Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?43042

Von William Shakespeare bis Rosa von Praunheim

Ein queerer Blick auf die neue Spielzeit im Theater

In den ersten Bundesländern starten die Theater in die neue Spielzeit 2022/23 – mit einigen vielversprechenden queeren Produktionen im Gepäck.


Shakespeare mit Regenbogenarsch: Pressefoto für die Inszenierung von "Wie es euch gefällt" am Staatsschauspiel Dresden (Bild: Sebastian Hoppe)

Queere Stoffe auf deutschen Theaterbühnen – wer in den vergangenen Jahren danach gesucht hat, musste schon ziemlich genau hinschauen und sich vor allem auch ein wenig auskennen, um sie als solche identifizieren zu können. Und das nicht nur abseits deutscher Metropolen. Bei der Recherche für diese Übersicht zeigte sich aber: Es scheint sich ein Prozess in Gang gesetzt zu haben, der allmählich spürbar ist.

Über die gesamte Bundesrepublik hinweg konnten zahlreiche queere Arbeiten in der Sparte Schauspiel an den Theatern ausfindig gemacht werden, die in der neuen Spielzeit auf die Bühne kommen. Darunter Klassiker der Dramenliteratur, Roman- und Filmadaptionen, neue Stücke, Experimentelles und große Produktionen, die an neuen Orten zu sehen sein werden.

Kein Vorbeikommen an Shakespeare

Das Staatsschauspiel Dresden eröffnet seine Spielzeit am 9. September mit "Wie es euch gefällt". Regisseur Philipp Lux bringt das Stück für die Bürger:Bühne mit Jugendlichen zwischen 14 und 24 Jahren auf die Bühne. Eine Shakespeare'sche Liebeskomödie über Gender, Sex und Queerness.

Weitere Inszenierungen entstehen im November von Bastian Kraft unter dem Titel "As you fucking like it von William Shakesqueer" am Deutschen Theater Berlin und im Juni 2023 von Marc Becker am Hans Otto Theater in Potsdam.

Außerdem gibt es im Februar 2023 am Theater Freiburg eine neue Inszenierung der berühmten Liebeskomödie "Was ihr wollt". In dem Stück wendet und verkehrt Shakespeare lustvoll die Geschlechterrollen und Identitäten.

Gefeierte Inszenierungen an neuen Orten

Bereits 2015 feierte der australische Regisseur Simon Stone mit Tony Kushners "Engel in Amerika" Premiere am Theater Basel. In dem Drama geht es um den Ausbrauch der Aids-Pandemie in New York. Ab dem 23. September steht die Produktion nun fest auf dem Spielplan des Residenztheater München.


Nicola Mastroberardino und Florian Jahr in "Engel in Amerika" am Residenztheater München (Bild: Sandra Then)

Ebenfalls ein Schweiz-Deutschland-Import ist die vielfach ausgezeichnete Inszenierung "Einfach das Ende der Welt" in der Regie von Christopher Rüping. Der Abend ist eine Produktion des Schauspielhaus Zürich und ab dem 28. Oktober am Schauspielhaus Bochum zu sehen. Es geht um einen jungen Mann, der nach zwölf Jahren zu seinem Elternhaus zurückkehrt und eine schreckliche Wahrheit im Gepäck hat. Warum er mit 22 Jahren seine Familie verließ, wird nicht erzählt. Offen bleibt, ob der Hauptcharakter schwul bzw. HIV-positiv ist.

Der Choreograf Michiel Vandevelde ergründet in "Joy 2022" gemeinsam mit Ensemble-Mitgliedern der Münchner Kammerspiele und Akteur*innen der Sexpositivity-Szene das heutige Verständnis von Sexualität. Uraufführung war im Juni im Rahmen der Wiener Festwochen. Deutschland-Premiere ist im Dezember 2022.

Außerdem ist nach der umjubelten Uraufführung in Düsseldorf Robert Wilsons "Dorian" auch am Staatsschauspiel Dresden zu sehen. In "Dorian" vereint der US-amerikanische Autor Darryl Pinckney drei Geschichten zu einem assoziativen Erzählfluss. Es spielt und singt Christian Friedel. Zu sehen ab Januar 2023.

Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray" ist zudem Ausgangspunkt für ein Crossover-Projekt von Tanz und Schauspiel am Schauspiel Köln, das ab Oktober gespielt wird: "Love me more" von Saar Magal geht Fragen nach Begehren, Zurückweisung, Selbstliebe und Optimierungswille auf den Grund.

