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- 15. Februar 2006 4 Min.
Wir dokumentieren die "Erklärung zu Homosexualität und Islam/Muslimen" von Hatun, eine Hamburger Gruppe schwuler, lesbischer und transsexueller Muslime:
1. Ein muslimisches Bekenntnis zu den Menschenrechten ist nur ein vollständiges Bekenntnis im Zusammenhang mit der Bereitschaft, jegliche Diskriminierung - und damit unmissverständlich auch die Diskriminierung von LGBTIQ (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Intersex, Questioning) zu verurteilen und sich praktisch für die Beseitigung einzusetzen. Es gibt kein "teilweises" Bekenntnis zu den Menschenrechten, denn dies widerspricht ihrem Wesen und dem daraus hervorgehenden Universalismus der Menschenrechte.
2. Liebe verdient Respekt. Homosexualität ist eine Weise der zwischenmenschlichen Liebe, die vom Koran nicht verboten wird, sondern gleichgestellt ist mit allen anderen Weisen der zwischenmenschlichen, sei es der bi- oder heterosexuellen Liebe.
"Und unter Seinen Zeichen ist dies, dass Er Partner (azwâj) für euch (Menschen, Männer und Frauen) erschuf aus euch (Menschen, Männern und Frauen) selber, auf dass ihr Frieden bei ihnen fändet, und Er hat Liebe und Zärtlichkeit zwischen euch gesetzt. Hierin sind wahrlich Zeichen für Leute, die nachdenken (Koran 30:21)."
Die Auseinandersetzung der Muslime in Deutschland mit Homosexualität und damit auch mit der Diskriminierung von LGBTIQ und der Ausgrenzung von LGBTIQ-MuslimInnen steht noch weitgehend aus. Es ist wichtig, der Homophobie und den Ängsten und Vorurteilen unter Muslimen mit Aufklärung, Bildung und durch den Dialog zu begegnen und nicht durch Maßnahmen wie jüngst dem "Muslim-Test" aus BA-WÜ, der selbst Ausdruck von Diskriminierung ist und eine MigrantInnenphobie fördert anstatt zur Überwindung der verschiedenen Formen von Diskriminierung beizutragen.
LGBTIQ mit Migrations- und/oder muslimischem Hintergrund sind auch im von Nichtmigranten/NichtmuslimInnen dominierten LGBTIQ-Umfeld Diskriminierungen ausgesetzt, so dass sie häufig in einer besonders schwierigen Situation leben, die von Mehrfachdiskriminierungen gekennzeichnet ist. Ein Beispiel für Mehrfachdiskriminierungen sind lesbische Migrantinnen. "Lesmigras", ein Migrantinnenprojekt der Lesben-Beratung in Berlin, erklärt dazu:
"Lesbische Migrantinnen erleben alltäglich Diskriminierungen aufgrund von Ethnie, Religion, sexueller Orientierung, der Hautfarbe und des Geschlechts. Lesbische Migrantinnen bewegen sich folglich immer an den Schnittstellen von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Sexismus und Homophobie. Lesbische Migrantinnen erleben mehrdimensionale Diskriminierungen."
Gründe für Homophobie in den muslimischen Communities und der noch weitgehenden Tabuisierung der Auseinandersetzung mit Homosexualität sind unserer Ansicht nach u. a.:
1. Ein Erstarren des islamischen Denkens, welches einhergeht mit dem Festhalten an islamischen Traditionen und Gelehrtenmeinungen, die nicht mehr überprüft und hinterfragt wird.
2. Die Angst vor der Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und den traditionellen Geschlechterrollen, sowie die Angst davor eigene homoerotische Neigungen zu entdecken.
3. Das Fortbestehen von Männlichkeitsbildern, die von Chauvinismus und patriarchalen Mustern geprägt sind.
4. Ein dualistisches, Rassismus förderndes Weltbild, welches einerseits Homosexualität als Ausdruck westlicher Dekadenz diffamiert und andererseits die hiesigen Erklärungsmuster wie anormal, krank, sündhaft etc. übernimmt.
5. Machtinteressen welche durch patriarchale Deutungen gedeckt und legitimiert werden.
6. Die wachsende Islamophobie, welche dazu verleitet, verschiedene Formen der Diskriminierung auch von den Betroffenen selbst zu instrumentalisieren und gegeneinander auszuspielen.
7. Die Verstärkung eigener Vorurteile durch die in der Gesamtgesellschaft vorhandenen Vorurteile, welche von verschiedenen gesellschaftlichen Kräften immer wieder neu belebt werden (aktuelle Beispiele: Der Fall "Renner" in BA-WÜ, und die Reaktionen auf die Rede des Bundespräsidenten Helmut Köhler zum Familienbild beim Jahresempfang der Ev. Akademie Tutzing)
Die Gründe sind im Wesentlichen dieselben, wie sie in der Gesamtgesellschaft vorkommen. Wir gehen deswegen nicht davon aus, dass MigrantInnen und Muslime homophober sind als andere Gruppen in der Gesamtgesellschaft.
Unsere Forderungen:
1. Als MuslimInnen von Hatun fordern wir die vollständige rechtliche Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften ohne den Zwang, eine "Eingetragene Partnerschaft" eingehen zu müssen.
2. Wir fordern die Umsetzung des Antidiskriminierungsgesetzes und die Schaffung von Antidiskriminierungsstellen.
3. Wir fordern die Bereitschaft und das Engagement zur Auseinandersetzung mit der Homophobie von Muslimen und Ihren Vertretungen, Verbänden. Anzustreben sind offizielle Erklärungen der muslimischen Vertretungen, Verbände, Theologen und Imame zu Homosexualität und Homophobie, wie es sie in verschiedenen Ländern bereits vereinzelt gibt.
4. Wir fordern ein Umdenken der politisch Verantwortlichen, denn in Städten, wie hier in Hamburg herrscht ein politisches Klima, welches Gewalt gegen heterosexuelle Frauen und LGBTIQ bedingt und befördert, unter anderem durch die Leugnung von Diskriminierung und die unverantwortliche Verweigerungshaltung gegenüber der Umsetzung der EU-Richtlinien zum Antidiskriminierungsgesetz für Deutschland.
Unsere Ziele:
1. Wir wollen für die verschiedenen Gruppen von Diskriminierten, sowie der gesamten Gesellschaft für Aufklärung und Dialog eine Plattform bieten, sei es durch Veranstaltungen, Gesprächskreise oder Veröffentlichungen.
2. Wir wollen dazu beitragen, dass insbesondere unter Muslimen ein Umdenken stattfindet und damit Homophobie, die von Muslimen ausgeht, abgebaut wird.
3. Wir wollen dazu beitragen, dass unter allen von Diskriminierung betroffenen Gruppen eine Sensibilisierung erreicht wird für andere, weitere und vielfältigere Formen von Diskriminierung.
15. Februar 2006
Links zum Thema:
» Hatun-Homepage
» Website des Projekts ''Lesmigras''














