Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?43254

Persönliche Texte

Aus vielen Ichs formt sich ein vages Wir

Das Berliner Verlagskollektiv etece buch ist angetreten, um die Buchbranche vielfältiger zu gestalten. Mit dem Sammelband "Realitäten" liegt nun die erste Veröffentlichung vor, die 30 ganz unterschiedliche queere Stimmen vereint.


Aus intersektionalen Perspektiven erzählen die Autor*innen von ihren Erfahrungen und zeigen, wie wichtig es ist, sich zu solidarisieren (Bild: lisettkruusimae / pexels)

Zumindest in vielen queerfeministischen Kreisen gehört die Angabe des Personalpronomens, mit dem man sich identifiziert, ganz selbstverständlich zur Selbstvorstellung dazu. Ob sie, er, dey, xier, they – dank der Nennung des gewünschten Worts lässt sich schmerzhaftes Misgendering vermeiden. Und ganz nebenbei wird auch an dem hartnäckigen Irrtum gerüttelt, dass Geschlecht sich ganz unkompliziert und eindeutig auf die Pole Mann und Frau verteilen ließe.

Dass man sich mit dem passenden Pronomen in der dritten Person Singular vorstellt, kann dabei allerdings nur ein erster Schritt sein, um Queerness sichtbar zu machen und heteronormative Vorstellungen zu hinterfragen. Denn es geht um so viel mehr, als nur respektvoll über andere, über Einzelpersonen zu sprechen.

Das am häufigsten genutzte Personalpronomen in "Realitäten. 30 queere Stimmen" (Amazon-Affiliate-Link ) (ein Buch, das den Plural schon im Titel trägt) dürfte wohl das "ich" sein. Es sind autobiografische Ichs, lyrische Ichs, erfundene Ichs, behinderte Ichs, schwule Ichs, fette Ichs, trans Ichs. Sie alle teilen, dass es ihnen nicht genügt, dass über sie geredet wird – sie haben selbst etwas zu sagen.

Plattform für queere Stimmen


Der Sammelband "Realitäten. 30 queere Stimmen" ist im August 2022 erschienen

Um die Buchbranche diverser zu gestalten, hat sich das Kollektiv etece buch zusammengefunden und eine Plattform für ganz unterschiedliche queere Stimmen geschaffen. Unter den 30 Beiträgen befinden sich Gedichte, Essays, Vorträge und Kurzgeschichten. Erwachsenwerden, Religion und Rassismus sind einige der großen Themen, und immer wieder tritt auch die Sprache selbst in den Fokus. Es geht um Muttersprachen, Fremdsprachen, darüber, was man sich als queerer Mensch alles anhören muss, und darum, wer in der Gesellschaft etwas zu sagen hat. Und natürlich vor allem darum, was man selbst der Welt mitzuteilen hat.

Die Bandbreite der ausgewählten Texte schafft es, die Vielfalt queeren Lebens mit ihren unzähligen Facetten zumindest im Ansatz abzubilden. Nachdenklich stimmende Lyrik von Samira El-Maawi steht hier neben Friedrich Kloß' literarischem Sprachspiel und Chris Lily Kiermeiers lehrreichem Beitrag über trans Menschen mit Behinderung. Manches in "Realitäten" mag etwas banal anmuten, immer wieder sind die Texte jedoch berührend, bewegend und besonders.

Ein Aufruf, einander zuzuhören

Bekannte Erfahrungen treffen hier auf neue Perspektiven, aus vielen Ichs formt sich ein vages Wir. Großartig ist das vor allem, weil die einzelnen Stimmen nicht in einem großen Chor des Einklangs untergehen. "Realitäten" bietet auch Misstönen Raum, etwa dem unversöhnlichen Beitrag von tâm* trần, in dem Missstände in queeren Communitys angesprochen werden.

Zugleich macht der Sammelband immer wieder deutlich, wie wichtig es ist, sich zu solidarisieren, einander zuzuhören und sich die eigenen Geschichten zu erzählen. Man darf gespannt sein, welchen dieser Geschichten etece buch in Zukunft noch ein Zuhause bieten wird.

Infos zum Buch

Realitäten. 30 queere Stimmen. Mit Beiträgen von Ahmed Sadkhan, Ani Koshka, Awista Gardi, Beinir Bergsson, Can Yıldız, Chris Lily Kiermeier, Damoun, Elias M., Eser Aktay, etaïnn zwer, Folke Brodersen, Friedrich Kloß, Irina Nekrasov/a, Isabel Morgenstern, Jona Buchholz, Juri Wasenmüller, Karina Papp, Katharina Scholz, Lou Dietz, Lydia Kray, Max Weiland, Raoul Berlin, Samira El-Maawi, Sophie Jossi-Silverstein, Stephan Phin Spielhoff, tâm* trần, Tessa Hart, Volja Viteska, Yasmin Abbas und Zoe* Steinsberger. 176 Seiten. etece buch. 2022. Taschenbuch: 16 € (ISBN 978-3-9824636-0-5). E-Book: 11,99 €

Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.

-w-

#1 Ith_Anonym
  • 18.09.2022, 11:27h
  • Nunja, gut. Der Mehrwert für mich bei so einem Buch wäre die Vermittlungs des Gefühls eines "Wir", aka dass jemand wie ich vorkommt. In den Selbstbeschreibungen der Autor*innen gibt es eine einzige Selbstbeschreibung als transmaskulin/trans*-männlich, allerdings nicht-binär, und in einem anderen Fall eine einzige Selbstbeschreibung / Outing als schwul.
    Ein wirkliches Wir gibt's für mich also mit niemandem, und das Fazit ist wieder mal eine Erinnerung daran, was für ein Freak Außenseiter, unnormal und fernab von irgendwas, wofür es ein "wir" je wird geben können, man als jemand wie ich ist (binär trans*-männlich UND schwul).

    Sowas mag ja für Mehrheitsmenschen ein interessanter Kick sein, um sich mal anzugucken, welche Arten von Freaks es so all gibt. Für mich als Außenseiter steht an erster Stelle die Suche nach einem "Wir", das mich nicht die Art Kompromisse kostet (trans-sein erlaubt, aber dann keine Schwuchtel, schwul sein erlaubt, aber dann bitte mit Schwanz auf die Welt gekommen), die ich jedes Mal zahle, wenn ich Medien konsumiere.

    Vertretene Marginalisierungen aufzulisten, statt bloß das Privileg "weiß" zu nennen, hätte insofern auch was von Barrierefreiheit. Ich hab nämlich nicht die Ressourcen, mich durch zwanzig Texte zu quälen, die mich an Privilegien erinnern, die ich nicht habe (z.B. die Option, FLINTA-Spaces zu besuchen, weil weibliches Passing und/oder sexuelles Interesse mindestens auch an Frauen), um möglicherweise mal mit EINEM belohnt zu werden, in dem ich mich wenigstens so zur Hälfte wiederfinde, aber auch das nur mit Abstrichen. Es hat was mit emotionalem Gewinn versus Kosten zu tun. Und wenn ich in der Hinsicht mehr zahlen muss als ich zurückbekomme, kann ich auch gleich bei Netflix bleiben.
  • Direktlink »