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Interview

Jochen Schropp: Erst lange im Schrank, jetzt schwuler Papst?

Sein Coming-out war "viel einfacher, als ich es mir ausgemalt hatte", sagt Schauspieler Jochen Schropp. Ein Gespräch über die neue Vorbildfunktion, Quotenschwule, hetero Rollen und sein neues Buch "Queer as f*ck".


Jochen Schropp beim Deutschen Comedypreis 2017 (Bild: 9EkieraM1 / wikipedia)

Herr Schropp, erst einmal noch alles Gute zu Ihrer Hochzeit vor einigen Wochen, an der man ja auf Instagram sowie in der "Bunten" auch ein bisschen teilhaben konnte…

Danke schön! Die positiven Rückmeldungen, die wir auf unsere standesamtliche Hochzeit bekommen haben, waren toll. Daher hatten wir uns entschieden, das große Fest mit der Öffentlichkeit zu teilen. Früher hatte ich immer gemischte Gefühle, wenn Leute Fotos von ihrer Hochzeit veröffentlich haben, und fragte mich, was das soll. Aber warum soll man seine Liebe nicht auch so feiern, wenn die Leute daran Interesse haben? Außerdem ist Sichtbarkeit für homosexuelle und queere Menschen immer noch sehr wichtig. Deswegen bin ich ganz froh, dass wir diesen Schritt gegangen sind.


jochen Schropp (li.) und sein Mann Norman gaben sich im März das Ja-Wort (Bild: Instagram / Jochen Schropp)

Aktuell sind Sie nun im Film "Liebesdings" auf der Leinwand zu sehen. Allzu groß ist Ihre Rolle allerdings nicht…

Trotzdem habe ich enorm gerne mitgemacht bei "Liebesdings". Eine paar schöne Szenen, die mir viel Spaß gemacht haben, sind der Schere zum Opfer gefallen. Schade, aber so ist das eben manchmal. Ich werde von vielen ja doch eher als Moderator gesehen, deswegen ist es nicht so, dass ich jeden Tag spannende Angebote als Schauspieler bekomme. Schon gar nicht für einen Kinofilm von einer Regisseurin wie Anika Decker, die ich seit sicherlich 20 Jahren kenne. Da habe ich mich sehr geehrt gefühlt. Zumal sie ein richtig gutes Händchen dafür hat, die Leute mit einer Komödie zum Lachen zu bringen und das trotzdem mit einigen wichtigen Themen zu vermischen, mit denen sich das breite Publikum sonst vielleicht nicht auseinandersetzt.

Tatsächlich ist der Film einerseits eine klassische romantische Komödie – und erzählt gleichzeitig von Feminismus, Diversität oder Alltagsrassismus. Und Sie sind mittendrin als schwäbischer Maskenbildner.

Ich war relativ früh in den Schreibprozess involviert und konnte die Rolle mitgestalten. Am Anfang waren wir gar nicht sicher, ob wir die Figur Hansjörg wirklich schwul anlegen wollen oder ob das nicht vielleicht zu sehr Klischee ist. Aber die meisten Maskenbildner und Stylisten, die ich kenne, sind tatsächlich homosexuell, also warum nicht? Ich hatte viel Spaß daran, mir zu überlegen, was das für ein Typ sein soll und wie der aussieht.

Tatsächlich haben wir uns dann zumindest optisch einen echten Frisör und Maskenbildner zum Vorbild genommen, Martin Dürrenmatt. Sein Markenzeichen ist eine auffällige Brille und der krasse Pony – wie bei mir im Film. Anika hatte ihn gerade zur Premiere eingeladen, und er hat sich wahnsinnig gefreut. Von ihr kam dazu noch der Wunsch, dass ich das Ganze auf Schwäbisch machen soll. Sie ist ein großer Fan von der "Prenzlschwäbin", also meiner Freundin Bärbel Stolz, in deren Videos ich ja auch zu sehen war und die nun im Film auch mitwirkt.

Von Haus aus sprechen Sie als geborener Gießener aber eigentlich kein Schwäbisch, oder?

Nein, ich hatte nur viele schwäbische Liebhaber (lacht). Meine erste große Liebe war zum Beispiel Schwabe. Ich mag die Schwaben einfach und konnte auch diesen Schwaben-Hass, den manche Berliner*innen ja gerne mal haben, nie nachvollziehen. Das sind doch gesellige, lustige, fleißige Menschen. Und mit die beste Küche haben sie auch. Noch mehr Bezug habe ich eigentlich zu Baden, schließlich habe ich früher "Sternenfänger" in Überlingen gedreht und aktuell "Tiere bis unters Dach" im Hochschwarzwald. Ich weiß natürlich, dass Schwaben und Badener nicht verwechselt werden wollen. Aber für mich als Preußen gibt es da schon große Ähnlichkeiten.


