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Roman

Schmerzhafte Erinnerungen eines ehemaligen Chorknaben

Jo Browning Wroe erzählt in ihrem Debütroman "Der Klang der Erinnerung" von einem 19-Jährigen, der bei seinem schwulen Onkel aufwuchs und dessen Liebe zur Musik nach einer Katastrophe tief erschüttert wird.


Jo Browning Wroe mit der englischen Originalausgabe des Romans, die unter dem Titel "A Terrible Kindness" erschienen ist (Bild: privat)

Was bei Proust der Geschmack einer in Tee getunkten Madeleine ist, das ist in "Der Klang der Erinnerung" (Amazon-Affiliate-Link ) Kirchenmusik: Als der 19-jährige William Lavery 1966 nach seiner mit Bestnoten abgeschlossenen Prüfung zum Einbalsamierer von Birmingham ins walisische Aberfan gerufen wird, steht sein Leben mit einem Mal kopf.

In dem Bergarbeiterdorf ist eine Abraumhalde nach starkem Regen ins Tal hinabgerutscht und hat eine Grundschule sowie Teile des Dorfs unter sich begraben. Gemeinsam mit weiteren freiwilligen Helfer*innen liegt es nun an William, die geborgenen und mitunter schrecklich entstellten Leichname der Kinder zu versorgen. Ohne zu zögern, stellt er sich dieser fordernden Aufgabe. Zum Zusammenbruch bringt ihn schließlich etwas anderes: Als während der Arbeit Allegris "Miserere" im Radio zu hören ist, werden unweigerlich schmerzhafte Erinnerungen an die eigene Kindheit wach, denen der junge Mann nicht länger entkommen kann.

Die Zerrüttungen im Leben des Protagonisten sind bereits auf den ersten Seiten von Jo Browning Wroes Debüt spürbar. William lebt bei seinem homosexuellen Onkel und dessen Partner, der Vater ist früh verstorben, seine Mutter fortgegangen. Nach dem traumatischen Einsatz in Aberfan stellt der Einbalsamierer nun auch seine Beziehung zur aufgeweckten Gloria infrage. Doch was steckt hinter Williams Unfähigkeit, Verbindungen zu seinen Geliebten aufrechtzuerhalten? Und wie konnte es dazu kommen, dass er mit Abscheu auf Musik reagiert?

Zähe Spurensuche mit liebenswerten Nebenfiguren


"Der Klang der Erinnerung" ist Mitte August 2022 im Berliner Insel Verlag erschienen

Die Spur führt zurück zu Williams Tagen als Chorknabe in Cambridge. Als Zehnjähriger beginnt er dort seine vielversprechende Karriere als Sänger. Langsam, sehr langsam legt Browning Wroe den zentralen Konflikt ihres Romans frei und spielt dabei zwar immer wieder auf ein kommendes, alles veränderndes Ereignis an, verweigert den Leser*­innen aber immer wieder tiefere Einblicke. Statt den inneren Kampf ihres Helden zu enthüllen, beschreibt sie in oftmals vor sich hinplätschernden Episoden seinen Internatsalltag und seine Ausbildung zum Einbalsamierer.

Dies geschieht mit Sentimentalität und feinem Witz, es gibt einiges, was man an "Der Klang der Erinnerung" mögen kann. Gelungen ist beispielsweise, wie die Autorin Williams Begeisterung für die Musik und später für seine Tätigkeit als Einbalsamierer nachvollziehbar macht. Bemerkenswert sind auch die Nebenfiguren, die zwar meist eindimensional bleiben, aber durchaus liebenswert gezeichnet sind.

Ein unsympathischer Held und enttäuschende Offenbarungen

Leider reicht das nicht, um über die Schwächen des Buchs hinwegzutrösten. Problematisch ist vor allem die Hauptfigur, die sich neben ihren Talenten durch wenig mehr als ihre Passivität und ihre Bemühungen, die Vergangenheit zu verdrängen, auszeichnet. Der selbstmitleidige und verwöhnte William wird geradezu durch die Geschichte geschleppt und beginnt erst spät zu agieren. Wo die Musik wie das Gebäck bei Proust ein Katalysator ist, der antreibt, da erweist sich der Protagonist hier als Bremsklotz, der alles Vorankommen boykottiert.

Enttäuschend ist auch die Offenbarung des für den Plot zentralen traumatischen Ereignisses. Nicht nur, dass die Enthüllung viel zu spät im letzten Viertel erfolgt, besagtes Ereignis wirkt zudem unbeholfen konstruiert und letztlich in seinen Dimensionen zu banal, um all die Verwerfungen zu rechtfertigen, von denen Browning Wroe berichtet. Zum Vergleich lohnt sich ein Blick auf Ian McEwans "Abbitte", wo das die Katastrophe auslösende Ereignis in seiner schrecklichen Tragweite glaubwürdig und gleich zu Beginn geschildert wird. Dass Browning Wroe den Leser*­innen das Geheimnis ihres Buchs wie eine Karotte vor die Nase halt, um sie zum Weiterlesen anzuspornen, wirkt dagegen wie ein billiger Trick.

Geschmacklose Einbettung einer realen Katastrophe

Zudem scheint die Autorin nicht immer genau zu wissen, wovon sie erzählen will. Trotz seiner 400 Seiten weist der Roman so manche Leerstelle auf. Homophobie ist eines der Themen, auf das angespielt wird, aber Browning Wroe versäumt es, darzustellen, wie sich diese im Großbritannien der 1960er und 1970er geäußert hat, oder nachzuspüren, welche Schäden sie anrichten kann.

Vieles in "Der Klang der Erinnerung" bleibt bei bloßen Behauptungen, insgesamt wirkt die Geschichte überladen. Wirklich ärgerlich ist jedoch, wie das reale Ereignis des Unglücks von Aberfan als erzählerischer Rahmen instrumentalisiert wird. Der Tod von 144 Menschen, davon 116 Kinder, dient hier lediglich als Stoff für die Albträume des unsympathischen Helden – Aspekte wie der folgende Justizstreit, das teils pietätlose Vorgehen der Medien oder die verheerenden Auswirkungen auf die Gesundheit der Bewohner*innen werden unterschlagen.

Gegen Ende des Romans häufen sich in den Dialogen dann abgeschmackte Kalenderweisheiten und Selbsthilfephrasen. Es sind schließlich die von Browning Wroe als verständnisvolle Mentor*innen imaginierten Einwohner*innen Aberfans, die dem störrischen William auf die Sprünge helfen müssen, damit auch er erste Schritte Richtung Glück wagt.

Infos zum Buch

Jo Browning Wroe: Der Klang der Erinnerung. Roman. Aus dem Englischen von Claudia Feldmann. 413 Seiten. Insel Verlag. Berlin 2022. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-458-64342-5). E-Book: 20,99 €

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