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Musical

Ein queerer Mittelfinger an die spießige Kleinfamilie

Als Hommage an seinen vor 52 Jahren mit der eigenen Tante in Kiel gedrehten Film hat Rosa von Praunheim in der Berliner Bar jeder Vernunft das Stück "Die Bettwurst – das Musical!" auf die Bühne gebracht.


Dauerständer in hautengen Leggins: Thaddaeus Maria Jungmann, Heiner Bomhard, Tobias Stemmer, Nell Pietrzyk (v.l.n.r.) in "Die Bettwurst – das Musical!" (Bild: Barbara Braun / Bar jeder Vernunft)

"Was für eine schöne Lüftung, oder?" Luzi und Dietmar sitzen im Tanzlokal und lassen ihre Blicke über das Inventar wandern. Sie schweigen einander an, ersticken an der Sprachlosigkeit und können diese Leere nur durch absurde Floskeln füllen. Doch es sind genau diese inhaltslosen Phrasen, die ihrer unwahrscheinlichen Liebe Ausdruck verleihen – und Rosa von Praunheims Camp-Klassiker "Die Bettwurst" zum Kultfilm werden ließ.

Diesen skurrilen Erfolg von vor über 50 Jahren würdigt das dazugehörige Musical, das ab sofort für einen Monat in der Berliner Bar jeder Vernunft zu sehen ist. Queer.de besuchte die Premierenvorstellung am 8. September.

Anpassung, um nicht aus der Norm zu fallen


Rosa von Praunheim mit Bettwurst

Mit Luzi Kryn und Dietmar Kracht führte der mittlerweile 150-fache Filmregisseur Rosa von Praunheim 1971 zwei Selbstdarsteller*­innen als Liebespaar vor die Kamera. Gerade deren schlichte Unvereinbarkeit konnte er als Erfolgsrezept verbuchen: Dietmar als naiver, durch und durch schwuler Mann trifft zufällig in Kiel auf die deutlich ältere, schrille Luzi.

Die beiden sind von der Gesellschaft Verstoßene. Um dieser Einsamkeit zu entgehen, geben sie sich der Illusion hin, einander lieben zu können. Sie passen sich der Hetero-Norm an, zu der sie so offenkundig nicht passen: Zu Weihnachten etwa schenken sich die beiden frisch Verlobten – unter der Prämisse "Da musste ich direkt an dich denken, als ich das gesehen habe"- Krawatten, ein Messerschneider und ein Nackenkissen, das Dietmar in seinem Mannheimer Dialekt "Bettwurst" nennt – als titelgebendes Sinnbild für die Spießbürgerlichkeit.

Genau dieser überdreht-parodistischen Art frönt das neue "Bettwurst"-Musical und huldigt liebevoll der schon etwas in die Jahre gekommenen Grundlage. Rosa von Praunheim führt auch bei diesem Projekt Regie und schafft es, die Hommage durch neue Inhalte zu ergänzen. Doch der Kern des Originals bleibt bestehen: ein riesiger Mittelfinger an die Kleinfamilie. "Unsere Hoffnung in den 1970ern auf ein anderes Zusammenleben als Mann, Frau und Kind hat sich nicht bewahrheitet", erklärt Praunheim im Interview mit queer.de. "Die Kleinfamilie als Ideal wird vielmehr auch von Lesben und Schwulen angenommen."

Engagierte und überzeugende Darsteller*innen

Über diese grundlegenden Kenntnisse um den "Bettwurst"-Kult sollten Besucher*innen verfügen, um in den vollen Genuss des gut 90-minütigen Musicals zu kommen. Die 20 Songs folgen zwar der Struktur des Films, erlauben aber handlungstechnische Schwenker – etwa, um den jungen Rosa von Praunheim zu zeigen, der den Dreh mit Dietmar und Luzi nachdrücklich als "Orgasmus" beschreibt und ihnen in einem Song für "Den schönsten Tag seines Lebens" zu danken. Oder den bereits verstorbenen Charakteren auf ihrem Weg in Himmel und Hölle zu folgen.

Dass dieses schrille und hysterische Musical so gut funktioniert, liegt vor allem an den engagierten Darsteller*innen. Allen voran Anna Mateur, die in ihrer wandelnden Selbstinszenierungs-Figur Luzie herrlich überdreht und das Publikum schnell auf ihrer Seite hat. Ihr gelingt der schmale Balanceakt zwischen Hommage an von Praunheims Tante zweiten Grades und ihrer Eigeninterpretation dieser schrulligen Figur. Das bereitet ihr offenkundig so viel Freude, dass sie selbst als professionelle Darstellerin in der Premiere kurzerhand in Lachen ausbricht.

Heiner Bombard, der dem Stück auch seine Musik beisteuerte, agiert überzeugend als der Eigenbrötler Dietmar, dass es einen "wirklich herzlich" freut und man ihm "furchtbar gern" zusieht. Teils wünscht man sich nur etwas mehr Eigeninitiative bei der Ausgestaltung seines Charakters, da seine Imitation nicht immer glaubwürdig gelingt und neue Ansätze unkonkret bleiben.


Anna Mateur und Heiner Bomhard als Luzi und Dietmar (Bild: Barbara Braun / Bar jeder Vernunft)

Das "Bettwurst"-Musical nimmt sich hier aber die Zeit, etwas tiefer in Dietmars Biografie zu schauen und das Beglücken seiner weiblichen Beziehungspartnerin als klassische Tunte als offenkundige Herausforderung zu entlarven. Die Chemie zwischen den beiden Hauptfiguren stimmt so gut, dass man sich teils weniger Unterbrechungen durch Musicaleinlagen wünschte, um ihren Dialogen über Staubsauger und Pralinenschachteln sowie lieblos dahingebrabbelten Liebesbekundungen zu lauschen.

"Wir sind alle eine Bettwurst"

Die Nebendarsteller*innen Lukas Beaskow, Thaddaus Maria Jungmann, Nell Pietrzyk und Tobias Stemmer glänzen durch ihre starke Präsenz: Sie genieren sich nicht davor, als Tannenbäume, Teufel oder Möbel (als Alltagsobjekte der Spießigkeit) verkleidet aufzutreten und das Geschehen zu gefühlten neunzig Prozent twerkend zu kommentieren, dass die Zuschauer*innen noch ratloser sind.

Das Nackenkissen – die "Bettwurst" – wird als Objekt abgefeiert, das alle Bettgeschichten miterlebt: Seien es die aufregenden pikanten oder die der monogamen heterosexuellen Ehe zulasten fallenden, denen schon lange die Luft ausgegangen ist. Diese Engstirnigkeit aufzudröseln und Raum für andere sexuelle Begegnungen zu lassen, ist ein lobenswertes Vorhaben. Etwas ermüdend ist allerdings die Dichte an vulgären Inhalten – wie dauerhaft angeschwollene Penisse in hautengen Sport-Leggins des gesamten Chors und unzählige Reime auf Vagina und Pimmel in den Songs.

Dem Publikum auf die Nase zu binden, wie bieder und kleinbürgerlich wir alle aufgewachsen sind, ist Rosa von Praunheim mit seinem ersten Musicalprojekt in Eigenregie definitiv gelungen. Daher ist es nur stimmig, dass das Stück, mit dem das Ensemble die Zuschauer*innen reizüberflutet in die Nacht entlässt, den Titel "Wir sind alle eine Bettwurst" trägt.

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-w-

#1 NevermindAnonym
  • 11.09.2022, 16:21h
  • Gräßliche Musicals scheinen ja momentan absolut en vogue zu sein.
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