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Autobiografie und Ratgeber
Warum Jochen Schropps Buch besser "Glücklich Gay" heißen sollte
Der deutsche Schauspieler und Moderator Jochen Schropp, der sich 2018 medienwirksam als schwul outete, versucht sich mit "Queer as f*ck" als aktivistischer Autor. Der Titel ist eine ziemliche Anmaßung.

Aus der deutschen Fernsehlandschaft nicht mehr wegzudenken: Jochen Schropp (Bild: Julian Essink)
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10. Juli 2022, 04:54h 9 Min.
Im Juni 1990 verteilten Mitglieder der Organisation Queer Nation Pamphlete auf der Pride-Parade in New York City, die den Appell "Queers Read This!" trugen.
Diese lasen sich zum Teil wie folgt: "Queer zu sein hat nichts mit dem Recht auf Privatsphäre zu tun; es geht um die Freiheit, sich öffentlich zu zeigen, so wie wir sind. Es bedeutet einen täglichen Kampf gegen Unterdrückung: Homophobie, Rassismus, (…) unseren eigenen Selbsthass… Queer zu sein bedeutet, eine andere Art von Leben zu führen. Es geht nicht um den Mainstream, Gewinnerbringung, Patriotismus, das Patriarchat oder Anpassung. Es geht nicht um berufliche Erfolge, Privileg und Elitismus. Es geht darum, am Rand der Gesellschaft zu leben und uns zu definieren; es geht um gender-fuck und Geheimnisse; was sich unter dem Gürtel und tief im Herzen befindet."
Queer zu sein bedeutete damals schon, sich von der heteronormativen Gesellschaft abzuheben, für die Rechte der LGBTQIA*-Community einzustehen und sich politisch zu engagieren. Für viele Dekaden war der Begriff negativ konnotiert und galt als Beleidigung, wenn heterosexuelle Menschen schwule oder lesbische Personen als "queer" bezeichneten. Ab den 1990ern wurde das Wort von queeren Menschen zunehmend positiv angeeignet.
Mittlerweile dient "queer" auch als Umbrella-Term für die LGBTQIA*-Community als solche. Der politische Subtext ist für viele Aktivist*innen aber nach wie vor da.
Warum erzähle ich das? Jochen Schropps Buch trägt den Titel "Queer as f*ck" (Amazon-Affiliate-Link ). "As hell" oder "as fuck" dienen als Betonung des vorab verwendeten Adjektivs. Jemand, der zum Beispiel als "hot as fuck" beschrieben wird, wird als eine außerordentlich attraktive Person gelesen. Jemand, der sich, oder sein Buch, als "Queer as fuck" bezeichnet, suggeriert demnach einen besonders erhobenen Stinkefinger an das Patriarchat, die heteronormative Gesellschaft und einen queerpolitischen Aktivismus, der nicht davor zurückschreckt, durch provokative Aussagen zu polarisieren.
Für all jene, die darin nicht unbedingt Jochen Schropp wiederfinden: Mir geht es genauso.
Das Buch

Schropps Buch "Queer as f*ck. Selbstbestimmung, Sex und Sichtbarkeit – und warum ihr nicht so tolerant seid, wie ihr denk" ist in der Edition Michael Fischer erschienen
Jochen Schropp erzählt in "Queer as f*ck" die Geschichte seines Lebens, mit einem Fokus auf die eigene Reise als schwuler Mann. Diese liest sich wie die von vielen anderen. Er spielte als Kind mit Barbies, onanierte als Jugendlicher auf leichtbekleidete Männer im Otto-Katalog und musste Mobbing-Erfahrung in der Schule machen, weil er von den anderen Jungs als "zu anders" wahrgenommen wurde.
Er berichtet von seinen Anfängen in der deutschen Medienlandschaft und wie ihm schon früh von einem Coming-out abgeraten wurde, bis er sich 2018 schließlich dazu entschied, öffentlich zu seinem Schwulsein zu stehen (queer.de berichtete).
