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Interview

"Mal abschalten und Spaß haben, bevor der Kampf weitergeht"

Wir sprachen mit dem queeren Multitalent Billy Porter über sein märchenhaftes Regiedebüt "Anything's Possible", die konservative Attacke auf LGBTI-Rechte in den USA und Queerness als Superpower.


Billy Porter (r.) und Hauptdarstellerin Eva Reign am Set von "Anything's Possible" (Bild: Tony Rivetti / Amazon Studios)

Lange Jahre schlug sich Billy Porter, geboren 1969 in Pittsburgh, mit eher mäßigem Erfolg als Schauspieler und Sänger mit Musical-Rollen in New York und gelegentlichen TV-Rollen durch. Doch nachdem auf der Bühne der Durchbruch mit der Hauptrolle in "Kinky Boots" gelang (wofür es 2013 den Tony Award gab), wurde endlich auch Hollywood hellhörig. Wobei ein paar spektakuläre Outfits auf dem roten Teppich bei der Aufmerksamkeit sicherlich nicht geschadet haben.

Inzwischen wurde Porter, der seit 2017 mit seinem Mann Adam Smith verheiratet ist und vergangenes Jahr seine HIV-Diagnose öffentlich machte, für die Serie "Pose" als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet und war in Filmen wie "Lady Business" oder "Cinderella" zu sehen. Nun legt er mit "Anything's Possible" (seit 22. Juli bei Prime Video) seinen ersten Film als Regisseur vor (Filmkritik von Fabian Schäfer). Wir konnten dazu – während er mit einem Sandwich und der heimischen Klimaanlage Hunger und Hitze bekämpfte – ein Videotelefonat mit ihm führen.


Poster zum Film: "Anything's Possible" läuft seit 22. Juli 2022 bei Amazon Prime Video

Mr. Porter, Sie stehen seit über 25 Jahren vor der Kamera, nun für den Film "Anything's Possible" erstmals dahinter. Haben Sie schon lange davon geträumt, Regie zu führen?

Am Theater habe ich schon seit 20 Jahren immer mal wieder inszeniert, und der Plan war immer, dass ich das irgendwann auch mal beim Film mache. Ich habe die Sache also manifestiert, wie man so schön sagt. Denn "Anything's Possible" war am Ende kein Projekt, das ich entwickelt habe, sondern eines, das mir angetragen wurde.

Wie kam es dazu?

Die großartige Produzentin Christine Vachon und ihr Team von Killer Films bekamen das Drehbuch in die Hände und dachten sofort an mich als möglichen Regisseur. Da hat sich bezahlt gemacht, dass ich vor langer Zeit den Beschluss gefasst habe, immer authentisch zu sein und sehr bewusst meine Queerness zu feiern, statt zu verstecken. Deswegen bin ich heute, wo der Zeitgeist uns in der LBGTQIA-Community endlich mal in die Hände spielt, bei den Leuten fest verankert als jemand, der bei diesen Themen weiß, wie der Hase läuft.

Ein Film über eine trans Schülerin steht und fällt natürlich mit der richtigen Hauptdarstellerin. Wie schwierig war es, die richtige zu finden?

Ursprünglich hatten die Produzent*­innen sich für ein anderes Mädchen entschieden (Yasim Finney, deren Arbeitsvisum für die USA nicht rechtzeitig bewilligt wurde und die dann eine Rolle in "Heartstopper" übernahm; Anm. d. Redaktion). Doch als wir kurzfristig umplanen mussten, kam meine ursprüngliche erste Wahl wieder ins Spiel, die wunderbare Eva Reign. Sie hatte beim Casting so eine wunderbar bodenständige Energie, die ich umwerfend fand. Dass sie vielleicht ein wenig reifer wirkt als es ein Highschool-Kid dieses Alters eigentlich wäre, fand ich gerade gut. Denn ich hatte den Eindruck, dass unsere Protagonistin zwar ein Teenager sein sollte, aber eben auch jemanden, der das Publikum entschlossen durch diese Geschichte führen kann.


Khal (Abubakr Ali) und das trans Mädchen Kelsa (Eva Reign) verlieben sich ineinander (Bild: Amazon Studios)

Sie haben den Film in Ihrer Heimatstadt Pittsburgh und sogar in Ihrer alten Schule gedreht, nicht wahr?

Das mit der Schule stimmt nur so halb. Ich habe tatsächlich selbst die Creative and Performing Arts High School in Pittsburgh besucht, die CAPA genannt wird. Das war allerdings in den 1980er Jahren, und damals war die Schule noch in einem anderen Gebäude als in dem, in dem wir nun gedreht haben. In jedem Fall hat es mir wahnsinnig viel bedeutet, in der Stadt zu drehen, in der ich geboren und aufgewachsen bin.

