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"Einer sucht den Freund"

Schwul, jüdisch und zum Islam konvertiert

Die Biografie von Hugo Marcus ist bis heute faszinierend, sein Schreiben zu Unrecht in Vergessenheit geraten. In der Bibliothek rosa Winkel ist nun eine wunderbare Auswahl seiner Texte erschienen.


Hugo Hamid Marcus (1880-1966) war von 1923 bis 1938 Geschäftsführer der Wilmersdorfer Moschee in Berlin, damals die einzige Moschee in Deutschland. Das Foto aus dem Jahr 1901 ziert das Cover von "Einer sucht den Freund"

Die Zeit der Weimarer Republik war eine Phase großer Umbrüche und des Wandels. Nicht nur politisch und kulturell, auch das queere Leben war ein ungewohnt freigeistiges, wie etwa Stephen Spenders Zeitzeugenroman "Der Tempel" belegt. Es ist rückblickend und auf den ersten Blick wenig verwunderlich, dass diese Zeit auch eine Figur wie Hugo Marcus hervorgebracht hat.

Doch auf den zweiten Blick ist die Außergewöhnlichkeit von Marcus' Biographie geradezu ein Kuriosum und kündet von seinem bis heute außergewöhnlichen Selbstverständnis. 1880 im preußischen Posen in eine Industriellenfamilie geboren, war er von Geburt an ein Grenzgänger zwischen den Identitäten. Er war homosexuell und von jüdischer Herkunft und setzte sich früh zusammen mit dem befreundeten Magnus Hirschfeld politisch für die Rechte Homosexueller ein. Später konvertierte er zum Islam und wurde der erste Geschäftsführer der ersten und bis heute bestehenden Moschee in Deutschland.

Vielfalt – in Leben und Werk


"Einer sucht den Freund" ist als 80. Band in der Bibliothek rosa Winkel des Männerschwarm Verlags erschienen

Bemerkenswert an Hugo Marcus' kurvenreicher Lebenslinie ist, dass sie keine Widersprüche aufweist. Das heißt, dass er auch nach seiner Konvertierung zum Islam Mitglied der jüdischen Gemeinde blieb und sich politisch engagierte. Die Freiheit und Vielfältigkeit seines Denkens und Handelns begleitete er Zeit seines Lebens schriftstellerisch und verfasste eine große Anzahl Essays, Zeitungsartikel und literarischer Texte, von denen nun unter dem Titel "Einer sucht den Freund" (Amazon-Affiliate-Link ) eine Auswahl bei Männerschwarm erscheint.

Es würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, en detail auf alle Texte, die im Buch versammelt sind, einzugehen. Stattdessen soll im Folgenden ein Blick auf drei Aspekte geworfen werden, die "Einer sucht den Freund" lesenswert machen. Zum einen schreibt Marcus in einer, aus heutiger Sicht natürlich etwas unzeitgemäßen, aber dennoch selbst in den verquertesten Sätzen herrlich unterhaltsamen Sprache. Um von einem Porträt, das die Malerin Julie Wolfthorn von ihm angefertigt hatte, zu berichten, schreibt Marcus, dass sie es von ihm "machen zu sollen geglaubt hatte". In der Wahl des Modalverbs "sollen" in Kombination mit "glauben" scheint eine Art performativer Ablehnung mitzuschwingen – das Werk war kein Auftrag, die Künstlerin hat eigenmächtig entschieden, es zu malen. Es ist anzweifelbar, ob es tatsächlich notwendig war, sie jedoch glaubt daran.

Derlei Stellen, an denen es sich lohnt, beim Lesen hängenzubleiben und sich in der Kunstgestalt der Sprache zu verlieren, gibt es einige. Und dennoch bleibt die Lektüre von Marcus' Texten angenehm leicht, weil sie selbst in diesen Sätzen noch eine gewisse Leichtfüßigkeit aufweisen. Immer wieder entfalten sich wunderbar unterhaltsame Passagen beim Lesen. Im Text "Die Kirche zu den heiligen Brüsten der Jünglinge" etwa wird diese Leichtfüßigkeit in komödiantische Höhen gedreht, wobei hintenrum fast unbemerkt eine Festschrift, eine prophetische Verkündigung eines ewigen Friedens entsteht. Erregt von den Körpern junger Männer gerät der Text in Schwindel und will den "heiligen Brüsten" gleich eine Kirche gegen den Krieg und für den Pazifismus errichten.

