Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?4341

Wir dokumentieren die "Erklärung zu Homosexualität und Islam/Muslimen" von Hatun, eine Hamburger Gruppe schwuler, lesbischer und transsexueller Muslime:

1. Ein muslimisches Bekenntnis zu den Menschenrechten ist nur ein vollständiges Bekenntnis im Zusammenhang mit der Bereitschaft, jegliche Diskriminierung - und damit unmissverständlich auch die Diskriminierung von LGBTIQ (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Intersex, Questioning) zu verurteilen und sich praktisch für die Beseitigung einzusetzen. Es gibt kein "teilweises" Bekenntnis zu den Menschenrechten, denn dies widerspricht ihrem Wesen und dem daraus hervorgehenden Universalismus der Menschenrechte.

2. Liebe verdient Respekt. Homosexualität ist eine Weise der zwischenmenschlichen Liebe, die vom Koran nicht verboten wird, sondern gleichgestellt ist mit allen anderen Weisen der zwischenmenschlichen, sei es der bi- oder heterosexuellen Liebe.

"Und unter Seinen Zeichen ist dies, dass Er Partner (azwâj) für euch (Menschen, Männer und Frauen) erschuf aus euch (Menschen, Männern und Frauen) selber, auf dass ihr Frieden bei ihnen fändet, und Er hat Liebe und Zärtlichkeit zwischen euch gesetzt. Hierin sind wahrlich Zeichen für Leute, die nachdenken (Koran 30:21)."

Die Auseinandersetzung der Muslime in Deutschland mit Homosexualität und damit auch mit der Diskriminierung von LGBTIQ und der Ausgrenzung von LGBTIQ-MuslimInnen steht noch weitgehend aus. Es ist wichtig, der Homophobie und den Ängsten und Vorurteilen unter Muslimen mit Aufklärung, Bildung und durch den Dialog zu begegnen und nicht durch Maßnahmen wie jüngst dem "Muslim-Test" aus BA-WÜ, der selbst Ausdruck von Diskriminierung ist und eine MigrantInnenphobie fördert anstatt zur Überwindung der verschiedenen Formen von Diskriminierung beizutragen.

LGBTIQ mit Migrations- und/oder muslimischem Hintergrund sind auch im von Nichtmigranten/NichtmuslimInnen dominierten LGBTIQ-Umfeld Diskriminierungen ausgesetzt, so dass sie häufig in einer besonders schwierigen Situation leben, die von Mehrfachdiskriminierungen gekennzeichnet ist. Ein Beispiel für Mehrfachdiskriminierungen sind lesbische Migrantinnen. "Lesmigras", ein Migrantinnenprojekt der Lesben-Beratung in Berlin, erklärt dazu:

"Lesbische Migrantinnen erleben alltäglich Diskriminierungen aufgrund von Ethnie, Religion, sexueller Orientierung, der Hautfarbe und des Geschlechts. Lesbische Migrantinnen bewegen sich folglich immer an den Schnittstellen von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Sexismus und Homophobie. Lesbische Migrantinnen erleben mehrdimensionale Diskriminierungen."

- Werbung - Video (60s): KLM – Wir sind eine Airline

Gründe für Homophobie in den muslimischen Communities und der noch weitgehenden Tabuisierung der Auseinandersetzung mit Homosexualität sind unserer Ansicht nach u. a.:

1. Ein Erstarren des islamischen Denkens, welches einhergeht mit dem Festhalten an islamischen Traditionen und Gelehrtenmeinungen, die nicht mehr überprüft und hinterfragt wird.

2. Die Angst vor der Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und den traditionellen Geschlechterrollen, sowie die Angst davor eigene homoerotische Neigungen zu entdecken.

3. Das Fortbestehen von Männlichkeitsbildern, die von Chauvinismus und patriarchalen Mustern geprägt sind.

4. Ein dualistisches, Rassismus förderndes Weltbild, welches einerseits Homosexualität als Ausdruck westlicher Dekadenz diffamiert und andererseits die hiesigen Erklärungsmuster wie anormal, krank, sündhaft etc. übernimmt.

5. Machtinteressen welche durch patriarchale Deutungen gedeckt und legitimiert werden.

6. Die wachsende Islamophobie, welche dazu verleitet, verschiedene Formen der Diskriminierung auch von den Betroffenen selbst zu instrumentalisieren und gegeneinander auszuspielen.

7. Die Verstärkung eigener Vorurteile durch die in der Gesamtgesellschaft vorhandenen Vorurteile, welche von verschiedenen gesellschaftlichen Kräften immer wieder neu belebt werden (aktuelle Beispiele: Der Fall "Renner" in BA-WÜ, und die Reaktionen auf die Rede des Bundespräsidenten Helmut Köhler zum Familienbild beim Jahresempfang der Ev. Akademie Tutzing)

Die Gründe sind im Wesentlichen dieselben, wie sie in der Gesamtgesellschaft vorkommen. Wir gehen deswegen nicht davon aus, dass MigrantInnen und Muslime homophober sind als andere Gruppen in der Gesamtgesellschaft.

