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Interview

Tessa Ganserer outet sich als Punkrock-Fan

Im Ventil Verlag ist das neue Buch "Punk as F*ck. Die Szene aus FLINTA-Perspektive" erschienen. Als Leseprobe veröffentlichen wir einen Auszug aus einem Interview mit der Abgeordneten Tessa Ganserer.


Die trans Frau Tessa Ganserer (Grüne) ist seit 2021 Mitglied des Deutschen Bundestags. Im Buch "Punk as F*ck" spricht sie über ihre prägende Punkjugend in Bayern und ihre persönliche Emanzipation (Bild: Grüne Nürnberg)
  • Von Diana Ringelsiep
    12. September 2022, 09:44h 3 6 Min.

Was war zuerst da, das Interesse an Musik oder das an Politik?

Das kann ich so nicht sagen, wahrscheinlich hat sich beides wechselseitig verstärkt. Eines Tages öffnete mir ein Konzert im Jugendcafé das Tor zu einer neuen Welt. Ich war damals gerade 15 Jahre alt. Auf jeden Fall interessierte ich mich zu dem Zeitpunkt schon für Politik.

Das Thema Waldsterben ist in den Achtzigern in aller Munde gewesen und auch Tschernobyl hat mich sehr geprägt, da der Unfall die erste gesellschaftspolitische Diskussion anstieß, die ich bewusst wahrgenommen habe. Als das Reaktorunglück 1986 passierte, war ich gerade mal neun Jahre alt. Ich habe nicht verstanden, was da genau los war, aber mir wir klar, dass es etwas furchtbar Schlimmes sein musste, wenn ich tausende Kilometer vom Ort des Geschehens entfernt nicht mehr draußen spielen durfte. Die nukleare Katastrophe von Tschernobyl hatte reale Auswirkungen auf mein Leben, ich durfte ja auch keine Beeren und Pilze mehr sammeln gehen – und zwar nicht nur in dem einen Sommer, sondern auch in den Jahren danach.

Als ich zwölf war, drehte sich schließlich alles um die Wiedervereinigung. Die Halbschwester meiner Mutter, also meine Tante, wohnte in der – nun ehemaligen – DDR und hatte uns bis dahin nur zu besonderen Anlässen, wie runden Geburtstagen mit einer Genehmigung besuchen können. Meine Familie war daher direkt betroffen, weshalb mich der Mauerfall auch sehr beschäftigte.


Das Buch "Punk as F*ck. Die Szene aus FLINTA-Perspektive" ist am 12. September 2022 im Ventil Verlag erschienen

Du hast eben gesagt, das Jugendcafé habe dir das Tor zu einer anderen Welt geöffnet. Wie können wir uns diesen Ort vorstellen?

Wenn man ein Buch über Punkrock in Deutschland schreibt, darf das Jugendcafé Zwiesel, neben einschlägigen Läden in Hamburg und Berlin, natürlich nicht fehlen. Im Rahmen der Soli-Aktion "Rettet das Jugendcafé" hat Marcus Wiebusch, Sänger der ehemaligen Punkband But Alive, 2012 über den Ort meiner Jugend gesagt: "Niemals vorher war der Begriff einer Oase treffender als in Zwiesel." Er beschreibt in dem YouTube-Video, in dem auch noch andere internationale Künstler zu sehen sind, den Weg zum Jugendcafé, der an Landschaften vorbeiführte, die vor Konservatismus nur so strotzten und das erleichternde Gefühl, wenn man schließlich dort ankam. Treffender lässt sich dieser Ort tatsächlich nicht beschreiben, das Jugendcafé war und ist eine Oase, eine Institution.

Auf dem besagten ersten Konzert, das ich dort mit 15 Jahren besucht habe, spielte die Zwieseler Punkrockband United Force, deren Sänger später auch der Frontmann von Static 84 gewesen ist. In der Band hat auch Oise Ronsberger gespielt, der mittweile u. a. internationaler Tourmanager von Boysetsfire ist. Dieser Abend war auf jeden Fall einer von vielen, die ich noch dort verbringen sollte. Für mich war dieser Ort wahnsinnig wichtig, da mir dort gezeigt wurde, dass die Welt viel bunter ist als unser kleines Dorf und die konservative Mehrheitsgesellschaft.

Das Jugendcafé Zwiesel ist eines der wenigen selbstverwalteten Jugendzentren in Bayern gewesen. Über Generationen haben Jugendliche es selbst ausgebaut und gestaltet. Bis das Gebäude, das bis dahin immer nur gemietet war, vor einigen Jahren an einen Investor verkauft werden sollte, der vorhatte, es in ein Seniorenheim umzuwandeln. Der Förderverein und die Jugendlichen haben daraufhin die bereits erwähnte Soli-Aktion "Rettet das Kaff" gestartet. Sogar Boysetsfire sind für eine Show nach Zwiesel gekommen. Am Ende konnte das Gebäude gekauft und die Oase erhalten bleiben. Auf meine Initiative hin wurde das Jugendcafé 2016 dann auch mit dem Bayerischen Rockpreis ausgezeichnet.

In den frühen Neunzigern nahm in den USA die Riot-Grrrl-Bewegung an Fahrt auf, hast du davon in Bayern etwas mitbekommen oder war das mangels Internet damals nicht präsent?

In meiner Jugend war das leider überhaupt nicht präsent. Die Recherchemöglichkeiten waren extrem begrenzt, bevor es das Internet gab. Egal, ob man Punk, Hardcore oder Gothic bevorzugte, neue Musik war ohne Spotify & Co. nur sehr schwer zu finden. Wir konnten uns nicht mal eben irgendwelche Links über unsere Social-Media-Kanäle zuschicken, wenn wir eine neue Band entdeckten. Deshalb waren wir noch viel mehr auf Orte angewiesen, an denen wir Gleichgesinnte treffen und uns mit ihnen austauschen konnten.

