https://queer.de/?43029
Streamingtipp
Der SWR begleitet ein schwules Kinkster-Paar
In einer neuen Folge der SWR-Dokureihe "Alles Liebe" geht es um die Freuden und Mühen von queeren Fetisch-Fans. Im Mittelpunkt steht ein schwules Paar aus dem Raum Stuttgart.

Andi und Julian sind die Protagonisten der SWR-Doku "Braucht Liebe einen Fetisch?" (Bild: SWR)
- Von Michael Louis
26. August 2022, 09:28h 5 Min.
Die Dokuserie "Alles Liebe" des Südwestrundfunks (SWR) stellt Liebe in unterschiedlichen Facetten dar. Besonders in solchen, die im Mainstream entweder weitgehend unbekannt sein dürften oder so vorurteilsbehaftet sind, dass die Filme ganz von vorn anfangen müssen. Bisher ging es in der Serie u.a. um einen Mann, der mehrere Frauen liebt, um einen trans Mann, der mit einer cis Frau zusammen ist, oder um zwei Priester, die ein Paar sind.
Die aktuelle Folge "Braucht Liebe einen Fetisch?", die seit dem heutigen Freitag in der ARD-Mediathek angeschaut werden kann, zeigt Andi und Julian, beide Anfang 30, in ihrem Leben im Raum Stuttgart. Die Zuschauenden erleben die schwulen Fetischfans in ihrer Wohnung mit Freund*innen, bei einem Treffen mit anderen Kinkstern und nicht zuletzt bei ihrer Familie. Sie sprechen über ihre Vorlieben, ihre Beziehung und ihre privaten Interessen. Es ist ein Pluspunkt dieser Doku, dass sie das Paar in der Breite seiner Lebenswelt zeigt – und damit auf von Vorurteilen geprägte Darstellungsweisen verzichtet, die Kinkster auf die Rolle als Fetischist*innen reduziert.
Eine Minderheit in der Minderheit
Die beiden Protagonisten der Doku kommen oft locker und selbstironisch daher. So erfinden sie beispielsweise gegenüber Andis Schwester die Geschichte, dass sie sich angeblich beim Fleischer kennengelernt hätten, als einem der beiden die Salami heruntergefallen ist. Daneben thematisiert Julian aber auch Gewalterfahrungen, die er gemacht hat. Dies ist ein Thema, das für nicht wenige queere Kinkster von Bedeutung ist, weil sie einer doppelten Bedrohung ausgesetzt sind. Einerseits als schwule Menschen und andererseits als Personen, die ihre Fetische zeigen.
Andi und Julian sind in der Doku auch bei verschiedenen privaten Fotoshootings zu sehen. Mit diesen Shootings wird ein Aspekt angesprochen, der besonders im jüngeren Teil der Fetischszene wesentlich ist: die Bedeutung von sozialen Medien und der Selbstdarstellung in ihnen mit teils aufwändig inszenierten Fotos. So seien auch die Produzent*innen der Serie auf die beiden aufmerksam geworden, denn diese hätten sich bei ihnen über Instagram gemeldet, sagt Julian gegenüber queer.de
Wie Andi am Beginn der Doku erklärt, sind die meisten Kinkster auf die sozialen Medien angewiesen, um Menschen mit ähnlichen Interessen zu finden. Denn die Teilgruppe der queeren Kinkster ist noch einmal kleiner als diejenige der schwulen Männer oder der Fetischist*innen für sich genommen. Außerdem helfen die Fotos dabei, die eigene Person – auch für eine*n selbst – in der Rolle des Kinksters sichtbar zu machen, in der sie sonst im Alltag meistens nicht auftritt. So sind diese Fotoshootings immer auch eine wichtige Selbstwirksamkeitserfahrung.
Welche Vorlieben sind eigentlich "extrem"?

