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Serbien

Dutzende Festnahmen am Rande von Europride-Demo in Belgrad

Trotz eines Verbots der serbischen Regierung haben am Samstag tausende Menschen in Belgrad friedlich für LGBTI-Rechte demonstriert. Zusammenstöße gab es zwischen Polizei und Gegendemonstrant*innen.


Trotz des Verbots und strömenden Regens nahmen tausende Menschen am Samstag in Belgrad ihr Demonstrationsrecht wahr (Bild: Associazione Quore / twitter)
  • 18. September 2022, 07:20h 10 4 Min.

Zu Update springen: "Tagesspiegel"-Redakteurin nach Demo niedergeschlagen

Trotz eines Verbots der serbischen Regierung haben tausende Menschen in Belgrad an der diesjährigen Europride-Demonstration teilgenommen. Unter starkem Polizeischutz und im strömenden Regen legten sie am Samstag die auf wenige hundert Meter verkürzte Strecke zwischen dem Verfassungsrat und einem nahe gelegenen Park zurück.

Twitter / SteveHReports

Die Polizei schuf für die Parade einen abgesicherten Korridor entlang der Marschroute. Rechtsextreme und ultra-klerikale Gegendemonstrant*­innen, die in der Unterzahl waren, hielt sie auf diese Weise auf Distanz. Am Rande kam es jedoch zu Zusammenstößen zwischen queer­feindlichen Gegendemonstrant*­innen und der Polizei. Über 60 Menschen wurden festgenommen.

Nach Abschluss der Pride-Demo griff eine Gruppe von Rechtsextremisten zehn albanische LGBTI-Aktivist*­innen an, die sich auf dem Rückweg in ihr Hotel befanden. Zwei von ihnen mussten ärztlich versorgt werden, berichtete der Journalist Idro Seferi, ein Mitarbeiter des albanischen Diensts der Deutschen Welle, auf seiner Facebook-Seite.

Teilnehmer*innen mit drakonischen Geldstrafen gedroht

Ursprünglich hätte die Regenbogen-Parade durch die halbe Belgrader Innenstadt ziehen sollen. Doch das Innenministerium wich von der Praxis der vergangenen Jahre ab und untersagte aufgrund von Sicherheitsbedenken die Veranstaltung (queer.de berichtete). Das serbische Verwaltungsgericht wies am Samstag eine Beschwerde der Veranstalter*innen gegen den Innenministeriums-Bescheid ab. Die Staatsanwaltschaft drohte den Teilnehmer*innen einer potenziell "illegalen Demonstration" mit drakonischen Geldstrafen. Die Veranstalter*innen verständigten indes das Innenministerium über eine deutlich verkürzte Streckenführung. Die Behörde reagierte bis zum Beginn der Parade nicht darauf.

Innenminister Aleksandar Vulin betonte am Samstag, dass das Verbot durchgesetzt worden sei. Die Menschen seien lediglich "zu einem Konzert eskortiert" worden.

Twitter / CSD_Berlin
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Zwar hatte das Innenministerium im Vorfeld auch alle Gegenveranstaltungen verboten, doch einige rechtsextreme Gruppen kündigten an, sich nicht daran zu halten. Polizist*innen drängten am Rande des Marschs immer wieder kleinere Gruppen von Kreuze schwenkenden Gegendemonstrant*innen zurück.

Zehn Polizist*innen verletzt

Örtliche Medien berichteten zudem von gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Gegendemonstrant*innen. Eine Gruppe Hooligans schleuderte demnach Rauchbomben gegen die Einsatzkräfte. Regierungschefin Ana Brnabic berichtete später von 64 Festnahmen. Zudem seien zehn Polizist*innen verletzt worden. Sie sie aber "stolz" darauf, dass der Tag ohne "größere Zwischenfälle" zu Ende gegangen sei, sagte die offen lesbische Politikerin.