Jochen Schropp übt Kritik an toxischer Männlichkeit, Heteronormativität und der Darstellung queerer Menschen in Film und Fernsehen. Für eine Leser*innenschaft, die sich über diese Thematiken noch nie Gedanken gemacht hat, kann dies durchaus einen Anstoß bedeuten – insbesondere von Schropp, der in vielen Mainstream-Medien präsent ist und dessen Image das des idealen Schwiegersohnes ist. Für Mitglieder der LGBTQIA*-Community, die sich mit diesen Themen schon länger beschäftigen und die Serien-Tipps "Pose", "Sex Education" oder "Please Like Me" bereits vor langer Zeit geschaut haben, ist nicht viel Neues zu finden.
Ratgeber
Schropp ist an dem Buch nicht alleine beteiligt. Als Co-Autorin wird Psychotherapeutin und Life- und Business Coach Miriam Junge geführt. Diese dient als eine Art Interviewpartnerin und Expertin für Schropp. Am Ende eines jeden Kapitels stellt er Junge vertiefende Fragen zu den jeweiligen Themen, die er zuvor etwas oberflächlicher angerissen hat. Allerdings scheint Junge von einem gewissen Standpunkt des Privilegs zu sprechen, wie etwa bei der Frage, was man beim Coming-out beachten soll: "Ganz wichtig ist, dass die Angst beim Outing nicht die maßgebliche Beraterin ist. Denn sie ist es, die uns meistens davon abhält, unser wahres Ich zu entfalten."
Das ist natürlich leicht zu sagen, aber was ist mit all den queeren Menschen, die tatsächlich um ihr persönliches Wohlergehen bangen müssen, wenn es um die eigene sexuelle Orientierung oder Gender-Identität geht?

Jochen Schropp und Co-Autorin Miriam Junge (Bild: EMF)
Schropp stellt ihr zudem die Frage, ob es okay sei, als Teenager keine Lust auf Sex zu haben, was Junge bejaht, dabei aber ganz spezifisch nur Teenager erwähnt. In einem Buch, das mehrfach die Bezeichnung LGBTQIA* benutzt, von dem das A für asexuell steht, ist das etwas mager.
Am Ende des Interview-Parts fasst Schropp nochmals die wichtigsten Erkenntnisse von Junge zusammen. Als es darum geht, bloß'nicht zu "woke" zu sein, heißt es zum Beispiel: "Gehör finden und auch Verständnis erreichen funktioniert meistens, indem du ruhigere Töne anschlägst." Wokeness ist in den letzten Jahren in gewissen Kreisen zu einem Unwort geworden. Für einen Teil der Gesellschaft beschreibt dieser Begriff Menschen, die sich unnötig echauffieren, wenn es um nicht-sensible Sprache, die Inklusion von Minderheiten in Blockbuster-Filmen oder Unisex-Toiletten geht. Ihnen wird oftmals eine aufbrausende, irrationale und zu empfindliche Persönlichkeit vorgeworfen, die förmlich nach Gründen suchen, um sich als "Opfer" zu inszenieren.
Sex
Das Kapitel "Zwischen Lust und Scham – Dann reden wir also über Sex" beginnt Schropp so: "Wenn dieses Buch schon 'Queer as f*ck' heißt, dann müssen wir natürlich auch über Sex sprechen." In diesem Zusammenhang ergibt das "fuck" im Titel schon gleich mehr Sinn und scheint eher weniger mit einer besonders queeren bzw. queerpolitischen Sichtweise zu tun zu haben.
