosexuelle Ehe gefährdeten. Mit dem anstehenden Projekten wie dem Selbstbestimmungsgesetz und der Änderung von Artikel 3 des Grundgesetzes könnten diese Reflexe wieder an die Oberfläche kommen.

LGBTI-Aktivist*innen sehen noch einige Baustellen bei der Ehe für alle. So gibt es noch immer direkte Diskriminierung von homosexuellen Ehe-Paaren. Konkret geht es darum: Wenn eine verheiratete lesbische Frau ein Kind bekommt, wird die Ehepartnerin nicht direkt als Mit-Mutter anerkannt, sondern muss den bürokratischen Weg der Stiefkindadoption gehen.

/ teresabuecker
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Vor zwei Jahren wollte die Koalition aus Union und SPD sogar die Diskriminierung lesbischer Frauen mit dem sogenannten Adoptionshilfe-Gesetz verstärken, indem lesbischen Eltern wie unverheirateten Paaren eine Zwangsberatung auferlegt werden sollte. Der Bundesrat konnte diese durch nichts gerechtfertigte Diskriminierung gegenüber heterosexuellen Eheleuten aber noch verhindern.

Dieser Angriff hat gezeigt, dass die Rechte queerer Menschen noch immer zu jeder Zeit in Gefahr sein können, wenn sich der politische Wind dreht. Daher halten es queere Aktivist*innen für unbedingt notwendig, dass der Schutz von LGBTI ausdrücklich in den Antidiskriminierungsartikel des Grundgesetzes aufgenommen wird. Das hat die Ampel-Koalition zwar in ihrem Koalitionsvertrag versprochen. Da eine Zweidrittelmehrheit in beiden Parlamentskammern nötig ist, ist die Regierung dabei aber auf Unterstützung aus der Union angewiesen. Immerhin: Zuletzt hatten viele Politiker*innen von CDU/CSU Entgegenkommen signalisiert, darunter etwa auch der NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst.

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#1 PeerAnonym
  • 30.06.2022, 14:26h
  • Wie verlogen die SPD diesen Tag für ihre Partei-Propaganda nutzt. Da behaupten die eiskalt, sie hätten das damals durchgesetzt.

    Fakt ist:
    die SPD hat jahrelang gemeinsam mit der Union die Eheöffnung verhindert. Erst als die Grünen das zum Wahlkampfthema gemacht haben und sagten, das wäre für sie Koalitionsbedingung hat Angela Merkel sich (weil sie den Sitzungsplan nicht im Kopf hatte) im Brigitte-Interview verplappert und dann die Abstimmung freigegeben. (Was eigentlich gar nicht nötig wäre, weil nach Art. 36 GG eh jeder Abgeordnete frei und nach eigenem Gewissen abstimmen darf.)

    Und erst dann hat die SPD sich getraut, auch für die Eheöffnung zu stimmen.

    Aber das war nicht der Erfolg der SPD, die der Union jahrelang die Mehrheiten für eine Blockade gesichert hat, sondern das war der Erfolg der Grünen, die das zur Koalitionsbedingung und damit zum Wahlkampfthema gemacht haben. Und die Schusseligkeit von Frau Merkel.

