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"LSBT* Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre"

Das Erbe von "1969": Was bleibt von Stonewall?

Zum Jahrestag des Ausbruchs der Stonewall Riots ist ein neues "Invertito"-Jahrbuch erschienen. Darin verhandeln fünf Autor*innen die Folgen des queeren Aufstands in New York. Wir haben eine Leseprobe.


Die Aktivistinnen Sylvia Rivera (l.) und Marsha P. Johnson bei einem queeren Protest 1973 in New York (Bild: Diana Davies / The New York Public Library)
  • 3. Juli 2022, 03:28h, noch kein Kommentar

Seit 1999 bringt bringt der Fachverband Homosexualität und Geschichte das wissenschaftliche Jahrbuch "Invertito" heraus. Seither wurden in der Publikation so unterschiedliche Schwerpunktthemen behandelt wie: "Verfolgung homosexueller Männer und Frauen in der NS-Zeit", "Americana. Aus der Geschichte der Neuen Welt" und "Homosexuelle im deutschen Südwesten" (queer.de berichtete).

In der kürzlich erschienenen 23. Ausgabe widmet sich der Fachverband der Aufarbeitung der "LSBT*-Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre". Das neue "Invertito"-Jahrbuch leistet (so die Herausgeber) "einen Beitrag zur Forschungsdiskussion, indem es stärker als bisher einen (zentral-)europäischen Blick auf die Anfänge und das Erbe von '1969'" einbindet. Themen sind unter anderem "Die Ambivalenz der Schwulenemanzipation der 1970er Jahre" (Craig Griffith), "Das 'Transsexuellen-Problem' in der Kölner Frauenbefreiungsaktion, 1978/1979" (Alexander Mounji), "Die Gründung der Homosexuellen Frauenaktion in Köln, der ersten 'autonomen' Lesbengruppe in der BRD" (Irene Franken) und "das Verhältnis der west¬deutschen Schwulenbewegung zur homosexuellen Subkultur, 1971-1986" (Richard F. Wetzell).

Zudem beschäftigt sich Historiker Hans-Peter Weingand mit dem visuellen "Erbe von '1969'". In dem Aufsatz "Macht der Bilder, Macht der Mythen: 50 Jahre "Stonewall Riots" analysiert Weingand das rare historische Fotomaterial von den Stonewall Riots sowie später entstandene Bilder/Filme zu den Ereignissen und stellt sie in den Kontext der Mythologisierung der Ereignisse vom 28. Juni 1969 als "Initialzündung" der modernen Homosexuellenbewegung in den USA und weiteren westlichen Gesellschaften. Weingands Aufsatz eröffnet das neue "Invertito".

Leseprobe


Das Jahrbuch "Invertito" erscheint im Männerschwarm Verlag

Die Ereignisse der "Stonewall Riots" lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Am frühen Morgen des 28. Juni 1969 kam es anlässlich einer Razzia im Lokal Stonewall Inn zu einem gewaltsamen Zusammenstoß zwischen Homosexuellen und Polizeibeamten in New York City. Drei Nächte lang kam es im Greenwich Village zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Dieser als "Stonewall Riots" bezeichnete Konflikt gilt heute – je nachdem – als Anfangs- oder Wendepunkt der heutigen weltweiten GLBT-Bewegung. Obwohl es schon früher und auch in anderen Städten, z. B. in San Francisco oder Los Angeles, vergleichbare Aktivitäten gegeben hatte, setzte es sich im Laufe der Jahre durch, die Ereignisse in und um das Stonewall Inn als den Anfangspunkt zu begreifen. Ungeachtet bisheriger Proteste wurde "Stonewall" zu einem "Funken" hochstilisiert, der die Homosexuellenbewegung in den USA und sogar weltweit wie ein Buschfeuer entzündet habe. Diese Vorstellung spiegelte sich etwa auch in der Ereignisbeschreibung eines im Juli 1969 verteilten Flugblattes wider. Dort hieß es im Drag-Stil, "Stonewall" sei "die Haarnadel, die man auf der ganzen Welt fallen hörte". Doch in Wirklichkeit war die Bewegung das Ergebnis vieler bewusster Aktivitäten von Einzelpersonen und Gruppen und vor allem von kontinuierlichem Engagement. In New York erfolgte bereits einen Monat später die erste Kundgebung und zum Jahrestag 1970 der "Christopher Street Freedom Day March", der heute als "Mutter" des Gay Pride gilt. Seither werden weltweit in zunehmender Zahl jeden Sommer Pride-, CSD- oder Regenbogenparaden abgehalten, die an dieses Ereignis erinnern. Die "Stonewall Riots" sind dadurch – je nach Lesart – zu einem mächtigen Symbol für Befreiung, Emanzipation oder Widerstand geworden.

