https://queer.de/?43048
Queer-Pioneer
"Gegen tausendjähriges Unrecht habe ich offen und frei Protest erhoben"
Am 29. August 1867 trat Karl Heinrich Ulrichs als erster Deutscher öffentlich für die Rechte Homosexueller ein. 155 Jahre später ist sein Werk immer noch wegweisend. Grund genug, es wiederzuentdecken.

Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895)
- 29. August 2022, 05:06h 6 Min.
"Bis an meinen Tod werde ich es mir zum Ruhme anrechnen, daß ich am 29. August 1867 zu München in mir den Muth fand, Aug' in Auge entgegenzutreten einer tausendjährigen, vieltausendköpfigen, wuthblickenden Hydra, welche mich und meine Naturgenossen wahrlich nur zu lange mit Gift und Geifer bespritzt hat, viele zum Selbstmord trieb, ihr Lebensglück allen vergiftete", erinnerte sich Karl Heinrich Ulrichs 1868 in "Gladius furens" an jenen denkwürdigen Tag, an dem er vor dem in München stattfindenden Deutschen Juristentag das Phänomen der mannmännlichen Liebe verteidigte, auf das er selbst anno 1864 den Begriff "Uranismus" geprägt hatte. Mit der "wuthblickenden Hydra" war die Feindseligkeit gegenüber Homosexuellen gemeint, der sich der Forscher, Jurist und Schriftsteller Ulrichs selbst Zeit seines Lebens ausgesetzt sah. Sie brach auch bei der Rede in München durch. Dort wurde Ulrichs von seinen Kollegen niedergeschrien – ein Umstand, der ihn danach umso mehr dazu veranlasste, sich als moralischer Sieger zu fühlen.
"Wer hat denn am 29. August einen Triumph gefeiert? Sie, meine Herren, ganz gewiß nicht. Wessen könnten Sie sich rühmen? Doch nur, mein Wort erdrückt, meine Stimme totgerufen und – das 'audiatur et altera pars' mir gewaltsam entrissen zu haben! Das sind Ihre Lorbeern! Ich dagegen darf mich eines ganz andren rühmen: gegen tausendjähriges Unrecht habe ich offen und frei Protest erhoben. Die unbefangene, mündliche, öffentliche Discussion über mannmännliche Liebe war bei uns bisher hinter Schloß und Riegel gelegt. Des Hasses Wort allein war frei. Er allein hatte Discussionsfreiheit. Diese Schranken: zerbrochen habe ich sie, gewaltsam; zerbrochen, ohne dabei die Pflichten gegen das öffentliche Schamgefühl zu verletzen."
Vorreiter der queeren Bewegung
Die Schranken des Hasses gegen Homosexuelle zu durchbrechen war die Lebensaufgabe von Karl Heinrich Ulrichs. Geboren am 28. August 1825 in Aurich, studierte er nach dem Abschluss des Gymnasiums Rechtswissenschaften in Göttingen und Berlin, legte 1848 sein Examen als Amtsauditor ab und wurde Auditor im Königreich Hannover. Doch schon Ende 1854 schied er aus dem Verwaltungs- und Justizdienst aus, um einem Disziplinarverfahren wegen seiner Homosexualität zuvorzukommen. Danach betätigte er sich als "Privatgelehrter", schrieb Gedichte, betrieb Studien zur germanischen Mythologie und zum Öffentlichen Recht und entwickelte jene Theorien, die ihm zu seiner heutigen Bedeutung als Vorreiter der Sexualwissenschaft und der queeren Bewegung verhalfen.
Ab 1864 begann Ulrichs unter dem Pseudonym "Numa Numantius" seine Schriftenreihe "Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe" zu veröffentlichen und seine Theorien zum "Uranismus" öffentlich zu machen. Der Begriff leitete sich von der für eingeschlechtliche Liebe stehende Göttin Aphrodite Urania ab. In Ulrichs Theorien wurden homosexuelle Männer als "Urninge", homosexuelle Frauen als "Urninden" und Heteros als "Dioninge"/"Dioninden" kategorisiert. Mit seinen Schriften wollte er nicht nur aufklärend wirken, sondern auch zur Emanzipation der Urninge beitragen und mithilfe des Nachweises der biologischen "Natürlichkeit" der Homosexualität die rechtliche Gleichbehandlung der Uranier erwirken. Die Münchner Rede vom 29. August 1867, bei der "endlich einmal, offen und laut, Zeugniß abgelegt" wurde "für der urnischen Liebe zertretenes Recht" hatte für Ulrichs strategisch wie persönlich einen besonderen Stellenwert.