Die Doku kann seit Freitag in der ARD-Mediathek angeschaut werden (Bild: SWR)
Die Begrenztheit des Formats eines Porträts bringt es leider auch mit sich, dass die Komplexität der Fetisch- und BDSM-Szene nicht abgebildet werden kann. Weder ein Überblick über die Breite der Vorlieben noch über die Beziehungsmodelle sind hier möglich. Dass zwei Personen ausgewählt wurden, welche die doch sehr verbreiteten Vorlieben von Gummi, Leder und Bondage haben, vermittelt dennoch einen guten Eindruck, kann aber nur ein Ausschnitt sein.
Spannend ist die kurze Diskussion zwischen Andi und Julian, in der es darum geht, welche Vorlieben "extrem" seien, ob sich Vorlieben mit der Zeit entwickeln und wie sich dies auf eine Liebesbeziehung auswirkt. Denn hier wird die Frage danach gestellt, wer bewertet, was als "extrem" zu gelten hat. Diese Diskussion berührt auch den Aspekt der Akzeptanz innerhalb der queeren Szene für verschiedene einvernehmliche Vorlieben und Praktiken, selbst wenn andere diese persönlich nicht teilen. Diese Thematik ist brisant, denn Diskussionen in der queeren Community führten zuletzt gelegentlich dazu, dass auch Kinkster von queeren Veranstaltungen wie einzelnen Prides ausgeschlossen werden sollten.
Am Ende der Doku kommt auch noch die kinky Szene in Stuttgart vor. Andi und Julian beteiligen sich am "Fetish Pup Crawl Stuttgart" und nehmen an verschiedenen Partys teil. Die Bedeutung der Szene für ihre Mitglieder kann ohnehin kaum überschätzt werden. Sie bildet Safe Spaces, Vernetzungsräume und macht deutlich, dass abseits des gelegentlich vermittelten Eindrucks auch jenseits von Berlin viel in dieser Szene los ist. "Wir waren froh, dass in der Produktionszeit auch ein Pub-Crawl stattfand. Uns war wichtig, dass wir auch ein paar lokale Sachen zeigen konnten," sagte Andi später in einem Gespräch mit queer.de.
Ängste abbauen und Sichtbarkeit schaffen
Letztlich war der Hauptgrund, in einer solchen Produktion mitzumachen, dass Sichtbarkeit geschaffen und Ängste abgebaut werden sollten, sagt Julian. "Wir wollten die Message vermitteln: Wenn du offen mit deinen Fetischen umgehen willst, kannst du dich an die Fetisch-Community wenden. Sie ist offen und lehnt keinen ab." Und Andi ergänzt: "Es ging darum zu zeigen, dass Fetisch ein Lifestyle ist. Es geht nicht nur Sex, da spielen noch eine Menge andere Sachen mit rein.
"
Der von der Redaktion gewählte Titel der Folge "Braucht Liebe einen Fetisch?" ist etwas ungelenk geraten. Andersherum hätte der Titel vermutlich mehr Sinn gemacht. Denn viele Kinkster stehen vor dem Problem, zwar ihren Fetisch ausleben zu können, aber ohne eine längere Liebesbeziehung zu einem anderen Menschen oftmals unter Einsamkeit zu leiden.
Gelegentlich haben Dokus über Subkulturen die Tendenz, die Akteur*innen betont als "ganz normale Durchschnittsbürger*innen" zeigen zu wollen – ohne, dass die Protagonist*innen das immer auch selbst sein möchten. Daran schrammt dieser Film glücklicherweise weitestgehend vorbei. Manche Dokus pressen das Außergewöhnliche wieder auf Normalniveau herunter, um dem Mainstream gefallen zu wollen. Dieser Film zeigt eher, dass das Normale auch außergewöhnlich und spannend sein kann.
Am Dienstag, den 27. September 2022 um 23 Uhr wird die Doku auch im SWR Fernsehen ausgestrahlt.
Mehr zum Thema:
» Mehr TV-Tipps zu LGBTI-Themen täglich auf queer.de
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
14:40h, One:
Die Heiland – Wir sind Anwalt
Folge 28: Die Lüge – Der 16-jährige Milo wird beschuldigt, während der Party einer christlichen Gemeinde, die Homosexualität wird als Sünde ansieht, Abigail eine Treppe heruntergestoßen und vergewaltigt zu haben.
Serie, D 2023- 2 weitere TV-Tipps »














Danke dafür.