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Manga
Ein trans Held für den Comic-Mainstream
Der Manga "Boys Run the Riot" erzählt eine typische Coming-of-Age-Story über eine Gruppe von Underdogs – gezeichnet von einem trans Autor und mit einem trans Jungen als Helden. Der erste Band der vierteiligen Serie ist nun auf Deutsch erschienen.

Der trans Junge Ryo findet in der Welt der Mode eine Zuflucht vor den Erwartungen anderer und den Ängsten seines täglichen Lebens
- Von
4. September 2022, 03:26h - 4 Min.
"Deru kugi wa utareru" lautet ein bekanntes japanisches Sprichwort, "Der Nagel, der heraussteht, wird eingeschlagen". Diesen Leitsatz hat auch Ryo verinnerlicht. Er versucht, so gut es eben geht, bloß nicht aufzufallen oder irgendwie aus der Menge herauszustechen. Das ist allerdings leichter gesagt als getan, denn der Oberschüler kann sich nicht mit dem ihm bei Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren.
So bindet sich Ryo jeden Morgen die Brust ab und schlüpft auf dem Schulweg heimlich aus der Schulmädchenuniform in den bequemeren Trainingsanzug. Von seinen Mitschülern wird er trotzdem als Mädchen gelesen und sorgt schon mal für entsetzte Gesichter, wenn ihm zum Beispiel rausrutscht, dass er auf diese hübsche Schauspielerin aus dem Fernsehen steht…
Eine queere Geschichte mitten im Mainstream
Wer in der weiten Welt der Comics nach queeren Protagonist*innen sucht, muss manchmal lange suchen. Klar, ab und zu darf sich auch ein Schwuler unter die Superheld*innen mischen, und zumindest am Rand des Mainstreams, bei den Webcomics und kleineren Verlagen, gibt es mittlerweile einiges zu entdecken. Man denke nur an Tillie Waldens Sci-Fi-Epos "Auf einem Sonnenstrahl" oder Joris Bas Backers Coming-of-Age-Story "Küsse für Jet".
Mit "Boys Run the Riot" (Amazon-Affiliate-Link ) ist dem trans Mangaka Keito Gaku nun eine kleine Sensation gelungen. Sein teils autobiografisch geprägter Manga macht nämlich nicht nur einfach einen trans Jungen zum Helden, sondern platziert sich mit bewundernswertem Selbstverständnis mitten im Mainstream. Das japanische Original ist nämlich im "Weekly Young Magazine" erschienen, einem Manga-Magazin für junge Männer, auf dessen Cover üblicherweise unschuldig dreinschauende Frauen ihr Dekolleté präsentieren und das von einem der größten Verlage Japans herausgebracht wird.
Ein Nagel, der nicht zu weit heraussteht

Der erste Band von "Boys Run the Riot" ist Ende August 2022 bei Carlsen erschienen
In diesem Kontext wird Gakus Comic selbst zu einem Nagel, der heraussteht und bei einigen Leser*innen für Irritationen sorgen dürfte. Doch so subversiv die Wahl der Hauptfigur ist, so standardisiert wirkt vieles andere an "Boys Run the Riot". Weder zeichnerisch noch erzählerisch ist der Manga wirklich herausragend, er bietet aber professionell gemachte Unterhaltung und verzichtet dabei dankenswerterweise auf Fanservice oder übertriebenen Slapstick.
Stattdessen schildert Gaku realistisch den Alltag seines Helden und nimmt die Figuren ernst. Auch wenn er dabei Manga-typisch immer wieder ins Melodramatische abdriftet und in inneren Monologen plakativ die eigenen Gefühle ausgebreitet werden, so werden Ryo und seine Freunde, der selbstbewusste Jin und der unsichere Fotograf Itsuka, einnehmend dargestellt. Gelungen ist auch die authentische Einbettung von Street-Art und Mode, wenn Ryo und Jin im Lauf der Geschichte ihr eigenes Label gründen. Das Thema Transidentität rückt dabei in den Hintergrund, wodurch Ryos Charakter facettenreicher wird: Er wird nicht bloß auf sein Transsein beschränkt, sondern die Leser*innen lernen ihn als komplexe Person mit allen Talenten, Vorlieben und Ängsten kennen.
Den großen Aufstand, den der Titel verspricht, kann "Boys Run the Riot" letztlich nicht bieten. Dafür macht der Comic zu viele Zugeständnisse an Genrekonventionen und die Erwartungen der Leser*innen. Aber vielleicht liegt genau in dieser Gefälligkeit auch die Stärke des Mangas, denn anders würde er wohl kaum ein breites Publikum erreichen, wie das in Japan geschehen ist. Zu weit sollte der Nagel wohl nicht herausstehen, damit er nicht eingeschlagen wird.
Deutsche Ausgabe mit kleineren Mängeln
Anzumerken ist noch, dass man beim Lesen des deutschen Bands ein wenig neidisch auf die US-amerikanische Ausgabe schielen kann. Nicht nur werden den Leser*innen dort Farbseiten zu Beginn der Kapitel geboten, es finden sich zudem ein Interview mit dem Autor sowie zahlreiche Anmerkungen zwischen den Panels, die den japanischen Kontext erläutern oder erklären, was beim Abbinden der Brust zu beachten ist.
Im Vergleich dazu erscheint die deutsche Edition eher minimalistisch, und es fehlt mit Hinblick auf Schriftarten, Textlayout und Sprache an Feinschliff. Die deutsche Übersetzung gibt sich zwar Mühe, den jugendlichen Slang der Protagonist*innen mit allerlei Anglizismen wiederzugeben, ist aber immer wieder etwas ungelenk. Auf ein wütendes "fuck" oder ein lässiges "Digga" folgen da gestelzte Sätze wie "Bist du in sozialen Medien tätig?" oder "Genierst du dich kein bisschen?". Wer der englischen Sprache mächtig ist, sollte also überlegen, auf die mit viel Sorgfalt von einem queeren Team erstellte amerikanische Ausgabe zurückzugreifen.
Keito Gaku: Boys Run the Riot 1. Manga. Übersetzt von Gandalf Bartholomäus. 228 Seiten. Carlsen Verlag. Hamburg 2022. Taschenbuch: 10 € (ISBN 978-3-551-79991-3). E-Book: 5,99 €
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