Pittsburgh ist ein sehr besonderer Ort, auch wenn die Stadt nicht immer den besten Ruf hat. Früher war die Stahlindustrie dort enorm präsent, doch die Politik hat besser als in anderen Teilen der USA früh genug verstanden, dass das nicht ewig hält und man umschwenken muss. Heute ist die Medizinbranche hier stark vertreten, außerdem jede Menge Firmen wie Google und Uber. Pittsburgh ist das Silicon Valley der Ostküste! Wir sind widerständig und anpassungsfähig, deswegen überstehen wir Krisen besser als andere. Dem wollte ich auch mit dieser romantischen Komödie Tribut zollen.

Apropos romantische Komödie: man könnte den Film auch als Märchen oder Utopie bezeichnen!

Ja, ich wollte zeigen, was wir als Gesellschaft sein können und sollten. Gerade weil es im Moment einen konservativen Backlash gibt und wir 24 Stunden am Tag nur schlechte Nachrichten hören, was die Rechte von so genannten Minderheiten angeht. Was logisch ist, denn die Horrormeldungen sind die, die mit denen die Redaktionen nun mal aufmachen. Aber der Grund, warum der Backlash und der Widerstand aktuell so groß sind, ist ja der, dass der Fortschritt und die Veränderungen längst stattgefunden haben. Daran darf man auch mal erinnern, statt immer bloß schwarzzumalen. Zwischendurch muss man auch mal durchatmen und sich freuen dürfen. In diesem Sinn ist "Anything's Possible" quasi so etwas wie eine Sauerstoffmaske, dank der man mal abschalten und Spaß haben kann, bevor der Kampf weitergeht.

Direktlink | Englischer Originaltrailer. Auf Prime Video gibt es eine deutsche Synchronfassung
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In den 1990er Jahren versuchten Sie sich auch als R&B-Sänger und veröffentlichten ein Album, das allerdings kein allzu großer Hit wurde. Nun haben Sie für "Anything's Possible" etliche Songs gesungen, geschrieben und produziert. Ist Ihre Liebe zur Musik neu entflammt?

Für den Mainstream kann man das so sagen, auch wenn die Musik aus meinem Leben nie verschwunden war. Als 1997 mein erstes Album erschien, wollte man mit einem Schwulen wie mir in der Branche nicht so viel zu tun haben. Aber davon habe ich mich nicht aufhalten lassen und bin meinen Weg trotzdem gegangen. Und mit der Zeit kam die Musikbranche dann wieder angekrochen, denn plötzlich war meine Queerness meine Superpower. Auf einmal will man sogar mehr davon. Also gibt's demnächst neue Musik von mir. Wieder in Zusammenarbeit mit Justin Tranter, der ja auch mit Lady Gaga, Selena Gomez oder Imagine Dragons kollaboriert. Wir haben auch gemeinsam die Songs für den Soundtrack zu "Anything's Possible" geschrieben und produziert, die für mich die perfekte Mischung aus meiner eigenen Vorliebe fürs Musical-Theater, schwarzen Disco-Sound der Siebziger und R&B der Neunziger sind.

Infos zum Film

Anything's Possible. Romantic Comedy. USA 2022. Regie: Billy Porter. Cast: Renée Elise Goldsberry, Eva Reign, Abubakr Ali, Kelly Lamor Wilson. Laufzeit: 98 Minutnen Sprache: deutsche Synchronfassung, englische Originalfassung. Untertitel: Deutsch (optional). Seit 22. Juli 2022 bei Amazon Prime Video

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#1 PeerAnonym
  • 25.07.2022, 09:52h
  • "Doch nachdem auf der Bühne der Durchbruch mit der Hauptrolle in "Kinky Boots" gelang"

    Oh ja, Kinky Boots...

    Habe ich zwar nicht mit ihm in New York gesehen, aber in London und in Hamburg.

    Ist eines der besten und mitreißendsten Musicals, das ich kenne. (Und ich kenne viele...)

    Das ist musikalisch toll und auch von der Story ein richtiges Feelgood-Stück, aber mit ernster Botschaft und einigen sehr berührenden Momenten.

    Leider lief es in Deutschland nur sehr kurz, weil man ein miserables Marketing hatte. Man hat das im Marketing so verkauft, als sei das eine reine Travestie-Show. Aber es ist ein Musical über die Rettung einer Fabrik und ihrer Arbeitsplätze, wo eben auch Dragqueens vorkommen, die diese Fabrik letztlich retten.

    Deswegen sagten viele, dass sie das nicht interessiert, weil sie eben (durch das Marketing) völlig falsche Vorstellungen hatten. Aber diejenigen, die drin waren, fanden es alle super und eines der besten Stücke, das sie kennen.

    Und in London und New York, wo das Marketing kein völlig falsches Bild vermittelt hatte, lief das Stück jahrelang mit großem Erfolg.

    Aber das kennt man ja leider, dass in Deutschland immer mal Dinge, die anderswo super funktionieren, mit der typisch "deutschen" Art in den Sand gesetzt werden.
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