https://queer.de/?42936
Studie
Wandelt sich das Geschlechterverhältnis von trans Jugendlichen wirklich?
Angeblich sollen immer mehr bei Geburt weiblich zugewiesene Jugendliche transitionieren. Stimmt das überhaupt? Eine Studie, die den Bevölkerungsquerschnitt untersucht, kommt zu anderen Ergebnissen.

Jazz Jennings ist eine der bekanntesten transgeschlechtlichen Jugendlichen der USA (Bild: Steven Pisano / wikipedia)
- 16. August 2022, 10:04h 6 Min.
Eigentlich gehen Forscher*innen davon aus, dass sich die Zahl der transgeschlechtlichen Männer und Frauen mehr oder weniger die Waage halten dürfte. In der Vergangenheit hatte es lange einen Überhang an transgeschlechtlichen Frauen unter denjenigen Personen gegeben, die medizinische Behandlung und die rechtliche Anpassung des Personenstands anstrebten.
Seit einigen Jahren kursieren jedoch teils wildeste Zahlen darüber, wie sehr sich das Verhältnis transgeschlechtlicher Jungs gegenüber transgeschlechtlichen Mädchen verschoben habe. Die Quellen dieser Behauptungen lassen sich zumeist nicht nachvollziehen und die Angaben unterscheiden sich untereinander oft erheblich. Nun hat eine Studie, die im Journal "Pediatrics" erschienen ist, die Geschlechtsidentitäten von Jugendlichen aus einer Querschnitterhebung der jugendlichen Bevölkerung miteinander verglichen – und kam zu ganz anderen Ergebnissen.
Wie viele trans Jungen sind es denn nun?
Häufig sind es Vertreter*innen von Kliniken oder Psychiater*innen, die Behauptungen über das verschobene Geschlechterverhältnis bei der Neuvorstellung ihrer Patient*innen aufstellen. Saskia Fahrenkrug etwa, Leiterin der Spezialambulanz am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, sprach gegenüber dem Ärzteblatt davon, mittlerweile behandele man "zwischen siebzig und achtzig Prozent Transjungen". In dem Fall kämen zwischen 2,3 bis 4 bei Geburt weiblich registrierte Jugendliche auf eine männlich registrierte Person.
Der Jugendpsychiater Alexander Korte gab in einem Interview in der "Zeit" ein Verhältnis von acht bei der Geburt als Mädchen registrierten Jugendlichen zu einem männlich registierten Jugendlichen an. In einem Interview gegenüber der "taz" sah er den Anteil weiblich zugewiesener bei 85 Prozent transmännlichen Jugendlichen, was wiederum "nur" einem Anteil von 5,7 zu 1 entspräche. Der CDU-Abgeordnete Marc Henrichmann behauptete in einer Bundestagsrede gar, die Zahl transmännlicher Jugendlicher habe sich zuletzt "verfünfzigfacht". Belastbare Quellen? Fehlanzeige.
Angebliche soziale Ansteckung
Popularität hat beim Spiel mit den Zahlen auch die These gefunden, dass das Phänomen durch eine sogenannte "Rapid Onset Gender Dysphorie" erklärt werden könne. Gemeint ist mit der "plötzlich auftretenden Geschlechtsdysphorie" die Theorie, dass sich Jugendliche in sozialen Medien gegenseitig mit der Idee, trans zu sein, "ansteckten". So würden urplötzlich Mädchen, die nie Anzeichen von Geschlechtsdysphorie gezeigt hatten, im Pubertätsalter mit einem Coming-out als trans rausrücken. Anders ausgedrückt: Die Jugendlichen sind in Wahrheit gar nicht trans und würden später alles bereuen, weshalb man ihnen die Transition verwehren oder zumindest erheblich erschweren müsste.
Dabei haben sich maßgebliche Fachvereinigungen wie die American Psychological Association, die American Psychiatric Association und viele andere dagegen ausgesprochen, die Idee einer ROGD fachlich zu verwenden. Die erwecke den Anschein einer Diagnose, ohne eine zu sein. Die wissenschaftlichen Belege durch reputierte Forscher*innen für ein solches Phänomen fehlten schlicht.
Das kann schwerlich verwundern, schließlich geht der Begriff auf die Forscherin Lisa Littman zurück, die im Jahr 2016 in der Community dreier Anti-Trans-Websites Studienteilnehmer*innen rekrutierte. Die berichteten dann scheinbar neutral von ihren Erfahrungen als Eltern plötzlich transgeschlechtlich gewordener Kinder – ein Vorgehen, das Kolleg*innen als unseriös und verzerrend brandmarkten.
