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Gastkommentar

Der CSD, Fetische und deren Instrumentalisierung

Bei der Forderung nach Fetischverboten geht es nicht um den Schutz von Kindern. Das rechte Scheinargument soll die eigene Ideologie davon, wie Menschen zu sein haben, festigen und propagieren.


Teil der queeren Familie: Petplayer beim CSD Köln (Bild: Norbert Blech)

Fast könnte man meinen, es wäre das wiederkehrende Sommerlochthema der queeren Community: Fetische auf CSDs. Doch ganz so einfach scheint die Sache nicht zu sein. Aktueller Anlass ist ein Posting nach dem Berliner CSD, auf dem Menschen mit Hundemasken und weiterer Ausrüstung aus Leder zu sehen sind, die auf dem Boden knieen. Besonders eindrucksvoll dabei: das kleine Kind, das vor ihnen steht. Ein weiterer Punkt ist nun, dass beim Rosa Tag im Heidepark, einer seit zehn Jahren existierenden Veranstaltung des CSD Nord e.V. und des HeideParks ebensolche Masken nicht zugelassen sind. Der Aufschrei in den Netzwerken bei beiden Ereignissen ist vielgestaltig. Nebenbei sei gesagt, dass das Bild gar nicht aus dem Jahr 2022 stammt. Doch für Fakten und Quellen interessiert sich die Shitstorm-Gemeinde nicht.

Dabei sind beide Vorgänge einerseits sehr unterschiedlich, andererseits jedoch sind sie auch Ausdruck eines unterschätzten Phänomens unserer heteronormativen Gesellschaft.

Es geht gar nicht um Fetisch an sich

Doch zuerst einmal: Offenbar geht es in beiden Fällen nicht um den Fetisch an sich. Denn Fetisch ist ein Sammelbegriff. Fetisch kann alles sein. Es gibt Menschen, die werden durch Gummistiefel erregt, andere durch Anzug und Krawatte, wieder andere durch Damenwäsche, Pumps, Sneaker, Leder und vieles mehr. Diesen Fetischen ist die sexuelle Identität übrigens egal. Das gesamte Spektrum, dessen die Menschheit fähig ist, hat Fetische. Geht es also wirklich um Fetische? Wer hat denn schon mal davon gehört, dass das Tragen von Anzügen auf einem CSD oder auch auf irgendeiner anderen Veranstaltung verboten werden sollte? Oder das Tragen von Turnschuhen?

Nein. Wenn wir uns die zugrundeliegenden Fälle anschauen, dann geht es bisher nahezu immer um Hundemasken, das sogenannte Pup-Play. Ich behaupte jedoch, dass ähnliche Reaktionen auftreten, wenn Männer Damenwäsche tragen. Übrigens nahezu nie, wenn Frauen Jeans tragen.

Konfrontation mit heteronormativen Glaubenssätzen


Unser Gastautor Kai Bölle ist Vorstand im CSD Deutschland e.V.

Worum geht es also wirklich? Es geht um nicht mehr und nicht weniger als die Konfrontation mit heteronormativen Glaubenssätzen, wie Menschen zu sein haben, wie man sich zu zeigen und zu geben hat. Diese Thematik ist dabei so alt wie die Menschheit selbst. Wer Interesse hat, beschäftigt sich gerne nochmal mit der Zeit, als Frauen anfingen Hosen zu tragen oder als der Minirock in Mode kommt. Es darf nicht sein, was nicht sein darf. Eine rationale Begründung dafür kann niemand liefern. Egal, mit welchen Ereignissen wir uns beschäftigen. Die Vernunft ist dabei selten im Spiel. Da dies so ist, werden Scheinargumente ins Feld geführt. Dabei entlarven diese sofort, um was es geht. Im Fall der Puppy-Masken hört man unisono: Ja, aber da sind doch auch Familien und Kinder.

Bäm! Da ist es, das Totschlagargument der reaktionären Rechten. Mit der Begründung, Kinder schützen zu müssen, wurde in Florida das Thema LGBTIQ* aus ganzen Schulstufen verbannt, mit dem Argument wurden in Polen und Ungarn LGBTIQ*-feindliche Gesetze erlassen. Kinder müssen geschützt werden!