Auch Protestformen haben eine Geschichte. Die Bewegungsforschung konzentrierte sich hier auf zwei Punkte, die auch für einen historischethnologischen Blickwinkel relevant sind: 1.) die Entstehungsbedingungen sozialer Bewegungen und 2.) die Schaffung von Identität. Bis heute – oder gerade heute – spielen identitätsstiftende Elemente eine große Rolle.

1993 beschrieb der Historiker Martin Duberman in einer Kollektiv-Biographie mit sechs ZeitzeugInnen "Stonewall" etwa als "das emblematische Ereignis in der modernen lesbischen und schwulen Geschichte". Der Historiker Scott Bravmann zeigte 1997, dass diese gemeinsamen öffentlichen Rituale auf den Paraden mitunter einen wesentlichen Beitrag dazu leisteten, die städtischen Communitys des späten 20. Jahrhunderts mit ihren Gay Prides sichtbar zu machen. "Stonewall" diene dabei einerseits als identitätsstiftendes Element in der queeren Vielfalt, zeige aber auch die Brüche auf, die sich in den Ausgrenzungserfahrungen etwa von People of Color, Drag-Queens, butchen Lesben, Obdachlosen oder Angehörigen einer Gegenkultur abzeichneten. Bravmann warnte in diesem Zusammenhang vor der Annahme, Geschichte als "wirklich" und "richtig" erkennen zu können. Daher sprach er von "queere[n] Fiktionen von Stonewall" und warf die Frage auf, wessen "Wir" hier angesprochen werde.

David Carter versuchte mit seinem Buch 2004 die Verhältnisse in und um das Stonewall Inn 1969 darzustellen und die Ereignisse des Sommers 1969 zu rekonstruieren. Er widmete das Buch den homosexuellen street kids, die maßgeblich an den Straßenkämpfen beteiligt waren. Dieses Engagement in der Forschung wurde nach seinem Tod im Mai 2020 prominent gewürdigt. Ein Nachruf verwies darauf, dass Carter 145 Interviews mit 91 Personen geführt hatte, von denen 70 AugenzeugInnen der "Riots" waren, und 15 schriftliche Berichte aus dem Jahr 1969 recherchieren konnte.

In den größeren politischen Zusammenhang stellte Marc Stein die Ereignisse 2019. Er schlug vor, "Stonewall" als Kulminationspunkt einer Entwicklung zu sehen, die mit der Ablösung einer politisch-progressiven Phase durch den Wahlerfolg Richard Nixons begann und von einem gefühlten Niedergang der 68er-Bewegung flankiert war. Die gewaltsamen Zusammenstöße zwischen Protestierenden und Polizei auf dem Parteitag der DemokratInnen 1968 sowie Gewaltausbrüche bei Rockkonzerten etc. veranschaulichten diese Entwicklung exemplarisch. In dieser Zeit soll auch die Community eine stärkere Law-and-Order-Politik (in Form vermehrter Razzien) am eigenen Leibe erfahren haben.