Schropp erzählt recht transparent über seine sexuellen Erlebnisse und die offene Beziehung, die er mit seinem Ehemann führt. Somit setzt er sich von anderen schwulen Gesichtern der deutschen Medienlandschaft ab, denen keine Sexualität oder sexuelles Begehren vergönnt ist. Er zieht Parallelen zum Tierreich, das weitestgehend nicht in monogamen Beziehungen lebt und erklärt anhand dessen die Tatsache, dass viele schwule Männer in offenen Partnerschaften leben. Über mögliche Bindungs- oder Intimitätsschwierigkeiten von schwulen Männern verliert Schropp kein Wort.
Lektorat
Jochen Schropp ist kein begnadeter Schriftsteller, was total in Ordnung ist. Leser*innen werden von ihm vermutlich keine hochwertig artikulierten Ergüsse erwarten. Das Buch ist aufgebaut wie ein Tagebuch und das erfüllt bei einem autobiografischen Werk seinen Zweck.
Allerdings hätte es nicht geschadet, eine*n versierte*n Lektor*in nochmal drüber lesen zu lassen, um somit flüchtige bis frustrierende Fehler, die den Eindruck erwecken, dass "Queer as f*ck" in kürzester Zeit eher halbherzig verfasst wurde, zu korrigieren.
So wird unter Schropps Feder aus Candis Cayne Candis Ayne und aus Alan Downs Alan Dows. Diese beiden wegbereitenden Personen hätten definitiv verdient, dass jemand die Schreibweise ihrer Namen nochmals überprüft.
Zudem berichtet Schropp von den Stonewall-Unruhen, die den Start der Gay Liberation am 28. Juni 1969 einläutete. Schropp, dessen Schilderung wie eine Zusammenfassung von Wikipedia daherkommt, benennt zwar das richtige Datum, spricht dann aber von den späten Siebzigern.
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Queer as fuck this is not
Am Ende des Buches hat Schropp ein Glossar zusammengestellt, zum Teil mit Begriffen, die im gesamten Buch kein einziges Mal erwähnt werden (hier findet letztlich auch "asexuell" eine Erwähnung). In diesem Glossar zeigt sich zum wiederholten Male, dass Schropp zwar irgendwie bemüht, aber nicht tief genug in queere Themen eingetaucht ist, um zum einen sein Buch "Queer as f*ck" zu nennen, und zum anderen die Person zu sein, der diese Plattform geboten werden sollte.
Beim namensgebenden "queer" schreibt Schropp, dass es ein Sammelbegriff für Personen sei, deren geschlechtliche Identität oder sexuelle Orientierung nicht der heteronormativen Norm entspricht. Das Wort werde auch verwendet, um Bewegungen und Dinge zu bezeichnen, die mit queeren Menschen in Verbindung stehen. Ist so natürlich korrekt. Dafür, dass er "queer" als Teil seines Titels benutzt, fehlt allerdings zumindest ein Abriss der sehr bewegten Geschichte dieses Wortes.
Zur Definition der Dragqueen verfasst Schropp folgendes: "Männer, die ihrem Aussehen und Verhalten nach eine Frau darstellen (…). Der Mann hinter der Verkleidung identifiziert sich weiterhin als Mann. Drag hat also nichts mit Transidentität zu tun! (…)" Schropp hat natürlich Recht, wenn er den Unterschied zwischen Drag und Trans betont. Allerdings spricht er dieses Thema auf sehr binäre Art und Weise an. Nicht alle Dragqueens sind Männer (meint er zudem ausschließlich cis Männer?). Manche von ihnen sind trans Männer, manche sind Frauen, cis und trans, manche von ihnen identifizieren sich als nichtbinär und so weiter.

Jochen Schropp ist seit gut 20 Jahren im deutschen Showgeschäft unterwegs (Bild: RTL+)
Bei der Beschreibung des Begriffs "cisgender" schreibt Schropp: "trifft auf die meisten Menschen zu". Warum ist diese Erwähnung notwendig? Er erwähnt zudem die Konversionstherapie und schreibt, dass diese heutzutage verboten ist. Wo? In Deutschland? Dann ja, zumindest bei Jugendlichen. Auf der Welt? Dann nein.