Seltsam, dass bisher keine Forderung aufkam, dass katholische Kirchen erst ab 18 Jahren betreten werden dürfen, Ministranten verboten werden und überhaupt die katholische Kirche als Gefahr für Kinder eingestuft wird. Dabei gibt es in diesem Kontext weltweit Tausende von erwiesenen Missbrauchsfällen. Jedoch gibt es nicht einen einzigen Fall, in dem ein Kind durch den Anblick eines Menschen mit Puppy-Maske in irgendeiner Weise Schaden nahm. Wohl jedoch Eltern, die ihren Kindern die Vielfalt der Welt erklären müssten.

Internalisierte Homophobie

Dass auch innerhalb der LGBTIQ*-Community ähnlich argumentiert wird, zeigt vor allem eines: wie tief verwurzelt wir mit diesen Glaubenssätzen "Wie ein Mensch zu sein und sich zu zeigen hat" aufwachsen. Es ist das mittlerweile erforschte Phänomen der internalisierten Homophobie. Wenn ich eben als Kind erzählt und vorgelebt bekomme, dass so etwas falsch ist, dann trage ich in dem Moment, wenn ich diese Identität in mir selbst erkenne, zuerst einmal einen verflixt anstrengenden Kampf mit mir selber aus. Der angeblich Kinderschutz führt direkt zum Gegenteil. Wenn aus Kindern Teenagern werden, die sich und ihre Sexualität und ihre Identität entdecken, dann sorgt das Ausmerzen der Vielfalt menschlichen Lebens während des Aufwachsens vor allem dafür, sich falsch zu fühlen. Mit allen Folgen für die psychische Gesundheit. Woran liegt es wohl, dass die Suizidquote bei queeren Jugendlichen soviel höher ist als in der Gesamtbevölkerung?

Nein. Es geht nicht um den Schutz von Kindern. Eine bestimmte Gruppe der Gesellschaft nutzt dieses Scheinargument, um die eigene Ideologie davon, wie Menschen zu sein haben, zu festigen und zu propagieren. Es ist eine psychologische Methode, die hier angewandt wird. Eine Methode, die wir bei Donald Trump in Reinkultur gesehen haben. Trump hat über andere permanent das behauptet, was er selbst getan hat: gelogen, betrogen, den eigenen Vorteil gesucht und vieles mehr.

Sei wer du bist – angstfrei und selbstbestimmt

Unserer Community wird also vorgeworfen, unser Streben nach gleichen Menschenrechten wäre das Propagieren einer LGBTIQ*-Ideologie. Dabei ist es exakt das, was eben die stark evangelikal geprägte Rechte tut. Sie verbreitet eine Ideologie, wie der Mensch zu sein hat. Dabei gehört dazu eben auch, wie der Mensch sich zu kleiden und zu verhalten hat. Eine Ideologie, die nur darauf beruht, dass das halt so zu sein hat bzw. weil vor über 2000 Jahren irgendwo irgendwer das mal von einem Gott gehört zu haben glaubt. Obwohl die Natur diese Ideologie schon längst als falsch entlarvt hat.

Dass bei CSDs Menschen sich endlich trauen, sich so zu zeigen, wie sie sich wohl und frei fühlen, wird instrumentalisiert. Bei CSDs entstehen immer Bilder, die dafür nutzbar sind. Dabei zeigt es ja nur, wofür die LGBTIQ* Community kämpft: Sei wer du bist – angstfrei und selbstbestimmt. Also geh auf die Straße und zeige dich so! In Pumps, im Rock oder im Anzug, in Jeans, fast nackt oder eben als Puppy.

Wie ich schon sagte, wenn mein Fetisch der Anzug ist, dann werde ich keine Probleme haben. Der heteronormativen Gesellschaft fällt es leicht, einen schwulen Mann im Anzug zu ertragen. Ja, mittlerweile fällt es ihr sogar leicht, eine Frau im Anzug zu ertragen. Doch sobald ich den Anzug gegen einen Rock und Pumps tausche, beginnen schon die Probleme.

Doch das ist eben CSD, das ist Pride: Sein, wie ich mich wohl fühle, sein, wer ich bin. Das ist es, was die Gesellschaft aushalten muss. Das offenkundig Irritierende, Andere, Unbekannte. Übrigens: Kinder können das am besten aushalten. Sie begegnen den Puppys nämlich mit Neugier und nicht mit Abwertung.