"Ja, ich bin stolz, daß ich die Kraft fand, der Hydra der öffentlichen Verachtung einen ersten Lanzenstoß in die Weichen zu versetzen", erinnerte er sich in "Gladius furens". "Was mich noch im letzten Augenblick stärkte, die Rednerbühne des deutschen Juristentages wirklich zu betreten, das war das Bewußtsein, daß in diesem Augenblick aus weiten Fernen meine Naturgenossen auf mich blickten. Ihr Vertrauen auf mich, sollte ich's denn erwiedern mit Feigheit? Das war ferner der Gedanke an einen Selbstmord, den frischesten, den fast noch rauchenden, den das herrschende System verschuldet hat, an den zu Bremen von September 1866. Das war ein Brief, den ich noch auf dem Wege zu unserer Sitzung empfangen hatte, welcher mir mittheilte, ein Genosse habe über mich geäußert: 'Numa fürchtet sich vor der That!' Und trotz alle dem wollten schwache Secunden mich beschleichen und eine üble Stimme raunte mir in's Ohr: 'Noch ist's Zeit, Numa! Zu schweigen. Auf das bereits erbetene Wort brauchst du nur ganz kurz zu verzichten. Dann hat all' dein Herzklopfen ein Ende!' Dann aber war mir's als ob eine andere Stimme ihr Flüstern begänne. Das war die Mahnung, mit der vor 30 Jahren mein Vorgänger im Kampfe, Heinrich Hösli in Glarus, sich selber gemahnt hatte, nicht zu schweigen, und welche in diesem Augenblick, anklingend und laut wiedertönend, mit all' ihrer Kraft mir vor die Seele trat."
Wiederentdeckt erst in den 1990er Jahren
Vieles, was Ulrichs Aufzeichnungen über die Unterdrückung von Homosexuellen und deren Folgen erwähnen, lässt sich auf heutige Meldungen über Diskriminierungen in aller Welt übertragen, während seine Aufrufe zum Kampf bei allem Pathos durchaus immer noch als Motivation für Aktivismus jeglicher Couleur taugen: "Wir haben uns ermannt! Von nun an werden wir unsren Verfolgern Aug' in Auge gegenüberstehn. Wir halten ihnen Stand. Wir wollen nicht länger verfolgt sein! Wir wollen uns nicht mehr verfolgen lassen. Wir wollen nicht! Heraus, ihr Verfolger, zum ehrlichen Kampfe! d. i. zum Kampfe mit Rechtsgründen. Wir wollen euch zeigen, daß wir ein gutes echtes Schwert haben, nämlich unser angebornes Menschenrecht, unser Recht von Gottes Gnaden, und daß wir unsere Klinge auch zu führen verstehn. Laßt uns sehen, welche von beiden, die unsre oder die eure, an dem Hieb der andren zerspringen wird!"

Bücher von Karl Heinrich Ulrichs in der Bibliothek rosa Winkel
Während Ulrichs Theorien Anfang des 20. Jahrhunderts von weiteren Pionieren der Sexualwissenschaft wie Magnus Hirschfeld aufgegriffen wurden, geriet seine Arbeit spätestens in der Nazizeit in Vergessenheit und erfuhr auch in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg wenig Beachtung. Erst in den 1990er Jahren gab es eine Renaissance, die unter anderem der Wiederveröffentlichung "Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe" durch die Historiker Wolfram Setz und Hubert Kennedy zu verdanken war. Seither wurden in Göttingen, Hannover, Bremen, Berlin sowie in Ulrichs Heimatstadt Aurich Plätze und Straßen nach ihm benannt, während in der Bibliothek rosa Winkel diverse weitere Ulrichs-Bände erschienen sind, in denen man den Vorreiter nun gleichermaßen als Wissenschaftler ("Forschungen"), Dichter ("Auf Bienchens Flügeln") und Romancier ("Matrosengeschichten") erleben kann. Biografische und historische Einordnungen bieten "Karl Heinrich Ulrichs – Leben und Werk" von Hubert Kennedy und "Neue Funde und Studien zu Karl Heinrich Ulrichs" von Wolfram Setz.
Vielleicht hätte der Idealist Ulrichs sich gewünscht, dass queere Menschen 155 Jahre nach seinem triumphalen Eklat vorm Juristentag überhaupt keine Kämpfe mehr mit der "wuthblickenden Hydra" der Homophobie ausfechten müssen. Doch solange dieser Kampf noch nicht vorbei ist, hat das Fazit, das er nach seiner Rede vom 29. August 1867 zog, weiterhin Gültigkeit: "Obgleich schließlich gewaltsam unterdrückt, war mein Protest dennoch ein gegen das System zum ersten Mal geführter Stoß. Dieser Stoß hat eine Bresche gebrochen: und diese Bresche soll und muß diesseits benutzt werden um nachzudringen."
Die in diesem Artikel zitierten Passagen aus Ulrichs Bericht "Das Nathurrätsel der mannmännlichen Liebe vor dem Forum des deutschen Juristentags" aus "Gladius furens" sind in editierter Form in dem Band "Matrosengeschichten und Gedichte" in der Bibliothek rosa Winkel erschienen und ist u. a. erhältlich im Salzgeber.Shop.
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de















