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Berlin
Transfeindliche Biologin holt Vortrag an Humboldt-Universität nach
Marie-Luise Vollbrecht hielt nun doch ihren Gender-Vortrag an der Berliner Hochschule – einer anschließenden Diskussionsrunde darüber blieb die Doktorandin aber fern.

Die Humboldt-Universität streitet allen Ernstes darüber, ob es trans Menschen gibt (Bild: jensjunge / pixabay)
- 15. Juli 2022, 08:21h 3 Min.
Nach wochenlangem Streit hat die Berliner Biologin Marie-Luise Vollbrecht ihren Anfang Juli gestrichenen Geschlechter-Vortrag nachgeholt. Die 32-jährige Doktorandin sprach am Donnerstag etwa eine halbe Stunde in der Humboldt-Universität. Es gab laut NZZ nur eine kleine Protestaktion unweit vom Universitätsgebäude: Aktivist*innen zeigten ein Plakat mit der Aufschrift: "Kein Platz für Transphobie". Bei einer Podiumsdiskussion versuchte die Uni anschließend, die komplexe Kontroverse aufzuarbeiten. Universitätspräsident Peter Frensch sagte, es sei nie Absicht gewesen, den Vortrag zu streichen, sondern nur, ihn zu verlegen. Vollbrecht weigerte sich, an der Diskussion teilzunehmen.
Die Doktorandin Vollbrecht sollte die Präsentation ursprünglich während einer Langen Nacht der Wissenschaften am 2. Juli halten. Wegen einer Demo von Studierenden und angeblichen Sicherheitsbedenken strich die Uni den Vortrag aus dem Programm (queer.de berichtete). Vollbrechts zentrale These ist, es gebe beim Menschen grundsätzlich nur zwei Geschlechter, die man lebenslang behalte. Kritisiert wird, dass sie damit die Existenz von trans Menschen leugne und lediglich politisch Stimmung gegen das geplante Selbstbestimmungsgesetz machen wolle. In der Vergangenheit hatte sich die Doktorandin auch auf ihrem Twitter-Profil mehrfach transfeindlich geäußert und war Co-Autorin bei einem transfeindlichen Gastbeitrag in der "Welt".
Auch Bundesforschungsministerin bei Diskussion dabei
Die Humboldt-Universität war für ihre Absage heftig gescholten worden. Uni-Chef Frensch sprach in der Podiumsdiskussion von einem "Shitstorm", der über der Uni losgebrochen sei. Auch Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) wurde für die Runde von ihrem Urlaub zugeschaltet und sagte, eine Hochschule müsse in einem solchen Fall Sicherheitserwägungen treffen. Aber das "bedarf natürlich der Erklärung". Wichtig seien offene Debatten. Sie selbst unterstütze die Linie der Ampel-Koalition und das geplante Selbstbestimmungsgesetz, das das Leben von trans- und intersexuellen Menschen erleichtern soll. Von dieser inhaltlichen Position trenne sie die Frage der Freiheit der Wissenschaft. "Das ist eine gesamtgesellschaftliche Debatte, die wir führen müssen", sagte Stark-Watzinger.
Stark-Watzinger hatte sich wenige Stunden vor der Diskussionsrunde bereits auf Twitter gegen Vorwürfe verteidigt, transfeindlich zu sein. Anlass war ihre Äußerung, dass die Wissenschaftsfreiheit auch kritische Debatten ermöglichen müsse – "Das müssen wir alle aushalten", hatte sie mit Blick auf Vollbrecht erklärt (queer.de berichtete). Auf Twitter erklärte die liberale Politikerin aus Hessen: "Die mir unterstellte Transfeindlichkeit weise ich zurück. Ich habe mich auch nicht so geäußert, wie teilweise dargestellt wird."
/ starkwatzingerDavon losgelöst mache ich mich für die Wissenschaftsfreiheit stark. Sie ist ein Gewinn für die Gesellschaft und lebt von Freiheit und Debatte. Die Absage eines Vortrags an einer Hochschule aufgrund von Sicherheitsgründen (!) darf es nicht geben. (2/2)
Bettina Stark-Watzinger (@starkwatzinger) July 14, 2022
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Vollbrecht begründete ihre Absage an der Diskussionsrunde unter anderem mit der angeblich "unausgewogenen Zusammensetzung des Podiums". Neben Uni-Chef Frensch und Ministerin Stark-Watzinger waren auch Rüdiger Krahe, Professor der Biologie und Doktorvater von Vollbrecht, sowie Kerstin Palm, promovierte Biologin und Geisteswissenschafterin, in der Runde dabei. Anwesend waren auch Heiner Schulze vom Schwulen Museum und dgti-Vorstandsmitglied Jenny Wilken. Vollbrecht erklärte weiter, sie halte eine Diskussion mit "so vielen Personen" für "nicht zielführend" und erklärte, ihr Vortrag müsse nicht "kontextualisiert" werden.
/ Frollein_VogelV2.Die unausgewogene Zusammensetzung des Podiums lässt vermuten, dass es dort nicht um Biologie gehen wird.
