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TV-Premiere

Queere Geschichte für die Tränendrüse

Der HISTORY Channel zeigt am Freitag die emotionale Doku "Queer History – Ein langer Weg zur Gleichberechtigung" – und betreibt mit dem deutschen Titel ein wenig Etikettenschwindel.


Demo gegen Razzien in der queeren Bar "Black Cat": Szene aus dem Dokumentarfilm "Queer History – Ein langer Weg zur Gleichberechtigung" (Bild: 4Mat Factory Films / The HISTORY Channel)

Dass Kalifornien und vor allem Los Angeles heute zu den besonders queerfreundlichen Regionen zählen, ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen Entwicklung. Als komplexer historischer Prozess lässt sich diese nicht als "eine Geschichte" erzählen, sondern verlangt nach einer vielperspektivischen Betrachtung. So spielten sowohl sozialstrukturelle Verwerfungen durch den Zweiten Weltkrieg eine Rolle als auch der Einfluss der Hollywood-Filmindustrie, um Kalifornien zu einem Ort zu machen, der früh viele queere Menschen anzog, von denen dann einzelne zu Vorkämpfer*innen und Advokat*innen gesellschaftlicher Veränderung wurden.

Der HISTORY Channel zeigt am Freitag um 20.15 Uhr zum "Wear it Purple Day" die Doku "Queer History – Ein langer Weg zur Gleichberechtigung". Die Vermarktung ist (vermutlich bewusst) irreführend. Der deutsche Titel verschweigt nämlich das nicht unentscheidende Detail, dass es ganz speziell und geographisch sehr fokussiert um die queere Geschichte der Stadt Los Angeles geht. Der Originaltitel lautete: "L.A. A Queer History". Wahrscheinlich fürchtete der Vertrieb, dass in Deutschland "Los Angeles" allein zu wenige Zuschauende zum Einschalten bewegen wird. Doch legen wir die Enttäuschung ob des Etikettenschwindels erstmal beiseite.

Queere Mythen neuschreiben

Geschichte nimmt im kollektiven Bewusstsein durch die Erzählungen Gestalt an, die wir uns überliefern. Manchmal schafft diese Überlieferung gewisse Mythen, die überproportional hell leuchten. Vor einiger Zeit thematisierte queer.de bereits den Gründungsmythos der Homosexuellenbewegung um den Stonewall-Protest. Auch "Queer History" hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Gründungsmythos neu zu schreiben. Vor allem wird Los Angeles als Ausgangspunkt sozialen und rechtlichen Wandels eine größere Bedeutung beigemessen, die Stadt ins Zentrum gerückt.


"Give the Queens the Beans!": Kreativer Protest gegen die Bar "Barney's Beanery", die mit dem Schild "Fagots Stay Out!" queeren Menschen keinen Zutritt erlaubte (Bild: 4Mat Factory Films / The HISTORY Channel)

Der Faden, den die Doku spinnt, beginnt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als die Gay-Bars noch keine Gay-Bars waren, sondern Sammelpunkte für alle von der Mehrheitsgesellschaft ausgestoßenen Minderheiten. Über die gesellschaftliche Ächtung und Verfolgung durch die Polizei und Justiz, die Gründung der "Mattachine Society", der ersten schwulen Interessensvertretung, den ersten Beefcake-Magazinen und viele weitere Stationen des Wandels fliegt "Queer History" recht kurzweilig hinweg.

Die Doku lebt vor allem von der Vielzahl an Zeitzeug*innen-Berichten, die den historischen Ereignissen ein Gesicht geben. Jedoch liegt darin auch die große Schwäche des Films, er verlässt sich zu sehr auf die emotionale Wirkung der individuellen Geschichten, anstatt tatsächlich in die Tiefe zu gehen und queere Geschichte zu rekonstruieren.

Seichte Wasser, fehlende Tiefe

Der Ansatz von "Queer History" ist vor allem ein phänomenologischer, das heißt die Doku springt von einem Ereignis zum nächsten. Vom ersten CSD in Gedenken an Stonewall zur Disco-Ära der 1970er Jahre, zu Konflikten innerhalb der Community usw. Die einzelnen Etappen bleiben oft unverbunden, insgesamt bleibt alles sehr an der Oberfläche. Die Geschichtsschreibung, die hier betrieben wird, ist zu kurzsichtig, zu eklektisch, um wirklich bereichernd zu sein.


Emotionale Bilder: "We're Not Afraid Anymore" (Bild: 4Mat Factory Films / The HISTORY Channel)

Anstatt herauszuarbeiten, welche gesellschaftlichen Veränderungen passierten, welche Zusammenhänge zwischen den einzelnen Ereignissen bestehen, setzt "Queer History" ganz auf Oberfläche und Affekt. Mit viel Pathos unterstreicht zuverlässig immer sehr dramatische Musik die Ereignisse. Der Film will unbedingt zu Tränen rühren und verlässt sich dabei auf einen auf sehr amerikanische Weise überproduzierten filmischen Stil.

Statt zu fokussieren und wirklich einen genaueren Blick in ein ja nicht uninteressantes und sicher sogar sehr relevantes Kapitel queerer Geschichte zu werfen, stellt "Queer History" leider vor allem auf Emotionen ab. So gehen die Zuschauenden aus dieser Doku zwar kurzweilig unterhalten und durchaus auch berührt heraus, sind aber über die queere Geschichte (L.A.s!) nur recht oberflächlich und blitzlichthaft wissender.

-w-

#1 YannickAnonym
  • 25.08.2022, 11:06h
  • "Jedoch liegt darin auch die große Schwäche des Films, er verlässt sich zu sehr auf die emotionale Wirkung der individuellen Geschichten"

    Aber LGBTI-Geschichte ist eben eine Ansammlung vieler einzelner Schicksale. Ich finde das durchaus gut, eben nicht eine Doku zu machen, wo Historiker, Soziologen, Politologen, etc. uns historische Entwicklungen erklären, sondern wo man einfach nur die Schicksale der Betroffenen für sich stehen lässt.

    Das macht es für mich besonders interessant. Zumal es andere Dokus nun wirklich genug gibt.
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#2 ZustimmungAnonym
  • 25.08.2022, 11:32h
  • Antwort auf #1 von Yannick
  • Zustimmung. Zumal wir seit einigen Jahren an einem Punkt sind, bei dem jeder/jedem klar sein muss, dass bloße Fakten in Sachen Gegenrede zu Marginalisierung und Hassreden nichts mehr bringen. Wie in so vielen anderen wichtigen Themen auch. Da MUSS man Menschen, die vllt. mehr zufällig aus gewissen Kreisen ggf. mal reinschalten, dann auch der emotionale Impact verdeutlicht werden - vielleicht regt das noch den/die eine*n oder andere*n zum Nachdenken an, auch wenn ich das mittlerweile arg bezweifele. Immerhin haben wir ja auch innerhalb der "Community" Personen, die in feinster Trump-Manier die Verwendung von queerfeindlicher Sprache, beispielsweise im Sport, als Lockerroom Talk abtun.
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#3 PetterAnonym
  • 25.08.2022, 12:28h
  • Antwort auf #1 von Yannick
  • Ja, die Homohasser setzen immer auf Emotionalisierung ("Die armen Kinder", etc.). Selbst wenn das gar nichts mit dem Thema zu tun hat.

    Wieso sollen wir dann nicht auch zeigen, welche realen Folgen Diskriminierung und Hass haben?!
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