Unsere Forderungen:

1. Als MuslimInnen von Hatun fordern wir die vollständige rechtliche Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften ohne den Zwang, eine "Eingetragene Partnerschaft" eingehen zu müssen.

2. Wir fordern die Umsetzung des Antidiskriminierungsgesetzes und die Schaffung von Antidiskriminierungsstellen.

3. Wir fordern die Bereitschaft und das Engagement zur Auseinandersetzung mit der Homophobie von Muslimen und Ihren Vertretungen, Verbänden. Anzustreben sind offizielle Erklärungen der muslimischen Vertretungen, Verbände, Theologen und Imame zu Homosexualität und Homophobie, wie es sie in verschiedenen Ländern bereits vereinzelt gibt.

4. Wir fordern ein Umdenken der politisch Verantwortlichen, denn in Städten, wie hier in Hamburg herrscht ein politisches Klima, welches Gewalt gegen heterosexuelle Frauen und LGBTIQ bedingt und befördert, unter anderem durch die Leugnung von Diskriminierung und die unverantwortliche Verweigerungshaltung gegenüber der Umsetzung der EU-Richtlinien zum Antidiskriminierungsgesetz für Deutschland.

Unsere Ziele:

1. Wir wollen für die verschiedenen Gruppen von Diskriminierten, sowie der gesamten Gesellschaft für Aufklärung und Dialog eine Plattform bieten, sei es durch Veranstaltungen, Gesprächskreise oder Veröffentlichungen.

2. Wir wollen dazu beitragen, dass insbesondere unter Muslimen ein Umdenken stattfindet und damit Homophobie, die von Muslimen ausgeht, abgebaut wird.

3. Wir wollen dazu beitragen, dass unter allen von Diskriminierung betroffenen Gruppen eine Sensibilisierung erreicht wird für andere, weitere und vielfältigere Formen von Diskriminierung.

15. Februar 2006



10 Kommentare

#1 SvenAnonym
#2 StefanAnonym
  • 15.02.2006, 14:59h
  • Das wird verdammt schwierig. Es ist schon anstrengend genug, sich gegen die ewig homophoben Thesen der christlichen Kirche zur Wehr zu setzen. Sich als schwuler Moslem in die Wagschale zu werfen verdient respekt und Anerkennung. Ich wünsche viel Erfolg.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 HelmutAnonym
  • 15.02.2006, 16:32h
  • Finde ich gut, dass nun auch für den Islam eine Auseinandersetzung mit der derzeitig lautstarken und rückwärts gewandten Auslegung von sogenannten Schriftgelehrten in Gang kommt. Von staatlicher Seite sollte dies unterstützt werden, insbesondere durch ein umfassendes ADG
  • Antworten » | Direktlink »
#4 holga-waldaAnonym
  • 15.02.2006, 17:38h
  • der einzig ernst zu nehmende ansatz.
    nur gut. sowas nenn ich ohne pathos hoffnung.
  • Antworten » | Direktlink »
#5 antosAnonym
  • 15.02.2006, 21:57h
  • Liebes Hatun-Team,

    auch ich glaube [es ist dies ja ein Glaube], man kann den universellen Anspruch der Menschenrechte nicht oft genug erinnern, insofern möchte ich noch einmal ausdrücklich herhorheben, dass ihr euch gleich im ersten Punkt eures Statements offensichtlich von den quasi-religiösen, einschränkenden Varianten der Kairoer Menschenrechtserklärung und der Allgemeinen Islamischen Menschenrechtserklärung distanziert:

    "1. [...] Es gibt kein "teilweises" Bekenntnis zu den Menschenrechten, denn dies widerspricht ihrem Wesen und dem daraus hervorgehenden Universalismus der Menschenrechte."

    Gerade deshalb wundert es mich etwas, dass ihr in Punkt 2 ['Liebe verdient Respekt'] den Koran zitiert. Ist es im Hinblick auf eine universelle Gültigkeit der Menschenrechte nicht völlig wurscht, was im Koran steht? Na, egal.

    In Punkt 3 eurer Forderungen schreibt ihr:

    "Anzustreben sind offizielle Erklärungen der muslimischen Vertretungen, Verbände, Theologen und Imame zu Homosexualität und Homophobie, wie es sie in verschiedenen Ländern bereits vereinzelt gibt."