36 Kommentare

#1 naturalizeAnonym
  • 04.08.2022, 11:43h
  • Vielen Dank für den sehr guten Artikel.
    Richtig, die heteronormative Gesellschaft bzw. deren spießige und hasserfüllte Teile, haben das auszuhalten, wenn auch mal jemand im Hundekostüm verkleidet dabei ist - bei einem CSD-Umzug, der nur an einem Tag im Jahr stattfindet.

    Wir dürfen ja auch deren Hetero-Exzesse z.B. nach Fußballspielen mit gewaltbereiten Hooliganausschreitungen usw. tolerieren. Da fragt auch keiner, ob man das gutfindet.
    Bzw. übervolle U- und S-Bahnen mit besoffenen und lauten gröhlenden Typen vor und nach jedem Fußballspiel.
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#2 DankeAnonym
  • 04.08.2022, 11:44h
  • Danke für diesen wunderbar zusammenfassenden Kommentar. Wäre schön, wenn er -zumindest innerhalb der "Community", bzw. der hier häufiger Kommentierenden- nicht nur die Buchstaben läsen, sondern auch den den Sinn begreifen.
    Diese Nichtdebatten, die auch hier in den letzten Tagen immer wieder stattfanden, sind schlicht ermüdend. Insbesondere, wenn die Nichtargumente mehr-, teilweise dutzendfach benannt und widerlegt werden und einen Kommentar später kommt der/die nächste Person um die Ecke und fängt wieder mit dem gerade widerlegten Unsinn an. Woran man/ich leider auch sehe, dass es eben nicht um fehlende Wissen oder Argumente, kurz: Diskurs an sich geht.
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#3 DankeAnonym
  • 04.08.2022, 11:50h
  • Antwort auf #2 von Danke
  • Korrektur: "Wäre schön, wenn von ihm [dem Artikel] -zumindest innerhalb der "Community", bzw. der hier häufiger Kommentierenden- nicht nur die Buchstaben gelesen, sondern auch der Sinn begriffen würde."
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#4 VestigeAnonym
  • 04.08.2022, 12:01h
  • Ich will mir die Bemerkung nicht verkneifen, da§ 'die community' das hier prägnant skizzierte Problem erst thematisiert, seitdem es auch cis Personen - pun intended - ans Leder geht.

    'Die Kinder! Die Kinder!' Die TERF-Haßpamphlete, die genau an diesem Punkt ansetzen, wurden ebenso ignoriert wie die Verschwörungserzählungen der deutschen Medien: 'trans Lobby'.

    Man hätte wissen können, daß das der Keil von Rechtsaußen ist, trans Personen, auch in Deutschland, haben das seit Jahren unablässig so dargelegt. Und wer, und was, an der Reihe ist, wenn der Keil erst einmal sitzt und immer weiter vorangetrieben wird.

    Wir haben's euch gesagt.

    Und, nein, Respectability Politics hilft da nicht. Sie spaltet, wie Keile das eben tun.
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#5 YomenAnonym
  • 04.08.2022, 12:19h
  • Antwort auf #4 von Vestige
  • "da§ 'die community' das hier prägnant skizzierte Problem erst thematisiert, seitdem es auch cis Personen - pun intended - ans Leder geht"

    Wirklich? Nun weiß ich ja nicht, welcher Jahrgang du bist, aber bösartige Unterstellungen a la "ich habe nichts gegen Schwule, solange die Gesetze eingehalten werden" z.B. eines Friedrich März, sind feste Zutat der homophoben Giftküche. Mindestens seit Jahrzehnten, eher seit Jahrhunderten.
    Das ist also schon sehr lange Thema.
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#6 PeerAnonym
  • 04.08.2022, 12:28h
  • "Fast könnte man meinen, es wäre das wiederkehrende Sommerlochthema der queeren Community: Fetische auf CSDs."

    Es geht aber bei den momentanen Diskussionen nicht um CSDs. Das sind unsere Veranstaltungen, da bestimmen wir auch die Regeln. Und wem das nicht passt, der geht halt nicht hin.

    Aber bei der aktuellen Diskussion geht es um einen Pride-Tag in einem Freizeitpark. Und genau wie wir bei einem CSD die Regeln festlegen, so kann ein Freizeitpark eben auch auf seinem eigenen Gelände die Regeln festlegen. Und auch da gilt: wem das nicht passt, der geht einfach nicht hin.

