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Interview

Björn Koll hört auf: "Ich übergebe Salzgeber der Szene"

Deutschlands wichtigster queerer Filmverleih bekommt eine Stiftung als Eigentümerin und eine neue Führung. Wir sprachen mit Noch-Inhaber und -Geschäftsführer Björn Koll, warum er die Salzgeber & Co. Medien GmbH nach über 30 Jahren verlässt.


Björn Koll 2021 in seinem Büro (Bild: privat)

Björn, du hörst auf?

Ich lebe Salzgeber als Inhaber und Geschäftsführer seit über dreißig Jahren, und für mich privat ist es jetzt an der Zeit, etwas anderes zu machen. Nach so langer Zeit sind es einfach zu viele Wiederholungen, zu viele Déjà-vus, zu viele eingefahrene Prozesse und auch zu viele Windmühlen, die überall rumstehen.

Wie fing eigentlich alles an?

Ich hatte 1989 meinem ersten Film gedreht und darüber Manfred Salzgeber erst mal nicht kennengelernt. Wer es genau wissen will: Der Vorführer der Berlinale hatte mir erzählt, dass Manfred den von mir eingereichten Film nie geschaut hatte, sondern Wieland Speck in der Sichtung war. Der ist dann aber nach einer Minute eingeschlafen und ich kann ihm das nicht mal besonders übel nehmen. Es folgte ein Praktikum bei Manfred und irgendwann hab ich dann einfach das Studium, das mir eh nur wenig sinnvoll erschien, an den Nagel gehängt und war fortan Filmverleiher mit einem mehr oder weniger unbezahlten 24-Stunden-Job.

Manfred ist 1994 an Aids gestorben, und das war dann noch mal eine schwere Entscheidung: Sollte ich mit gerade 26 wirklich die Verantwortung für das Unternehmen, die vielen Schulden, die vielen Verpflichtungen übernehmen? Insgesamt wurden es dann über 33 Jahre Salzgeber.


Björn Koll, Kurt Kupferschmid, Olaf Sobottke, Andreas Runde und Manfred Salzgeber 1993 in Berlin-Steglitz (Bild: privat)

Vor Corona wollte ich zum ersten Mal so etwas Ähnliches wie eine Auszeit nehmen, einfach mal länger wegfahren, und das hat natürlich nicht geklappt. Die Corona-Jahre waren im Gegenteil die härtesten Arbeitsjahre meines Lebens, ziemlich frustrierend und natürlich – wie wohl für viele Menschen – auch eine Zeit des Nachdenkens. Und dann lässt man die Jahre Revue passieren und denkt das Berufsleben von der ersten elektrischen Schreibmaschine, dem ersten Anrufbeantworter, dem Atari-Computer, der VHS-Kassette, der DVD, dem Internet, dem digitalen Kino durch und stellt für sich fest, dass es jetzt mal reicht und der Spaß auch ein wenig verloren gegangen ist. Ich mache sehr gerne Platz für andere.

Was heißt das konkret?

Jakob Kijas von eksystent Filmverleih und Jürgen Pohl, der schon lange bei Salzgeber ist, übernehmen die Geschäftsführung bei Salzgeber ab dem 1. Januar 2023, und Christian Weber zeichnet für alles, was Kommunikation und Marketing ist, verantwortlich. Damit formen sie ein Dreigestirn, das sich gut ergänzt und das Unternehmen in die Zukunft trägt. Die Gesellschafteranteile der Salzgeber & Co. Medien GmbH übertrage ich der Queeren Kulturstiftung, die damit Eigentümerin des Unternehmens wird. Als Vorstand der Queeren Kulturstiftung kann ich dann noch milde kontrollieren und vielleicht gelegentlich den einen oder anderen guten Rat geben.