    Es wäre toll und hätte - im Hinblick auf die derzeitige allgemeine Stimmungsmache gegen Muslime [und das betrifft Gläubige ebenso wie ihre atheistischen Brüder und Schwestern...] - sicher aufklärende Wirkung, wenn ihr die bereits existierenden offiziellen Erklärungen dokumentieren würdet.
  • Antworten » | Direktlink »
#6 antosAnonym
  • 15.02.2006, 22:04h
  • Nachtrag: Info zu den islamischen Menschenrechtserklärungen:

    "Die Rolle der Menschenrechte in islamischen Gesellschaften wird in zwei zentralen Dokumenten erkennbar: in der „Allgemeinen Islamischen Erklärung der Menschenrechte“ von 1981 sowie in der „Kairoer Erklärung über Menschenrechte im Islam“ aus dem Jahre 1990. Konsens beider Erklärungen ist, dass Menschenrechte existieren. Doch das normative Verständnis darüber und die Frage der institutionellen Ausgestaltung bleibt strittig. Die Menschenrechtserklärungen dienen dazu, die Menschenrechte auf einer metarechtlichen Ebene zu verwurzeln und sie damit der menschlichen Verfügungsgewalt zu entziehen. In den genannten Erklärungen wird eindeutig der Islam als Grundlage und Ursprung der Menschenrechte bezeichnet. "

    Mehr dazu hier:

    www.forum-bioethik.de/Menschenrechte_Islam.html
  • Antworten » | Direktlink »
#7 aytugAnonym
#8 AngelikaAnonym
  • 18.02.2006, 23:43h
  • Hallo lieber antos,
    natürlich hast Du recht. Im Hinblick auf die Universelle Gültigkeit der Menschenrechte ist es unerheblich was im Koran steht. Warum also doch ein schwuler Blick in den Koran? Es geht dabei um die, denen der Koran für ihre muslimische Glaubenspraxis wichtig ist und die sich nicht durch patriarchale und sexistische Lesarten des Korans ausgrenzen lassen. Eine wissenschaftliche Betrachtung des Qur’an zeigt uns, wie viele Manipulationen es gab und gibt, die viel mit patgriarchalen Machtverhältnissen zu tun haben, genauso wie in der christlichen Religion. Außerdem geht es darum eine Deutungshoheit von Muslimen zu durchbrechen, die behaupten sie hätten den wahren Islam gepachtet, bzw. es gäbe den einen wahren Islam. Also auch ein wirkungsvoller Ansatz extremistisches Islamverständnis zurückzudrängen, zu beseitigen.
    Aus einem taz-Artikel:
    www.taz.de/pt/2004/03/08/a0163.1/text

    „ Sie sollen endlich aufhören, ihre eigenen Interpretationen des Korans als absolute Wahrheit zu verbreiten", sagt Carim Bouzian.
    Außerdem ist es ein Ansatz der hilft aufzuzeigen, dass Koran und Menschenrechte nicht im Widerspruch zueinander stehen müssen und vielen schwulen Muslimen hilft eine größere Akzeptanz in ihren Familienstrukturen zu bekommen. Außerdem hilft es Menschen, die nicht auf Religion verzichten wollen, neue zukunftsweisende Wege zu finden und sich nicht gegen die Vernunft entscheiden zu müssen. Und wenn es in der Religion ganz zentral um Liebe gehen soll, dann kann auch Religion, bzw. religiöse Menschen nicht verzichten auf homosexuelle Liebe, die eine große Bereicherung für das Verständnis von Liebe und vom Menschsein bedeutet und eine Befreiung von heteronormativen Zwängen die Gewaltverhältnisse produzieren statt zur Liebe zu befähigen. So gesehen also auch eine große spirituelle Bereicherung für alle religiös empfindende Menschen und sicher nicht nur für homosexuelle Muslime. Angelika mit Grüßen vom Hatun-Team.
  • Antworten » | Direktlink »
#9 sylviafeeProfil
  • 19.02.2006, 01:27hBerlin
  • Hut ab, hier wird echter Mut bewiesen.
    Aus vollem Herzen Bewunderung und Dank!
  • Antworten » | Direktlink »
#10 EnolaGayAnonym
  • 01.03.2006, 01:41h
  • Ihr solltet euch in Grund und Boden schämen , den Koran euren perversen Vorstellungen zurechtzubiegen , nur um eure sündhafte Lebensart zu rechtfertigen .

    Dagegen ist die Aussage von jenem Trittbrettfahrer : " Wen interessiert´s , was im Koran steht" relativ harmloser .

    Im Übrigen kann es überhaupt keinen "schwulen Moslem" geben . Man ist entweder "schwul" oder Moslem " ...

    Auf diese Art entfacht ihr bloss die Homophobie auf das Äusserste ... Hut ab !

    Denkt ihr , es gibt einen Schwulen-Himmel ?? Das werdet ihr gewiss sehr bald herausfinden .. Nur weiter so !
  • Antworten » | Direktlink »