Zum Ende sagt Schropp, dass das Buch zunächst "Glücklich Gay" heißen sollte, ihm dieser Titel aber zu kitschig erschien. In meinen Augen wäre dieser viel passender gewesen, da es eher den Boulevard-artigen "InTouch"- oder "Gala"-Schreibstil des Buches eingefangen hätte. Damit hätte Schropp nämlich auch das Publikum seines Erstlingswerkes, das ihn beispielsweise aus dem Frühstücksfernsehen kennt und sympathisch findet, adäquater angesprochen und nicht mit einem fehlgeleiteten Buchtitel für Verwirrung gesorgt.
Die Frage nach Verantwortung
Ich führte vor ein paar Jahren eine angeregte Diskussion mit Cédric le Gallo, einem der Regisseure von "Die glitzernden Garnelen" aus dem Jahr 2019. Ich fand, dass die Figuren sehr stereotypisierend waren und war mir während des Films nicht sicher, ob die heterosexuellen Zuschauer*innen mit oder über diese lachten. Le Gallo identifiziert sich selbst als schwuler Mann und wir sprachen über die Frage, ob er als Teil der Community eine spezielle Verantwortung trägt, dreidimensionale queere Personen darzustellen. Seine Antwort war ein klares "Nein". Ich war mir nicht ganz sicher.
Queere Stimmen in Film und Fernsehen sind in den letzten Jahren lauter und diverser geworden. Allerdings wird die LGBTQIA*-Community nach wie vor als Quote benutzt oder sehr eindimensional und stereotypisiert dargestellt. Im deutschen öffentlichen Fernsehen scheint das Existieren von schwulen Männern geduldet, wenn sie einen gewissen Typus erfüllen: flamboyant oder straight-passing, in ihrer Sexualität nicht bedrohlich und bloß nicht zu provokant in ihrer queerpolitischen Einstellung. Ach, und sie sind alle weiß und cis.
Zurück zur Frage der Verantwortung: Muss Jochen Schropp als schwuler Mann des öffentlichen Lebens den Anspruch an sich haben, als dreidimensionale, authentische, die Queer-Politik antreibende Person die LGBTQIA*-Landschaft Deutschlands zu verändern? Natürlich nicht. Ist er jedoch die richtige Person, ein Buch mit dem Titel "Queer as f*ck" zu veröffentlichen, die den Untertitel "Warum ihr nicht so tolerant seid, wie ihr denkt" trägt und somit suggeriert, dass die Leser*innen intoleranter sind als er? Nein.
Jochen Schropp: Queer as f*ck: Selbstbestimmung, Sex und Sichtbarkeit – und warum ihr nicht so tolerant seid, wie ihr denkt. Autobiografie und Ratgeber. 192 Seiten. Edition Michael Fischer. Igling 2022. Softcover: 18 € (ISBN 978-3-7459-1087-2). E-Book: 13,99 €
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Aber eine offene Beziehung oder Ehe zu führen, führt natürlich nicht zu Vorurteilen?
Jetzt mal ehrlich natürlich gibt es Schwule und auch Heteros die offene Ehe oder Beziehungen führen aber der Anteil liegt vielleicht bei 20%. Die anderen 80% Prozent leben monogam.
Was mir immer mehr auffällt ist, das sich immer mehr Homosexuelle von CSD's oder auch Regenbogenfahen distanzieren, weil es einfach nichts mehr mit dem zu tun hat was es einmal war. Und auch solche Personen wie Herr Schropp tragen Ihren Beitrag dazu.
Männer die etwas femininer sind werden ständig gefragt ob Sie Trans seinen. Homo Paare werden ständig gefragt wer der aktive oder Passive sei. Pauschal wird untstellt das man nicht monogam leben würde und und und. Und genau das ist es immer wird mit Klischees geworden. Es nervt nur noch.