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US-Bundesstaat Ohio

Autor von transphobem Gesetz: Auf Youtube informiert

Der republikanische Abgeordnete Gary Click brachte ein transphobes Gesetz ein. Jetzt kam raus: Mit trans Menschen gesprochen hatte er zuvor noch nie, sich aber informiert – aus äußerst fragwürdigen Quellen.


Den Mitschnitt des Telefonats veröffentlichte News 5 Cleveland auch auf Youtube (Bild: Screenshot News 5 Cleveland / YouTube)
  • 18. Juli 2022, 06:51h 1 5 Min.

Republikanisch geführte Bundesstaaten übertrumpfen sich seit Monaten gegenseitig darin, Gesetze gegen die Rechte transgeschlechtlicher Bürger*innen zu erlassen. Nun versucht auch ein Republikaner im östlichen Bundesstaat Ohio, Gary Click, ein solches Gesetz zu erlassen: House Bill 454.

Doch ein insgeheim mitgeschnittenes Telefonat mit dem Abgeordneten offenbarte jetzt, dass Click nicht nur noch nie mit einer transgeschlechtlichen Person gesprochen hatte. Seine Recherche im Vorfeld des verfassten Gesetzentwurfs verlief auch eher ungewöhnlich. Hauptsächlich will er sich "auf Youtube" über das Thema informiert haben, und zwar "über Stunden", ehe er die Notwendigkeit eines Gesetzes erkannt habe.

Haarsträubendes Gesetz, haarsträubende Recherche

Das Gesetz würde es Ärzt*innen verbieten, jede Form der geschlechtsaffirmierenden Behandlung Minderjähriger, wie sie von den medizinischen Fachgesellschaften empfohlen wird, vorzunehmen. Das heißt: keine Hormonblocker, keine Gabe von Testosteron oder Östrogen, keine psychotherapeutische Begleitung und auch keine operativen Eingriffe. Jugendliche, die bereits transitioniert sind, würden so vom Staat zu einer Detransition gezwungen. Und: Äußern Jugendliche oder Kinder gegenüber Ärzt*innen Gedanken von Geschlechtsdysphorie, will das Gesetz diese dazu verpflichten, den Eltern Bescheid zu sagen.

Über den schlecht informierten Republikaner, der diese Regelungen in diesem Jahr ins Parlament eingebracht hatte, berichtete nun der in Ohio ansässige Fernsehsender News 5 Cleveland. Um die Hintergründe von Clicks Haltung herauszufinden und diesen direkt mit den Konsequenzen seines Treibens zu konfrontieren, hatte eine Aktivistin, Cam Ogden, ein Telefonat mit Click vereinbart. Das Gespräch, in dem Click die Frau konsequent misgenderte, wurde von dieser aber heimlich aufgezeichnet. In dem Telefonat erzählte der Republikaner freimütig über den haarsträubenden Prozess, der schließlich zum Einbringen des Gesetzesentwurfs führte.

Zunächst sei das Center for Christian Virtue, eine in der Vergangenheit als Hassgruppe gelistete Vereinigung, auf Click zugegangen und habe ihn um eine Initiative für ein solches Gesetz gebeten. Für das "Schützt Heranwachsende vor Experimenten" getaufte Gesetz informierte sich Click schließlich im Internet über das Thema. Seine Quellen: Youtube-Videos, Artikel aus den 1980er Jahren, Äußerungen von detransitionierten Personen, die ihre Geschlechtsangleichung bereut hatten, sowie von Eltern, die die Transition ihrer Kinder verhindert hatten oder verhindern wollten. Mit transgeschlechtlichen Personen selber oder ihren Vertretungen indes sprach Click genau so wenig wie er Literatur aus solchen oder gar wissenschaftlichen Quellen bezog. Aus Clicks Youtube-Account geht hervor, dass er zum Beispiel dem rechtsradikalen Youtube-Star Ben Shapiro folgt.

Transgeschlechtlichkeit hält Click darum auch nicht etwa, wie zum Beispiel im aktuellen Diagnosemanual ICD-11 festgehalten, für eine längst entpathologisierte geschlechtliche Variation, sondern für das Ergebnis einer frühen Traumatisierung. Die Menschen seien als Kinder Opfer von "Grooming" gewesen. Mit dem Wort, das eigentlich die Kontaktstrategien von pädosexuellen Täter*innen gegenüber ihren Opfern zur Begehung sexueller Gewalt bezeichnet, hetzen Rechte immer wieder die Bevölkerung gegen transgeschlechtliche Personen auf. Die wiederum würden durch "Grooming" sicherstellen, dass es immer mehr vermeintlich transgeschlechtliche Menschen gäbe. Weitere – und damit vom "Grooming" durch trans Personen abgegrenzte Trauma-Ursachen – seien laut Click Belästigung und sexueller Missbrauch. Wissenschaftliche Belege für solche Behauptungen gibt es indes keine.

Republikaner wehrt sich: "Fake!"

