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Ausstellung

Subversive Homoerotik aus der DDR

Der Linolschnitt "Unter der Dusche" von Jürgen Wittdorf (1932-2018) war einmalig in der Kunstgeschichte der DDR. Das Schloss Biesdorf glänzt nun mit einer umfassenden Retrospektive des schwulen Künstlers.


Jürgen Wittdorfs Holzschnitt "Unter der Dusche" aus dem Jahr 1964

Sieben junge Männer unter der Dusche, das Wasser prasselt auf ihre athletischen Körper. Ein paar Jungs scheinen für die anderen zu posieren, verschränken aufreizend die Arme hinter dem Nacken. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als würde der Nackedei im Vordergrund, der von hinten zu sehen ist, an die Brust seines Gegenübers greifen. Doch der Eindruck täuscht. Seine Hand schöpft Wasser unter dem Duschstrahl ab, der sich zwischen den beiden befindet. Tatsächlich berührt keiner von den Sportlern den andern. Und just deshalb ist das Bild von einer erotischen Spannung erfüllt, die den Betrachter geradewegs dazu einlädt, sich das weitere Geschehen im Kopf auszumalen.

Wir schreiben das Jahr 1964. Drei Jahre zuvor wurde die Berliner Mauer hochgezogen. Noch ist die sexuelle Revolution nicht in Sicht, von homosexueller Sichtbarkeit gar nicht erst zu reden. Im Westen neigt die Gegenwartskunst zwar schon zur Rebellion, das bürgerliche Publikum wird von ihr mächtig provoziert – allerdings weniger durch sexuell-ästhetische Grenzüberschreitungen, sondern eher mit Aktionen in der Art von Joseph Beuys, der in jenem Jahr in einer Schöneberger Galerie ein Happening mit toten Hasen abhält. Kunst in der DDR hingegen soll stramm dazu dienen, dem Sozialismus eine kollektive Identität zu verleihen – alles andere fällt meist der Zensur zum Opfer, mit entsprechenden Sanktionen für die Regelbrecher*innen.

Homoerotik im staatlichen Auftrag


Jürgen Wittdorf starb 2018 im Alter von 86 Jahren (Bild: SpreeTom / wikipedia)

In beiden Staaten war Homosexualität noch immer ein Tabu, dessen Missachtung für den Einzelnen geradewegs übermenschliche Courage erfordert hätte. Zwar gab sich die DDR in späteren Jahren rechtlich liberaler als die Bundesrepublik, doch der Paragraf 175 war noch bis 1968 in Kraft – und somit blieben gleich­geschlechtliche Beziehungen unter Männern einstweilen verboten. Von der ablehnenden Stimmung in der Bevölkerung mal ganz abgesehen. Vor diesem Hintergrund muss man Jürgen Wittdorfs Linolschnitt "Unter der Dusche" betrachten: als Gratwanderung, die für ihn ein enormes Risiko bedeutete. Es drohte nicht weniger als die gesellschaftliche Ächtung.

Bemerkenswert: Das Duschmotiv entstand im Rahmen eines staatlichen Auftrags, als Teil eines Sportzyklus, mit dem der Künstler und Graphiker die Wände eines Treppenhauses schmücken sollte – im Neubau der Hochschule für Körperkultur in seiner damaligen Heimatstadt Leipzig. Dem 1932 in Karlsruhe geborenen und im Osten aufgewachsenen Wittdorf, der an der Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert hatte, war das Glück hold: Zensur und Repressionen blieben aus. Das Bild wurde ein Schlüsselwerk seines künstlerischen Schaffens. Gleichwohl spiegelte es sein Innenleben wieder, in dem sich soeben ein langer und schwieriger Selbstfindungsprozess vollzogen hatte. Endlich konnte er sich eingestehen, schwul zu sein und sich in die verborgene Subkultur vortasten, die er in der DDR vorfand. Zuvor hatte er sein Begehren kompensiert, "indem ich sehr viel Akt gezeichnet habe" – das klassische Muster der Sublimierung also, das über viele Jahrhunderte hinweg ein fester Bestandteil der europäischen Kunstgeschichte war.

