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Hans von Tresckow

Ein High-Society-Kommissar plaudert aus dem schwulen Nähkästchen

Vor 100 Jahren – im Juli 1922 – erschien das Buch "Von Fürsten und anderen Sterblichen". Es ist immer noch ein verdammt gutes Geschichtsbuch – nicht nur zu den früheren Homo-Skandalen.


Hans von Tresckow – eine Abbildung von S. 2 seiner Memoiren

Hans von Tresckow, der Autor des Buches "Von Fürsten und anderen Sterblichen – Erinnerungen eines Kriminalkommissars", leitete von 1900 bis 1910 das Berliner Homosexuellendezernat. In seinen Arbeitsbereich fielen nicht nur strafbare homosexuelle Handlungen nach § 175 RStGB, einschließlich mann-männlicher Prostitution, sondern auch Erpressungen auf homosexueller Grundlage. Zwischen ihm und der jungen Homosexuellenbewegung rund um Magnus Hirschfeld gab es – ähnlich wie bei seinem Vorgänger in diesem Dezernat Leopold von Meerscheidt-Hüllessem und seinem Nachfolger Heinrich Kopp – enge Verbindungen.

Homosexuelle, die erpresst wurden, wurden an Tresckow verwiesen, und Tresckow empfahl in Not geratene Homosexuelle an das WhK. In Tresckows Amtszeit fielen viele Homosexuellenskandale wie der um den deutschen Industriellen Friedrich Alfred Krupp (1902) und die Ermordung des Geschäftsmanns Friedrich Ferdinand Mattonet (1909-1910), bei denen Tresckow vor Gericht als Sachverständiger auftrat. Der bedeutendste Skandal war die Harden-Eulenburg-Affäre (1907-1909). Der Publizist Maximilian Harden hatte Philipp zu Eulenburg, einem preußischen Diplomaten und engen Vertrauten des deutschen Kaisers Wilhelm II., in mehreren Artikeln andeutungsweise vorgeworfen, homosexuell zu sein. Ab Herbst 1907 kam es deswegen zu mehreren Sensationsprozessen, die sich zunächst indirekt und dann auch direkt gegen Eulenburg richteten.


Hans von Tresckow Memoiren: "Von Fürsten und anderen Sterblichen" (1922)

In seinen Memoiren lässt Tresckow diese Zeit Revue passieren. Weniger als die Hälfte seines Buches (S. 107-210 von 240) widmet Tresckow schwulen Themen, was aber der historischen Bedeutung keinen Abbruch tut. Vielleicht hat es ihm auf diese Weise sogar Käufer*innen zugeführt, die ein Buch mit ausschließlich homosexueller Thematik wohl nie erreicht hätte. Das Buch wurde ein kleiner Bestseller und in mehreren Auflagen mindestens 30.000 Mal verkauft.

Aus seinen Memoiren: Tresckows Einstellung zu Homosexuellen

Tresckow gibt an, als er nach Berlin gekommen sei, habe er gar nicht gewusst, dass es Homosexuelle gibt, was ihm "als normal empfindenden Menschen nur unsympathisch" habe sein können. Er habe daraufhin die wissenschaftlichen Werke von Richard von Krafft-Ebing, Albert Moll und Magnus Hirschfeld studiert. Moll und Hirschfeld lernte er persönlich kennen und tauschte sich mit ihnen aus (S. 107). Tresckow kam zu der Schlussfolgerung, Homosexualität gelte zwar als "Laster", aber die "Wissenschaft ist anderer Ansicht" (S. 108).

Tresckow schreibt, er habe "tausende von Homosexuellen gesehen und gesprochen" (S. 109), und schätzt, dass es alleine in Berlin 100.000 Homosexuelle gebe (S. 110). Der § 175 RStGB sei "zwecklos" und habe sich "überlebt", aber nicht, weil er ungerecht sei, sondern nur, weil er "fast nie zur Anwendung" komme (S. 111).

