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Manga
Die Schuldgefühle einer lesbischen Alkoholikerin
Im neuen Manga "Der Filmriss – meine Flucht vor der Realität" erzählt Kabi Nagata mit schonungsloser Offenheit ein weiteres Kapitel aus ihrem von Selbstzweifeln geplagten Leben.

Covermotiv: Die Titelheldin muss mit einer akuten Entzündung der Bauchspeicheldrüse (Pankreatitis), verursacht durch Alkoholmissbrauch, ins Krankenhaus
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4. September 2022, 03:26h - 3 Min.
"Der Filmriss – meine Flucht vor der Realität" (Amazon-Affiliate-Link ) ist der vierte autobiografische Manga von Kabi Nagata. Unter dem gleichen Pseudonym veröffentlichte die Mangaka auch das Buch "Meine lesbische Erfahrung mit Einsamkeit", für das sie einen Harvey Award erhielt, sowie ihre tagebuchartigen "Dialoge mit mir selbst".
In "Der Filmriss" erzählt Nagata ein weiteres Kapitel aus ihrem Leben: Nach drei Jahren starken Alkoholkonsums hat sie eine schwere Pankreatitis bekommen und muss im Krankenhaus behandelt werden. Anders als bei früheren Klinikaufenthalten entscheidet sie sich, während dieser Zeit kein Tagebuch zu führen. Sie schämt sich für die schonungslos ehrliche Darstellung ihrer Familie und ihres eigenen Lebens in den bisherigen Bänden und möchte ihre Eltern nicht mit einer weiteren Autobiografie enttäuschen. Stattdessen will sie fortan nur noch fiktive Manga zeichnen. Doch nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus kommt sie mit den fiktiven Stories nicht mehr voran und die Sehnsucht nach Alkohol wird immer stärker. Vielleicht gibt es doch eine Möglichkeit, ihre eigenen Erfahrungen zu teilen?
Den Alltag überleben

"Der Filmriss – meine Flucht vor der Realität" ist Ende August 2022 im Carlsen Verlag erschienen
Mit großer Offenheit erzählt Nagata von den vielen großen und kleinen Krisen ihres Alltags in der Klinik, im Beruf und auf der Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft. Für die Suche nach romantischer Liebe ist zu diesem Zeitpunkt kein Platz: Es geht jetzt zunächst darum, zu überleben. Liebe und Einsamkeit kommen in "Der Filmriss" vor allem in Bezug auf Nagatas Verhältnis zu ihrer Familie vor. Während ihrer Krankheit evaluiert sie die Beziehung zu ihren Eltern und der Verwandtschaft neu; vielleicht wird sie ja doch von ihnen geliebt und kann einen anderen Umgang mit ihrer Scham und den Erwartungen der Gesellschaft finden.
Schuldgefühle sind ein großes Thema, ebenso wie Gedanken an den Tod: Der Alkoholentzug ist kaum auszuhalten, doch eine Rückkehr der Pankreatitis könnte sie umbringen. Sie fragt sich, ob ihre Qualen die Strafe für das "Vergehen" sind, ehrliche autobiografische Manga zu zeichnen und ihre Familie dadurch schlecht dastehen zu lassen. Sie erleidet einen Rückfall und ihr Selbstwertgefühl sinkt. Schließlich findet Nagata in einem Artikel einer anderen Künstlerin die nötige Motivation zum Zeichnen und entdeckt, dass es einen Wert hat, autobiografische Manga zu zeichnen. Die künstlerische Freiheit stellt sich als existenziell heraus.
Das eigene Leben zeichnen
Der Manga ist – wie das Leben selbst – nicht besonders geradlinig erzählt und kann stellenweise frustrieren. Die Protagonistin hadert mit sich, trifft Entscheidungen und verwirft diese wieder, wiederholt sich und bleibt immer wieder stecken. Schließlich ist die Autorin noch mitten drin in der Handlung und kann oft erst im nächsten Band mit etwas mehr Abstand auf ihre bisherigen Erlebnisse zurückblicken.
In diesem Band ist das umso mehr der Fall, da sie zeitlich noch näher an den Geschehnissen ist und einen kürzeren Ausschnitt aus ihrem Leben erzählt als in "Meine lesbische Erfahrung mit Einsamkeit". "Das ist wie in einer Wunde zu stochern, die noch nicht verheilt ist", schreibt Nagata im Meta-Plot über den Entstehungsprozess des vorliegenden Buches. Damit macht sie sich sehr verletzlich, aber gibt zugleich einen wertvollen Einblick in die eigenen Unsicherheiten und Probleme. Dank ihrer humorvollen, zugleich drastischen und liebevollen Bildsprache bleibt es spannend, ihrem Weg zu folgen, der auch vor den wiederholten Tiefpunkten nicht Halt macht.
Kabi Nagata: Der Filmriss – meine Flucht vor der Realität. Übersetzt von Nadja Stutterheim. 144 Seiten. Carlsen Verlag. Hamburg 2022. Hardcover: 16 € (ISBN 978-3-551-77389-0)
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