Romanadaptionen von Virginia Woolf, Miranda July, Édouard Louis und Hervé Guibert

Queere Romanadaptionen stehen weiter hoch im Kurs. Zu diesen zählt in der kommenden Spielzeit auch wieder Virginia Woolfs "Orlando", die Fragen nach Identität und Geschlechterrollen, Macht und Status aufwirft. Regisseurin Annette Müller präsentiert im Oktober ihre eigene Fassung am Landestheater Tübingen. Am selben Haus entsteht zudem im Februar 2023 eine Adaption von Miranda Julys "Der erste fiese Typ" in der Regie von Romy Lehmann. Julys Romandebüt thematisiert unter anderem auch eine lesbische Liebesgeschichte.

Regisseur Florian Fischer eröffnet die neue Spielzeit am Schauspielhaus Bochum mit der Uraufführung von Hervé Guiberts "Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat". In seinem autobiografischen Roman erzählt der Autor vom Leben mit Aids und vom Leben gegen den Tod. Zu sehen ab dem 9. September in den Kammerspielen.

Darüber hinaus stehen auch wieder Werke des französischen Shootingstars Édouard Louis auf den Spielplänen: An den Münchner Kammerspielen inszeniert Felicitas Brucker "Die Freiheit einer Frau". Darin begibt sich Louis auf die Spuren der Biografie seiner Mutter Monique Belleguelle. Premiere ist am 7. Oktober. Am Deutschen Theater Göttingen entsteht mit "Fragmente der Zärtlichkeit" ein Theaterabend, der Louis' Familiengeschichte auf Basis seiner Romane "Die Freiheit einer Frau" und "Wer hat meinen Vater umgebracht?" nachzeichnet. Premiere ist im April 2023.

Fünf neue Theaterstücke feiern Uraufführung

"I Don't Care ไม่ว่าอย่างไร" ist eine Kooperation des B-Floor Theatre Thailand und des Residenztheater München und feiert in Bangkok und München Uraufführung. Jürgen Berger erzählt in der Dokufiktion von trans* Lebensentwürfen in Thailand und Deutschland, die sich auf verschlungenen, aber auch auf geradlinigen Pfaden ihrem gefühlten Geschlecht nähern und dabei in beiden Ländern mit Vorurteilen und Anfeindungen zu kämpfen haben. In München ist die Produktion ab dem 14. Oktober zu erleben.

In "Frauen der Unterwelt" am Staatstheater Augsburg erhalten Frauen eine Stimme, die lange nicht gehört wurden: sieben starke, unangepasste Frauen, die Opfer der sogenannten NS-Krankenmorde wurden. Eine von ihnen ist die lesbische Journalistin Ann Esser. Der Text von Tina Rahel Völckers basiert auf einer intensiven Recherche und dokumentarischen Auseinandersetzung und wird erstmals im Februar 2023 gezeigt.

Am Deutschen Theater Berlin erfindet Regisseur Paul Spittler für das Junge DT mit Jugendlichen ein SciFi-Abenteuer, das mit Humor, Glitzer und Trash das Konzept der Heteronormativität ad absurdum führt. Uraufführung von "Space Queers" ist im März 2023.

Am Staatstheater Kassel präsentiert Regisseurin Laura N. Junghanns ihre Fassung des Romans "Ministerium der Träume" von Hengameh Yaghoobifarah. In ihrem Werk wirft die Autorin einen Blick in die Innenwelt migrantischen Lebens sowie in Klassen-, Identitäts-, Zuschreibungs- und Herkunftskonflikte. Protagonistin ist Nasrin, die als lesbische Türsteherin in einer queeren Bar arbeitet. Uraufführung ist im Juni 2023.

Einen Monat später, im Juli 2023, feiert das Kollektiv TONDLHAAS mit ihrer Produktion ":innen" Uraufführung im Konstanzer Stadtraum. Gemeinsam mit Spieler*innen des Theater Konstanz und deren Werkstätten wandelt die Stadtvermessung ":innen" männliche Orte zu genderinklusiven Räumen.

Amerikanische Theaterstücke erstmals auf deutschsprachigen Bühnen

Erstmals auf einer Bühne im deutschsprachigen Raum ist ab dem 25. September das Stück "Pussy Sludge" im Münchner Volkstheater zu erleben. Gracie Gardner stellt in ihrem Stück das patriarchale System auf den Kopf und räumt mit stereotypen Genderkonstruktionen auf. Regie führt Mirjam Loibl.


