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Kollektiv "QTI*BIPoC United"

Rassismuskritik am Berliner CSD: Von Preisverleihung ausgeladen

Eigentlich sollte das Kollektiv "QTI*BIPoC United" auf dem Berliner CSD einen Preis für seine intersektionale Praxis erhalten. Doch weniger als 24 Stunden vorher erfolgte die Absage. Nun setzt es Kritik – und eine Demo.


Die Progress-Pride-Flagge unterstreicht, wie hier in Berlin 2021, die Interessen von Schwarzen, indigenen und PoC-Queers (Bild: Lucas Werkmeister / wikipedia)

Das Berliner Kollektiv QTI*BIPoC United hat sich gegründet, um der weißen Dominanz in queeren Berliner Pride-Organisationen etwas entgegen zu setzen und den Stimmen und Bedürfnissen der PoC-Community Aufmerksamkeit zu verschaffen. Das Akronym steht für "queer, trans, inter, Black, Indigenous und People of Color". Die Aktiven organisierten unter anderem eine Gedenkaktion zum vergangenen Transgender Day of Remembrance sowie eine "Reclaiming Pride"-Demo mit 2.500 Teilnehmer*innen, die als Teil einer Sterndemo zum alternativen CSD Berlin Pride im vergangenen Jahr aus mehreren Stadtteilen zum Alexanderplatz führte.

Beim diesjährigen großen Berliner CSD am 23. Juli sollte dem Kollektiv für seine Bemühungen um intersektionale politische Praxis eigentlich der "Soul of Stonewall Award" verliehen werden. Eigentlich – denn die Organisator*innen des CSD sagten den antirassistischen Queers einfach kurzfristig ab. Diesen Vorwurf an den Berliner CSD-Verein erhebt zumindest das Kollektiv.

Keine Preisverleihung, keine Rede


Das Kollektiv vertritt die Interessen von Queers, die von Rassismus betroffen sind (Bild: QTI*BIPoC United)

Mit der Ausladung, den Preis als Teil des Bühnenprogramms entgegen zu nehmen, war der Gruppe auch die Möglichkeit genommen worden, zu sprechen – und so die Kritik an den weiß dominierten queeren Vereins- und Bewegungsstrukturen an prominenter Stelle zu äußern.

Doch nicht nur das: Für die Preisverleihung und die politischen Inhalte soll an jenem Samstag, an dem geschätzte 600.000 Menschen in der Hauptstadt auf der Straße waren (queer.de berichtete), angeblich schlicht das Bühnenprogramm zu voll gewesen sein. Aber für Auftritte von PoC-Künstler*innen aus dem Kollektiv, bei dem diese ohne Entgelt gesungen und getanzt haben, sei anscheinend trotzdem Platz gewesen, so das Kollektiv. Von der Umgestaltung des Programms und ihrer Ausladung wollen die Aktivist*innen erst weniger als 24 Stunden vorher erfahren haben.

Die Absage des Preises reihe sich, so das Kollektiv, ein in "eine Kette aus Versuchen des CSD Berlin, uns für sein kommerzielles Event dekorativ einzubinden". Singende und tanzende queere Schwarze Menschen und People of Color hätten "dem Berliner CSD den Anschein der Diversität geben" und ihn "politisch und rebellisch erscheinen lassen" sollen. Das aber passt, wie das "QTI*BIPoC United"-Kollektiv meint, offensichtlich nicht zum Kern der Veranstaltung.

Obwohl der CSD Berlin per E-Mail zugesagt hatte, auf die erhobenen Vorwürfe zu reagieren, ist die Presseanfrage von queer.de zum Thema vom Dienstag bis heute nicht beantwortet worden. Wie sich der Konflikt um die abgesagte Preisverleihung daher aus Sicht des Vereins darstellt, ist unklar. Auf der Website des CSD findet sich noch immer die Ankündigung der Preisverleihung an das Kollektiv. Demnach widme sich die Gruppe der Sichtbarmachung von denjenigen Stimmen, die "viel zu lange marginalisiert und stumm gemacht wurden und werden".

"Reclaiming Pride"-Demo im September

Doch die Kritik am offiziellen CSD-Verein geht noch weiter. Vorgeworfen wird den Organisator*innen nicht nur die Zusammenarbeit und ein "Schulterschluss" mit der Polizei, die für die gesellschaftliche Ausgrenzung von Schwarzen, indigenen und PoC-Queers verantwortlich gemacht wird. Auch ist den Aktivist*innen die Präsenz von Großkonzernen wie dem Facebook-Mutterkonzern "Meta" oder Tesla ein Dorn im Auge.

Darum kündigten die antirassistisch aktiven Queers nun an, in Reaktion auf den Umgang nicht mehr am großen Berliner CSD teilzunehmen: "Wir beteiligen uns bei keinen Christopher Street Days, die Schwarze Menschen und People of Color für ihr diversity-washing ausstellen, und damit die eigentliche rassistische Dynamik erneut festschreiben." Eine Pride-Demonstration, die Antirassismus und Antikapitalismus nicht "für eine queere Befreiung zentral macht", sei keine. Hier würden die "klassenförmigen Belange" von Queers, Schwarzen Menschen und People of Color denen von weißen mittelständischen Lesben und Schwulen gegenübergestellt. Das sei "in Deutschland bittere Tradition".

