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Sachbuch
Wir Kleingeister! Über unsere Sehnsucht nach "Normalität"
In ihrer Streitschrift "Sehnsucht nach Subversion" hat sich Manuela Kay mit dem Spießertum innerhalb der LGBTI-Community beschäftigt. Ein tieferes Eintauchen in die queere Geschichte hätte ihrem Werk gutgetan.

Die meisten von uns navigieren mit einem inneren Vorgartenzwerg durchs Leben: eine Collage mit den Zwergen des Künstlers Ottmar Hörl
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27. August 2022, 08:05h 8 Min.
Was genau ist eigentlich spießig? Ist es der Traum vom Heiraten, vom bürgerlichen Eigenheim mit Familie und Vorgarten, getrieben von dem Bedürfnis, an Traditionen festzuhalten und allseits akzeptiert und anerkannt zu werden? Das klingt zumindest nach einer weit verbreiteten Definition von Spießigkeit.
Es gibt jedoch auch eine zweite – zum Teil entgegengesetzte – Definition. Dieser zufolge bedeutet Spießigkeit, mit dem Finger auf andere zu zeigen und zu sagen: "So wie die leben, ist falsch!" Damit wäre auch jene Unart gemeint, seine Mitmenschen als spießig zu brandmarken, nur weil man ihre Kultur angestaubt findet und ihre Eigenheiten nicht teilen mag.
Spießigkeit macht vor keiner queeren Nische Halt
Es war einst Katharina Rutschky, die für frischen Wind in der Debatte gesorgt hatte. Sie war eine Ikone der 68er-Bewegung, doch für sie war Spießigkeit keineswegs mit dem Wunsch verbunden, eine konventionelle Familie zu gründen. Vielmehr erkannte sie es im autoritären, engstirnigen und rigiden Handeln, kurzum: überall dort, wo sich die Unfähigkeit zeigt, im Umgang mit anderen die eigene Position selbstkritisch und selbstironisch zu reflektieren.
Inzwischen bricht sich bei vielen die Erkenntnis Bahn, dass sich Spießigkeit in jeder gesellschaftlichen Gruppierung wiederfindet, ja selbst vor keiner queeren Nische Halt macht – wenn es nicht gar ein zivilisatorisches oder einfach grundmenschliches Phänomen ist, das in uns allen schlummert. Die meisten von uns navigieren mit einem inneren Vorgartenzwerg durchs Leben, den wir nicht sehen wollen oder ihn leugnen, sobald er sich offenbart. Aber wer um dessen Existenz Bescheid weiß, kann ihn in die Schranken weisen.
Anbiederung an die Mehrheitsgesellschaft

"Sehnsucht nach Subversion" ist im vergangenen Jahr in der Reihe "in*sight/out*write" des Querverlags erschienen
Auch die Journalistin und Verlegerin des bundesweiten Lesbenmagazins "L-Mag" und des Berliner Stadtmagazins "Siegessäule" Manuela Kay hat sich mit dem Thema beschäftigt. In ihrer 2021 im Querverlag erschienenen Streitschrift "Sehnsucht nach Subversion" (Amazon-Affiliate-Link ) knöpft sie sich die queere Community unter dem Aspekt der Spießigkeit vor – und hat dabei zunächst einmal eine sehr konventionelle Definition von Spießigkeit im Blick.
Kay klagt, eine Mehrheit in unserer Community wolle unbedingt von allen lieb gehabt werden und biedere sich an die Mehrheitsgesellschaft an, wobei viele sogar versuchten, "die besseren Heteros" zu sein. Wir hätten uns "in die Mitte der Gesellschaft hochgeschleimt", wo wir "einigermaßen in Luxus und Zufriedenheit vor uns hinwabern". Doch dabei werde die "eigene Identität der Konformität untergeordnet", immer mit dem Ziel eines "Happy Ends" vor Augen: der Zweierbeziehung und dem Läuten der Hochzeitsglocken.
Den Realitätssinn von Beziehungsmenschen unterschätzt
Es sei hier nur am Rande erwähnt, dass Kay damit pauschal den Realitätssinn von Beziehungsmenschen unterschätzt, die sich zu einem Bund fürs Leben entschließen. Den meisten von ihnen dürfte beim Gang zum Standesamt längst klar sein: Die Idee der romantischen Liebe ist vor allem ein Hirngespinst bedürftiger Singles, die sich damit selbst im Weg stehen. Eine funktionierende Beziehung verlangt in Wirklichkeit den Beteiligten enorme Anstrengungen und eine beständige Fähigkeit zum Kompromiss ab – und zwar auf Dauer. Wenn es im Privaten gelingt, die Beziehung weiterzuentwickeln, lernt man auch eine Lektion in zwischenmenschlichen Beziehungen außerhalb der Privatsphäre. Der symbolische Akt des Heiratens signalisiert lediglich, Verantwortung füreinander übernehmen zu wollen. Doch für Kay gibt es, um Adornos am häufigsten verwendetes Zitat einmal mehr zu bemühen, "kein richtiges Leben im falschen".