Szene aus der "Pussy Sludge"-Inszenierung des New Yorker Less Than Rent Theatre (Bild: Hunter Canning)

Die absurde Komödie "Hir" von Schauspieler*in, Autor*in, Regisseur*n und Dragqueen Taylor Mac kommt im Januar 2023 in einer Inszenierung von Jakob Weiss auf die Studiobühne des Badischen Staatstheater Karlsruhe. Mit "Hir" knüpft Taylor Mac an die Tradition der amerikanischen Familiendramen an und erzählt von der Welt der Transidentität.

Ein Familiendrama erzählt auch das Stück "Zaun", das ebenfalls ab Januar 2023 zu sehen sein wird. Der Text von Autor*in, Regisseur*in, Musiker*in und Designer*in Sam Max verhandelt das Trauma, in der eigenen Identität negiert zu werden, und die kollektive Gefahr gesellschaftlicher Zwänge. Regie führt Wilke Weermann am ETA Hoffmann Theater in Bamberg.

Ein neues Fußballstück kurz nach der WM in Katar

Am Theater Oberhausen feiert "Zwei Herren von Real Madrid" im Januar 2023 seine Uraufführung. Leo Meier setzt sich für sein Debütwerk über alle Genregrenzen und normative Banden hinweg. Er erschafft eine absurd-fantastische Realität, in der Drachen normale Haustiere sind und sich Fußballprofis ganz selbstverständlich ineinander verlieben können. Regie führt Maike Bouschen. Noch im selben Monat wird dann Albrecht Schroeder seine Inszenierung des Stücks am Schauspiel Leipzig präsentieren.

Neue Inszenierungen von Rosa von Praunheims Werken

Nach der Uraufführung von "Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs" am Deutschen Theater Berlin ist das Schauspiel von Rosa von Praunheim ab April 2023 nun auch am Landestheater Tübingen zu erleben. In dem Stück treffen sich zwei Schauspieler und nehmen die aktuelle politische Großwetterlage zum Anlass für einen wilden und sehr musikalischen Ritt durch die deutsche Geschichte. Regie führt Thorsten Weckherlin.

Außerdem präsentiert Paul Spittler im Juni 2023 seine Inszenierung des Musicals "Die Bettwurst" von Rosa von Praunheim mit Musik von Heiner Bomhard am Saarländischen Staatstheater. Seine Uraufführung feiert das Musical am 8. September 2022 in der Berliner Bar Jeder Vernunft.

Drei queere musikalische Produktionen

Am Landestheater Tübingen widmen sich der Oberspielleiter Dominik Günther und der musikalische Leiter Jörg Wockenfuß dem Thema Sex in der Popmusik. Es entsteht eine energiegeladene Inszenierung mit einer Zeiten und Genregrenzen sprengenden Liedauswahl voller musikalischer Höhepunkte. Uraufführung von "Sex!" ist im November.

Das preisgekrönte queere Kultmusical "Hedwig and the Angry Inch" erzählt die Geschichte über den Wandel eines Underdogs hin zu einem schillernden Rockstar. Zwischen Melancholie und dem Glitzer des Showbusiness ist die Geschichte von Hedwig eine, die von der Suche nach der eigenen Identität erzählt und dabei soziale Grenzen und gesellschaftliche Konstrukte von Geschlecht aufhebt. Premiere am Deutschen Theater Göttingen ist im Januar 2023.

Im Rahmen des Neubrandenburger Spektakel 2023 wird das Musical "Ein Käfig voller Narren" von Jerry Herman und Harvey Fierstein nach dem Theaterstück von Jean Poiret zu sehen sein. Darin geht es unter anderem um die Frage, wie offen die Gesellschaft wirklich mit Homosexualität umgeht. Stephan Bruckmeyer inszeniert für das Theater Orchester Neubrandenburg Neustrelitz. Premiere ist im Juni 2023 im Schauspielhaus Neubrandenburg.

Neue Inszenierungen von "Slippery Slope" und "Das Vermächtnis"

Yael Ronen inszeniert für das Theater Ingolstadt erneut "Slippery Slope". Der Text stammt von ihr und Shlomi Shaban. Uraufgeführt wurde das Stück, das von Identitätspolitik, Feminismus, Pervertierung und Social Media-Wahn handelt, am Maxim Gorki Theater Berlin und war zum 59. Berliner Theatertreffen eingeladen. Premiere ist im Oktober.

