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Fotografie
Berlin leuchtet – auch ohne queeren Kultur-Leuchtturm
In diesen Tagen entzündet sich in Berlin ein buntes Feuerwerk an queeren Events. Am Freitagabend fand die Eröffnungsparty der spektakulären Ausstellungs-Trilogie "Queerness in Photography" im C/O Berlin statt.

In der Sammlung des französischen Filmemachers Sébastien Lifshitz werden im C/O Berlin noch bis zum 18. Januar 2022 Amateurfotografien gezeigt, die über mehrere Jahrzehnte zusammengetragen wurden und bis in die 1860er Jahre zurückreichen (Bild: Anonymous, Untitled, USA, ca 1930, Collection Sebastien Lifshitz)
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17. September 2022, 09:11h - 5 Min.
Die deutsche Hauptstadt steht häufig für ihre Dysfunktionalität in der Kritik, nicht selten aus gutem Grund. In Berlin läuft so manches schief: Häufig fehlt es an Führungskompetenz, es wird auf organisatorischer Ebene gemurkst, eine grundsätzlich gute Idee verschleißt sich in ideologischen Grabenkämpfen oder sie fällt dem Größenwahn Einzelner zum Opfer.
In der queeren Szene konnte man all das auf einmal beim gescheiterten Projekt Elberskirchen-Hirschfeld-Haus (E2H) erleben: Ein Kulturzentrum mit überregionaler Ausstrahlung sollte es werden, ein LGBTI-Glanzpunkt im alten taz-Gebäude an der Rudi-Dutschke-Straße. Doch nach jahrelangen Querelen musste der Traum davon begraben werden (queer.de berichtete).
Queerness gehört längst zur Selbstverständlichkeit
Zum Glück scheint diese Blamage der Metropole nicht geschadet zu haben. Just in diesen Tagen entzündet sich in der Stadt ein buntes Feuerwerk an kulturellen Events, deren Laufzeit bis ins nächste Jahr hinüberreichen wird, von der City West bis in den tiefen Osten. Berlin leuchtet, und zwar in allen Regenbogenfarben – auch ohne den von der Initiative Queer Nations in den Sand gesetzten queeren Kulturleuchtturm. Und von den vielen mittelgroßen und kleineren Veranstaltungen, die ohnehin das ganze Jahr über in Institutionen wie etwa dem Schwulen Museum, dem SchwuZ, dem Frauenkulturzentrum Begine oder dem Buchladen Eisenherz stattfinden, mal ganz abgesehen.

Berlin leuchtet in allen Regenbogenfarben, nicht nur um Nollendorfplatz (Bild: Axel Krämer)
Möglich macht das die beinahe unüberschaubare Vielzahl von Akteur*innen im Berliner Kulturmilieu, wo Queerness längst zur Selbstverständlichkeit gehört. Das zeichnet sich bereits seit einigen Jahren ab. Mit den großen Retrospektiven von Jeanne Mammen (2017) und Lotte Laserstein (2019) in der Berlinischen Galerie sowie mit einer Ausstellung im vergangenen Frühjahr zum Lebenswerk von Hannah Höch im Charlottenburger Bröhan-Museum wurde innerhalb von nur fünf Jahren die Wiederentdeckung von gleich drei queeren Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts gefeiert.
Seit letzter Woche ist im Schloss Biesdorf im Berliner Bezirk Hellersdorf-Marzahn eine umfassende Werkschau des schwulen DDR-Künstlers Jürgen Wittdorf zu bestaunen (ausführlicher Bericht folgt), in der Berliner Gemäldegalerie läuft seit Anfang September die bislang deutschlandweit größte Ausstellung von Werken des gleichgeschlechtlich orientierten Renaissancekünstlers Donatello (queer.de berichtete) und in der Kreuzberger Galerie König startete im Rahmen der Berlin Art Week am Freitag eine Schau mit einem großformatigen Deckengemälde Norbert Biskys.
Mammutschau im C/O Berlin
Einer der Höhepunkte in diesem Kunstherbst ist zweifellos die Ausstellungs-Trilogie am Bahnhof Zoo in der City West: "Queerness in Photography", eine vom Hauptstadtkulturfonds geförderte Mammutschau im Ausstellungshaus C/O Berlin. Das private Museum, seit ein paar Jahren im einstigen Amerikahaus beheimatet, hatte schon vor dem Umzug aus dem ehemaligen Postfuhramt in Mitte eine beachtliche Erfolgsgeschichte hinter sich.