Kuriosität in der Kunstgeschichte der DDR

Über die Schwierigkeiten im Umgang mit seiner Homosexualität sprach Wittdorf freimütig in dem Dokumentarfilm "Unter Männern – Schwul in der DDR" aus dem Jahr 2012, nur sechs Jahre vor seinem Tod mit 86. Sich zu seinem Schwulsein zu bekennen, das ging gar nicht, "das war so unaussprechlich schlimm", gab er sichtlich erschüttert zu Protokoll.

Es erscheint paradox – aber genau deswegen mag Wittdorf mit seinem Duschmotiv keinen Anstoß erregt haben. Ein homoerotischer Subtext? Derartiges erschien den Zensurbehörden offenbar so abwegig, dass es ihnen gar nicht erst in den Sinn kam. Dabei ist das Begehren, das darin zum Ausdruck kommt, mit dem Blick von heute kaum zu übersehen. So wurde "Unter der Dusche" zur Kuriosität in der Kunstgeschichte der DDR – einmalig und im subversiven Ansatz für manch einen durchaus vergleichbar mit Werken von Andy Warhol oder Tom of Finland.

"Baubrigade der Sportstudenten" und "Freundschaftsfoto"


Wittdorfs "Baubrigade der Sportstudenten" aus dem Jahr 1964

Von ähnlich homoerotischem Kaliber waren weitere visionäre Werke, die von Wittdorf stammen, alle von 1964 und ebenso Teil des nunmehr legendären Sportzyklus: die an Village People gemahnende "Baubrigade der Sportstudenten" etwa – ein Bild, in dem sich zweifellos eine Fetischvorliebe erkennen lässt – oder das solidarisch-intersektionale Motiv des "Freundschaftsfotos".

Zu diesem Zeitpunkt war Wittdorf in der DDR übrigens längst kein Unbekannter mehr. Aufsehen hatte vor allem sein 1960 bis 1962 entstandener "Zyklus für die Jugend" erregt: Dazu gehörten ein entspannter Multitasking-Daddy mit Einkaufsnetz und einem ihm am Ohr zupfenden Baby auf dem Arm, ein knutschendes Heteropaar im Hauseingang, ein Pärchen auf einem vorbeibrausenden Motorrad oder eine Gruppe von Jungs in betont lässiger Pose, wie man sie von Popbands auf Plattencovern vor allem im Westen kannte. Eine Verbindung zum Sozialismus sucht man in all den Darstellungen vergeblich.


Wittdorfs "Freundschaftsfoto" aus dem Jahr 1964

Prompt warfen ihm Funktionäre Verwestlichung vor. Dennoch verschaffte ihm sein unverkrampfter Stil Erfolg. Die Holzschnitte erschienen in einer Auflage von 10.000 Exemplaren als Mappenwerk im Verlag Junge Welt. 1963 erhielt Wittdorf zusammen mit den beiden Schauspielern Manfred Krug und Armin Mueller-Stahl den Kunstpreis der FDJ. Noch höhere Weihen waren kaum möglich – sieht man mal von seiner Begegnung mit Margot Honecker und dem hochrangigen SED-Funktionär Eberhard Aurich auf einer Ausstellung in den frühen 1980er Jahren ab, die auf einem Foto festgehalten wurde.

"Voll eingebunden ins System"

Wittdorf war als Mitglied in Partei und dem Verband Bildender Künstler "voll eingebunden ins System", so der mit ihm über Jahre befreundete Kunsthistoriker Andreas Sternweiler vom Schwulen Museum. "Die DDR war seine Heimat, er hat sich dort eingerichtet" – Staatsaufträge waren ihm sicher, zumindest bis zum Fall der Mauer. Ab da geriet er ins Schlingern. Das künstlerische Schaffen der DDR wurde von heute auf morgen abgewertet, und so geriet auch Wittdorf im Alter von 58 auf einen Schlag in Vergessenheit.