Serbiens Präsident Aleksandar Vucic hatte bereits Ende August eine Absage oder Verschiebung des Europride angekündigt (queer.de berichtete). Zur Begründung verwies er damals auf Engpässe bei der Energie- und Lebensmittelversorgung sowie Sicherheitsbedenken. Der rechte Nationalist orientiert sich seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine stärker an Russland als zuvor. In diesem Sinne sucht er auch die Nähe zur ultra-konservativen und pro-russischen serbisch-orthodoxen Kirche. Rechtsextremisten und klerikale Kreise veranstalteten in den letzten Wochen in Belgrad sogenannte Prozessionen gegen die Pride (queer.de berichtete).

Auch Sven Lehmann war in Belgrad dabei

Das spätere tatsächliche Verbot der Veranstaltung durch den EU-Beitrittskandidaten Serbien löste internationalen Protest aus. Die Botschaften von mehr als 20 Staaten – darunter Deutschland, die USA, Frankreich und Großbritannien – riefen die Regierung in Belgrad dazu auf, das Verbot aufzuheben (queer.de berichtete). Mehrere Europaabgeordnete, europäische Politiker*innen und Botschafter*innen nahmen an der Europride-Demonstration teil. Auch der Queer-Beauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann (Grüne), war nach Belgrad gereist.

Twitter / svenlehmann

"Ich war schon bei mehreren Pride-Paraden, aber diese ist doch etwas stressiger als die anderen", sagte die britische Aktivistin Yasmin Benoit der Nachrichtenagentur AFP. "Ich komme aus Großbritannien, wo alle solidarischer sind und es kommerzieller zugeht", erzählte sie und fügte hinzu: "Aber hier ist es wirklich so, wie Pride sein sollte". Sie bezog sich damit auf den gesellschaftlichen Kampf, der am Anfang der Bewegung stand. (cw/AFP/dpa)

 Update  12.00h: "Tagesspiegel"-Redakteurin nach Demo niedergeschlagen

Auf dem Rückweg von der Europride-Demonstration wurde auch die lesbische "Tagesspiegel"-Redakteurin Nadine Lange und eine Freundin von einem queerfeindlichen Mob niedergeschlagen. "Wir hatten Glück, wir haben nur kleinere Verletzungen – aber es ist sehr verstörend", wird Lange von ihrer Zeitung zitiert. "Wir können wieder wegfahren, aber die Leute in Belgrad können das nicht. Das ist sehr traurig." Auf Twitter postete sie den Überrest ihres Regenschirms.

Twitter / VerpennteKatze
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Sie sei sich der Gefährlichkeit der Situation sehr bewusst gewesen, so die Journalistin. Sie und ihre Begleiterin hätten bewusst keinen queere Regenbogensymbole getragen. Die Polizei habe sie aber in eine dunkle Seitenstraße geleitet, wo es zum Überfall kam. Lange war privat auf der Europride-Demo, am Vortag hatte sie bei einer Lesung ihren Roman "Ein Eis für Jo" im Goethe-Institut in Belgrad vorgestellt.

#1 la_passanteAnonym
  • 18.09.2022, 14:56h
  • "Die Polizei habe sie aber in eine dunkle Seitenstraße geleitet, wo es zum Überfall kam." Kein Freund und Helfer...
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#2 EuropäerAnonym
  • 18.09.2022, 17:06h
  • Antwort auf #1 von la_passante
  • Hier zu unterstellen, die Polizei hätte damit rechnen müssen, dass dort jemand wartet, ist wiedereinmal typisch. Es wird vielmehr so gewesen sein, dass die Polizei sie von den belebten Hauptstraßen entfernen wollte. Sonst hätten nicht fast 6000 Polizeikräfte die Parade bewacht. Das sie ausgerechnet Ausländerinnen bewusst in so eine Situation brächten ist ebenso absurd.

    Ich gratuliere den Veranstaltern zu einer erfolgreich abgehaltenen Parade. Sie war schwieriger, als in den letzte Jahren, aber es ist ein Zeichen. Das Eis ist gebrochen. Die erste Euro-Pride außerhalb des westeuropäischen Wirtschaftsraumes. Manche brauchen Nachhilfe in Geografie. Serbien ist nicht in Osteuropa.

    Bei uns gab es Tote und teilweise von den Behörden geduldete Störer. In Belgrad ist niemand um's Leben gekommen und die Störer, über 60 an der Zahl, wurden von der Polizei einkassiert.
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#3 la_passanteAnonym