Bevölkerungsquerschnitte als Grundlage
Grundlage der Überprüfung solcher Behauptungen durch die Forscher*innen der nun vorgelegten "Pediatrics"-Studie waren US-Zahlen aus den Jahren 2017 und 2019. Die wurden eigentlich im Rahmen des Youth Risk Behavior Survey in 16 Bundesstaaten erhoben, bezogen sich also auf ganz andere Themen. Nutzen ließen sie sich jedoch für die Studie, weil in 16 Bundesstaaten auch eine mögliche Transgeschlechtlichkeit bei den Jugendlichen abgefragt worden ist. Die Daten von knapp 200.000 Heranwachsenden waren in die ursprünglichen zwei Studien zum Risikoverhalten eingegangen.
Die Ergebnisse dürften überraschen: Zwischen 2017 und 2019 sanken demnach die Zahlen derjenigen Jugendlichen, die sich als trans oder "gender diverse", geschlechtlich nonkonform, identifizierten, von 2,4 auf 1,6 Prozent.
Das Verhältnis von männlichen und weiblichen Jugendlichen hatte sich in der Zeit jedoch tatsächlich dahingehend verändert, dass es mehr Jugendliche gab, die sich entgegen des bei Geburt zugewiesenen Geschlechts männlich identifizierten. Während in 2017 1,5 transweibliche auf eine transmännliche Person kamen, lag dieses Verhältnis 2019 bei 1,3 transweibliche auf eine transmännliche Person. Der Anteil bei Geburt weiblich zugewiesener Jugendlicher ("AFAB" – Assigned Female At Birth) war also nicht über den Anteil bei Geburt männlich zugewiesener Jugendlicher ("AMAB") hinaus gestiegen, aber durchaus leicht gewachsen.
Die Forscher*innen sehen das Sinken der Gesamtzahl transgeschlechtlich identifizierter Jugendlicher in ihrer Querschnittstudie als starken Hinweis gegen die These einer sozialen Ansteckung oder einer "Rapid Onset Gender Dysphoria". Und: Die kleine Veränderung im Verhältnis von AMAB- zu AFAB-Jugendlichen lag bei näherer Betrachtung gar nicht daran, dass sich mehr bei Geburt weiblich zugewiesene Jugendliche transgeschlechtlich identifizierten. Es lag, in absoluten Zahlen, daran, dass sich weniger bei Geburt männlich zugewiesene Jugendliche als transgeschlechtlich identifizierten.
Trans ist nicht hip
Das könnte auch an den Aspekten liegen, die im zweiten Teil der Studie untersucht wurden. Deutlich mehr transgeschlechtliche Jugendliche waren Opfer von Mobbing sowohl in der Schule als auch über das Internet. Das war auch so, verglich man diese Jugendlichen mit cisgeschlechtlichen sexuellen Minderheiten, also Lesben, Schwulen oder Bisexuellen, die mehr Mobbing als heterosexuelle, cisgeschlechtliche Jugendliche erfuhren. Warum aber letztlich der Anteil von AMAB-Personen an den trans Jugendlichen sank, geht aus den Zahlen nicht hervor.
Mit dem Herausarbeiten der Erfahrungen mit Mobbing wollten die Forscher*innen die These untersuchen, dass Transgeschlechtlichkeit ein "Trend" sei und als "hip" gelte, weshalb sich eigentlich homosexuell begehrende Jugendliche nun angeblich vermehrt als trans identifizierten. Ihre Betroffenheit von Mobbing spricht jedenfalls dagegen, dass Transgeschlechtlichkeit als Ausweg aus der angeblich stärkeren Stigmatisierung schwuler, lesbischer oder bisexueller Identität erscheinen könnte. Zumal viele Jugendliche nach der Transition überhaupt erst als schwul oder lesbisch galten oder nach wie vor bisexuell waren.
Die Forscher*innen schränkten die Aussagekraft ihrer Studie selbst dahingehend ein, dass nur Daten von denjenigen 16 US-Bundesstaaten genutzt werden konnten, in denen bei der ansonsten größeren "Youth Risk Behavior"-Studie überhaupt nach Transgeschlechtlichkeit gefragt worden war. Dennoch stellt die Vorgehensweise einen gangbaren, erheblich anderen Ansatz dar als die bloß anekdotische Weitergabe bestimmter Eingangsstatistiken einzelner Kliniken, die mit transgeschlechtlichen Jugendlichen arbeiten. Die sind damit jedoch auch noch nicht erklärt.
Und wie immer gilt: Weitere Forschung ist vonnöten, um die Bedürfnisse von transgeschlechtlichen Jugendlichen und ihr Zahlenverhältnis besser zu verstehen. Etwa: Wie entwickelt sich das Verhältnis nichtbinär empfindender Jugendlicher gegenüber solchen, die sich binär identifizieren – und zwar auch in Hinblick auf ihr bei Geburt eingetragenes Geschlecht? Und wie wandelt sich der durchschnittliche Zeitpunkt der Transitionsentscheidung, der bei transweiblichen Menschen statistisch deutlich später angesetzt ist, und welche Auswirkungen hat das auf das Geschlechterverhältnis transgeschlechtlicher Jugendlicher und Erwachsener? (jk)














