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"Anleitung ein anderer zu werden"

Von der rücksichtslosen Neuerfindung eines jungen Schwulen

In seinem neuen Roman arbeitet Starautor Édouard Louis seine eigene Lebensgeschichte auf – mal wieder. Statt Wiederholung gibt es Alternativen und Flucht. Sein Blick auf sich selbst ist radikal, modern und unbedingt lesenswert.


Édouard Louis im Jahr 2017 (Bild: Mariusz Kubik / wikipedia)

Édouard Louis wächst als Eddy Bellegueule auf dem Land in der nordfranzösischen Picardie auf. Die Dorfstrukturen – ebenso wie seine direkte Familienverhältnisse – sind geprägt von Armut, Rassismus und Homophobie. Eddy hasst hier alles, hasst seine Familie, sein Leben, das Dorf, die Welt. Schon als Kind fasst er einen Plan: Flucht. Sowohl im Außen – er will weg aus dem Dorf -, als auch im Innern. Für Eddy steht fest, er muss ein anderer werden.

Übersetzungen sind immer ein schwieriges Unterfangen in der Literatur. Es ist wahrscheinlich eine mindestens genauso große Leistung, ein Kunstwerk in eine andere Sprache zu übertragen, wie das ursprüngliche Verfassen selbst. Zumindest wenn die Literatur eben ein Kunstwerk ist. Eine gute Übersetzung bemisst sich natürlich nicht nur an grammatischer und syntaktischer Korrektheit, doch wenn schon im Titel ein Kommafehler auf dem Cover ist, lässt das erstmal Böses ahnen.

Zum Glück kann die "Anleitung ein anderer zu werden" (Amazon-Affiliate-Link ) das vergessene Komma aber schnell vergessen machen. Was erstmal wie das französischste aller Unterfangen wirkt, die verlorene Zeit wiederzubeleben, oder ein "Versuch, in der Zeit zurückzugehen", wie es hier heißt, entpuppt sich schnell als etwas viel Brutaleres. Aufgemotzt und gleichzeitig auf das absolute Minimum reduziert hetzt der Prolog auf weniger als fünf Seiten atemlos und kalt in Stichpunkten, im Schnelldurchlauf durch Louis' komplettes bisheriges Leben. Und damit ist alles bereits in der ganzen, von jedwedem emotionalem Tand befreiten Härte der Moderne auserzählt. Kein vorsichtiges Herantasten an das Erinnern, alles liegt dar. Denn der zweite Prolog stellt klar: Es ist ein Leben der Entfremdung. Wird es gelingen, eine Szene zu schreiben, die dem Ich am Beginn des Lebens, dem kindlichen Ich so fremd ist, dass es sie niemals verstehen würde?

Gelebte Literatur


Der Roman "Anleitung ein anderer zu werden" ist am 6. September 2022 im Aufbau Verlag erschienen

Es ist nicht das erste Mal, dass Édouard Louis über sein Heranwachsen autobiografisch schreibt. In seinem 2015 erschienen Debütroman "Das Ende von Eddy" schlüsselte er sein Verhältnis zur dörflichen Stumpfheit und der generellen Feindlichkeit gegenüber allem, was fremd, queer oder sonst wie anders wirkt, schon einmal auf. Es mag überraschen, dass das damalige Porträt des Hasses fast komplett gegensätzlich gezeichnet wird. In "Das Ende von Eddy" leidet der Protagonist darunter, dass er nicht in das Dorfleben passt, dass er zu anders, zu queer ist. Es ist die Geschichte einer Vertreibung als Konsequenz der Ausgrenzung. In "Anleitung ein anderer zu werden" geschieht die Flucht mit Vorsatz, Louis beschreibt, wie er unter keinen Umständen Teil seines Herkunftsmilieus sein will, wie sein Wunsch nach Flucht sogar bis ins Innere reicht.

Beide Varianten seien wahr, schreibt Louis in seinem neuen Roman. Diese Gegensätze, die eben nur scheinbar unvereinbar sind, machen "Anleitung ein anderer zu werden" zu einer so spannenden Lektüre, selbst dann, wenn der Inhalt, das Leben des Autors, vermeintlich schon aus dem Debüt bekannt ist. Was hingegen nicht mehr ganz so stark zieht, sind die Schilderungen des so verhassten Dorflebens. Zum Glück übertreibt der Roman es hier nicht und fokussiert auf die neue Interpretation der Flucht, statt ein erneutes Porträt der Feindlichkeit gegenüber dem generellen "Anderen" zu zeichnen.