Matthew Lopez' gefeierter Queer-Epos "Das Vermächtnis" ist seit der letzten Spielzeit auch in Deutschland zu erleben. Darin geht es um eine Gruppe schwuler Männer, die drei verschiedenen Generationen angehören und im Zeichen ihrer Differenz um Verantwortung, Zusammenhalt, Wahrheit und Fürsorge ringen. Am Theater Münster präsentiert Regisseur Sebastian Schug nun seine Inszenierung. Premiere ist im Dezember.

Zwei Stücke gefeierter türkischer Gegenwartsdramatiker*innen

Am 9. September feiert "So weit weg (Tevafuk)" von Şâmil Yılmaz Premiere am Theater Osnabrück. In dem Stück geht es um die Begegnung zweier Männer in einem Hotelzimmer in Ankara. Regie führt Ebru Tartıcı Borchers.

Direktlink | Vorabtrailer zu "So weit weg (Tevafuk)" am Theater Osnabrück
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

"Last Park Standing" von Ebru Nihan Celkan spielt in Istanbul 2013 während der Proteste im Gezi-Park. Die junge Juristin Umut lernt hier Janina aus Berlin kennen und die beiden verlieben sich ineinander. Es scheinen alle Möglichkeiten offen zu stehen für die Revolution und ein freieres Leben. Am Ende steht aber eine Entscheidung aus zwischen der Liebe und den Werten, für die man einsteht. Markus Heinzelmann inszeniert den Text für das Theater Erlangen. Premiere ist im November.

Zwei Werke der deutsch-ungarischen Schriftstellerin Christa Winsloe

Die Verfilmung ihres ersten Schauspiels "Ritter Nérestan" unter dem Titel "Mädchen in Uniform", das von der Liebe einer Internatsschülerin zu ihrer Lehrerin handelt, machte die Christa Winsloe 1931 für kurze Zeit weltberühmt. Am Badischen Staatstheater Karlsruhe entsteht eine Bühnenfassung des Films durch das Regieteam Kaufmann/Witt, das die Geschichte aus dem Preußen des frühen 20. Jahrhunderts in Bezug zu gleichgeschlechtlichen Liebes- und Lebensgeschichten von Frauen aus den letzten fünf Jahrzehnten setzt. Premiere ist im Mai 2023.

Auch ihr Stück "Sylvia und Sybille", das in Berlin Anfang der 1930er Jahre spielt, erzählt von der Macht zwischenmenschlicher Beziehungen. Darin untersucht die Autorin, vor welchen Herausforderungen nicht normative Liebesbeziehungen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Intoleranz stehen. Daniela Löffner inszeniert das Stück für das Staatsschauspiel Dresden. Premiere ist ebenfalls im Mai 2023.

Über gefährliche Realitäten und queere Utopien

"Tom auf dem Lande" von Michel Marc Bouchard erzählt von dem jungen Werbetexter Tom, der aus der Großstadt zum Begräbnis seines Lebensgefährten in die kanadische Provinz fährt und dort auf dem Hof von dessen Familie in einen Strudel aus Lügen, Verdrängung und Gewalt gerät. Am Deutschen Theater Göttingen inszeniert Marcel Gisler, Premiere ist am 8. Oktober. Außerdem am Theater Regensburg in einer Inszenierung von Jakob Weiss, zu sehen ab April 2023.

Ob Menschen in einer Welt von akribisch konstruierten Geschlechternormen überhaupt eine Chance haben, sie selbst zu sein, fragt das deutsch-polnische Performance-Projekt "niedoskonała utopia / an imperfect utopia". In einer gemeinsamen Recherche erforscht das Ensemble, bestehend aus zwei Spieler*innen der Münchner Kammerspiele und zwei Spieler*innen des TR Warszawa, verschiedenste Strategien, um die Geschichte der Unterdrückung und eingeübte Mechanismen abzuschütteln. Regie führt Noémi Ola Berkowitz. Die München-Premiere sollte bereits in der vergangenen Spielzeit stattfinden und soll nun im Laufe des nächsten Jahres nachgeholt werden.

-w-

#1 GayofcultureAnonym
  • 28.08.2022, 06:07h
  • Es ist schön, dass so viele queere Stücke zu sehen sind. Glückwunsch an die Macher, die Ensembles und Autoren und ein dickes Dankeschön!!!! Aber leider ist wie so oft der Süden unterpräsentiert, auch wenn thailändische, türkische und mit Oscar Wilde irische Stücke vorkommen, dominieren Dich die starken Kulturnationen; Deutschland, Frankreich, Großbritannien, USA.