Tresckow versucht auch, den Charakter der Homosexuellen zu beschreiben: Die Homosexuellen "fühlen sich meistens gar nicht als Unglückliche, sie halten sich im Gegenteil oft für besonders bevorzugte Wesen". Unter ihnen seien viele Künstler, "die hervorragendes leisten". Er schreibt weiter: "Wo aber viel Licht ist, fehlt es auch an Schatten nicht. Selten besitzen sie einen festen und ehrlichen Charakter; es fehlt ihnen an Willensstärke, und sie gebrauchen gern die weiblichen Waffen der Intrigue, Heuchelei und Lüge."

In "der näheren Umgebung eines Monarchen sind sie geradezu unheilvoll", so Tresckow weiter. "Ihr Bestreben ist stets, sich untereinander zu fördern und zu unterstützen. […] Bei vielen Homosexuellen habe ich auch einen bedauerlichen Mangel an Nationalgefühl gefunden. Sie empfinden international und fühlen sich als Kosmopoliten." Typisch für sie seien "Schwatzhaftigkeit und Klatschsucht", was "besonders gefährlich werden [kann] im diplomatischen Beruf" (S. 112-113). Die Homosexuellen des Kreises um Eulenburg hätten "eine Mauer um den Kaiser" gebildet und seien darauf bedacht gewesen, dass möglichst nur "Leute ihres Schlages" in die Nähe des Kaisers gelangen konnten, was auch an ihrer "Geschicklichkeit im Heucheln" gelegen habe. "Ich habe oft mit anständigen Homosexuellen – es gibt auch solche – hierüber gesprochen." Auf dem Höhepunkt der Homosexuellenskandale notierte er nach eigenen Angaben in sein Tagebuch: "Was war es für eine Wohltat, einmal eine Woche nichts von Päderasten und Perversität zu hören" (26. Mai 1907, S. 172) und: "Mir ist von allen den perversen Geschichten schon ganz übel zumute" (20. September 1907, S. 193).

Zusammenfassend ist Tresckow der Meinung, dass Homosexuelle "nicht in die nächste Umgebung" des Kaisers gehört hätten. Das werde "wohl jeder zugeben müssen, mag man sich sonst zur Frage der Homosexualität stellen wie man will" (S. 199). Seine Äußerungen geben die typischen zeitgenössischen Klischees wieder, wonach Homosexuelle als Künstler geduldet werden konnten, im Staatsdienst jedoch als Gefahr galten.

Aus seinen Memoiren: Tresckow über die Homosexuellenskandale

In seinen Memoiren widmet Tresckow der Affäre Krupp ein eigenes Kapitel (S. 126-132). Alfred Krupp – der auch in der polizeilichen Homosexuellenkartei verzeichnet gewesen sei – habe auf der italienischen Insel Capri "ganz junge Knaben verführt". Krupp sei "homosexuell veranlagt" gewesen, auch wenn die genaue Form der Betätigung unklar sei (S. 126-131).
Am ausführlichsten behandelt Tresckow die Sensationsprozesse rund um Philipp zu Eulenburg (S. 133-163), die er mit "Eiterbeulen an einem ungesunden Körper" (S. 149) vergleicht.


Aufgrund von Hämorrhoiden wird ein Mann nicht in eine preußische Elite-Militäreinheit (Garde du Corps) aufgenommen. Eine Karikatur über Analverkehr beim Militär aus der Zeit der Eulenburg-Prozesse (aus: "Der wahre Jakob", 1907, S. 5632)

