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TV-Tipp
3sat-Doku: Gestern prüde, heute offen – morgen wieder prüde?
Beim Thema Lust und Liebe stießen junge Menschen vor der "Sexuellen Revolution" vor allem auf großes Schweigen. Heute reden Teenager offen über ihre Identitätssuche. Doch sie haben andere Probleme.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Liebe, Sex und Partnerschaft von vielen Tabus befreit – doch dann gewann der Kommerz oft die Oberhand (Bild: ORF / Langbein & Partner)
- Von Christof Bock, dpa
2. August 2022, 05:07h 2 Min.
Wenn die Wiener Schauspielerin Christa Schwertsik mit ihrer jungen Enkelin über Sex spricht, malt man sich die Zeit vor 1968 wie das finsterste Mittelalter aus. "Aufklärung hab' ich nicht wirklich gekriegt zuhause", erzählt die 81-Jährige über ihre Jugend. "Im Biologieunterricht halt die Funktionen. Zuhause habe ich nichts erfahren. Und wie ich dann meine erste Regel hatte und ich entsetzt war, hat es geheißen: Das wirst du jetzt jeden Monat haben. Und es war furchtbar."
Die Doku "Sex, Porno und die Freiheit der anderen – Was von der sexuellen Revolution blieb" am Mittwoch, den 3. August 2022 um 20.15 Uhr auf 3sat schildert die Anfänge der Befreiung und schlägt den Bogen zum Heute.
Christa Schwertsik trifft ihre Enkelin Fanny, um über die Lust von damals und den Sex von heute zu sprechen. Dass die 22-jährige Fanny Beziehungen offen bisexuell lebt, nimmt ihre Großmutter völlig gelassen: "Ich glaube, dass es Beziehungen der verschiedensten Art immer schon gegeben hat. Du kannst nur jetzt das offener zeigen oder offener leben in dieser oder jener Konstellation. Aber ich glaube nicht, dass die Menschen sich geändert haben."
Enttabuisierung, aber auch Kommerzialisierung
In der frühen Nachkriegszeit herrschte in Europa eine Sexualmoral, die sich durch Tabus und Drohbotschaften auszeichnete. Wer sich selbst befriedigte, riskierte angeblich Rückenmarkschwund oder abfaulende Hände. Der weibliche Orgasmus fand kaum Beachtung, mitunter wurde er sogar als schädlich betrachtet. Klar getrennte Geschlechterrollen und Häuslichkeit waren vorherrschende Lebensformen. Homosexualität galt als krank und stand unter Strafe.
Heute erscheinen die Moralvorstellungen der Adenauer-Zeit weit weg und vorsintflutlich. Der Aufbruch in der "Sexuellen Revolution" hat Enttabuisierung, aber auch Kommerzialisierung in Gang gebracht.

Selbstverständlich lesbisch: In der Doku kommen auch Virginia Ernst und ihre Frau Dora zu Wort (Bild: ORF / Langbein & Partner)
Heute haben vor allem Jugendliche andere Probleme und Fragestellungen in Bezug auf ihre Sexualität: Welches Geschlecht habe ich? Welche Sexualpartnerinnen oder Sexualpartner ziehe ich vor – und wie viele? Wie entziehe ich mich der allgegenwärtigen Erotik und Pornografie?
Die Filmemacher Florian Kröppel und Kurt Langbein haben sich auf die Suche begeben. Sie sprechen mit jungen und alten Menschen über ihre Erfahrungen. Sie besuchen auch die Sexualtherapeuten Ute und Johann Giffey.
Das Paar führt seit über 25 Jahren gemeinsam eine Praxis im österreichischen Linz und sieht große Fortschritte seit der "Sexuellen Revolution". Im Hinblick auf ihre eigene Jugend bemerken sie aber auch, dass sich eine neue Prüderie in die Gesellschaft einschleicht.
Links zum Thema:
» Die Doku "Sex, Porno und die Freiheit der anderen - Was von der sexuellen Revolution blieb" bereits jetzt in der 3sat-Mediathek anschauen
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23:20h, One:
In den besten Händen
Catherine Corsini beleuchtet in ihrer Tragikomödie die gesellschaftlichen Spannungen in Frankreich – erzählt aus der Perspektive eines gut situiierten lesbischen Paares.
Spielfilm, F 2022- mehr TV-Tipps »
















Z.B. bei Nacktheit, wo heute viele junge Erwachsene viel prüder sind als noch vor 20 oder 30 Jahren.
Bei uns in der Schule war es völlig normal, nach dem Schwimmunterricht oder Sportunterricht nackt unter der Dusche zu stehen und sich zu waschen.
Oder auch generell in Schwimmbädern: noch bis in die frühen 2000er hinein standen die meisten Besucher da nackt unter der Dusche. Hat ja auch was mit Hygiene zu tun. Da gab es vielleicht auch mal ein oder zwei Ausnahmen. Aber heute ist es genau umgekehrt. Heute sind die ein bis zwei Nackten die Ausnahme.
Oder auch in Parks: da hat man sich früher im Sommer auch mal nackt auf der Wiese gesonnt. Das gibt es heute kaum noch und dann kommst sofort irgendwer mit "Erregung öffentlichen Ärgernisses", "sexuelle Belästigung" o.ä. Ähnlich sieht es an Stränden von Meer, Flüssen, Seen aus. Sogar in den Münchner Isar-Auen ist das massiv zurückgegangen, obwohl es da noch am ehesten ist.
Was Nacktheit (im Alltag und auch in den Medien) betrifft ist Deutschland definitiv viel prüder geworden als noch vor 20-30 Jahren. Und auch das ist ein Indikator für Freiheit. Da müssen wir aufpassen, dass das nicht in anderen Bereichen auch zu einem Rollback führt.