Für Frieden und Humanismus

Ein Faden, der sich durch das Schreiben von Hugo Marcus zieht, ist seine immer wieder durchscheinende humanistische Grundeinstellung. Der zweite Grund, aus dem "Einer sucht den Freund" ans Herz gelegt sei, ist die geradezu liebevolle Art, mit der dieses Engagement in die Texte eingeflochten ist. Neben den erwähnten geradezu orgastischen Visionen der heiligen Kirche der Jünglinge, entwickelt Marcus im titelgebenden Text geradezu eine Weltphilosophie der Freundschaft. Die Suche nach Freundschaft, nach menschlicher Verbindung in freundschaftlicher Beziehung ist für ihn die zentrale Antriebskraft menschlichen Handelns. Er beschreibt eine Form von radikalen Humanismus.

Sein humanistisches Bekenntnis legte Marcus auch nach seiner Konversion zum Islam nicht ab. Ganz im Gegenteil fand er in der muslimischen Lehre eben gerade eine Bestätigung seiner freiheitlichen und menschenliebenden Überzeugungen. Ihm war es ein Anliegen, die religiöse Philosophie des Koran mit der westlich abendländischen Ideengeschichte zu vereinen. Im Essay "Mohammeds Gestalt" nimmt er eine von großer Umsicht und Einfühlsamkeit geprägte Porträtierung des Propheten vor. In fünf kurzen Abschnitten interpretiert er Mohammed neu und lässt dabei allerdings vor allem tief in seine Seele blicken. Zu beurteilen, wie wahr seine Charakterisierung tatsächlich ist, sind Historiker besser im Stande.

Ein schließlich letzter Grund, "Einer sucht den Freund" zu lesen, sind die Blicke in die Gegenwart vergangener Zeiten. Vor allem die Passagen, die ein Gefühl der Weimarer Zeit vermitteln, seien hier hervorgehoben, ohne jedoch tiefer darauf einzugehen. Hugo Marcus war und ist eine faszinierende Persönlichkeit, der auch nicht vollkommen ohne zweifelhafte Seiten war (sein zumindest zeitweiser Frauenhass blieb hier jetzt gänzlich unerwähnt). Sein schriftstellerisches Werk ist bis zum heutigen Tag unbedingt zu empfehlen.

Infos zum Buch

Hugo Marcus: Einer sucht den Freund und anderer Texte. Ein Lesebuch. Herausgegeben von Wolfram Setz. 480 Seiten. Bibliothek rosa Winkel Bd. 80. Männerschwarm Verlag. Berlin 2022. Hardcover: 24 € (ISBN 978-3-86300-350-0). E-Book: 17,99 €

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-w-

#1 TobiasAusBerlinAnonym
  • 24.09.2022, 13:30h
  • Sehr schön geschriebener sachlich fundierter liebevoller Artikel, vielen Dank!
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#2 Andreas BaurAnonym
  • 25.09.2022, 07:20h
  • Warum würde man als homosexuell vom Judentum zum Islam wechseln?

    Das Judentum ist (bis auf die extremst konservativsten Ausrichtungen)
    Homosexualität aufgeschlossen.

    Der Islam hingegen: Nun, wir sehen die Situation in Qatar ja.
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#3 MuschebubuAnonym
  • 25.09.2022, 11:46h
  • Antwort auf #2 von Andreas Baur
  • Weil das Judentum, der Islam und das Christentum Oberbegriffe sind und es in jeder dieser Glaubensrichtungen auch Strömungen gibt, die nicht Menschenverachtend sind.
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