Und: Im September werde man das, was mit der Sterndemo im vergangenen Jahr begonnen hat, fortführen und eine weitere "Reclaiming Pride" veranstalten. Am 10. September werde das Kollektiv "gemeinsam mit Freund*innen und Geschwistern" in Berlin für Emanzipation demonstrieren und feiern: "Wir wollen über Identitätspolitik hinaus gemeinsame Perspektiven entwickeln. Wir wollen eine Politik der Teilhabe und eine Praxis radikaler Solidarität. Nicht trotz unseres Verschiedenseins, sondern gerade weil wir verschieden sind, wollen wir gemeinsam für ein gutes Leben streiten."

Um ihre Vorstellung von einer solchen Politik zu konkretisieren, stellten die Aktiven zehn Forderungen auf. Darunter finden sich Punkte wie der Abolitionismus, also die Abschaffung von "rassistischen Polizei- und Sicherheitsapparaten", das Denken von Befreiung über die kapitalistischen Verhältnisse hinaus, gesellschaftliche, politische und soziale Teilhabe "statt diversity politics" oder eine "bedarfsorientierte und niedrigschwellige Gesundheitsversorgung" für die "aufgrund von gesellschaftlichen und strukturellen Diskriminierungen besonders vulnerablen Mitglieder unserer Communities." (jk)



27 Kommentare

#1 Ja guckAnonym
  • 05.08.2022, 18:40h
  • Wie immer: "If you wish to know what a man really is, give him power."
    (Robert G. Ingersoll, nicht Lincoln)

    Ich wünsche QTI*BIPoC United die nötige Reichweite - verdient wäre sie. Allein das Bild, dass der CSD die "Soul of Stonewall Award" auslädt, sagt mehr über den/die Veranstalter*innen aus, als ihnen lieb sein kann.

    Übrigens:
    "Auch ist den Aktivist*innen die Präsenz von Großkonzernen wie dem Facebook-Mutterkonzern "Meta" oder Tesla ein Dorn im Auge."
    Ich war leider, bzw. zum Glück nicht dabei - waren diese mehrfach bewiesen queerfeindlichen Konzerne wirklich vertreten? (Facebook/Meta, weil bei ihnen Hassrede nach wie vor zum "guten Ton" gehört, Drohungen, Beleidigungen und schlimmeres "überraschenderweise" fast nie "gegen unsere Gruppenstandards" verstoßen; Tesla, weil Musk ja so queerfreundlich ist, dass er bzgl. der queeren Inhalte seinem Besorgt-Sprech freien Lauf ließ und vom "Woke Mind Virus" sprach, das für Geschäftseinbrüche verantwortlich sei und der auch sonst ein so netter Mensch zu sein scheint, dass sich seine Tochter, die als trans sicherlich ein recht gutes Gespür dafür hat, wie seine "Queerfreundlichkeit" (die er gern dann anstimmt, wenn es bei seinen Tweets richtig Gegenwind gibt oder wenn man damit marketingtechnisch punkten kann) wirklich aussieht. Umsonst will sie wohl kaum vollständig mit ihm brechen ("in keiner Weise mit meinem biologischen Vater verwandt sein").

    Bei Springer habe ich Ekel gekriegt, aber diese beiden Unternehmen noch dazu - allein das wäre schon ein Grund für mich, dem "offiziellen CSD" fernzubleiben.
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#2 BlakeAnonym
  • 05.08.2022, 19:49h
  • Was zum Geier.
    Wie widerlich müssen Menschen sein. Wie hässlich ist ihr inneres, ihre Gesinnung um solch einen Scheiß abzuziehen. Es waren bipoc Lesben und trans Menschen die uns das erste bisschen Freiheit erkämpft haben!!!
    Und hier stehen weiße Schwachköpfe und Ignoranten auf der Treppe des Privilegs, heraus schreiend wie wichtig ihnen Vielfalt ist, während sie die Stimmen derer, die der queeren Community überhaupt erst Gestalt gaben, mundtot machen.
    Was für ein riesiger Haufen Scheiße.
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#3 VestigeAnonym
  • 05.08.2022, 20:10h
  • Antwort auf #2 von Blake
  • Liebe/r Blake,

    ich erzähl' dir was. Ich hatte schon einen längeren Kommentar geschrieben (ich verlinke hier öfter Artikel etc.), dann konnte ich mich nicht entschließen, ihn abzusenden, weil: ich habe mir hier schon öfter genau um diese Thematik hier die Finger wund getippt, für nix & wieder nix ...

    Und dann hab' ich deinen Kommentar gelesen.