Frau Summer (@Frollein_VogelV) July 14, 2022
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Vollbrechts Weigerung, an der Diskussion teilzunehmen, wurde scharf kritisiert. Eine Geschichtsprofessorin, die an der Humboldt-Universität lehrt, schrieb etwa auf Twitter: "Man kann in einer Universität keinen Vortrag halten (den man selbst als 'korrekt' preist) und sich dann der Diskussion entziehen. Wissenschaftsfreiheit heißt nicht, Erkenntnisse zu präsentieren und Fragen zu unterbinden."
/ MetzlerGabrieleMan kann in einer Universität keinen Vortrag halten (den man selbst als korrekt preist) und sich dann der Diskussion entziehen. Wissenschaftsfreiheit heißt nicht, Erkenntnisse zu präsentieren und Fragen zu unterbinden.
Gabriele Metzler (@MetzlerGabriele) July 14, 2022
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/ robertwagner198Überraschung. Marie-Luise #Vollbrecht geht der heutigen Podiumsdiskussion um ihren Vortrag aus d. Weg u. tritt stattdessen auf d. YT-Kanal einer Gleichgesinnten auf. Es sei nicht nötig, ihren Vortrag zu kontextualisieren.
Robert Wagner (@robertwagner198) July 14, 2022
Doch, Marie-Luise. Das ist es.
https://t.co/rXXPV3A7Rv https://t.co/1EsO2RXPhJ
Es gab auch Kritik daran, dass Vollbrecht transphobe Tweets gelöscht habe. Außerdem sei es im Vortrag mehr um ihre Ergebnisse gegangen als um ihre Methodik.
/ robertwagner198Ergänzung I
Robert Wagner (@robertwagner198) July 14, 2022
Marie-Luise #Vollbrecht hat viele Tweets gelöscht, angeblich weil sie ihr zu schlüpfrig waren. Klingt nach einer Schutzbehauptung. Es sind menschenverachtende Äußerungen wie diese über trans* Frauen und deren Transition, die heute nicht mehr auffindbar sind. /18 pic.twitter.com/fHYwPmYDdv
/ quicker_easierCall me crazy, aber nach meiner Vorstellung von Wissenschaft beklatscht man die wissenschaftliche Methodik und/oder die Qualität des Vortrags, aber nicht die Ergebnisse, zu denen ein*e Wissenschaftler*in gelangt ist. #Vollbrecht pic.twitter.com/fQMSaSqrJv
Provinz-StA (@quicker_easier) July 15, 2022
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/ dana_mahr1Mehrgeschlechtlichkeit. Daher ist was #Vollbrecht und co. generieren keine wissenschaftliche sondern eine politische Debatte. Wir würden doch auch keinen Flacherdler oder Impfgegner soviel Raum und mediale Präsenz geben. Lasst euch keinen pseudowissenschaftlichen Bären aufbinden.
Medical Humanities Scholar (@dana_mahr1) July 14, 2022
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Vollbrecht hat unterdessen auch eine Spendenkampagne gestartet, um juristisch gegen ihre Gegner*innen vorgehen zu können: "Ich werde rechtliche Schritte gegen Verleumdungen im Zusammenhang mit meinem abgesagten Vortrag über Biologie und die Evolution der zwei Geschlechter ergreifen", schrieb die Doktorandin darin. Bis Freitagvormittag sammelte sie damit mehr als 11.000 Euro ein. (dk/dpa)
/ robertwagner198#Vollbrecht sammelt nun Geld, um gerichtlich gegen Kritiker:innen vorzugehen. Weil "Wissenschaftler keine Angst davor haben sollten, die Wahrheit auszusprechen". Sagt die Frau, die keine Fragen zulässt und der Diskussionsrunde im Anschluss fernbleibt...https://t.co/oHgjI6k75w pic.twitter.com/gAQougyMAq
Robert Wagner (@robertwagner198) July 15, 2022
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Denn Wissenschaft ist es nur, wenn danach gestrebt wird, die bestmögliche reale Beschreibung der Welt zu erreichen, die zu den bestmöglichen Vorhersagen führt.
Die Weigerung, sich mit all den Fakten zu befassen, die der eigenen Ideologie und Meinung widersprechen (=> belegen "wollen", dass es exakt 2 Geschlechter gebe), ist das Gegenteil von Wissenschaft. Wissenschaft bedeutet nicht im Wesentlichen die Freiheit, von sich geben zu können und dürfen, was einer*m gerade in den Sinn kommt. Wissenschaft verdient sich ihren hohen gesellschaftlichen Status gerade mit einem hohen Maß an Verpflichtungen. Eine davon ist die Verpflichtung zur umfassenden Auseinandersetzung mit sämtlichen verfügbaren Daten und Fakten zum vorgestellten Thema.
