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Berlin

Vortrag von transphober Biologin wird nachgeholt

Die Absage eines Vortrags von Marie-Luise Vollbrecht hat hohe Wellen geschlagen. Die Humboldt-Universität hat nun einen Nachholtermin angekündigt – allerdings mit einer prominent besetzten Diskussionsrunde.


Die Trans-Flagge weht, doch Ressentiments gegen trans Menschen sind weit verbreitet (Bild: Foreign, Commonwealth & Development Office / flickr)

  • 5. Juli 2022, 09:23h 128 4 Min.

Nach der vieldiskutierten Absage eines Vortrags der Biologiedoktorandin Marie-Luise Vollbrecht zum Thema Geschlecht und Gender an der Humboldt-Universität Berlin (HU) hat die Hochschule einen zeitnahen Nachholtermin angesetzt. Für den 14. Juli sei eine Diskussionsrunde geplant, in der man die Veranstaltung "aufgreifen und kontextualisieren und diskutieren" wolle, sagte HU-Sprecher Boris Nitzsche der Deutschen Presse-Agentur am Montag.

Ursprünglich war der Vortrag "Geschlecht ist nicht (Ge)schlecht, Sex, Gender und warum es in der Biologie zwei Geschlechter gibt" als Teil der "Langen Nacht der Wissenschaften" am Samstag geplant gewesen. Nach der Ankündigung von Protesten gegen die als transphob kritisierte Biologin hatte die Hochschule den Vortrag gestrichen – aus Sicherheitsgründen, wie es hieß. Das löste Kritik und eine teils geschürte Empörung über "Cancel Culture" aus.

"Wir würden gerne das Thema aus verschiedenen Perspektiven mit verschiedenen Akteuren besprechen und werden auch die Politik miteinbeziehen", erklärte Nitzsche. Zu der Podiumsdiskussion sollten etwa Bundeswissenschaftsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) und die Berliner Wissenschaftssenatorin Ulrike Gote (Grüne) eingeladen werden.

Stark-Watzinger hatte zuvor die Absage kritisiert. Gegenüber der "Bild"-Zeitung sagte die liberale Ministerin: "Es darf nicht in der Hand von Aktivisten liegen, welche Positionen gehört werden dürfen und welche nicht." Stark-Watzinger forderte laut "Bild" die Aktivist*­innen auf, die Freiheit der Wissenschaft zu akzeptieren: "Wissenschaft lebt von Freiheit und Debatte. Das müssen alle aushalten."


Bettina Stark-Watzinger ist seit Dezember Bundesministerin für Bildung und Forschung (Bild: Deutscher Bundestag / Achim Melde)

Wissenschafts­frei­heit versus Verbreitung von Hass auf Minderheiten

In der aggressiv geführten Debatte um die Absage stehen sich mehrere Seiten gegenüber: Viele queere Aktivist*­innen kritisierten, dass die HU der Biologin ein Forum geben wollte, in der sie ohne Widerspruch ihre queer­feindlichen Thesen als wissenschaftliche Fakten darstellen könne. Sie verwiesen dabei auf einen queer­feindlichen Gastbeitrag in der "Welt", in der Vollbrecht Co-Autorin war – darin wurde kritisiert, dass ARD und ZDF durch queere Sichtbarkeit in ihren Programm Kinder "sexualisieren und umerziehen" (queer.de berichtete). Auch bei Twitter hatte sich Vollbrecht transfeindlich positioniert.

Eine andere Seite verweist dagegen auf die Wissenschafts­frei­heit, die durch die Absage verletzt worden sei. Wissenschaftler*­innen müssten unzensiert alles sagen dürfen, wenn dies als wissenschaftliche Erkenntnis deklariert wird. Dem widersprechen jedoch viele in sozialen Netzwerken, die als Beispiel antisemitische Forschende nennen, denen wohl kein Forum geboten werden würde – es sei "ein Skandal", wenn Hass auf eine andere Minderheit aber von der Humboldt-Universität akzeptiert werde, so eine Twitter-Nutzerin.

Zudem nutzt der rechte Rand die Debatte, um Bestätigung für ihre LGBTI-feindliche Haltung zu finden. Die zum Lager des Rechtsextremen Björn Höcke gehörende AfD-Bundestags­abgeordnete Christina Baum, die ein CSD-Verbot fordert und über "Homo-Propaganda" klagt, setzte etwa mehrere Tweets zum Thema ab, in der sie Vollbrecht in höchsten Tönen lobt: "Herzlichen Dank an Biologin Frau Marie Vollbrecht für ihr Engagement", schrieb sie etwa.