Ich wollte Salzgeber auf keinen Fall einfach verkaufen, sondern eine Lösung finden, die Fortbestand und Programmatik des Unternehmens sichert, und hatte in diesem Zusammenhang über Genossenschaft, gemeinnützige GmbH und vieles andere nachgedacht. Das Stiftungsmodell erscheint mir die beste Lösung und im Prinzip übergebe ich Salzgeber der Allgemeinheit oder auch der Szene, die uns ja trägt und erfolgreich sein lässt.

Wie geht es dem Kinogeschäft bei Salzgeber zurzeit?

Wie so vielen in der Kultur nicht gut, und wir haben einen großen Teil unseres Kinopublikums verloren. Optimisten hoffen, dass sich das wieder ändert, aber ich persönlich mag das nicht glauben. Konkret haben wir im Vergleich zu 2019 – wie alle anderen – im Kinogeschäft 50 Prozent Einbußen, und damit werden wir wohl auch in der Zukunft leben müssen. Salzgeber kommt damit über die Runden, aber die Beträge, die wir an Filmemacher*innen ausschütten können, sind leider signifikant gesunken.

Im Prinzip waren wir bei Salzgeber auf die Krise und die Kinoschließungen irgendwie vorbereitet, denn queere Filme wurden in Deutschland immer schon schlecht behandelt, und das aktuelle Diversity-Gefasel der Filmförderungen ist auch nur Kosmetik. Wir waren und sind es also gewohnt, uns auch ohne Unterstützung und mit wenig Geld für unsere Filme einzusetzen.

Natürlich hätte ich am liebsten 100 Kinos, die einen queeren Film am Donnerstag einsetzen und eine Woche oder länger spielen, aber dafür waren schon vorher die Strukturen und das Publikum nicht mehr da. Unsere Queerfilmnacht an 40 Standorten fängt das seit über zehn Jahren auf, und so können wir wenigstens noch gewährleisten, dass der Film dort einmal als Event gesehen werden kann. Das ist für Berlin traurig, aber eigentlich für Bamberg oder Kleinmachnow ziemlich cool. Und auch unser Queerfilmfestival wächst und gedeiht und findet jetzt im September in 13 Städten statt. Nische in der Nische halt, und ab und zu gelingt der Ausbruch wie bei "Futur Drei" oder "Als wir tanzten".

Erklärst Du das noch mal mit den Förderungen?

Pro Jahr werden in Deutschland rund 580 Millionen Euro für die Filmförderung ausgegeben, und selbst in einem sehr guten Jahr wie 2020 kommen da dreieinhalb queere Filme raus: "Futur Drei", der genau wie "Neubau" oder "Kokon" quasi ohne Geld gedreht wurde, und halt "Berlin Alexanderplatz", der anderthalb Millionen bekommt, aber eine eigentlich schwule Geschichte auf hetero erzählt. Im Verleih wurde dann "Neubau" gar nicht gefördert, "Kokon" auf 15.000 runtergekürzt und "Futur Drei" mit 20.000 unterstützt. De facto sind das dann irgendwelche null-komma-null-irgendwas Prozent der vorhandenen Mittel, und von der Menge an queeren Filmen, die im Jahr gedreht werden, überholt uns Polen mittlerweile locker. Die Diversity-Checklisten wie von der Hamburger Filmförderung haben daran jetzt erstmal überhaupt nichts geändert, und wenn man dreißig Jahre zurückschaut, muss man einfach feststellen, dass queeres Filmschaffen in Deutschland (lassen wir hier den Dauerfilmer Rosa von Praunheim mal außen vor) immer wieder systemisch von den Fördermitteln abgeschnitten wurde.

Wie sind Eure Erfahrungen mit dem Salzgeber Club und warum habt ihr bei dem riesigen queeren Filmangebot nicht ein eigenes Streamingportal aufgebaut?