Der individuelle Schwule und die Gesellschaft

Der Philosoph Didier Eribon erlebte nicht nur eine sehr ähnliche Kindheit und Jugend wie Louis, die auch er literarisch verarbeitete ("Rückkehr nach Reims"), die beiden sind inzwischen auch gute Freunde. In seinem Buch "Betrachtungen zur Schwulenfrage", das zum modernen Klassiker der Queer-Studies geworden ist, lotet Eribon die Spezifika und Grenzen eine homosexuellen Identität aus. Das Spannungsfeld zwischen spezifischer Minderheit und Individuum, das er eröffnet, wird in gewisser Weise von Louis in "Anleitung ein anderer zu werden" aufgelöst. Es ist der Fall, dass Louis' Erfahrungen speziell die eines schwulen Mannes sind. In der Extreme, wie er sie erlebte und beschreibt, bricht daraus aber eine allgemeinere, eine Klassenfrage hervor.

Im Schreiben von Édouard Louis steht dessen Homosexualität nicht im Zentrum. Sie ist jederzeit extrem sichtbar, doch nicht das eigentliche Thema. Vielmehr bietet sie ihm lediglich die Möglichkeit, die brutalen Verwerfungen in der Gesellschaft überhaupt erst wahrzunehmen. Es ist seine Sonderrolle als von allen Verachteter, als Ausgestoßener aus den Mechanismen des Dorfes, die dessen Beobachtung überhaupt erst ermöglicht (und später dann andersrum als Außenseiter aufgrund seiner Dorfvergangenheit).

Anders als noch zu Prousts Zeiten ist das Klassensystem durchlässiger geworden – Louis gelingt ja der Aufstieg vom Dorfjungen aus der Unterschicht zu einem der erfolgreichsten Gegenwartsautoren -, aber auch weniger sichtbar. Zumindest von oben betrachtet. Für die Pariser intellektuelle Oberschicht war Louis' Debütroman ein Schock, es war unvorstellbar, dass ein solcher in Frankreich existieren kann.

Die ganze Wucht von Édouard Louis neuem Roman auf den ersten Blick steckt in der rücksichtslosen Selbstbetrachtung. Auf den zweiten ohrfeigt die Lesenden aber eine ebenso rücksichtslose Kritik an der Gesellschaft. Beides wirkt noch lange nach. Denn trotz seiner literarischen Kunstfertigkeit beschreibt "Anleitung ein anderer zu werden" die Gegenwart. Diese Gesellschaft existiert. Und sie ist derart gelagert, dass es für den Jungen vom Dorf notwendig ist, seine fremden- und schwulenfeindliche Familie nicht nur zu hassen und zu verachten, sondern sich selbst auszulöschen und ein anderer zu werden, um zu überleben.

Infos zum Buch

Édouard Louis: Anleitung ein anderer zu werden. Roman. Übersetzt von Sonja Finck. 272 Seiten. Aufbau Verlag. Berlin 2022. Hardcover: 24 € (ISBN 978-3-351-03956-1). E-Book: 17,99 €.

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-w-

#1 Livio2022Anonym
  • 06.09.2022, 14:43h
  • Ein wunderbarer junger Autor der Gegenwart, der die ganze literarische Klaviatur auf höchstem Niveau beherrscht. Vor allem wird der Leser mit den Ansichten der ach so toleranten Gesellschaft konfrontiert, die, egal ob links oder rechts des Rheins, sich in vielem äußerst ähneln.
    Unbedingt lesen.
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#2 WanndererAnonym
  • 06.09.2022, 16:49h
  • Ich bin sehr gespannt, wie das umgesetzt worden ist. Gerade weil viele in ihrer Biographien solche Aufbrüche aus ihrem Herkunftsmilieu haben.
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#3 Zu hochAnonym
  • 06.09.2022, 21:21h
  • Tut mir leid, aber die Rezension ist mir zu hoch. Ich weiß nicht mehr über das Buch als vorher. Und das, obwohl ich 'Das Ende von Eddy' und 'Im Herzen der Gewalt' ebenso gelesen habe wie 'Rückkehr nach Reims'
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