    Wo bleiben Stücke aus Chile, Argentinien, Brasilien, Mexiko, Portugal, Spanien, Italien, Griechenland? In all diesen Ländern gibt es reiche Literaturen und viele Dramatiker, auch queere. Warum werden sie hier nicht gespielt? Das würde ich mir für die nächste Saison sehr wünschen. Es wäre das Salz im Theater und würde einen Theatermuffel wie mich vielleicht auch in eines der Häuser locken..,
  • Direktlink »
#2 LSBTIQ* DortmundAnonym
  • 28.08.2022, 11:14h
  • In Dortmund gab es bereits im 2. Jahr das Queerfestival im Schauspiel Dortmund mit größtenteils ausverkauften Produktionen.
  • Direktlink »
#3 Feuriger BengelAnonym
  • 28.08.2022, 15:23h
  • Antwort auf #1 von Gayofculture
  • "Aber leider ist wie so oft der Süden unterpräsentiert, auch wenn thailändische, türkische und mit Oscar Wilde irische Stücke vorkommen, dominieren Dich die starken Kulturnationen; Deutschland, Frankreich, Großbritannien, USA."

    Oscar Wilde zwar Ire, aber er schrieb auf Englisch und zudem in einer Zeit, als Irland ein Teil des Vereinigten Königreichs war. Das hat die Sichtbarkeit seiner Werke enorm erhöht. Ich bin ziemlich sicher, dass er, wenn er auf Irisch geschrieben hätte, es höchsten zum Geheimtipp geschafft hätte. Dadurch, dass er auf englisch (und auch auf französisch) schrieb, war er aber schon zu Lebzeiten äußerst erfolgreich und erwarb sich auch den Status eines lebenden Klassikers. Insofern gehört er für mich zum Mainstream.
    Dass die zeitgenössische Dramatik frankophoner Länder (also nicht nur die französische) einigermaßen präsent ist, grenzt im heutigen Deutschland hingegen beinahe an ein Wunder, und das trotz des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages. Wenn man sich hingegen die Klassiker anschaut, ist aus dem ganzen reichhaltigen französischen Theaterrepertoire nur Molière einigermaßen präsent. Corneille (sowohl der große Pierre als auch dessen weniger bekannter Bruder Thomas), Racine, Musset, Rostand oder der radikale Genet? Fehlanzeige.
    Umso bemerkenswerter ist es, dass Stücke aus der Türkei und - das ist einmalig - eine Koproduktion mit einem thailändischen Theater auf den Spielplänen auftauchen. Aus demselben Grunde erwähnenswert ist auch das deutsch-polnische Performance-Projekt.

    "Wo bleiben Stücke aus Chile, Argentinien, Brasilien, Mexiko, Portugal, Spanien, Italien, Griechenland? In all diesen Ländern gibt es reiche Literaturen und viele Dramatiker, auch queere."

    Ich vermute ganz stark, dass da einerseits die Sprachbarriere eine Rolle spielt und zweitens die Mainstreamkultur heute zu sehr auf die USA (und ein wenig aufs Vereinigte Königreich) ausgerichtet ist. Die heutige - relative - Beliebtheit des Spanischen als zweite bzw. dritte Fremdsprache an deutschen Schulen schlägt sich kaum in einer verstärkten Präsenz der Kultur der spanischsprachigen Länder in Deutschland nieder.
    Ich interessiere mich eher für Epik als für Dramatik und bin deshalb über das Theater in den von Dir genannten Ländern nicht sonderlich gut unterrichtet, aber ich finde das mangelnde Interesse für die Kultur dieser Länder traurig. Es ist skandalös, dass ein so wichtiger und faszinierender, aber auch anspruchsvoller Autor wie der Kubaner Reinaldo Arenas mit der Ausnahme seiner Autobiographie "Bevor es Nacht wird" in den deutschsprachigen Ländern auch drei Jahrzehnte nach seinem Tode so gut wie unbekannt ist, was nicht zuletzt den bis heute nicht vorliegenden Übersetzungen selbst seiner Hauptwerke geschuldet ist. Selbst die großen Verlage scheuen anscheinend das Investitionsrisiko.

    Zumindest in Bezug auf Portugal und Brasilien muss aber auch leider gesagt werden, dass der Staat in beiden Ländern viel zu wenig in Kultur investiert.
  • Direktlink »