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Jugendroman

Trans Mann liebt trans Mann in Pirna

Mit dem Roman "In den buntesten Farben" über einen aufregenden Sommer in der sächsischen Provinz hat Marius Schaefers – in großen Teilen – das Buch veröffentlicht, das ich als Teenager selbst gerne gelesen hätte.


Der Bochumer Autor Marius Schaefers mit Regenbogenfahne und seinem dritten Roman (Bild: derunbekannteheld / instagram)

Pirna, eine malerische Kleinstadt nahe Dresden. Sieben Tage Auszeit zwischen Unistress und Selbstfindung. Zwei beste Freund*innen – die zielstrebige Studentin Vinita und der unsichere trans Mann Philipp. Eine Suche: nach dem Internetfreund, mit dem Philipp in seiner Jugendzeit eine tiefe Freundschaft aufbaute, die plötzlich und unerwartet abriss.

Das sind die Prämissen, auf denen der kürzlich erschienene Jugendroman "In den buntesten Farben" (Amazon-Affiliate-Link ) von Marius Schaefers aufbaut. Schaefers, selbst trans, ist unter anderem schon von Instagram bekannt, wo er als @derunbekannteheld über Bücher bloggt. Nun hat er – perfekt zum Sommerbeginn – diesen Roman vorgelegt, der die Geschichte eines aufregenden Sommers in der sächsischen Provinz erzählt.

Philipp verguckt sich in Timon

Wir erleben die Geschichte durch die Augen zweier Hauptfiguren: einmal der eben schon erwähnte Philipp, der über eine unsanfte Trennung hinwegkommen muss und sich deswegen mit der Suche nach dem mysteriösen "Ali" ablenkt. Zum zweiten der stürmische Timon mit den lila gefärbten Haaren und Band-T-Shirts, der Gastgeber der Ferienwohnung, in den Phillip sich bald nach der Ankunft heftig verguckt.

Die Wechsel zwischen diesen beiden Perspektiven tun dem Buch ohne Zweifel gut und sorgen für ordentlich Spannung. Der glattgebügelte, nervöse Philipp ist dabei ein schöner Kontrast zu dem impulsiven, charmanten Timon. Was die Lesenden dabei früher erfahren als Philipp: auch Timon ist trans. Damit gelingt "In den buntesten Farben" ein Meilenstein der Repräsentation in der deutschen Jugendbuchszene: zwei trans Figuren als Protagonisten, verwoben durch eine komplizierte Liebesgeschichte.

Aufklärungsroman mit Schwächen


"In den buntesten Farben" ist im Lago Verlag erschienen

Der Roman bietet so einen Einstieg in die vielfältigen Begrifflichkeiten, die in der trans Community gang und gäbe sind: Hormonersatztherapie, Gender-Euphorie, Mastektomie und Pansexualität; all das und vieles mehr wird im Text erklärt. An mancher Stelle hätte ich mir hier einen kritischeren Umgang mit dem Themenkomplex Bildungsarbeit gewünscht.

Dass Philipp gelegentlich weniger wie ein Anfang-Zwanzig-Jähriger spricht und mehr wie eine Instagram-Infographik, lässt sich zwar durch den Hintergrund seiner Figur als Influencer erklären. Doch in der gesamten Erzählung fehlte mir das Bewusstsein darüber, dass auch die Definitionen, die als so in Stein gemeißelt dargestellt werden, nur der derzeitige Stand von Diskursen sind.

Vom cis Blick nicht wirklich emanzipiert

Da der Roman so eindeutig einen lobenswerten Anspruch der Aufklärung verfolgt, hätte ich mich gefreut, wenn sich die Geschichte mehr traut – auch Jugendliteratur darf sich von einem cis Blick emanzipieren, einem wertenden Blick, dem gegenüber man sich erklären und den man mit der Aussage beschwichtigen muss, "queere Menschen wollen doch einfach nur ein ganz normales Leben leben". Denn nach dem Lesen des Romans bleibt man womöglich mit einem sehr einseitigen Eindruck von trans Aktivismus zurück, was auch in Ordnung wäre, hätte der Roman nicht diesen allgemeinen Bildungsanspruch, der über die individuellen Gedanken seiner Figuren hinausgeht.

Die Erzählung vermittelt nicht, dass trans Aktivismus mehr sein darf (und mehr ist) als friedliche Party-Paraden und Online-Bildungsarbeit (so wichtig diese beiden Dinge auch sind!). Bei diesem Normalitätsgebot fallen nämlich die unter den Tisch, die radikalere Forderungen an die Gesellschaft haben als einfach nur cis Toleranz – sowie die, die nie eine Chance bekommen werden, überhaupt als "normal" betrachtet zu werden.

Ein Plädoyer dafür, seine Gefühle zuzulassen

Diese Sensibilität, die mir dort fehlt, gelingt wiederum hervorragend an anderer Stelle, wenn Philipp und Timon sich endlich aussprechen und über ihre individuellen Wege reden. Auch die schwierige Beziehung zwischen Timon und seiner Mutter wird mit großer Feinfühligkeit erzählt – diesen Umgang mit Tod und Trauer sehe ich als eine der größten Stärken des Romans. Denn während wir die Prozesse der beiden über den Roman hinweg verfolgen, lernen wir schnell, dass in Pirna nicht alles so schön ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

"In den buntesten Farben" stellt eine intime Analyse darüber dar, wie sich Trauma in Familien und Freundeskreise einschreibt und ist letztendlich ein Plädoyer dafür, seine Gefühle zuzulassen. Im Kopf behalte ich am Ende der Lektüre die charmanten Figuren, das mitreißende Finale und ein enthusiastisches Hoch auf queere Freundschaften. "In den buntesten Farben" ist – in großen Teilen – das Buch, das ich als junger Teenager selbst gerne gelesen hätte.

Infos zum Buch

Marius Schaefers: In den buntesten Farben. Roman. 400 Seiten. Lago Verlag. München 2022. Softcover: 14 € (ISBN 978-3-95761-215-1). E-Book: 11,99 Euro

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#1 qwertzuiopüAnonym
  • 03.07.2022, 10:04h
  • "sächsisch" und "Provinz" sind für Westdeutsche auch zwei Worte, die gar nicht getrennt voneinander vorkommen können. Pirna ist mit der S-Bahn 20min von Dresden entfernt. Es gibt da ganz andere Orte.
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