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Aserbaidschan
Neuneinhalb Jahre Haft für brutalen Mord an queerem Journalisten
Queere Aktivist*innen zeigten sich enttäuscht über das Urteil gegen den 24-Jährigen, der nach eigener Aussage seinen Vetter wegen dessen Homosexualität getötet hatte.
- 1. August 2022, 09:23h 3 Min.
Ein Strafgericht in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku hat am Freitag einen 24-Jährigen wegen des vorsätzlichen Mordes an dem gleichaltrigen queeren Journalisten und Aktivisten Avaz Hafizli zu neun Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Es blieb damit noch unter der Forderung der Staatsanwaltschaft nach zehn Jahren Haft.
Der angeklagte Straftatbestand kann mit neun bis 14 Jahren Gefängnis belegt werden, bei Fällen von besonderer Gewalt der Tat oder Hilflosigkeit des Opfers mit 14 bis 20 Jahren. Das Strafmaß entsetzte die queere Community und die progressive Seite Aserbaidschans: Hafizli war schließlich im Februar von seinem Vetter äußerst brutal getötet worden (queer.de berichtete).
/ UlviyyaAliThe court ended the trial of the murder of reporter and queer activist Avaz Hafizli. The court found the accused Amrulla Gulaliyev guilty under the Article 120.1 (premeditated murder) and sentenced him to 9.5 years in prison. pic.twitter.com/EjZeAkO2oG
Ulviyya Ali (@UlviyyaAli) July 29, 2022
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Hafizlis Mutter sagte vor Gericht, ihr Sohn sei im Schlaf mit einem Messer attackiert worden, wie die blutgetränkte Matratze bezeuge, bevor er versucht habe, zu fliehen. Seine Leiche wurde mit aufgeschlitzter Kehle und verstümmelten Genitalien im Hof seines Hauses entdeckt.
Vetter forderte "Abkehr" von Homosexualität
Amrulla Gulalijew, der zur Tatzeit unter Alkoholeinfluss gestanden haben soll, gab vor Gericht klar an, er habe seinen Cousin wegen dessen Homosexualität getötet. Laut Medienberichten sagte er, dass er am Tag des Mordes zu Hafizlis Wohnung gegangen sei und ihm eine "letzte Warnung" gegeben habe. "Ich sagte ihm, er solle (…) von diesem Weg [Homosexualität] abkommen, und er sagte: 'Es ist mein Leben, geh und mach deinen Job'", so Gulaliyev vor Gericht. "Ich habe ein Messer aus der Küche genommen und ihn angegriffen."
Dieses Geständnis hätte zu einer höheren Bestrafung führen müssen, kritisierten queere Aktivist*innen und Freunde des Mannes, die größtenteils von dem Prozess ausgeschlossen worden waren. Der Bruder des Getöteten hatte sich hingegen Medienberichten zufolge an das Gericht gewandt und um Milde gebeten: Er habe dem Verwandten die Tat vergeben. Das gesellschaftliche bis hin ins familiäre sowie politische Klima zu LGBTI in dem Land ist verheerend, es ist regelmäßig Schlusslicht in einer entsprechenden Auswertung des Verbands ILGA Europe (queer.de berichtete).
/ arzugeybullaHafizli's death in February sparked a public outcry on social media platforms, with many activists criticizing Azerbaijan's history of inaction when addressing hate crimes, specifically those targeting marginalized groups in the country. https://t.co/T2U1zrrFXr
Arzu Geybulla (@arzugeybulla) July 29, 2022
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Laut Berichten von ILGA Europe und dem regionalen queeren Magazin "Minority" kam es in den letzten Jahren verstärkt zu vielen Hassverbrechen gegen die queere Community, die von den Behörden des autoritären Regimes von Präsident Ilham Alijew nicht als solche thematisiert und aufgeklärt werden. 2019 und 2017 kam es hingegen zu Massenfestnahmen queerer Menschen durch die Polizei. 2014 erhängte sich in Baku ein 20-jähriger LGBTI-Aktivist an einer Regenbogenflagge (queer.de berichtete).
Mutiger Journalist und Aktivist
Avaz Hafizli war unter anderem als Blogger und als Journalist aktiv. Bei einer Reportage für den Online-Sender Kanal 13 wurde er einst zusammengeschlagen, als er von der Eröffnung eines Restaurants in Zusammenhang mit vermuteter Korruption berichtete. In den letzten Jahren hatte sich Hafizli auch für queere Themen eingesetzt und in sozialen Netzwerken als Angehöriger der Community zu erkennen gegeben. Im letzten Jahr hatte er sich an das Gitter am Eingang der Staatsanwaltschaft angekettet, um auf deren Untätigkeit gegenüber anti-queerer Gewalt und Hetze aufmerksam zu machen.
/ nabiyevcavidAvaz Hafizli, young #journalist was killed today in #Baku, beheaded by his cousin. Recently he became very active for speaking up for #LGBTI+ rights in #Azerbaijan. Friends carried his body to morgue. #Ambulance & #police refused to carry his body. #hatecrimes are political! pic.twitter.com/YZ3gK1sy8G
Cavid Nabiyev #SdaqtEviQaytar (@nabiyevcavid) February 22, 2022
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Speziell ging es um eine einflussreiche Instagram-Bloggerin, die immer wieder zu Gewalt gegen queere Menschen und speziell trans Frauen aufrief – darunter gegen eine 27-jährige trans Frau, die dann im letzten August brutal getötet wurde: Mit verbundenen Armen und Beinen wurde sie in einem Wald verbrannt. Die Bloggerin hatte auch Hafizli in einem Video attackiert und bedroht, der daraufhin im letzten September einen Suizidversuch unternahm. (nb)
