Zunächst scheint Tresckow kein Blatt vor den Mund zu nehmen und schreibt offen darüber, dass Eulenburg (wie viele andere) "homosexuell veranlagt" gewesen sei (S. 113) und "einen verschlagenen, intriganten Charakter" gehabt habe (S. 137). Tresckow hatte Eulenburg am 31. Januar 1908 auf seinem Anwesen vernommen (S. 153) und ihm dabei so "taktvoll wie möglich" seine Bedenken dagegen mitgeteilt, dass Eulenburg unter Eid eine "homosexuelle Betätigung" abstritt. Eulenburg habe ihm aber sein "Ehrenwort" gegeben, nicht homosexuell zu sein (S. 155). Später sei er, so Tresckow, davon ausgegangen, dass Eulenburg vor Gericht geschont worden sei, auch wenn dabei versucht worden sei, den Eindruck zu verhindern, dass "man einen Fürsten anders behandele als einen anderen Sterblichen" (S. 209). Es ist dieser Satz, der wohl prägend für den Buchtitel wurde.

An einigen Stellen ist Tresckow erstaunlich flapsig in seiner Wortwahl, wenn er zum Beispiel den französischen Botschaftsrat Lecomte als den "König der Päderasten" (S. 168) bezeichnet. Der homosexuelle Graf Kuno von Moltke habe – so Tresckow – dem kranken Kaiser manchmal stundenlang auf seiner Violine vorgespielt. "Politik haben sie miteinander sicher nicht getrieben" (S. 139). Die "normal veranlagten Personen in der Umgebung des Kaisers" sollen nach Tresckow zeitweise in der Minderheit gewesen sein (S. 144), aber: "Jeder Monarch hat die Umgebung, die er verdient" (S. 133).


Friedrich Ferdinand Mattonet, der nach der Überzeugung des Gerichtes 1908 ermordet wurde

Für die homo­sexuelle Geschichtsforschung sind auch Tresckows Äußerungen außerhalb der großen Skandale wichtig. Dazu zählen seine Angaben über Stricher, Erpresser (S. 116-117) und die Homo­sexuellenkartei der Berliner Polizei (S. 115-116, 164-165), die Tresckow von seinem Vorgänger übernommen hatte.

Tresckow war auch Sachverständiger im Mordfall Friedrich Ferdinand Mattonet. Tresckow hielt den Angeklagten Josef Breuer zwar für den "moralischen Mörder" Mattonets, ging aber davon aus, dass sich Mattonet selber erschossen habe (S. 121-122). Heute ist dieser Mordfall – auch mit vielen Fotos – gut dokumentiert; die noch existierenden Gerichtsakten habe ich für mein Buch "Anders als die Andern" (2006, S. 88-93) ausgewertet.

Die meisten der prominenten Homo­sexuellen, die durch die Sensationsprozesse ohnehin bereits bekannt waren, nennt Tresckow mit Namen. "Andere, die mehr Glück gehabt haben, lasse ich im wohltätigen Dunkel" (S. 136). In Bezug auf einen Masseur, bei dem Homo­sexuelle "mit Soldaten ihre Orgien feierten", wird er schmallippig: "Ich versage es mir, Namen zu nennen" (S. 181-182). Manchmal spricht er nur von einem "Prinz B.", einem "Leutnant von St." (S. 190) oder einem "General von K." (S. 195). Insofern schont er auch viele Personen, die in der Öffentlichkeit noch nicht als homo­sexuell bekannt waren. Schon im Vorwort schreibt er, dass er hoffe, "nur Wenigen wehe getan" zu haben.

Besprechungen – früher

Jens Dobler stellt in seiner Dissertation ("Zwischen Duldungspolitik und Verbrechensbekämpfung. Homo­sexuellenverfolgung durch die Berliner Polizei von 1848 bis 1933", 2008, S. 344) fest, dass Tresckows Buch trotz seiner hohen Auflage nur selten besprochen wurde, und nennt dafür sechs Beispiele. Mir sind noch einige weitere Besprechungen bekannt, die u.a. in der "Kölnischen Zeitung" (30. August 1922, 1. Morgenausgabe, S. 3) und in "Die Nachtpost" (22. Dezember 1926, S. 5) erschienen sind.