Bis zu seiner Wiederentdeckung sollte es eine Weile dauern. Er selbst war es, der sich 1997 nach der Großausstellung "Hundert Jahre Schwulenbewegung" in der Akademie der Künste an das ausrichtende Schwule Museum Berlin wandte. Dort vergingen ein paar Jahre, bis sich abzuzeichnen begann, wen und was es da überhaupt zu entdecken gab. Der Funke sprang bei einer kleineren Schau im Jahr 2004 über. Es gab mehrere Presseberichte, der Künstler Rinaldo Hopf nahm ihn von da an mehrere Male in sein renommiertes Jahrbuch "Mein schwules Auge" auf, und Wittdorf verkaufte seit langem wieder Werke. Seine Popularität verstärkte sich durch eine größere Werkschau 2012, wiederum im Schwulen Museum. Weitere Ausstellungen folgten, zuletzt 2020 im Berliner Kunstverein Ost.


Die Ausstellung "Jürgen Wittdorf (1932-2018)" ist noch bis zum 10. Februar 2023 im Schloss Biesdorf zu sehen (Bild: Fachbereich Kultur Marzahn-Hellersdorf / Karin Scheel)

Das frisch renovierte Schloss Biesdorf im Berliner Bezirk Hellersdorf-Marzahn, idyllisch gelegen in einem weitläufigen Park, wartet nun mit einer großen Retrospektive des Künstlers auf – so umfassend wie keine andere Ausstellung zuvor. Nie wurde Wittdorf in so repräsentativen Räumen gezeigt. Fast 250 Bilder sind dort zu sehen, darunter alle seine Hauptwerke, zudem rund 50 Keramiken – ein Großteil davon aus der Sammlung von Jan Linkersdorff, kuratiert von Stephan Koal und Karin Scheel. Zu der kostenlosen Ausstellung ist ein Gratiskatalog im Zeitungsformat erschienen. Berlins Kultursenator Klaus Lederer hat dafür ein Grußwort verfasst. Aufgewertet wird Wittdorfs Kunst zudem durch eine Ergänzung zeitgenössischer Werke, u.a. von Norbert Bisky und Bettina Semmer.

Es ist dem Gesamtwerk Wittdorfs zu wünschen, dass es mit dieser Schau einen noch höheren Bekanntheitsgrad erreicht.

-w-

#1 BerlinboyAnonym
  • 25.09.2022, 10:47h
  • Lovely setting and there are about a nine good works here. His woodcuts are strong. But the rest are amateur student level drawings and are badly framed, curated, lit and displayed. Whoever curated and and managed Wittdorfs estate did a terrible disservice to his memory with this terrible exhibition. It should have been so much better.
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#2 HahaAnonym
#3 MarkoAnonym
  • 25.09.2022, 12:55h
  • Antwort auf #2 von Haha
  • Du kannst auf "www.google.com" gehen und da nach "übersetzen" suchen, um Texte aus anderen Sprachen automatisch übersetzen zu lassen. Mittlereweile sind die Ergebnisse sogar ziemlich gut. Unten die automatische Übersetzung des obigen Kommentars:

    "Schöne Umgebung und es gibt hier ungefähr neun gute Werke. Seine Holzschnitte sind stark. Aber der Rest sind Zeichnungen auf Amateurschülerniveau und schlecht gerahmt, kuratiert, beleuchtet und ausgestellt. Wer auch immer Wittdorfs Nachlass kuratiert und verwaltet hat, hat seinem Andenken mit dieser schrecklichen Ausstellung einen schlechten Dienst erwiesen. Es hätte so viel besser sein sollen."
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