Vor dem Ansturm: das C/O Berlin mit einer Mammutausstellung(Bild: Axel Krämer)
Längst gilt die Institution europaweit als eine der bedeutendsten Kreativwerkstätten im Bereich der Fotografie. Sie fördert nicht nur junge Talente, sondern bemüht sich auch um weltweite Wiederentdeckungen vergessener Künstler*innen, organisiert Veranstaltungen zur visuellen Bildung und setzt sich mit Fragen zur gesellschaftlichen Bedeutung von Bildproduktionen auseinander. Aus letzterem ergeben sich für die aktuellen drei Ausstellungen die entscheidenden Ausgangsfragen: Inwiefern prägt oder festigt die Fotografie in ihrer Darstellung von Identität, Geschlecht und Sexualität die bestehenden Machtstrukturen? Und über welches subversive Potential verfügt sie?
Drei Ausstellungen, die sich gegenseitig ergänzen
In der Schau "Casa Susanna" werden Bilder von Cindy Sherman gezeigt, vermutlich die bedeutendste Künstlerin, die sich je mit Verkleidung und Rollenbildern auseinandergesetzt hat. In der Fotoserie präsentiert sie einen Safe Space für Cross-Dresser und trans Frauen in einer US-Kleinstadt der 1950er und 1960er Jahre.
In der Sammlung "Under Cover. A Secret History of Cross-Dressers" des französischen Filmemachers Sébastien Lifshitz werden Amateurfotografien gezeigt, die über mehrere Jahrzehnte zusammengetragen wurden und bis in die 1860er Jahre zurückreichen. Das Besondere an den Bildern ist, dass bei ihnen das Medium der Fotografie dazu diente, um "die durch Kleidung oder physische Merkmale zugeschriebene Geschlechtsidentität vor der Kamera zu erforschen und in Frage zu stellen", wie es im Ankündigungstext heißt.
Die Ausstellung "Orlando" wurde eigens für C/O Berlin konzipiert und von der Schauspielerin Tilda Swinton kuratiert. Darin beschäftigen sich unterschiedliche Künstler*innen mit unterrepräsentierten Sichtweisen auf Identität und Geschlecht.

Blick in die Ausstellung "Orlando" (Bild: Axel Krämer)
Hundert Meter lange Schlange bei der Eröffnung
Insgesamt eine nicht nur spannende, sondern auch eine äußerst hochkarätige Konzeption, die während der gesamten Laufzeit bis zum 18. Januar 2023 von einem üppigen Rahmenprogramm begleitet werden soll. Am gestrigen Freitagabend fand die feierliche Eröffnung statt. Die Fülle an Fotografien ist enorm und bei einem einzigen Besuch kaum zu bewältigen. Nie zuvor hat das Haus sämtliche Räume einem einzigen Thema gewidmet.
Hauptkurator Felix Hoffmann, der bereits Ausstellungen von Robert Mapplethorpe und Nan Goldin organisierte, zeigte sich in seiner Ansprache erfreut und überrascht von dem Andrang. Auf der Straße hatte sich eine mehrere hundert Meter lange Schlange gebildet, die im Verlauf des Abends immer länger wurde. Die meisten Gäste zeigten sich begeistert von der Vielfältigkeit der Schau und der hyperästhetischen Präsentation – der Erfolg ist dem Haus bereits sicher (eine ausführliche Besprechung folgt).
Und noch etwas steht jetzt schon fest: Diesen Herbst wird man in Berlin so schnell nicht wieder vergessen.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Ausstellungs-Triologie "Queerness in Photography"
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de