Besonders interessant ist eine Besprechung von Maximilian Harden in "Die Zukunft" (30. September 1922, S. 243-245, 252). In dieser Zeitschrift hatte Harden 16 Jahre zuvor mit Andeutungen über eine angebliche "Nebenregierung" die Harden-Eulenburg-Affäre ausgelöst. In seiner Rezension von 1922 gab sich Harden vordergründig gelassen und distanziert, aber beim Lesen merkt man deutlich, wie er sich auch von Tresckow verletzt und ungerecht behandelt fühlte. Nach eigener Aussage musste er nun zunächst "genesen".

Interessant ist auch die Einschätzung von Magnus Hirschfeld, der Tresckow vor dem Krieg noch hochgelobt hatte, weil er "Hunderte homo­sexueller Menschen vor Verzweiflung und Selbstmord" errettet habe (Magnus Hirschfeld: "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes", 1914, S. 1002). Zu Tresckows Memoiren schreibt er in der Homo­sexuellenzeitschrift "Die Freundschaft" 1922/1923: Das Buch "enthält vieles, was jeder, der sich für den Befreiungskampf der Homo­sexuellen [...] interessiert, gelesen haben sollte. Mit manchem, namentlich dem, was Tresckow über die schlechten Charaktereigenschaften der Homo­sexuellen anführt, stimme ich nicht überein."

Dabei zitiert Hirschfeld auch aus einem Brief Tresckows, mit dem dieser ihn um eine Besprechung der Memoiren gebeten hatte: "Daß bei der Beurteilung der Homosexualität ich einen weniger günstigen Standpunkt einnehme, wie Sie, beruht wohl auf dem Umstand, daß Sie als Arzt mehr wertvolle Persönlichkeiten kennengelernt haben wie ich als Polizeibeamter" (Magnus Hirschfeld: "Von einst bis jetzt. Geschichte einer homo­sexuellen Bewegung 1897-1922", 1986, S. 144).

Besprechungen – heute

Wer heute ein Buch über die Eulenburg-Affäre schreibt, kommt um Tresckows Memoiren nicht herum. Das ist auch gut erkennbar an Peter Winzen, der die Bücher "Freundesliebe am Hof Kaiser Wilhelms II." (2010) und "Das Ende der Kaiserherrlichkeit. Die Skandalprozesse um die homo­sexuellen Berater Wilhelms II. (1907-1909)" (2010) schrieb und sich insgesamt mehr als 50-mal auf Tresckows Memoiren bezieht. Ich finde es nachvollziehbar, dass er im erstgenannten Buch vor allem auf das negative Bild eingeht, dass Tresckow von Homo­sexuellen hatte (S. 8-9, 145). Wenn Norman Domeier ("Der Eulenburg-Skandal. Eine politische Kulturgeschichte des Kaiserreichs", 2010) auf den "high society-Kriminalkommissar" (S. 286) zu sprechen kommt, schreibt er zwar davon, dass Tresckow "der Homo­sexuellenbewegung mit Sympathie gegenüberstand" (S. 319), ansonsten aber in ähnlicher Form wie Winzen vor allem darüber, wie kritisch Tresckow die Homo­sexuellen sah (S. 316-317, 319-320).

Je breiter das Thema eines Buches ist, desto mehr kann man auch über Tresckow erfahren. Robert Beachy bietet in seinem Buch "Das andere Berlin. Die Erfindung der Homosexualität. Eine deutsche Geschichte 1867-1933" (2014) zu Tresckow einen guten Überblick und berichtet von Rosa Listen, dem Berliner Homo­sexuellen-Dezernat und den diversen Skandalen, wozu auch die Anekdoten vom Berliner "König der Päderasten" bis zum "Ehrenwort" Eulenburgs gehören. Auch ich habe in meiner Lokalstudie über die Wilhelminische Zeit "Anders als die Andern" (2006) Tresckows Memoiren rund 20 Mal zitiert, weil die Skandale um Günther Graf von der Schulenburg und die Ermordung Mattonets rheinländische Bezüge hatten.