Wissenschaftlicher Diskurs unterliegt insofern anderen Regeln als politische Debatten. Es geht nicht um die Frage, wessen Ansicht am Ende bei möglichst vielen Menschen beliebter ist, was tatsächlich gut ohne jeglichen Faktenbezug funktionieren kann, sondern oft reine Psychologie ist und ein Wettbewerb um Glaubwürdigkeit, die bessere Werbung, die erfolgreichere Manipulation, das erfolgreiche Drücken der richtigen Knöpfe zum Erzeugen der jeweils gewünschten Emotion beim Gegenüber oder der Zielgruppe. Wissenschaftlicher Diskurs dreht sich darum, Theorien zu finden, mit denen sich die besten Beschreibungen und Vorhersagen treffen lassen. Wissenschaftsfreiheit ist nötig, damit der wissenschaftliche Diskurs auch entgegen dem politischen Diskurs bestehen kann. Ob ein Modell die bessere Vorhersage trifft, hängt nicht davon ab, ob es den Menschen gefällt. Aber gerade weil ein gutes, wissenschaftlich erarbeitetes Modell gute Vorhersagen liefert, zum Beispiel dazu, welche Küstenabschnitte in den nächsten fünf Jahrzehnten noch bewohnbar sein werden und welche nicht, ist es wichtig, dass diese Modelle auch im politischen Diskurs ihren Platz erhalten - egal, ob die Botschaft den Leuten gefällt.
Die Existenz von Intergeschlechtlichkeit ist wissenschaftlich betrachtet keine kontroverse Frage, sondern seit Jahrzehnten geklärt (Intergeschlechtlichkeit existiert). Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Frage nach dem "ob" insofern absolut langweilig, im tatsächlich daran arbeitenden Feld geht es daher auch sehr viel mehr um das "wie".
Nun können prinzipiell natürlich auch als solche anerkannte "Fakten" infrage gestellt werden. Wer das in der Wissenschaft aber tun möchte, hat dazu eine doppelt und dreifach so saubere Wissenschaft zu praktizieren wie sie für das Zustandekommen der bisherigen Sichtweise angewandt wurde. Informationen sauberer und umfassender zusammenführen als es im Feld bislang passiert ist, neue Aspekte einbringen, gern auch selbst erstellte Daten, aber vor allem den Beleg, dass man das Feld besser verstanden hat als die bislang anerkannten Expert*innen. Könnte man machen oder versuchen. Passiert hier aber ja nicht. Bezogen auf die wissenschaftliche Methode ist das, was da passiert ist, lächerlich.
Es gibt keine Wissenschaft ohne die Pflicht zur ehrlichstmöglichen Wahrheit, und wer sich der Verpflichtung entzieht, sich zumindest so gut wie nur irgend zumutbar auf den aktuellen und neuesten Kenntnisstand zu bringen - im Zweifelsfalle durch eine Diskussion mit besser informierten Menschen, wenn schon die eigene Recherchefähigkeit dazu nicht ausreicht - betreibt keine Wissenschaft.
Was dann bleibt, ist Meinungsfreiheit, die sei auch Wissenschaftler*innen unbenommen. Das scheinheilige Argument, mit dem sie sich ihre große Bühne und die Unterstützung der Politik gesichert hat, ist aber nunmal gerade der Verweis auf die Freiheit der "Wissenschaft". Die sie mit ihrem Vorgehen komplett ins Lächerliche zieht.
Wahre Wissenschaftsfreiheit bestünde nun darin, dass zu der angestoßenen Debatte nun eine besonders große Bühne all denjenigen bereitet werden müssten, die zum Thema tatsächlich Expertise haben, und zwar das gesamte Fach umfassend und unter Einbeziehung so vieler Fakten wie möglich, statt deren gezielter, idealogisch motivierter Auslassung. Und zwar auch, wenn es der vom politischen Diskurs beeinflussten Mehrheit nicht gefällt. In anderen Worten, genau das, was die politisch agierende Biologin hier als "Unausgewogenheit" beklagt". Zu viele Fakten für ihre politische Mission.
Wissenschaftsfreiheit ist genau das, wovon ich hier nicht sehe, dass die hier stattfinden könnte oder würde, oder dass sie auch bloß in irgendeinem Sinne erwünscht wäre. Deshalb wurde ja diese Bühne auch nicht von führenden Wissenschaftler*innen des Felds geboten und unterstützt. Sondern eben von den Teilen der Politik, die hier eine Gelegenheit sehen, die Wissenschaft vor den Karren ihres politischen Diskurses zu spannen.
Von Beruf Wissenschaftler*in zu sein, ist keine hinreichende Bedingung dafür, dass alles Gesagte automatisch Wissenschaft ist. Wissenschaft ist eine Methode. Und wenn die nicht praktiziert wird oder wurde, gar aktiv abgewehrt wird, weil in der Diskussionsrunde zu viele Leute gesessen hätten, die sich auskennen, handelt es sich bei der Verteidigung der Inhalte auch nicht um die Verteidigung von Wissenschaftsfreiheit, sondern, wie in dem Fall hier, um die Verteidigung der Freiheit von Wissenschaftlichkeit. Im postfaktischen Zeitalter gibt es auch dafür Bühnen, klar. Aber sowas sind ideologische Erfolge, Erfolge von politischem Diskurs.
Ein Erfolg der Wissenschaft ist so etwas mitnichten. Ganz im Gegenteil. Ohne den Rechtsruck in unserer Gesellschaft hätte es diesen nachgeholten Vortrag nicht gegeben.