Der Salzgeber Club ist genauso wie der Salzgeber Shop sehr beliebt, aber das Problem beim Club ist, dass die Oberfläche von Vimeo keine Sortierung der Filme zulässt. Da wollte Vimeo immer etwas entwickeln, kommt aber leider nicht wirklich in die Pötte. Deshalb wandert der Salzgeber Club voraussichtlich im Oktober zu einem anderen Anbieter. Da wird es dann auch Sortierungen, jede Menge neue Filme und alles, was man als Kunde so gewohnt ist, geben. Es folgt dann auch ein Abo-Modell, das wir aber als Soli-Modell denken, denn mit billig, billig, billig wird sich das Angebot nicht rechnen können. Wir müssen gerade die unabhängigen Filmemacher*innen weiter unterstützen, denn sonst können gerade im queeren Bereich keine neuen Filme gemacht werden. Bei Salzgeber überweisen wir jedes Jahr mehrere hunderttausend Euro – und das Geld wird wirklich dringend gebraucht.

Was wird aus den Salzgeber Buchverlagen?

Zu den Salzgeber Buchverlagen gehören Albino für die internationale Belletristik – wie aktuell "Der Hirtenstern" von Alan Hollinghurst -, Männerschwarm für Sachbücher und die Bibliothek rosa Winkel, Bruno Books für die Erotik und das Label Salzgeber für Bildbände. Das Unternehmen gehört Alexander Hamann, der auch die Geschäftsführung macht, und mir privat, und wir werden einfach weiter – bestimmt auch im Windschatten von Salzgeber – hoffentlich möglichst gute Bücher machen. Das Thema Film spielt da ja mit "Der Prinz" oder aktuell "Queer Cinema Now" oder dem kommenden Buch "Super 8" von Michael Brynntrup eine immer größere Rolle, und auch die von mir herausgegebenen Fotobücher machen großen Spaß. Ich bin privat Sammler von schwuler Fotografie und darf mich da ein bisschen austoben. Mein Anteil an den Salzgeber Buchverlagen wandert dann später in die Queere Kulturstiftung, denn genau dafür ist die Stiftung auch gedacht – eine Heimat für Beteiligungen und Besitz, mit denen sonst der Neffe auf der Schwäbischen Alb schlichtweg nichts anfangen kann.

Eine indiskrete Frage nach den Finanzen...

Salzgeber hat während der Pandemie Monat für Monat rund 20.000 Euro verloren. Einfach weil Kinos und Läden geschlossen waren, wir große und teuer eingekaufte Filme irgendwie starten mussten, wir den Filmberg nicht weiter anwachsen lassen konnten, wir unseren Rhythmus halten und unsere Kunden versorgen mussten und weil wir schlichtweg durch alle Förderprogramme gefallen sind. Produzenten und Kinos wurde geholfen, die Filmverleiher dazwischen hat man einfach vergessen. Unsere liquiden Mittel sind also ziemlich zusammengeschrumpft, und dann gab es 2021 eine Hilfe von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, die einen Teil des entstandenen Verlusts ausgeglichen hat. Konkret konnten wir 2020 und 2021 mit einem Gewinn von jeweils rund 100.000 Euro abschließen. Es besteht also erstmal kein Grund zur Sorge, aber selbstverständlich muss das Unternehmen weiter umgebaut werden, um in der Zukunft bestehen zu können.


Björn Koll und Pepsi Boston im Jahr 1992 oder 1993 (Bild: privat)

Welche Aufgaben hat die Queere Kulturstiftung?

Bewahren und Vermitteln. Mit den Schwerpunkten Film, Literatur und Fotografie. Konkret sind das zum Beispiel die Durchführung des Queerfilmfestivals in diesem September und dann zukünftig auch die Trägerschaft der "sissy", dem Magazin für nicht-heteronormative Filme und Bücher. Und wenn ich dann in den kommenden Jahren mehr Zeit habe, wird es auch an die schrittweise Aufarbeitung des riesigen Salzgeber-Archivs und anderer Filmschätze gehen. Da liegen hunderte von Filmen, zum Teil noch auf Celluloid, die alle digitalisiert und gesichert werden müssen. Die digitale Archivierung ist dabei ein Fass ohne Boden, weil riesige Datenberge immer wieder angefasst und umkopiert werden müssen.

