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Stand-up-Comedy
Schwarz, schwul und viele Pointen
Jetzt endlich bei Sky: Jerrod Charmichaels Coming-out-Show "Rothaniel" ist ein Comedy-Meisterwerk der ungewöhnlichsten Art.

Jerrod Carmichael, Jahrgang 1987, ist ein in den USA sehr bekannter Stand-up-Comedian. Sein Programm "Rothaniel" veröffentlichte er in diesem Jahr als drittes Special für HBO (Bild: HBO)
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18. Juli 2022, 05:06h - 4 Min.
Jerrod Charmichael mag hierzulande nicht jedem ein Begriff sein, doch in den USA ist er alles andere als ein Unbekannter. Vor rund zehn Jahren begann der aus North Carolina stammende Komiker, auf Comedy-Bühnen und vor der Kamera durchzustarten, unter anderem mit einem von Spike Lee inszenierten Stand-up-Special namens "Love at the Store", Rollen in Filmen wie "Bad Neighbors" oder "Transformers: The Last Knight" sowie einer eigenen (bei uns nie gezeigten) Sitcom namens "The Carmichael Show". Nun meldet sich der 35-Jährige mit einem neuen Programm zurück – und "Rothaniel" (zu sehen bei Sky) ist ein Comedy-Ereignis, wie man es nicht alle Tage erlebt.
Schon die ersten Bilder der knapp einstündigen, von Bo Burnham als Regisseur verantworteten Show machen deutlich, dass dies etwas anderes ist als ein durchschnittlicher Auftritt eines Comedians. Melancholisch-schöne Bilder eines verschneiten Abends in New York zeigen Carmichael, wie er zu seinem Auftrittsort spaziert, und als er dort auf der kleinen Bühne Platz genommen hat, meint man, ihm eine gewisse Nervosität oder zumindest Nachdenklichkeit anzumerken. Ausgelassene Heiterkeit mit Schenkelklopfern im Überfluss sind hier spürbar nicht angesagt.
Carmichael erzählt von Geheimnissen und Lügen
Nicht dass nicht viel gelacht werden kann. Von Geheimnissen und Lügen wolle er erzählen, verrät Carmichael gleich zu Beginn und erzählt dann durchaus mit Bitterkeit, aber eben auch herrlich komisch aus der eigenen Familie. Mit der Geschichte seines wahren Vornamens, den er seit Jahrzehnten aus der Öffentlichkeit herausgehalten hat, fängt er sein Set an, danach berichtet er von seinen Eltern, genauer gesagt dem eigenen Vater, der jahrelang seine Frau betrogen und mehrere Kinder mit seiner Geliebten hat. Wie sehr es ihn, Carmichael, belastet, dass er als Sohn von diesem Betrug lange gewusst hat, ohne seiner Mutter etwas davon zu sagen, macht er – aller Gags zum Trotz – unumwunden zum Thema.
Nach ungefähr einer halben Stunde kommt der Komiker dann zu dem, was er eigentlich loswerden will; seinem privaten Geheimnis, das er viel zu lange mit sich herumgetragen hat und nun endlich lüften will. Ganz still wird erst er und dann der Saal, und als er schließlich den Satz sagt: "Ich bin schwul", steht nur ganz kurz die Frage im Raum, inwieweit womöglich doch gleich der nächste Witz folgt.
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Spätestens ab diesem Moment scheint auf der Bühne keine autobiografisch inspirierte Kunstfigur mehr zu stehen, sondern die Privatperson Jerrod Carmichael, die – verunsichert und verletzlich – ihre öffentliche Plattform nutzt, um mit sich selbst ins Reine zu kommen.
Offenherziger Austausch mit dem Publikum
Auch sein Regisseur Bo Burnham oder natürlich die großartige Hannah Gadsby haben in den letzten Jahren schon bewiesen, dass Stand-up-Programme aus ihren gewohnten Schemata ausbrechen können, wenn es darum geht, sich an den eigenen Traumata abzuarbeiten. Ohne deswegen auf Humor zu verzichten, versteht sich.
Carmichael tut, erkennbar von Emotionen überkommen und im direkten, offenherzigen Austausch mit seinem Publikum, genau das. Lange Jahre hat der die Wahrheit nicht nur von seinen Fans, sondern auch von Familien und Freunden ferngehalten, nun erzählt er davon, wie sehr es ihn verletzt, wenn sein Bruder sagt, er liebe ihn "trotz" seiner Homosexualität. Oder dass seine religiöse Mutter so wenig mit seinem Coming-out umgehen kann, dass ihm selbst Hass als Reaktion lieber wäre als ihr Ignorieren seiner Lebensrealität.
Befreiung mit Gespür für Pointen
Dabei zuzusehen und zuzuhören, wie der Komiker nicht nur – ohne zu verurteilen – von seinem Umfeld berichtet, sondern mit sich selbst hart ins Gericht geht und vor allem noch immer damit beschäftigt ist, die eigene Identität als schwuler Mann mit dem Selbstbild als Schwarzem Christen in Einklang zu bringen, mit dem er aufgewachsen ist, gehört zum Eindrucksvollsten und Bewegendsten, was es in diesem Genre je zu sehen gab.
Man kann Carmichael nur wünschen, dass das Gefühl der Befreiung, von dem er erzählt, ihn noch weit tragen wird. Und darf sich vor allem freuen, dass er nicht nur sein Gespür für Pointen darüber nicht verloren hat, sondern vor allem uns alle an der eigenen Selbstfindung derart intim teilhaben lässt. Denn "Rothaniel" ist ein Comedy-Meisterwerk der ungewöhnlichsten Art.
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