Volker Beck kritisiert "Biologismus"

Der frühere grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck, der sich Zeit seines Lebens selbst für LGBTI-Rechte engagiert hatte, kritisierte sowohl den Umgang der Universitätsleitung mit Vollbrecht als auch die queerfeindliche Haltung der Biologin: "Sicherheitsbedenken sollten kein Grund zur Absage eines Vortrages in einer demokratischen Gesellschaft sein. Die Ablehnung des inhumanen Biologismus der Vortragenden schon." Mit "Biologismus" meine er die "einseitige und ausschließliche Anwendung biologischer Gesichtspunkte auf andere Wissensgebiete", betonte Beck. Außerdem fragte er in Zusammenhang mit dem Streit um das Selbstbestimmungsgesetz, das die Thematik von Trans-Rechten letzte Woche auf die Titelseiten der Zeitungen brachte: "Warum fällt der Respekt von trans* so schwer? Der Respekt nimmt doch niemanden etwas weg."

/ Volker_Beck

Die Arbeitskreis kritischer Jurist*innen an der Humboldt-Universität zu Berlin, dessen angekündigte Protestaktion mit 100 Teilnehmenden zur Absage durch die Hochschule geführt hatte, kritisierte am Dienstag die Berichterstattung mancher Medien, insbesondere der Springer-Presse. Der Gruppe war vorgeworfen worden, die Wissenschaftsfreiheit einschränken zu wollen. Hier werde aber Meinungsfreiheit mit "Widerspruchsfreiheit" verwechselt, so der Arbeitskreis. Vollbrecht habe eine "klare politische Agenda", die die Ablehnung von trans Menschen beinhalte. Die Kampagne "TransMedienWatch" mehererer Trans-Verbände begleitet die Berichterstattung bei Twitter ausführlich mit Kritik und Gegenargumenten.

/ akj_berlin
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Zu Vollbrechts größten Verteidigern gehört hingegen Journalist Deniz Yücel, der im Springer-Blatt "Welt" (Bezahlartikel) die "aggressive Unerbittlichkeit der Transgender-Aktivist*innen" kritisiert. Er behauptet, die Biologin sei nicht transphob, sondern wende sich gegen eine "Ideologie, die sich lautstark Geltung verschafft", nämlich die Queer Theory. Die konservative "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hat ähnliche Vorbehalte – und wirft jenen, die sich für Trans-Rechte engagieren, sogar Terrorismus vor. So lautete die Überschrift eines Kommentars: "Der Gesinnungsterror linker Aktivisten". (dpa/dk)

/ ClaasGefroi
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#1 Maybeme
  • 05.07.2022, 11:48hBochum
  • Die Frage ist doch am Ende, wieviele trans und inter Menschen läd man am Ende ein, die mitdiskutieren dürfen (und ja, beide Gruppen sind hier wichtig und betroffen)

    Und vielleicht nimmt man eine Vortragende, die Wissenschaftlich was in dem Bereich geleistet hat, und nicht jemanden, der sich in der Doktorarbeit, die noch in der Mache ist, mit schwachelektrischen Fischen beschäftigt.
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#2 LothiAnonym
#3 KulturkampfAnonym
  • 05.07.2022, 12:07h
  • Wir erleben langsam die gleiche Entwicklung wie die USA, Polen, Ungarn: Der gesellschaftliche Frieden wurde von den Reaktionären und Klerikalen aufgekündigt, flankiert von Rechtsprechung und (auch öffentlich-rechtlichen) Medien, mindestens begünstigt durch eine bestenfalls nahezu untätige, oftmals aber bigotte Regierung, wohlwissend, dass nur so auf breiter Front Krieg gegen einen Teil der eigenen Bevölkerung geführt werden kann, nur weil dieser sowas Unglaubliches fordern wie... Beachtung der Menschenrechte, Gleichberechtigung (nicht Übervorteilung, wohlgemerkt!).

    Es war absehbar, man hätte über ein Jahrzehnt entsprechend gegensteuern können und müssen. Jetzt ist es meiner Meinung nach zu spät, die Saat des Hasses, die nie ganz in diesem Land ausgetrocknet wurde, erblüht in all ihrer Scheußlichkeit. Bis in die sog. "Mitte der Gesellschaft".

    Jetzt geht es wohl nur noch darum, wer diesen -und das Wort brachte ein nettes Bischoflein vor gut 14 Jahren selbst ins Spiel- Kulturkampf gewinnt: Die Menschenfeinde, die -nicht nur, aber vornehmlich- aus dem blaubraun-besorgten Kreis, gern auch mit christlichem Anstrich (dazwischen auch immer wieder andere Religiöse, die immer wieder auf Menschenrechte und Gesetz sch*issen, weil "mein Gott hat das so gesagt und der steht über allem") - oder eine Gesellschaft, die die Menschenrechte tatsächlich aus Überzeugung durchsetzen kann.
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