Parallel wird es auch um Rechte gehen, denn mittlerweile kann es ganz schön kompliziert sein herauszufinden, wem eigentlich gerade was an einem Film gehört. Die deutschen Filmarchive kümmern sich nur um einen Teil des deutschen Filmbestands, aber die queere Filmgeschichte ist nun mal nicht besonders deutsch. Da braucht es internationale Zusammenarbeit, denn die wenigen Institutionen, die sich überhaupt mit queerer Kultur beschäftigen, sind alle in einer eher prekären Lage. Da können wir dann finanziell dem Frameline Filmfestival in San Francisco bei "Buddies" helfen oder unsere Restaurierung von "Before Stonewall" zur Verfügung stellen. Vielleicht erinnert sich noch jemand an "Paris Was a Woman" von Greta Schiller. Da ist das Filmnegativ vor zwanzig Jahren durch eine Insolvenz des Kopierwerkes in London verloren gegangen, und es wird jetzt ein Riesenakt, den Film im kommenden Jahr gemeinsam mit Greta Schiller und Andrea Weiss vom Positiv zu restaurieren. Dass es diese Filme überhaupt noch gibt, ist ein kleines Wunder, und es gilt schlichtweg, unsere Geschichte zu bewahren.

Das klingt jetzt aber nicht wirklich nach Ruhestand.

Ich werde mich auch nicht in meinem Garten verbuddeln und den Blumen beim Wachsen zuschauen, sondern mich jetzt einfach aus dem Alltag ausklinken, um dann auch wieder kreativer arbeiten zu können.

Was macht Björn Koll in fünf Jahren? Vom Rentenalter bist du ja auch noch eine ganze Weile entfernt…

Ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung und nicht mal irgendwelche Angst davor. Die Arbeit und die Aufgaben werden mich schon finden.

Was wünschst Du Salzgeber für die Zukunft?

Salzgeber ist ja nicht für Trallala und Ablenkung zuständig, denn es gibt auch gute und kluge Unterhaltung. Dabei waren meine Programmentscheidungen in den vergangenen Jahrzehnten fast immer auch mit sehr großen finanziellen Risiken verbunden. Mit jedem Film, den man einkauft, legt man im Prinzip den Kopf in die Schlinge und muss hoffen, dass das Abenteuer irgendwie gut geht. Ich wünsche mir deshalb sehr, dass diese Risikobereitschaft nicht verloren geht und Salzgeber auch weiterhin dafür steht, nicht die bequemen Wege nachzutrampeln, sondern mutig und risikobereit bleibt. Immer offen für Entdeckungen und Abenteuer halt, oder wie es Bettina Wegner in unserem Film "Bettina" so schön singt: "Aufrecht stehn – wenn andre sitzen!"

Und sonst bleibt der Salzgeber-Spirit bestehen, den Manfred immer wie folgt auf den Punkt brachte: "Ein Film ohne Publikum ist Celluloid". Und das bedeutet einfach mal verdammt viel Arbeit, die hier alle bei Salzgeber sehr gerne leisten. Die Vermittlung zwischen Film und Publikum ist und bleibt unsere Aufgabe und Verantwortung für die große Salzgeber-Familie.

-w-

#1 Markus_BerlinAnonym
  • 10.08.2022, 23:37h
  • Danke Björn Koll and ganz tolle Arbeit die ganzen Jahre! Ich finde es toll Salzgeber und Pro-Fun in Deutschland haben zu dürfen.
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#2 SalzgeberAnonym
  • 11.08.2022, 09:15h
  • Das sind erfrischend klare Worte, danke für dieses Interview. Unterstützen wir Salzgeber beim angekündigten Neustart beim streaming.
    Vielleicht können wir queere Sichtbarkeit mehr auf den Film ausgerichtet diskutieren und nicht nur auf noch eine neue Regenbogenfahne.
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#3 LothiAnonym