    Sagen wir: ich drücke mich anders aus. Aber du hast gesagt, was zu sagen ist.
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#4 DestroyaAnonym
  • 05.08.2022, 22:30h
  • Da hat man doch keine Lust mehr irgendwo hinzueghen, wenn einem dann später Leute sagen, man sei angeblich zu irgendwelchen Zwecken ausgestellt worden. Manche Leute sollten mal aufhören, Menschen für ihre Radikalen interessen zu instrumentalisieren und wie bedrohte Tiere zu betrachten. Leuten dürfen dahin gehen, wo sie wollen, egal wie sie aussehen, oder woher sie kommen.
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#5 nichtbinärePersonAnonym
  • 06.08.2022, 02:40h
  • Antwort auf #2 von Blake
  • "heraus schreiend wie wichtig ihnen Vielfalt ist, während sie die Stimmen derer, die der queeren Community überhaupt erst Gestalt gaben, mundtot machen"

    Das scheint das "neue Normal" zu sein: QTI*BIPoC ausgrenzen oder gar erst ein-, dann wieder ausladen, kein Fetisch beim CSD, "familiengerechte Kleidung" in irgendwelchen Freizeitparks - warum erinnert mich das so gefährlich an den Spruch "Deutschland, aber normal" einer rechtsextremen Partei?

    Ich finde es zutiefst verachtenswert und brandgefährlich, gerade die, denen man ihr "Anderssein" etwas mehr ansieht, auszugrenzen und auszuschließen. Akzeptanz queerer Menschen darf nicht bedeuten, nur diejenigen zu tolerieren (ich sage bewusst nicht akzeptieren), die möglichst weiß-bieder-heteronormativ-gesittet-züchtig daherkommen. Ich kann nicht einerseits für Pride und Vielfalt eintreten und dann andererseits gleichzeitig sagen "Aber ihr gehört nicht dazu, weil ihr doch zu anders seid und deshalb Leute verunsichert".

    Es gab da mal einen Song, der hieß "I am what I am". Er hieß NICHT "I am what I am supposed to be".

    Akzeptanz durch Anbiederung und Assimilation ist keine echte Akzeptanz, sondern, ganz im Gegenteil, der Versuch einer Unsichtbarmachung und Auslöschung queerer Identitäten. Dagegen müssen wir uns mit aller Kraft und Entschiedenheit zur Wehr setzen.
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#6 VestigeAnonym
  • 06.08.2022, 04:37h
  • Antwort auf #5 von nichtbinärePerson
  • Wider besseres Wissen, und ganz kurz: ich habe schon, und zwar belegt, darauf hingewiesen, daß die rechte LGB Alliance in 'der community' wühlt, die darauf hinarbeitet, trans Personen aus 'community'-Zusammenhängen zu vertreiben, sofern wir's nicht schon sind.

    Und dir stimme ich selbstverständlich zu.
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#7 PrideProfil
#8 FiBuAnonym
  • 06.08.2022, 09:07h
  • Ganz ehrlich, der Gruppierung würde ich auch keine Bühne geben.
    Wenn der Inhalt nur über Stunk zu transportieren ist; Generalkritik an den Veranstaltern (zu weiß), an die Organisation (arbeitet mit Polizei zusammen) und der Finanzierung und Sponsoring (es sind auch Firmen auf der Veranstaltung), gleichzeitig unterschwellig Rassismus vorgeworfen wird (der CSD schreibe, wenn sie nicht vollumfänglich auftreten dürften rassistische Dynamiken fest) und vollkommen CSD unabhängige Inhalte als Hauptziel (Antikapitalistisch) auf den Tisch bringt,
    dann soll gerne eine eigene Veranstaltung, ein eigener Umzug organisiert werden.
    Schade dass der CSD nicht die Eier in der Hose hat um das auch so auszusprechen und nur halbgare Absagen zustande bringt.
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#9 AnnaAnonym
  • 06.08.2022, 10:14h
  • Nicht nur diese Kommentarspalte zeigt die Probleme von queer.de und deutschen CSD auf: repräsentiert de facto nur schwul und cis, Rassismus und vollkommene Kapitalismushörigkeit und wenn diese zurecht kritisiert wird, einfach sagen "die Kritiker*innen würden sich nicht um queere Ziele kümmern".

    Was für eine traurige Community.
    Kein Wunder, dass queere BiPoC sich ausgegrenzt fühlen, Lesben ihren eigenen Dyke March haben und es Trans Prides gibt. Der CSD macht sich von selbst obsolet, ohne dass die heteronormative Gesellschaft sonderlich viel dafür tun müsste, und kann sich von nun an ruhig Pinwashing Pride nennen.
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#10 SebiAnonym
  • 06.08.2022, 10:27h
  • Wenn People of Color der Meinung sind, dass in Berliner LGBTI-Organisationen die Dominanz Weißer zu groß ist, sollten sie keinen Konkurrenz-Verein machen, sondern lieber dort beitreten, um diese Situation zu ändern. Denn gemeinsam erreichen wir immer mehr, als wenn wir uns aufsplitten.

    Dass in einem Land, wo Weiße in der Mehrheit sind, auch in LGBTI-Organisationen Weiße in der Mehrheit sind, ist allerdings auch etwas, was statistisch logisch ist und womit man dann auch mal leben muss. Das heißt ja keineswegs, dass People of Color weniger wert seien. Aber wie gesagt: gemeinsam erreichen wir definitiv mehr für uns alle gemeinsam, als wenn wir uns aufsplitten.
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