    Wir können doch nicht für unsere Veranstaltungen auf öffentlichen Straßen unsere Regeln einfordern und dann einem privaten Betreiber auf dessen eigenem, privaten Unternehmen dasselbe verbieten.
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#7 YomenAnonym
  • 04.08.2022, 12:34h
  • Antwort auf #6 von Peer
  • Das ist leider die Verwechslung von Toleranz und Intoleranz.
    Und sich mit CSD-Federn zu schmücken, aber mit dem Geist der Emanzipation nichts zu tun haben wollen, ist schon sehr schräg, wenn nicht dreist. Also eher ein misslungener Versuch, Marketing zu betreiben.
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#8 Akamaru CanisAnonym
  • 04.08.2022, 12:37h
  • Antwort auf #6 von Peer
  • Dann sollte der private Veranstalter und der CSD Nord dafür nicht das Wort "Pride" benutzen. Dann ist es halt keiner Feier der Vielfalt und Toleranz, wie beworben, sondern nur eine familiengerechte Infoveranstaltung über Vielfalt und Toleranz.
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#9 VestigeAnonym
  • 04.08.2022, 12:51h
  • Antwort auf #5 von Yomen
  • Du wirst (vielleicht) lachen: mein Jahrgang ist Mitte 60er, und ich habe hier schon erzählt, daß ich den brutalen Homo-Haß schon vor AIDS, und dann die Menschenhatz in den 80ern miterlebt habe. Mit 'miterlebt' meine ich, daß ich mir damals ein paar Kampfnarben zugezogen habe, weil ich dabei nicht tatenlos zusehen wollte.

    Umgekehrt habe ich das nie erlebt. Stattdessen Ausgrenzung in Gutsherren-Manier und gar nicht so selten extreme Feindseligkeit innerhalb 'der community' und aus ihr heraus gegen nicht binäre, inter und trans Personen und nicht zuletzt queers of color.

    Die Auseinandersetzung um die Progressive Pride Flag in diesen Kommentarspalten ist da sehr erhellend.

    Das wußten und wissen die Rechten, die darum in den USA trans seit Jahren selbst als 'wedge issue' bezeichnen, der 'Keil' ist nicht einmal meine Wortwahl.

    Mein Eindruck ist, daß es eine signifikante Reaktion auf den 'Welt'-Artikel Anfang Juni gab, weil dieser zwar auf trans Personen zielte, aber einige in 'der community' noch wissen, oder jetzt lernen, daß sie bei 'Frühsexualisierung' mit in der Zielerfassung sind.
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#10 LorenProfil
  • 04.08.2022, 12:52hGreifswald
  • Antwort auf #6 von Peer
  • Aus dem queer-Kommentar:
    " ... beim Rosa Tag im Heidepark, einer seit zehn Jahren existierenden Veranstaltung des CSD Nord e.V. und des HeideParks"

    Es ist eben keine Veranstaltung, die der Heidepark allein durchführt, sondern eine gemeinsame Veranstaltung mit dem CSD Nord e.V., der übrigens auch dafür verbilligte Tickets anbietet. Hier erklärt sich bislang offenbar ein Zusammenschluss vieler CSD-Veranstalter damit einverstanden, diesen Rosa Tag als Feier für Vielfalt und Toleranz zu deklarieren und gleichzeitig zu diskriminieren und auszuschließen, was man nicht für "familien-tauglich" hält. Wenn man einen queeren Familientag veranstalten will, soll man es m.E. so bezeichnen und sich dann der Diskussion aussetzen, was unter "familien-tauglich" verstanden wird und was nicht. Da landet man vielleicht unversehens beim "Kinderschutz" und der "Werbung für sexuelle Praktiken", die man nicht tolerieren will und muss diese dann ggf auflisten. Kann auch ganz interessant sein. Jedenfalls hat aus meiner Warte der CSD Nord e.V. ein Eigentor geschossen, weil man sich unter falscher Flagge ("Toleranz & Vielfalt") auf eine See begeben hat, die stürmisch sein kann. Aber erst zu denken und dann zu handeln ist offenbar nicht für alle das Gebot der Stunde.

    Heute besteht dieser CSD Nord e.V. übrigens aus 15 CSDs:

    www.csd-nord.de/der-verein/
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