Das Stonewall Inn, das kurz nach den Unruhen geschlossen wurde, entwickelte sich indes von einem inoffiziellen Gedächtnisort der Community zu einem offiziellen Gedenk- und Erinnerungsort, verbunden mit dem radikalen Wandel von kulturellen Bedeutungsrahmen und gesellschaftlichen Kontexten, in denen die bisherige GLBT-Bewegung in den USA gestanden hat. Das Stonewall Inn, Ende der 1990er Jahre wiedereröffnet, und der benachbarte "Christopher Park" wurden 2000 zur "National Historic Landmark" und 2016 vom damaligen Präsidenten Barack Obama selbst zum "National Monument" erhoben. Laut Obama sei dies "a place for the lesbian, gay, bisexual, and transgender (LGBT) community to assemble for marches and parades, expressions of grief and anger, and celebrations of victory and joy". Das Lokal, die umliegenden Straßen mit der Christopher Street und dem Park gehören nun zum "National Park Service", und wo einst obdachlose Sexarbeiter und unangepasste Drag-Queens von Polizisten drangsaliert wurden, versehen nun freundliche uniformierte ParkwächterInnen ihren Dienst.

Die Gay-Pride-Aktivitäten fanden und finden neben textlichen, d. h. mündlichen wie schriftlichen, auch visuelle Ausdrucksformen. Verbunden ist damit eine Vielfalt an statischen und bewegten Bildern. Doch "Fotografien liefern perfekte Trugbilder", bringt es der Tübinger Kulturwissenschafter Ulrich Hägele auf den Punkt. Erst wenn der Kontext hergestellt werde, könne die Fotografie ihre "unmittelbare Zeugenschaft" ausspielen. Das Arbeiten mit Bildern selbst sei ein Gedächtnis stiftender Prozess. Dabei gehe es auch um die Frage, welche Bilder sich durchsetzen. Doch wie ist "Stonewall" ikonographisch überliefert und wie wurden diese Bilder eingesetzt? Und wie wurden die Ereignisse 1969 in bewegten Bildern, in Spielfilmen und Dokumentationen umgesetzt und wie wurden diese Darstellungen rezipiert?

Im Folgenden soll in einem ersten Schritt mithilfe von Bildanalysen und Quellenkritik die Authentizität des dokumentarischen Bildmaterials geklärt werden. Darauf aufbauend, werden die Bedeutungszuschreibungen des hier beleuchteten Bilderpools anhand der Diskussionen in Presse und Forschungsliteratur rekonstruiert. Im Fokus stehen dabei das Doku-Drama "Stonewall" (1995) von Nigel Finch und der Spielfilm "Stonewall" (2015) von Roland Emmerich. Vor allem anhand der Boykott-Debatten rund um Emmerichs Film sollen die zunehmend laut geäußerten Vorwürfe des "Whitewashing" und der mangelnden Repräsentanz von Trans* bzw. People of Color diskutiert werden. Schließlich soll die Frage nach der Sichtbarkeit dieser Personengruppen in der US amerikanischen GLBT-Geschichte anhand der Dokumentationen zum Leben Marsha P. Johnsons, "The Death and Life of Marsha P. Johnson" (2017) von David France und "Happy Birthday, Marsha!" (2017) von Reina Gossett und Sasha Wortzel erörtert werden. Dieser Streit, so möchte ich zeigen, hat seinen Ursprung vor allem in Bildern mit "Stonewall"-Bezug und in deren Interpretation und folgt aktuellen identitätspolitischen Vorstellungen. Zu fragen ist: Wie gestalteten sich die diesbezüglichen Diskurse und warum konnten fast 50 Jahre später (fiktive) Bilder aus einem Spielfilm derart erregen?

Auszug aus "Macht der Bilder, Macht der Mythen: 50 Jahre "Stonewall Riots" von Hans-Peter Weingand. Der vollständige Aufsatz ist im neuen "Invertito – Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten, 23. Jahrgang 2021" zu lesen. Unter anderem erhältlich im Salzgeber.Shop.

Infos zum Buch

Fachverband Homosexualität und Geschichte e.V. (Hrsg.): Invertito. Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten: LSBT*-Bewegungen der 1970er Jahre. 23. Jahrgang 2021. 246 Seiten, Männerschwarm Verlag. Berlin 2022, Paperback: 19 € (ISBN 978-3-86300-339-5). E-Book: 12,99