Schropps Buch "Queer as f*ck" ist in de Edition Michael Fischer erschienen

Seit kurzem sind Sie nicht mehr "nur" Moderator und Schauspieler, sondern auch Autor. Wie entstand die Idee zu Ihrem kürzlich erschienen ersten Buch "Queer as f*ck" (Amazon-Affiliate-Link )

Das fing eigentlich damit an, dass ich die Sendung "MasterChef Celebrity" und vorher auch schon "Die Küchenschlacht" gewonnen hatte. Ich bin begeisterter Hobbykoch und liebe es, an solchen Wettbewerben teilzunehmen. Danach kam ein Verlag auf mich zu und fragte, ob ich nicht ein Kochbuch schreiben wolle. Zu der Zeit gab es gerade etliche neue Promi-Kochbücher auf dem Markt, und auch wenn es sicherlich ein paar Rezepte gibt, die ich gerne mal teilen würde, hatte das für mich absolut keine Priorität.

Aber ich bin ein großer Fan des Buchs "The Velvet Rage" von Alan Downs, das für viele Schwule ja eine Bibel ist. Auch "The Straight Jacket" vom Engländer Matthew Todd finde ich ganz toll und vor allem wichtig. Auf Deutsch gab es diese oder ähnliche Bücher allerdings nicht. Deswegen habe ich vorgeschlagen, einen queeren Ratgeber zu schreiben – und das ganz bewusst nicht allein, sondern mit meiner Freundin Miriam Junge als Expertin. Sie ist Psychotherapeutin und selbst queer, mit ihr konnte ich das Themenspektrum noch ein bisschen breiter beleuchten kann. Und zu meiner Freude fand der Verlag die Idee gut.

Warum ist so ein Buch auch im Jahr 2022 noch wichtig?

Schauen sie sich die Welt an. Auch wenn wir als LGBTQIA* Community das Gefühl haben, immer mehr Rechte zu erlangen, so ist es nicht selbstverständlich, dass diese auch bleiben. Übergriffe auf Queers nehmen zu, Menschen fühlen sich von uns bedroht, anstatt zu versuchen, uns zu verstehen. Ich bekomme immer noch sehr viele Rückmeldungen von Menschen, die mich auf Instagram oder anderen sozialen Netzwerken anschreiben, um mich um Rat zu fragen. Die noch nicht geoutet sind, teilweise in ihren Vierzigern. Die auf dem Dorf leben, religiöse Eltern haben oder aus anderen Gründen mit wahnsinnig viel Angst durchs Leben gehen. Ihnen kann unser Buch helfen, aber auch Familie und Freunde queerer Menschen können durch meine Geschichte im besten Fall die Geschichte ihrer queeren Kinder oder Freund*­innen besser nachvollziehen.

Ihr eigenes öffentliches Coming-out ist gerade einmal vier Jahre her. Haben Sie sich schnell in die Vorbildfunktion eingefunden, die damit einherging?

Darüber habe ich erstmal gar nicht so viel nachgedacht. Und natürlich kommt jetzt auch manchmal der Vorwurf: 39 Jahre lang hast du nicht darüber geredet, und jetzt bist du hier irgendwie der Papst? Aber so sehe ich das nicht. Seit damals ist viel passiert, und man verändert sich ja auch und entwickelt sich weiter. Ich merke einfach, wie sehr es mich freut, dass sich Menschen mir gegenüber öffnen und dass mein offener Brief damals bei einigen etwas ausgelöst hat. Eine Frau Ende 50 hat mir zum Beispiel gedankt, dass ich ihr geholfen habe, offener und toleranter zu werden und sie Homosexualität nun nicht mehr verurteile. Also bin ich wohl irgendwie Vorbild, ohne es darauf anzulegen. Aber in der Funktion habe ich eben auch gemerkt, dass ich gewisse Dinge leisten will, die ich selbst damals nicht hatte.


In der SWR-Serie "Tiere bis unters Dach" spielt Jochen Schropp einen Tierarzt und verwitweten Vater zweier Söhne (Bild: ARD / Maria Wiesler)

So ein Buch hätten Sie früher auch gebrauchen können?