Die Bewertung der Memoiren

Die Einschätzung von Jens Dobler in seiner Dissertation ("Zwischen Duldungspolitik und Verbrechensbekämpfung. Homo­sexuellenverfolgung durch die Berliner Polizei von 1848 bis 1933", 2008, S. 342-344) fällt ambivalent aus: "Das Buch bietet gute Einblicke in die alltägliche Arbeit des Polizeipräsidiums […]. Aber Tresckow neigt auch zum Anekdotenerzählen, gibt Tratsch- und Klatschgeschichten zum Besten, doch wirklich interessant wäre das, was nicht im Buch steht. [So] werden nur Ereignisse und Namen geschildert, die auch damals schon bekannt waren." Der "Aussagewert [ist] recht dürftig" und Tresckows Äußerungen zum § 175 seien "etwas delikat". "Recht deutlich wird seine ambivalente Haltung Homo­sexuellen gegenüber." Das Buch sei "als ein Sittengemälde der Kaiserzeit gesehen [worden] […], die als überwunden galt. Zwischen der Eulenburg-Affäre und dem Erscheinen des Buches lagen 14 Jahre und ein Weltkrieg. Tresckows Erinnerungen wurden als lange vergangene Ereignisse geschildert. Aktuelle Bezüge stellte niemand her."

In den meisten Punkten stimme ich Jens Dobler zu, nur in einzelnen Bereichen komme ich zu einer anderen Einschätzung. Ich finde Tresckows Äußerung zum § 175 RStGB vor allem nicht konsequent durchdacht. Darüber hinaus schildert Tresckow durchaus unbekannte Ereignisse. Ein Beispiel dafür ist der Skandal um Krupp, den 1902 fast nur Sozialdemokraten für schwul hielten. Es wurde breit diskutiert, dass daneben auch die regierungstreue "Kölnische Zeitung" die Homosexualität Krupps als Frage vorsichtig andeutete ("hat er sich selbst im Bewußtsein einer Schuld gerichtet?", in: "Kölnische Zeitung", 23. November 1902). Insofern war es auch 20 Jahre später nicht selbstverständlich, nicht nur Krupp als homo­sexuell zu bezeichnen, sondern auch noch von Krupps ehemaligem Diener zu berichten, der sich von ihm einen Brillantring hatte schenken lassen. Heute würde man dies als "gay for pay" bezeichnen.

Beachtenswert ist auch Tresckow Äußerung "Jeder Monarch hat die Umgebung, die er verdient", die ihm 15 Jahre zuvor bestimmt eine Strafanzeige wegen "Majestätsbeleidigung" eingebracht hätte. Aber 1922 war dies keine mutige Äußerung mehr – das Kaiserreich war vorbei und mit ihm der deutsche Obrigkeitsstaat.

Tresckows Memoiren kann man nicht vorwerfen, politisch korrekt zu sein. Als Kommissar hat er Vernehmungen durchgeführt und in Prozessen als Zeuge ausgesagt. Bei den großen Homosexualitäts-Skandalen saß Tresckow als Person der Zeitgeschichte in der ersten Reihe. Dabei lässt er auch Ambivalenzen zu, wenn er äußert, dass der Homo­sexuellenaktivist Adolf Brand bei ihm "nur ein pathologisches Interesse" auslöse, dass er aber gleichzeitig Brands "absolute Ehrlichkeit, gepaart mit Bekennermut", anerkenne (S. 134-135).

Tresckows kritische Meinung weiß ich sogar dort zu schätzen, wo sie sich manchmal in recht markigen Worten gegen Homo­sexuelle richtet. Dabei denke ich an eine Rezension im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen", die (in einem ganz anderen Kontext – JfsZ, 7. Jg., 1905, S. 845-852) mit den Worten endet: "Mit anständigen Gegnern kämpft man gern." Ich halte Tresckow für einen solchen anständigen Gegner.

