https://queer.de/?42659
Ab Donnerstag im Kino
Luftig-leichte lesbische Liebschaft
In ihrem Langfilmdebüt folgt Charline Bourgeois-Tacquet einer 30-jährigen Französin, die sich in eine wesentlich ältere Autorin verliebt: "Der Sommer mit Anaïs" ist eine romantische Komödie, die ebenso wie ihre Protagonistin vor Tiefgang zurückschreckt.

Anaïs lebt im Hier und Jetzt. Als sie auf die erfolgreiche Schriftstellerin Émilie trifft, spürt sie, wie die Macht der Gefühle sie überwältigen (Bild: Prokino)
- Von
19. Juli 2022, 07:45h 4 Min.
Sie ist ein echter Wirbelwind, diese Anaïs. Sie kommt immer zu spät, weil sie kopflos von der einen Sache zur nächsten eilt. Die Miete seit Monaten nicht bezahlt, die Masterarbeit schon längst überfällig, kein regelmäßiges Einkommen – was soll's. "Der Sommer mit Anaïs" will eine luftig-leichte Charakterstudie sein, und rückt dafür eine ebenso luftig-leichte Protagonistin (Anaïs Demoustier) in den Fokus.
In ihrem Langfilmdebüt erzählt Charline Bourgeois-Tacquet von einer dreißigjährigen Französin, die jedes Klischee einer sommerlichen romantischen Komödie erfüllt. Natürlich trägt sie florale Kleidchen, natürlich radelt sie mit Blumen im Korb durch die sonnendurchflutete Stadt. Natürlich ist sie ein wenig tollpatschig, natürlich ist sie überaus impulsiv.
Eine lebenslustige Narzisstin
Bereits wenige Szenen nach Beginn steht fest, dass dieser Film mit seiner Hauptfigur so zimperlich wie möglich umgehen wird. Dass man Anaïs genauso erliegen soll, wie es ihr die Menschen im Film sind. Das Problem dabei ist, dass sie sich eigentlich nicht als Sympathieträgerin eignet. So sehr sich Bourgeois-Tacquet auch bemüht, sie als solche zu inszenieren.
Denn auch das gehört zur vermeintlich leichtfüßigen Sinnsuche einer jungen Frau, die sich nicht festlegen möchte: Ganz nebenbei eröffnet sie Partner Raoul (Christophe Montenez), dass sie schwanger ist. So als ob es sich um einen Zahnarzttermin handeln würde, setzt sie ihn unbekümmert darüber in Kenntnis, dass sie nächste Woche eine Abtreibung durchführen lassen wird.
Wenn er sie daraufhin mit einem Bulldozer vergleicht, der keinerlei Rücksicht auf die Gefühle seiner Mitmenschen nimmt, scheint er recht zu haben. Es ist nicht das einzige Mal, dass die Protagonistin in erster Linie egozentrisch handelt, und bei allem Narzissmus unwillig oder gar unfähig ist, die Empfindungen ihres Umfelds zu berücksichtigen.
Angst vor Tiefgründigkeit

Poster zum Film: "Der Sommer mit Anaïs" startet am 21. Juli 2022 bundesweit in den Kinos
Ihre Außergewöhnlichkeit, ihr Lebensdurst und ihr Charme – so wirkt es zumindest – sollen das allerdings ausgleichen, dem Publikum ein Faszinosum sein. So als würde man sich doch insgeheim freuen müssen, wenn ein Wirbelwind wie Anaïs durch jemandes Leben wütet. Dem wesentlich älteren Daniel (Denis Podalydès), ein Buchverleger, dem sie auf einer Party begegnet, ergeht es zunächst auch so.
Mit ihr betrügt er seine Freundin Emilie (Valeria Bruni Tedeschi) und ist dabei sichtlich geschmeichelt, dass sich eine so junge Lebefrau für ihn begeistern kann. Einmal wird sie ihm gegenüber den Satz sagen, dass sie Menschen möge, die wissen, was sie möchten. Aus ihrem Mund klingt das unglaublich ironisch, auch weil der Film sie keinerlei Wachstum durchmachen lässt.
Zeitweise versucht er sie zwar zu erden – etwa, wenn er sie zusammen mit der ernsthaft erkrankten Mutter (Anne Canovas) zeigt, oder wie Anaïs ihr in einem Brief zu erklären versucht, warum sie nicht bei ihr sein kann – dies passiert aber nie mit ausreichender Ernsthaftigkeit. "Der Sommer mit Anaïs" scheint ebenso wie seine Protagonistin letztlich zu viel Angst vor Tiefgründigkeit zu haben, auch wenn beide sie punktuell für sich beanspruchen.
Luftig-leichte Liebschaft
In einem weiteren Anfall von Impulsivität setzt sich Anaïs in den Kopf, sich von Emilie, besagter Partnerin ihrer momentanen Affäre Daniel, angezogen zu fühlen. Kurzerhand beschäftigt sie sich mit dem Werk der erfolgreichen Autorin und reist ihr kurz darauf hinterher, entwickelt eine Obsession – beinahe könnte man von Stalking sprechen.
Bald findet sich Anaïs auf einem literarischen Symposium wieder, wo sie Emilie – im Gegensatz zu ihr reflektiert, selbstkritisch und zur Melancholie neigend – tatsächlich näherkommt. Ihre Zwiegespräche und ihre schrittweise intellektuelle wie körperliche Annäherung gehören unumwunden zu den Stärken von "Der Sommer mit Anaïs", auch wenn nicht sorgsam genug ergründet wird, worin die gegenseitige Anziehung überhaupt besteht.
Leider nimmt ihre gemeinsame Zeit gegenüber dem Rest des Films einen zu kleinen Anteil ein – und mündet außerdem in einem übereilten Finale – um aus dieser Geschichte doch noch eine gelungene zu machen. Luftig-leicht ist "Der Sommer mit Anaïs" damit allemal – und damit am Ende genauso schnell vergessen, wie das bei allen luftig-leichten Dingen der Fall ist.
|
Der Sommer mit Anaïs. Originaltitel: Les Amours d'Anaïs. Drama. Frankreich 2020. Regie: Charline Bourgeois-Tacquet. Cast: Anaïs Demoustier, Valeria Bruni-Tedeschi, Denis Podalydès. Laufzeit: 98 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. Verleih: Prokino Filmverleih. FSK 12. Kinostart: 21. Juli 2022
Mehr zum Thema:
» Noch bis 21.07.2022: 5x2 Freikarten für
"Der Sommer mit Anaïs" zu gewinnen
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
07:15h, tagesschau24:
Lebenslinien
Priester, Zölibat und das verborgene Leid – Die Dokumentation erzählt von Pfarrern, die in geheimen Beziehungen leben, darunter auch schwule Priester.
Doku, D 2026- 9 weitere TV-Tipps »