Stichhaltige Argumente liefert Kay, wenn sie das zweifelhafte, jedoch eher seltene Phänomen der Leihmutterschaft als globales Marktphänomen kritisiert, das nur von wenigen schwulen Paaren in Anspruch genommen wird. Gleichwohl umschifft sie ein heikles Thema, das ihr von diesem Standpunkt aus genauso unter den Nägeln brennen müsste: Warum überhaupt Kinder in die Welt setzen, solange es die Möglichkeit einer Adoption gibt? Kay mogelt sich um diese Frage herum, um es sich mit niemandem zu verscherzen. Sie spielt darauf nur indirekt an, wenn sie über neue Gemeinschaftsformen sinniert und dabei mit der spaßig gemeinten Bemerkung stichelt, dass "Regenbogen- und Patchworkfamilien ihre Kinder jetzt nicht im Wald aussetzen" müssten.
Sympathie mit der kinderlosen Angela Merkel
Sehr viel provokanter wird es übrigens nicht. Aus dem schmalen Büchlein könnte man ohne weiteres auf einer lesbischen Baby-Shower-Party im Prenzlauer Berg vorlesen, ohne dass dabei ernsthaft jemand Anstoß nehmen müsste. Der "monogame Schwule, die brave lesbische Mutter, die konservative Transfrau, die ein Frauenbild der 50er-Jahre verkörpert" – von solchen Abziehbildern wird sich kaum jemand angesprochen fühlen.

Manuela Kay (Bild: privat)
Das ist eigentlich schade. Denn von Kay kursieren Aussagen, die schon mal mutiger, pointierter und weniger ideologisch waren. Etwa als der Lesben- und Schwulenverband im Jahr 2001 mit der Plakataktion unter der Schlagzeile "Wer ist Familie?" konservative Klischees unterlaufen wollte: Auf der linken Seite war das Ehepaar Merkel zu sehen, auf der rechten zwei Lesben mit ihren vier Kindern. Nie werde sie dem Verband verzeihen, dass sie die kinderlose Angelika Merkel mit ihrem Mann "ungleich sympathischer" finde als das Lesbenpaar mit den Kindern – so schrieb Manuela Kay als Chefredakteurin der "Siegessäule" in ihrem damaligen Leitartikel. Die Äußerung provozierte, zumal Merkel – zu dieser Zeit noch längst nicht Bundeskanzlerin – im rot-grünen Lager keinerlei Respekt genoss und auch aus der Szene regelmäßig mit Häme überschüttet wurde.
Dringender Bedarf nach neuen Formen des Respekts
Lässt man den polternden Unterton außer acht, den Kay gerne pflegt, erkennt man zwischen den Zeilen nicht nur ein legitimes, sondern ein äußerst wichtiges Anliegen: Im Kern geht es darum, dass sich in Lebensgemeinschaftsmodellen wie Ehe und Familie eben nur ein Teil unserer Community wiederfindet. Wer etwa als Single nicht in dieses Konzept passt, fühlt sich nicht nur mitunter isoliert, sondern fällt obendrein auch noch gesellschaftlich und politisch aus dem Rahmen. Grundsätzlich besteht dringender Bedarf nach neuen Formen des Respekts und des Zusammenlebens. Die vom Justizministerium geplante gesetzliche Verankerung einer Verantwortungsgemeinschaft kann dazu nur ein erster Schritt sein. Doch von schrittweisen und pragmatischen Lösungen ist in dem "Weckruf" von Manuela Kay nicht die Rede. Was müsste sich ihrer Ansicht nach ändern, um mehr Vielfalt zu erreichen?
Es spricht für Kay, dass sie in ihrer Schrift den Blick über den Tellerrand wagt und sich etwa auch für den Kampf gegen Rassismus und überhaupt jegliche Art von Diskriminierung ausspricht. Doch dabei bleibt es nicht. Anstatt sich auf die Idee zu konzentrieren, gleichberechtigte alternative Beziehungsformen zu etablieren, möchte Kay am liebsten erst mal alles abschaffen: nicht nur Ehe und Familie, sondern auch Geschlechtskategorien und Privatbesitz. Auch sämtliche Landesgrenzen will sie beseitigen, Marktwirtschaft sowieso. Die einzige Lösung sieht sie darin, einen Schlussstrich unter die Geschichte zu ziehen und alles neu zu denken und auszuhandeln. Darunter geht's nicht. So stellt sich Manuela Kay also Subversion vor: ein globaler Umsturz der bestehenden Ordnung, ohne dass ein Stein auf dem anderen bleibt. Entweder alles oder nichts. Die Chancen, mit solchen Maximalforderungen an den bestehenden Verhältnissen etwas zu verändern, dürften jedoch äußerst gering sein.