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Aus den Memoiren wurde ein Roman


Christoph Poschenrieders Roman "Das Sandkorn"

Christoph Poschenrieders Roman "Das Sandkorn" (2014) spielt im deutschen Kaiserreich kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Hier nimmt ein Kunsthistoriker einen Forschungsauftrag in Italien an, weil er in Berlin befürchtet, wegen seiner Homosexualität erpresst zu werden. Der Berliner Kommissar "Franz von Treptow" ist dem Kommissar Hans von Tresckow nachempfunden, aus dessen Memoiren "gelegentlich zitiert" wird (Poschenrieder auf S. 401-402).

Ein Blick lohnt sich vor allem auf die beiden Textpassagen, in denen es um die Homo­sexuellen-Kartei der Berliner Polizei (S. 117-119) und um die Harden-Prozesse geht (S. 184-196). Auch hinsichtlich des "echten" Tresckow kann der Roman Denkanstöße geben: Im Roman liegen Treptows Lebenserinnerungen nur als Manuskript vor und sind aus Angst vor Verleumdungsprozessen nie erschienen (S. 20). Das führt zu der Frage, ob wohl auch Hans von Tresckow vielleicht zunächst Bedenken hatte, so offen über homo­sexuelle Details von Prominenten zu schreiben. (Vermutlich hat Tresckow sehr genau darauf geachtet, dass er nur Fakten nannte, die schon vorher im Prozess öffentlich bekannt wurden).

Poschenrieder versucht erkennbar, die damalige Sprache nachzubilden, und so gibt es in der Textpassage über die Karteien der Berliner Polizei keinen direkten Hinweis auf Homosexualität (S. 401-402). Das ist aufgrund authentischer Sprache zwar nachvollziehbar, wirft aber nicht nur die Frage auf, ob Poschenrieder die Leser*­innenschaft von heute ausreichend anspricht, sondern auch, ob Tresckow, der die Homosexualität sehr deutlich ansprach, typisch für seine Zeit war.

Tresckows Einstellung veränderte sich wohl mit den Jahren

Was bleibt, sind Memoiren, die ungeschminkt die Meinung Tresckows wiedergeben – zumindest bezogen auf das Jahr 1922. Seine Memoiren, die für die Zeit zum Teil recht typische Vorurteile aufzeigen, waren so erfolgreich, dass sie unter dem Titel "Om Fyrster og andre Dødelige" (1923) auch in dänischer Übersetzung erschienen.

Leider machen die Memoiren für sich genommen keine Aussage darüber, wie sich Tresckows Einstellung mit den Jahren veränderte. Nach Jens Dobler ("Zum Verhältnis der Sexualwissenschaft und der homo­sexuellen Emanzipationsbewegung zur Polizei in Berlin", in: "Verqueere Wissenschaft? Zum Verhältnis von Sexualwissenschaft und Sexualreformbewegung in Geschichte und Gegenwart", 2005, S. 329-336) hielt sich Tresckow während seiner Amtszeit "etwas bedeckt". "Je älter er wurde, je öfter veröffentlichte er Beiträge in Schwulenzeitschriften und sprach eine immer deutlichere Sprache zugunsten der Schwulen."

Von Tresckow sind zum Thema Homosexualität fünf Beiträge in Schwulenzeitschriften, zwei Beiträge in Büchern und ein Vortrag im Institut für Sexualwissenschaft bekannt. An anderer Stelle ("Zwischen Duldungspolitik und Verbrechensbekämpfung. Homo­sexuellenverfolgung durch die Berliner Polizei von 1848 bis 1933", 2008, S. 332) betont Jens Dobler, dass Tresckow in den Zwanzigerjahren "einer der prominenten Unterstützer der Homo­sexuellenbewegung" geworden sei.

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#1 MichaelTh
  • 11.07.2022, 07:11h
  • Sehr interessanter Artikel! Vielen Dank! :-)
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