Damit wäre sicherlich einiges einfacher gewesen. Deswegen bin ich in den Geschichten, die ich darin erzähle, auch so enorm persönlich geworden und erzähle zum Beispiel auch von meiner Mutter, die damals überhaupt nicht wusste, wie sie damit umgehen soll, dass ich gemobbt werde. Als ich ihr erzählte, dass man mich als schwul beschimpft hat, sagte sie: "Du bist ja nicht schwul, also kannst Du das ja an Dir abprallen lassen." Da kam nie die Frage, ob ich denn vielleicht wirklich schwul sei, oder ob ich etwas von ihr brauche. Mein Wunsch ist es, dazu beizutragen, dass andere Menschen heute nicht nochmal das gleiche erleben. Deswegen ist "Queer as F**k" eben auch ein Buch für heterosexuelle Menschen, die vielleicht homo­sexuelle oder queere Menschen in ihrem Leben haben und ein bisschen was lernen, das ihren Umgang mit diesen queeren Menschen ein bisschen geschmeidiger macht.

Genau wie Sie früher haben bis heute noch viele Schauspieler*innen Angst vor dem öffentlichen Coming-out und fürchten, dass ihre Karriere daran kaputt geht. Gab es in den letzten vier Jahren denn Momente, wo Sie das Gefühl hatten, der Schritt habe Ihnen doch auch geschadet?

Die ganze Sache war viel einfacher, als ich es mir ausgemalt hatte. Und wer einmal seinen Mund aufgemacht hat, der macht ihn halt auch immer wieder auf. Deswegen würde ich mir manche Diskriminierung am Arbeitsplatz, die es hier und da schon auf subtile Weise gab, heute auch gar nicht mehr gefallen lassen. Mich hat der ganze Prozess des Coming-outs also eher gestärkt. Ich habe seitdem kein Angebot für "Rosamunde Pilcher" mehr bekommen. Ob das an meinem Coming-out liegt oder andere Gründe hat, weiß ich natürlich nicht. Aber deswegen bin ich nicht automatisch unglücklich, schließlich darf ich dafür in Anika Deckers "Liebesdings" dabei sein oder in "Enfant Terrible" mitspielen, der sogar in die Sélection officielle 2020 des Festival de Cannes aufgenommen wurde.

Und selbstverständlich kommt es jetzt auch manchmal vor, dass ich als "token gay", als Quoten-Schwuler engagiert werde, um mit meinem Namen Presse zu machen. Da überlege ich mir dann sehr genau, ob ich bei einem Projekt zusage oder nicht. Das musste ich allerdings auch erst lernen. Denn natürlich gab es als Schauspieler früher Zeiten, wo ich, um Geld zu verdienen, auch Sachen gemacht habe, die ich eigentlich nicht so toll fand und heute nicht mehr annehmen würde.

Dafür gibt es jetzt – wie bei der angesprochenen Serie "Tiere bis unters Dach" – auch Rollen, in denen Sie Heteros spielen!

Was mich total freut. Als ich beim Casting in die nächste Runde kam, habe ich mich schon gefragt, warum sie für die Rolle ausgerechnet mich als schwulen Mann nehmen sollen, wenn sie auch einen heterosexuellen Schauspieler besetzen können. Da sehen Sie, wie voreingenommen ich selber noch in meinen Gedanken bin. Aber erfreulicherweise spielte es keine Rolle. Die fanden mich am besten und sympathischsten, und die Produzentin Beatrice Kramm war sich sicher, dass die Kinder mich lieben werden.

Irgendwie krass: Da spiele ich nun einerseits in einer Familienserie wie "Tiere bis unters Dach" und schreibe an anderer Stelle über Cruising-Erlebnisse im Park. Das muss auch ich manchmal erst mal irgendwie gedanklich zusammenbringen. Aber ich bin begeistert, dass es eben doch möglich sein kann, dieses Schwarzweiß-Denken, das wir hier in Deutschland so gerne pflegen, einfach mal abzulegen.

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-w-

#1 EineMutter
  • 06.07.2022, 12:49h
  • Finde ich einfach klasse. Ich freue mich als Cisfrau so sehr , wenn sich queere Menschen treffen im Leben und verlieben und lieben. Eine schöne Sache !
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#2 YannickAnonym
  • 06.07.2022, 13:53h
  • Er hat zwar lange gebraucht, aber immerhin hat er sich geoutet. Es gibt ja im Showbusiness, im Sport und in der Politik genug andere Lesben und Schwule, die noch viel länger ungeoutet sind und sich bis heute nicht outen...

    Wer von seinen Fans nur geliebt wird, weil er ihnen eine Rolle vorspielt, die sie lieben, wird nicht wirklich geliebt.
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#3 EineMutter
  • 06.07.2022, 14:02h
  • Antwort auf #2 von Yannick
  • Ja, das finde ich auch schlimm. Besonders im Sport. Ich mag Profisport zwar nicht aber eben eine Menge anderer Menschen.
    Hier könnten einige Profisportler eine Menge positives in der Gesellschaft bewirken, mit einem eigenen Outing.
    Schade, einfach schade.
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