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"In der Haut eines Mannes"

Lustspiel um Identität, Sexualität und verlogenen Moralismus

In seinem letzten Werk erzählt der französische Comicautor Hubert gemeinsam mit dem Zeichner Zanzim von einer Frau, die in die Haut eines Mannes schlüpft und damit eine Revolution auslöst.


Bianca lernt ein Familiengeheimnis kennen: Szene aus "In der Haut eines Mannes"

Italien in der Renaissance: Vom Fenster aus muss Bianca zusehen, wie ihr Vater einen Preis für sie aushandelt. Die junge Frau soll an Giovanni, den Sohn eines erfolgreichen Geschäftsmanns verheiratet werden. Widerstand regt sich in Bianca. Es ist nicht so, dass sie sich eine Liebesheirat wünscht, aber sie würde ihren zukünftigen Gatten vor der Hochzeit zumindest einmal gerne kennenlernen.

Ihre Mutter hat für solche Flausen keinen Sinn, Biancas Patentante hingegen weiß Rat: Sie weiht ihre Nichte in ein Familiengeheimnis ein und überlässt ihr eine merkwürdige Haut – eine Männerhaut. Mithilfe dieser kann Bianca sich in Lorenzo verwandeln und Orte betreten, zu denen Frauen der Zutritt eigentlich verwehrt ist. Auf diese Weise kommt sie ihrem Verlobten schnell näher, doch enttäuscht muss sie feststellen, dass dieser ein eingebildeter, wenig liebenswerter Gockel ist. Aber dann verliebt sich Giovanni ausgerechnet in den mysteriösen Lorenzo...

Von fremder Haut und eigenen Begierden


"In der Haut eines Mannes" ist am 12. September 2022 im Reprodukt Verlag erschienen

Aus einer einfachen, märchenhaft-naiv anmutenden Prämisse entwickelt der französische Comicautor Hubert in "In der Haut eines Mannes" (Amazon-Affiliate-Link )ein komplexes Lustspiel um Identität, Sexualität und verlogenen Moralismus. Was zunächst noch als recht geradlinige Geschichte über eine Frau mit zu modernen Ansichten und einen Geschlechterkampf erscheint, wird schnell zu einer vielschichtigen Satire.

Die Themen, die Hubert anspricht, sind hochaktuell – unter anderem die homophoben Proteste in Paris im Jahr 2013 haben ihn dazu veranlasst, "In der Haut eines Mannes" zu schreiben. Die historische Kulisse, die vom Zeichner Zanzim als theaterhafte, mitunter surreale Stadt aus Fenstern, Treppen und Türen aufs Papier gebracht wird, dient dabei vor allem als Raum, in dem Ideen und Gedanken nachhallen können. Wo in der Renaissance die Ideale des Humanismus aufkeimten und so manche erdrückende Moralvorstellung verdrängten, da bricht auch im Comic immer mehr die Freiheit in die Mauern der Stadt.

Oftmals verschwinden die Hintergründe ganz, die Seiten gehören dann ganz den karikaturenhaft überzeichneten Gestalten. Diese sind meist als Ganzes zu sehen, nicht selten sind sie nackt, wenn Bianca etwa in die fremde Haut schlüpft oder sich mit Giovanni im Bett rekelt, um ihren Begierden nachzugehen. Es ist eine seltsam putzige, durchaus einnehmende Sinnlichkeit, mit der die Emanzipation der Protagonistin bebildert wird.

Das letzte Werk eines Ausnahmekünstlers

Es ist eine große Freude, der Heldin auf ihrer mit Leichtigkeit und Witz erzählten Reise zu folgen. Getrübt wird das Vergnügen nur durch die Gewissheit, dass es sich bei "In der Haut eines Mannes" um Huberts letzten Comic handelt. Der Künstler ist bereits 2020, kurz vor der Veröffentlichung der französischen Ausgabe, im Alter von 49 Jahren verstorben und hinterlässt ein beeindruckendes Oeuvre. Immer wieder spielen dabei (etwa in "Schönheit" und "Petit") Motive aus Märchen und Mythen eine zentrale Rolle und werden von Hubert subversiv verdreht. Besonders empfehlenswert ist der in Zusammenarbeit mit dem Künstlerduo Kerascoët entstandene Vierteiler "Fräulein Rühr-Mich-Nicht-An", der ebenso wie "In der Haut eines Mannes" von Grenzüberschreitungen, Heuchelei und erotischen Fallstricken erzählt.

Mit Hubert ist eine wichtige Stimme des französischen Comics und ein gewitzter, abgründiger, mitunter auch anstößiger Autor verstummt.

Infos zum Buch

Hubert, Zanzim: In der Haut eines Mannes. Comic. Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock. Handlettering von Michael Hau. 160 Seiten. Reprodukt. Berlin 2022. Hardcover: 29 € (ISBN 978-3-95640-341-5)

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