Um die Echtheit des Telefonats zu verifizieren, trafen sich Journalist*innen des Senders mit Click und überprüften im Gespräch, ob er ihnen gegenüber die selben Angaben wiederholen würde, was er auch tat. Im Falle einer verzerrten Darstellung wolle Click jedoch seinen eigenen heimlich aufgezeichneten Mitschnitt des Telefonats zur Verfügung stellen. Prompt behauptete der Republikaner nach Veröffentlichung der Story auch, dass der Mitschnitt, den News 5 Cleveland zur Untermauerung der Behauptungen auf Youtube veröffentlicht hatte, bearbeitet und gefälscht sei. Ein entsprechender Hinweis findet sich sogar in der Kommentarspalte unter dem Video – vom offiziellen Youtube-Account von Click. Mitarbeiter*innen des Senders widersprechen der Fake-Behauptung. Seinen eigenen Mitschnitt hat Click bislang noch nicht veröffentlicht.

Der Republikaner hatte gegenüber News 5 Cleveland, wie der Sender in einem online veröffentlichten Artikel beschreibt, auch die Angabe aus dem Gespräch bestätigt, wonach er bislang noch nie mit einer transgeschlechtlichen Person überhaupt gesprochen hatte. Es sei allerdings Usus, dass der Gesetzgeber nicht im Vorfeld mit den potentiell Betroffenen eines Gesetzes ins Gespräch komme, sondern umgekehrt: "Nun ja, das ist, wie der legistlative Prozess nun mal läuft. Es ist so, dass man das Gesetz vorlegt und dann die Gespräche führt." Im Nachgang des Telefonats mit Ogden habe er jedoch begonnen, weitere Gespräche mit trans Menschen zu führen. Ebenfalls "Stunden" will er mit solchen Unterhaltungen verbracht haben. Die Treffen wurde vom Sender auch verifiziert. Die Gespräche hätten seinen bisherigen Standpunkt jedoch nur verstärkt.

Die Folgen der substanzlosen Stimmungsmache und Desinformationskampagnen der Republikaner*innen wurde indes auch in Ohio aufs Neue deutlich. Der 20-jährige transgeschlechtliche Mann Noah Ruiz wurde in dem Bundesstaat beim Camping angewiesen, die Frauentoiletten zu benutzen, was er zur Vermeidung von Schwierigkeiten auch tat. Im Klo jedoch hielt ihn eine Besucherin für eine transgeschlechtliche Frau beziehungsweise für einen Mann, der sich unter dem Vorwand, eine transgeschlechtliche Frau zu sein, in die Damentoilette eingeschlichen hatte. Die Besucherin flippte aus und schrie herum, was eine Gruppe von Männern veranlasste, in die Frauentoilette zu kommen. Dort verprügelten sie den transgeschlechtlichen Mann und beschimpften ihn. Als Polizist*innen zum Ort des Geschehens hinzueilten, klickten die Handschellen – allerdings nicht für die Täter*innen, sondern für den verprügelten Mann. (jk)

-w-

#1 Indigo73Anonym
  • 18.07.2022, 13:27h
  • Ja, klar hat der sich über solche Quellen "informiert". Das ist ja das Problem, das wir derzeit haben und weshalb uns Transleuten so ein Hass entgegenschwappt. Vermeintliche Wissenschaftler*innen halten "Vorträge" - sogar an renommierten Universitäten -, das wird alles hübsch über YouTube und sonstige soziale Medien verbreitet, Politiker wie die Trixie, aber auch wesentlich seriöser erscheinende, schwingen Reden, und so wird ein Netz aus Unwissenheit, Desinformation und haltlosem Blödsinn gewoben.
    Sogenannte "woke" Allies, die auf Gendersprache bestehen, aber nicht verstehen, wer damit gemeint ist, Toiletten für "menstruierende Männer" vorschlagen oder nicht vernünftig erklären, wozu eine Meldestelle für queerfeindliche Übergriffe konkret dienen soll, machen alles noch schlimmer.

    Der "Normalbürger" hat in der Regel nicht die geringste Ahnung, was "trans" bedeutet, weil es kaum sinnvolle, faktische Aufklärung gibt, sondern eben nur diesen Propaganda-Müll. Wenn also so eine fanatische religiöse Sekte an einen nicht sehr schlauen Politiker herantritt und ihn bittet, dieses gottlose Gesocks zu entfernen, geht der natürlich Müll gucken, weil der viel greifbarer ist als echte Informationen.
    Ja, das war zynisch, aber so sieht unsere Realität halt inzwischen aus. Man geht nicht in eine Bücherei und liest verschiedene, wissenschaftlich basierte Bücher zu einem Thema - nein, man geht zu YouTube oder Facebook.

    Allerdings ist das mit der Wissenschaft in unserem Fall ja auch so eine Sache. Inter gilt da als Fehlentwicklung und trans als psychische Störung. Und es ist nicht lange genug her, dass da zurückgerudert wurde, sodass es in dem populistischen Geschrei untergeht, zumal der "Normalbürger" in der Regel ohnehin keinen Zugang zu Wissenschaft hat. (Was man an der Corona-Krise besonders gut sehen konnte.)

    Pessimistisch betrachtet: Wir sind verloren.
    Realistisch betrachtet: Wir müssen weiterhin versuchen, die Leute sinnvoll aufzuklären.
    Optimistisch betrachtet: Äh, na ja ...
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