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queerfilmnacht

Der Sexarbeiter und die Sehnsucht

Im Januar wurde "Moneyboys" als bester Spielfilm mit dem renommierten Max Ophüls Preis ausgezeichnet. Jetzt startet das starke und intensive Debüt des chinesisch-österreichischen Regisseurs C.B. Yi. im Kino.


Im Mittelpunkt von "Moneyboys" stellt der junge schwule Chinese Fei, der in Peking anschaffen geht, um seine homophobe Familie zu unterstützen (Bild: Salzgeber)

Vor Kurzem durften wir erfahren, dass die englische Netflix-Serie "Heartstopper", bei der es im Kern um die romantische Liebe zwischen den Schülern Charlie Spring und Nick Nelson geht, in 54 Ländern auf der Top-Ten-List der Netflix-Streamings steht (queer.de berichtete). Da angesichts dieser Zahlen klar sein dürfte, dass nicht nur Teenies diese Serie schauen, darf man wohl davon ausgehen, dass sie auch für Menschen höherer Altersklassen jede Menge Charme bietet – und Identifikationspotenzial. Denn wer möchte nicht nochmal so jung, so schön und so romantisch verliebt sein wie die beiden Sympathieträger Charlie und Nick, nicht zu vergessen auch deren queere Freund*innen.

Wir lieben es, uns mit unseren Held*innen identifizieren zu können, selbst wenn das filmische Angebot, das uns dazu gemacht wird, trotz allem Charme doch ganz schön Plastik ist und das Leben unserer Held*innen für uns auf immer ein illusionärer Wunschtraum bleiben wird. Existenzielle Sehnsüchte und Wünsche sind aber bekanntlich beharrlicher als jeder Realitätscheck.

Ein Leben mit Gewalt, Schikanen und Beleidigungen


Poster zum Film: "Moneyboys" startet am 28. Juli 2022 regulär im Kino und läuft zuvor bereits in der queerfilmnacht

Getrieben von Sehnsüchten und Wünschen ist auch der Protagonist Fei in dem Spielfilmdebüt "Moneyboys" des chinesisch-österreichischen Regisseurs C.B. Yi. Fei bietet nun allerdings sehr wenig positives Identifikationspotenzial für weiße Zuschauer*innen in Deutschland: Er stammt aus der tiefsten chinesischen Provinz; er ist so verfangen in den Traditionen seiner Ursprungswelt, dass er zum Beispiel immer wieder sein hart verdientes Geld als Opfergabe an den Gräbern seiner verstorbenen Familienmitglieder verbrennt; er ist ein illegaler Sexarbeiter, der sein Geld vor allem seiner ihn wegen seiner Homosexualität verschmähenden Familie zukommen lässt und, was am allerschlimmsten ist, er scheint außerstande, sein Leben und sein Glück beherzt selbst in die Hand zu nehmen.

Fei lässt die Dinge über sich ergehen: die Gewalt eines Freiers, vor dem ihn sein Freund eindringlich gewarnt hat; die Schikanen der Polizei, die ihn immer mal wieder verfolgt und hochnimmt; die gegen seinen von den Normen abweichenden Lebensstil erfolgenden Beleidigungen und Attacken aus seiner Familie, die er aber mit seiner Arbeit maßgeblich finanziert; die Beziehung zu einem auch aus seinem Dorf stammenden Jungen, der hart um ihn kämpft, den er aber nicht liebt; den Verlust der Beziehung zu seinem eigentlichen Geliebten…

Je mehr Spannungen, desto mehr Alkohol

Fei bleibt in seinem Hin- und Hergerissensein zwischen leidenschaftlichem Begehren, traditioneller Verwurzelung, unbestimmter Glückssuche und Schicksalsergebenheit insgesamt so passiv, dass es die Zuschauenden geradezu kirremachen kann. Je mehr Spannungen er mit sich rumträgt, umso mehr greift er – wie die anderen Figuren des Films auch – zu Nikotin und Alkohol, um seinen Stress zumindest im Moment zu betäuben.

Das ist nicht leicht mitanzusehen. Obendrein ist "Moneyboys" auch noch ein überaus langsamer Film. Manchmal scheint er geradezu stillzustehen, vor allem wenn die Figuren beim Essen, Trinken und Miteinander-ein-paar-Worte-Wechseln gezeigt werden. Zwar passiert plötzlich auch immer wieder etwas, das dem Ganzen unerwartet Tempo gibt, manchmal geradezu eruptiv; insgesamt verhält sich der Film aber ausgesucht sperrig gegenüber unseren medialen Gewohnheiten in Bezug auf Speed und Action. Der Film verlangt ein mitunter fast schon quälendes Innehalten. Warum bleiben wir dann trotzdem dran und wechseln nicht lieber zum nochmaligen schnellen Anschauen der "Heartstopper"-Folgen von Staffel eins?


"Moneyboys" feierte seine Premiere in Cannes und wurde seitdem vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Max Ophüls Preis 2022 als Bester Spielfilm (Bild: Salzgeber)

Ein überaus starker und intensiver Film

"Moneyboys" ist, wenn man sich auf ihn einlässt, ein überaus starker und intensiver Film. Seine Bilder wirken zugleich authentisch und kunstvoll; der Film überschüttet uns wirklich nicht mit Worten, aber die in den Szenen zwischen den Akteur*innen gewechselten Worte sitzen; der Film ist eine persönliche Entwicklungs- und Liebesgeschichte, er ist zugleich aber auch ein Familien- und Gesellschaftsdrama. Der Film konfrontiert uns mit den fundamentalen Widersprüchen seiner Figuren und ihrer Gesellschaft und er zeigt uns, wie sie sich als nicht lösbar erweisen. Der Film ist in vielerlei Hinsicht subtil, manchmal auch zart, zugleich ist er hart und schonungslos.

Darüber hinaus sind die Darsteller*innen der "Moneyboys" und ihrer Familien schauspielerisch exzellent: Besonders Kai Ko als Fei verkörpert seine Rolle auf unprätentiöse Weise so intensiv, dass man vergisst, dass man ein Schauspiel schaut. Man sieht den schönen, jungen Fei in seiner letztlich unlösbar verkapselten Innen- und Außenwelt.

"Moneyboys" ist eine österreichisch-französisch-taiwanesisch-belgische Koproduktion, die seinem Regisseur C.B. Yi 2021 in Cannes eine Nominierung für den besten Debütfilm einbrachte (queer.de berichtete). Danach folgten weitere Auszeichnungen, insbesondere der Max Ophüls Preis 2022 für den besten Spielfilm (queer.de berichtete).

Preise sind in der Kulturbranche nicht selten ein nicht maximal zuverlässiges Qualitätssiegel. Zu unterschiedlich können die tatsächlichen Vergabegründe sein. "Moneyboys" aber hat seine Auszeichnungen verdient, egal, ob der Film auf irgendeiner Top-Ten-List der meistgeschauten Produktionen landen wird oder nicht.

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Infos zum Film

Moneyboys. Drama. Österreich, Frankreich, Belgien, Taiwan 2021. Regie: C.B. Yi. Darsteller*innen: Kai Ko, Chloe Maayan, Yufan Bai, JC Lin. Laufzeit: 120 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Salzgeber. Kinostart: 28. Juli 2022, zuvor bereits in der queerfilmnacht zu sehen.