Untergrabung gesellschaftlicher Ordnungen als queere Tradition
Dabei hat die Idee von der Untergrabung gesellschaftlicher Ordnungen in der queeren Geschichte Tradition, und bislang hat sich der subversive Blick stets als gesellschaftlich äußerst fruchtbar erwiesen. So hat etwa die subversive queere Kunstszene im New York der 1960er-Jahre wesentlich zu jener Stimmung beigetragen, die letztlich den Stonewall-Aufstand gegen die Polizeirazzien möglich machte.
In Deutschland war Rosa von Praunheims 1971 erschienener Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" ein Tabubruch und hatte die Gründung einer schwulen Bewegung im deutschsprachigen Raum zur Folge.
Michel Focault sind wiederum philosophische Grundlagen zu verdanken, die von subversivem Denken geprägt sind und etwa zur Inspiration von Judith Butlers bahnbrechenden Werk "Das Unbehagen der Geschlechter" beisteuerten – im Original "Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity". Vor mehr als dreißig Jahren erschienen, hat es im Lauf der Zeit zur Diskussion um Gender und Geschlecht mehr beigetragen als jedes andere literarische Werk.
Das Bestreben nach "Konformismus" kann subversiv sein
Manuela Kays Streitschrift hätte möglicherweise davon profitiert, wenn die Autorin etwas tiefer in die queere Geschichte eingetaucht wäre. Sie beruft sich lediglich auf Praunheims Film, ohne allerdings Martin Dannecker zu nennen, der an den zitierten Passagen wesentlich Anteil hatte. Doch wer sich mit queerer Subversion auseinandersetzt, sollte vor allem Didier Eribons 1999 erschienene "Betrachtungen zur Schwulenfrage" kennen. Eribon hat in seinem Standardwerk dem Thema Subversion ein ganzes Kapitel gewidmet.
"Will man sich nicht mit dem narzisstischen Vergnügen zufrieden geben, Posen einzunehmen und radikale, aber inhaltslose Diskurse von sich zu geben, sollte man nie vergessen, dass eine Subversion stets partiell und lokal erfolgt", so Eribon. "In manchen Fällen kann sich dann deutlich erweisen, dass das Bestreben nach 'Konformismus' destabilisierender sein und sich als subversiver herausstellen kann als alle revolutionäre Proklamationen."
Das – so Eribon – gelte nicht nur für homosexuelle Männer und Frauen, sondern auch für trans Personen. Als Beispiel führt er die israelische Popsängerin Dana International an, die 1998 beim Eurovision Song Contest für Israel einen Sieg errungen hat. In ihrem Land habe sie damals einen Skandal ausgelöst, gerade weil sie von einer "Sehnsucht nach Normalität" träumte und ihr Lebensideal beschrieb, "als sei es einem Fotoroman entnommen". Nicht ihre Transidentität habe "die Wut der Normverfechter entfacht", sondern ihr hartnäckiger Anspruch, als normal zu gelten. Wäre sie in einem queeren Ghetto verharrt, hätte sich darüber niemand aufgeregt. Für Eribon zählt Dana International somit zur queeren Avantgarde – und so haben es die meisten innerhalb der Community auch empfunden.
Der Logik von "Sehnsucht nach Subversion" zufolge käme Dana hingegen nicht so gut weg. Vielleicht sollte Manuela Kay darüber noch einmal meditieren.
Manuela Kay: Sehnsucht nach Subversion. Band 3 der Reihe in*sight/out*write. 64 Seiten. Querverlag. Berlin 2021. Taschenbuch: 8 € (ISBN 978-3-89656-305-7)
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Für mich ist ein Spießer, jemand, der die Lebensweise, das Tun und Sprechen eines Anderen ohne triftigen Grund (z.B. Gesetz) ablehnt oder angreift. Der Traditionelle Spießer hatte einen langen Speer, auf dem er Andere aufspießte.
Witzig nur, in dem Kay die Ehe, Familie, Kinder aufs Korn nimmt, wird sie zum Spießer. Würde sie es dagegen Propagieren, wäre sie nach ihrer ersten Definition Spießer. Es ist also egal was sie macht - sie ist per ihrer Definition spießig, ohne jede Chance, aus dem Zirkelbezug heraus zu kommen.
Jetzt noch mal für alle: es ist in Ordnung und gut, so zu leben, wie man es für richtig hält. Ob als Single, Paar, n-fach-Beziehung oder auch asexuell.
Ich lebe seit 32 Jahren mit meiner Frau zusammen und zwar glücklich und ja, wir sind verheiratet - nicht aus romantischen Gründen, sondern weil wir uns gegenseitig und gegenüber dem Gesetz absichern wollten. So what?
"Eine funktionierende Beziehung verlangt in Wirklichkeit den Beteiligten enorme Anstrengungen und eine beständige Fähigkeit zum Kompromiss ab."
Nein! Eine funktionierende Beziehung verlangt in erster Linie Respekt für einander, Zuverlässigkeit und Vertrauen. Jede*r muss der/dem anderen auch Freiraum geben, und man braucht das Gefühl, dass was gemeinsam zu machen ein Geschenk und was besonderes ist.