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40 Jahre "Querelle"

Verbrechen und schwules Begehren

Kurz vor seinem Tod drehte Rainer Werner Fassbinder "Querelle – Ein Pakt mit dem Teufel" – laut Wieland Speck "das schwule Filmkunstwerk überhaupt". Heute vor 40 Jahren kam der Film in die deutschen Kinos, was zu teils starken Kontroversen führte.


Brad Davis spielt den windigen Matrosen Georges Querelle (Bild: Albatros Filmproduktion)

"Each man kills the thing he loves", singt die große Jeanne Moreau in "Querelle" in der Rolle der Bardame und Hure Lysiane – und gibt damit ein Grundmotiv des Filmes selbst vor: die enge Verquickung von Begehren und Abscheu, von Moral und Verbrechen, von Macht und Unterwerfung und nicht zuletzt von Liebe und Hass. Diese Transzendierung des Gewohnten war der wesentliche kreative Antrieb des französischen Schriftstellers Jean Genet, der im Jahr 1947 mit seinem gleichnamigen Roman die literarische Vorlage für Fassbinders "Querelle" 35 Jahre später geliefert hatte.

Im Zentrum der Geschichte steht der Matrose Querelle, der zu Anfang des Filmes einen Mord begeht. Entgegen gängiger Konventionen macht ihn das Verbrechen jedoch ungleich stärker, im Umkreis seiner Marine besitzt er enorme Anerkennung und Macht. Eine geradezu hypnotische Wirkung scheint von ihm auszugehen, die sich nicht zuletzt in dem allseitigen Begehren äußert, das Querelle im Kreise seiner Mitmenschen ganz unabhängig vom Geschlecht auf sich zieht. In einem Bordell lässt er sich schließlich auf ein Glücksspiel ein, dessen Ergebnis dazu führt, sich dem Bordellwirt Nono (Günther Kaufmann) sexuell hinzugeben. Querelle entwickelt Gefallen an dem Liebesspiel. Entgegen der gesellschaftlich tief verankerten Vorstellung einer "Entmännlichung" durch passiven Sex fühlt Querelle sich in seiner Männlichkeit und Unangreifbarkeit nur bestärkt – ebenso wie ihn zuvor der Mord bestärkt hat.

Heimliche Liebschaften unter Männern


Querelle mit Phallus: Filmplakat aus Frankreich

Faszinierend an diesem Motiv im Besonderen wie der Geschichte im Allgemeinen ist die enge Verknüpfung von homo­sexuellem Begehren und Verbrechen, die stark vom Geist ihrer Entstehungszeit Ende der 1940er Jahre geprägt ist. Homosexualität als solche ist auch im Film unter den männlichen Protagonisten streng geächtet. Dennoch gibt sich eine Vielzahl von ihnen heimlichen Liebschaften mit anderen Männern hin. "It's just for the fun", sagt Querelle in einer Szene etwa, um eine tieferliegende emotionale Bedeutung – die dem heterosexuellen Liebesverhältnis eingeschrieben ist – von vorne herein zu negieren. Doch ist diese Abwehr fragil und letztlich nicht haltbar: Denn finden die schwulen Liebesspiele anfangs nur in Form reiner Penetration statt, werden im Verlauf des Films dann zunehmend auch Zärtlichkeiten ausgetauscht, etwa zwischen Querelle und Gil (Hanno Pöschl), in dem er einen lebenslangen Freund sieht.

Die Geschichte dieses Filmes ist komplex und manchmal nur schwer zu durchdringen – etwa in Bezug auf die Frage, welche Bedeutung die Doppelrolle Hanno Pöschls zukommt, der zugleich Querelles Bruder Robert sowie seinen Liebhaber Gil darstellt. Doch liegt in dieser Mysteriösität und den oftmals nur angedeuteten Beziehungsgeflechten zugleich auch eine enorme ästhetische Kraft, die ein breites Feld an Interpretationsmöglichkeiten aufmacht.

Artifizielle und opulente Kulissen


Franco Nero als Lieutenant Seblon in "Querelle" (Bild: Albatros Filmproduktion)

Am 16. September 1982 kam "Querelle" in die deutschen Kinos, wo sich der Film neben überschwänglichem Lob auch dem Vorwurf ausgesetzt sah, Verbrechen und Gewalt zu verherrlichen – in Italien wurde er gar anfangs verboten. Fassbinder selbst konnte die öffentlichen Kontroversen rund um sein Drama nicht mehr verfolgen: Er war bereits drei Monate zuvor, am 10. Juni – kurz nach Beendigung der Dreharbeiten – an einem durch eine mutmaßliche Überdosis aus Kokain, Schlaftabletten und Alkohol hervorgerufenen Herzinfarkt gestorben. Einen Tag vorher hatte er dem Schauspieler Dieter Schidor – der ebenfalls im Film mitwirkte – ein letztes Interview gegeben, in dem er "Querelle" als "utopischen Entwurf" bezeichnete.

Bereits in Fassbinders vorangegangenen Filmen wie "Lili Marleen" (1980) und "Die Sehnsucht der Veronika Voss" (1982) hatte sich eine Abkehr von den "billigen, schnell gedrehten Filmen" (Fassbinder) angedeutet, die zumeist durch spärliche Filmkulissen und Fassbinders Standard-Ensemble an Schauspieler*innen geprägt waren. "Querelle" stellte im Zuge dieser Abkehr mit seinen artifiziellen und opulenten Kulissen den vorläufigen Höhepunkt dar – nach Fassbinders Aussage ein Versuch, ein "deutsches Hollywood" zu kreieren, das "wunderbar und allgemein verständlich ist".

Im Angesicht seines frühen Todes mit gerade einmal 37 Jahren ist es kaum auszumalen, was von Fassbinder nach "Querelle" in filmischer Hinsicht noch alles hätte kommen können.

Direktlink | Englischer Trailer zum Film
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Queere TV-Tipps
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#1 56James35Anonym
  • 16.09.2022, 07:06h
  • 40 Jahre : ist das so lange her?
    Dieser Film ist ein Meisterwerk.
    Damals wurden intelligente, anspruchsvollle Filme gedreht.
    Die albernen Romanzen von heute werden schnell vergessen.
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#2 MichaelTh
  • 16.09.2022, 08:23h
  • Ich fand den Film damals recht verstörend. Und noch schlimmer: erschreckend langweilig.
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#3 QuereleAnonym
  • 16.09.2022, 13:35h
  • Antwort auf #2 von MichaelTh
  • Damals war er noch verstörender. Langweilig ist er für mich auch, aber nur, wenn man in nicht im Kontext zwischen der Filmkultur von heute und damals betrachtet.

    Ich persönlich fand ihn bloß nicht gut. Allerdings geht es mir mit dem Großteil von Fassbinders Filmen leider so.
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