    Glaubt die SPD wirklich, wenn 5 Jahre vergangen sind, würden wir uns nicht mehr an die korrekten Abläufe erinnern?
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#2 Hans DieterAnonym
  • 30.06.2022, 17:12h
  • Antwort auf #1 von Peer
  • Du hast offensichtlich keine Ahnung, was tatsächlich abgelaufen ist. Erst als Martin Schulz in vertraulicher Absprache mit der SPDquuer am 17.5.2017 die EfA zur "Roten Linie" für künftige Koalitionsverhandlungen erklärte und das dann auf dem nachfolgenden SPD-BPT in Dortmund für die Partei (! Nicht nur für sich persönlich!!!) öffentlich machte, sah sich Angela Merkel genötigt, das Thema aus dem Wahlkampf zu kicken. Von wegen "verplappert"! Sie machte, was sie immer tat, Unliebsames (womit sie sich ja hinlänglich blamiert hatte [Bauchgefühl...]) beiseite zu räumen. Für sie als Prakmatikerin bedeutete das, das Thema zu erledigen. Sie wusste zudem genau, dass sie sonst nach der Wahl ohne Koalitionspartner dagestanden hätte. Die Mär vom Verplappern wirst Du nirgendwo bestätigt bekommen. Im Gegenteil: Ihre Gegenstimme belegt, dass sie nachweislich trotz des Nachgebens dagegen war. Wie naiv muss man sein anzunehmen, sie habe sich verplappert!.
    Hinzu kommt, dass die SPD-BUNDESTAGSFRAKTION längst die letzte Sitzung des BT vor der Wahl als einzig "sicheren" Abstimmungstermin definiert hatte, weil alle Termine zuvor gescheitert wären (das lässt nachweisen). Dabei waren bereits über 40 Unionsabgeordnete "im Boot"! Nicht zufällig beantragte der queerpolitische Sprecher der SPD-BUNDESTAGSFRAKTION in der zwetletzten Bundestagssitzung (zum 30. Mal!) Eine Verschiebung der Abstimmung und stimmte dann gegen seinen eigenen Antrag. Nur so konnte die Ehe f. Alle in der letzten Sitzung auf der Tagesordnung bleiben und darüber abgestimmt werden. Und nur so kam die EfA noch vor den Wahlen!
    Die SPD, namentlich die SPDqueer, haben unter der 30-maligen Verschiebung der Abstimmung regelrecht gelitten, wurden von der Community angefeindet bes. auf den CSD's. Man meinte, ihnen nicht mehr glauben zu können.
    Eines gebe ich zu: Jede frühere Abstimmung wäre wohl mit Sicherheit an der "Koalitionstreue" gescheitert. Und das wäre das Aus der EfA auf absehbare Zeit gewesen, aber auch das Ende der Glaubwürdigkeit gegenüber der Community für lange Zeit. Wenn man will, mag man es der SPD dennoch ankreiden. Es war besonders für die SPDqueer kein Spaß.

    Aber nur so gelang es, die Ehe für Alle konkret durchzusetzen. Und deshalb stimmt, wenn die SPD behauptet: "Das waren wir!"

    Das schmälert in keiner Weise das Verdienst der Grünen, die von allen Parteien wohl am intensivsten, kontinuierlichsen und zuverlässigsten die Interessen der Community vertreten zu haben. Aber das verdanken sie nicht zuletzt ihrer langjährigen Oppositionssituation. In Koalitionen eingebunden "verlieren auch sie ihre Unschuld". Wählt halt SPD UND Grüne, wenn ihr eine gute Queerpolitik wollt. In Baden-Württemberg haben 5 Jahre Grün-Rot gereicht, ein Bundesland aus der queerpolitischen Schmuddelecke in die erste Reihen der fortschrittlichen Bundesländer zu hiefen.
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#3 Schon
  • 30.06.2022, 17:16hFürth
  • Antwort auf #1 von Peer
  • Ich denke die SPD lebt schon lange von ihrer "Marke" und natürlich vom Vergessen der Bürger. Ich war einmal für ein paar Monate Genossin und habe auch die Ortsvereins-Treffen mit gemacht. Aus der Erfahrung heraus bin ich erstaunt, dass sich in der SPD überhaupt was bewegen kann.
    Ja, damals hat der Druck der Grünen die SPD bewegt. Heute ist es der Druck, der den Scholz bewegt. Vielleicht ist das die beste Kurzbeschreibung: bewegt sich mit Druck.
    Unbenommen dessen fand ich es klasse, dass wir endlich heiraten konnten, und das im Standesamt und nicht in der KFZ-Zulassungsstelle, wie es damals in Fürth bei der Verpartnerung praktiziert wurde.
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