Der damalige Standard waren ja auch keine Mp3-Dateien oder Streamingdienste, sondern Musikkassetten mit miserabler Soundqualität. Wir überspielten uns die neuesten Entdeckungen immer gegenseitig und wenn uns etwas besonders gut gefiel, mussten wir versuchen, über Plattenläden und Kataloge an die Original-Tonträger heranzukommen. Aber das war oft sehr mühsam. Zudem war die Szene im Vergleich zu heute noch sehr viel männlicher geprägt

Wie sah das in deinem persönlichen Freund*innenkreis aus?

Der war bunt gemischt, ich habe jedenfalls nicht nur mit Jungs rumgehangen und auf Konzerten gefeiert. Das Jugendcafé war ja ziemlich überschaubar, deshalb erinnere ich mich noch daran, dass das Geschlechterverhältnis dort ziemlich ausgewogen war. Ich habe allerding keine einzige Person aus der Zeit in Erinnerung, die offen dazu stand, homosexuell oder bisexuell zu sein. Deshalb fand ich es interessant, dass mir nach meinem Coming-out Menschen geschrieben haben, die ich zum Teil aus meiner Jugend kannte, dass sie ihre Heimat damals aufgrund ihrer Queerness verlassen haben. Die Selbstbezeichnung "queer" hat es damals natürlich noch nicht gegeben und »trans« sowieso nicht. Zu der Zeit war schwul oder lesbisch noch mit einem Stigma verbunden. Aber ich finde es schon verwunderlich, dass ich niemanden kannte, der*die offen mit gleichgeschlechtlicher Liebe umging.

Erzähl mir vom Soundtrack deiner Jugend, welche Bands hast du gerne gehört?

Viel Punkrock, aber nicht nur. Klar, die ganzen Klassiker wie Dead Kennedys, Bad Religion, Slime und Canal Terror habe ich natürlich gehört. SchleimKeim aus Erfurt haben mich auch fasziniert. Ich fand es sehr beeindruckend, wie die DDR-Punks es unter dem damaligen Regime geschafft haben, ihre Szene zu gestalten und aufrecht zu erhalten. Die haben ja sogar noch in Kirchen gespielt – das war etwas, das ich überhaupt nicht auf die Reihe gebracht habe. Punk, der aufgrund politischer Texte zum Nachdenken anregte und sich kritisch mit Religion auseinandersetzte, passte da für mich einfach nicht hin.

Boxhamsters fand ich gut, But Alive, aber viel mehr als diese klassischen Punkrockbands haben mich Ton Steine Scherben mit ihren politischen Texten geprägt. Auch die Person Rio Reiser war sehr wichtig für mich. Er war einer der wenigen queeren Menschen damals, die für mich greifbar waren, wenn auch nicht persönlich.

Außerdem begleitet Lou Reed mich schon mein ganzes Leben. Ich glaube, den wenigsten Leuten ist bewusst, worum es in dem Song "Take A Walk On The Wild Side" aus dem Jahr 1972 eigentlich geht. Denn es ist eine Hommage an die trans Frauen aus dem Umfeld der Andy Warhol Factory. Doch das New York der Siebziger, nach den Stonewall-Aufständen, schien mir damals in unendlicher Ferne. Selbst Berlin war zu der Zeit für mich unerreichbar. Der Song hat mir schon immer sehr viel bedeutet. Damals war es für mich unaussprechlich, warum – heute kann ich endlich sagen, wieso.

Infos zum Buch

Diana Ringelsiep, Ronja Schwikowski (Hg.): Punk as F*ck. Die Szene aus FLINTA-Perspektive. 448 Seiten. Ventil Verlag. Mainz 2022. Broschierte Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-95575-187-6).
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-w-

#1 HmmmAnonym
  • 12.09.2022, 12:47h
  • Canal Terror, Slime und But Alive....

    Ja, ich bin mal so oberflächlich und sag: ohne irgendwas über Sie oder ihre Politik als solches zu wissen ist mir die Frau einfach mal derbst sympathisch!

    Mit so nem Geschmack kann man erstmal von nem coolen Kopf ausgehen!
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#2 Indigo73Anonym
  • 12.09.2022, 13:15h
  • Kommt mir alles sehr, sehr bekannt vor. Ich brauche nur "kleines Dorf in Bayern" durch "kleines Dorf in Niedersachsen" ersetzen.
    Zwar war Punk bei mir nur eine Phase, aber zur Auseinandersetzung und Rebellion war es wichtig. Es war auch die einzige Szene, durch die ich mit andersdenkenden Menschen zusammenkommen konnte. Die Musik selbst ist eher nicht so hängengeblieben, aber Punk als solches war ja immer mehr als Musik.
    Coming-outs waren dennoch sehr, sehr selten. Als weiblich gelesene Person, die eigentlich ein Typ ist, der auf Kerle steht, war ich somit sehr allein. Denn ich wusste genauso wenig, dass man das "trans" nennt. Es war so schwierig, an Informationen zu kommen.
    Und heute wollen sie den Kindern all das wieder wegnehmen, um sie zu "schützen". Dabei gibt es nichts Schlimmeres, als nicht zu wissen, wer und was man ist. Völlig egal, wie man es am Ende nennt.
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#3 HeinerleAnonym
  • 13.09.2022, 12:10h
  • Habe sehr früh gemerkt das ich anders ticke in vieler Hinsicht.......insofern war Rockmusik genau mein Ding. Geoutet mit 20 im Jahre 1983 hat mit das Schicksal nach Berlin verschlagen, war absolut richtig für mich auch viele Queere Menschen zu treffen die mit Mainstream nichts anfangen konnten :-)
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