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Reportage
Vier queere Menschen in Tiflis, die Georgien verändern
Giorgi veranstaltet die queeren "Horoom Nights". David will LGBTI in der Geschichte sichtbar machen. Tekla kämpft gegen Diskriminierung. Und die Russin Sonya fühlt sich hier mit ihrer Freundin sicherer als in Moskau.

Giorgi Kikonishvili in seinem Büro vor einem Kunstwerk eines Künstlers aus Tiflis (Bild: Michael G. Meyer)
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9. Oktober 2022, 02:55h - 7 Min.
Giorgi Kikonishvili
Die Nacht ist sommerlich warm in Tiflis, der Hauptstadt Georgiens. Es wird hier selten unter 20 Grad im Sommer, noch um ein Uhr nachts reicht ein T-Shirt und eine kurze Hose. Vor dem "Bassiani", dem berühmtesten Techno-Club Georgiens, steht eine Schlange junger Menschen, die meisten Männer, die hinein wollen in die "Horoom Nights", einer queeren Clubreihe, die regelmäßig samstags im "Bassiani" stattfindet.
Alles wirkt entspannt, jedoch ist die Einlasskontrolle streng: Gäste werden gebeten, sich mit vollem Namen auf der Website anzumelden – auch die Social-Media-Accounts der Besucher*innen werden vorab gecheckt, aus Sicherheitsgründen. Drinnen steigern sich die DJs von eher langsameren House-Klängen zu schnelleren Beats gegen zwei Uhr nachts. Alles also wie in Westeuropa? Durchaus nicht.
Das "Bassiani" wurde 2014 gegründet und ist seitdem in Dutzenden Artikeln und Beiträgen als das neue "Berghain" des Kauskasus beschrieben worden. Doch die Beschreibung greift zu kurz, findet Giorgi Kikonishvili, einer der Veranstalter der "Horoom Nights" und Co-Gründer des Künstler-Netzwerks "Creative Collective Spectrums". Tiflis sei nicht Detroit und auch nicht Berlin, und es gehe den Machern auch nicht nur ums Tanzen.
"Unser ursprüngliches Ziel war nicht nur ein Techno-Club, sondern eine Art Underground-Basis für alle möglichen sozialen Bewegungen in Georgien", sagt Kikonishvili. "Und zwar aller möglichen Bewegungen – die der Queers, der Frauen, der Linken, der Grünen-Bewegung usw. Die DNA des Clubs ist also nicht nur Musik und Techno, sondern wir verstehen den Club als politischen Ort."
Im "Bassiani" kann es unterhalb der Woche auch mal eine Lesung, ein Konzert und anderes geben. Kikonishvili erzählt, dass darüber hinaus die Verbindung von Techno und traditionellem georgischen Tanz sehr gut passe, die Georgier*innen hätten von Anfang an mit den modernen Klängen des Techno sehr viel anfangen können, insofern habe der Club auch kulturell sehr gut nach Georgien gepasst. Der Partyveranstalter berichtet, dass selbst der Name "Horoom Nights" aus dem traditionellen georgischen Tanz "Horoomi" stammt.
Der Anlass, die queeren "Horoom Nights" zu gründen, sei allerdings ein trauriger gewesen, berichtet Giorgi Kikonishvili. "Die Idee, diese Partyreihe zu starten, war sicherlich der 17. Mai 2013 gewesen. Damals wollten wir protestieren anlässlich des Internationalen Tages gegen Homophobie, es kam zu Ausschreitungen durch Tausende von Gegendemonstranten. Es kam zu Gewalt, sogar durch Anhänger der orthodoxen Kirche. Das war ein Wendepunkt, denn die Gewalt war so schlimm, dass sich selbst Homophobe davon distanzierten. Wir mussten uns also entscheiden: Entweder gehen, oder aber selbst etwas auf die Beine stellen, um die Gesellschaft zu verändern. Wir entschieden uns für den zweiten Weg." Der Club als ein Baustein im Netzwerk der queeren Institutionen – das ist Kikonishvilii nach acht Jahren gelungen.
David Apakidze

David Apakidze, Bar-Betreiber, Aktivistind Mitbegründer des "Fungus"-Kollektivs (Bild: Michael G. Meyer)
David Apakidze, Künstler, Autor und Betreiber der queeren "Klara Bar" in Tiflis, ist ein weiteres Mitglied dieses Netzwerks. Er gründete vor Jahren das "Fungus"-Kollektiv der queeren Künstler*innen in Georgien. Der Name ist durchaus Programm: Wie ein Pilz soll sich queere Kunst von unten in die Gesellschaft ausbreiten.
"Wir sitzen beispielsweise gerade an einem Buch über 100 Jahre queere Kunstgeschichte in Georgien", sagt Apakidze. "Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass es schon zu Sowjetzeiten queere Künstler gab, doch in den Archiven oder in der Öffentlichkeit tauchte es nie auf, dass sie queer waren. Wir versuchen also die wahre Geschichte der georgischen Kunst zu schreiben, wir beginnen 1918, als Georgien drei Jahre lang unabhängig war." Als Beispiel nennt Apakidze u.a. den avantgardistischem Theatermaler und Kostümdesigner Petre Otskheli, der in den 1930er Jahren unter Stalin umgebracht wurde.
Was David Apakidze nicht mehr machen will: sich an einer Pride-Demonstration beteiligen. Er erzählt, es habe Ausschreitungen nicht nur 2013 gegeben, sondern auch 2019 und im letzten Jahr. Jedes Mal habe er ein Messer am Hals gehabt – nun habe er die Nase voll vom Protest auf der Straße und widme sich lieber seinem queeren Netzwerk.
In der "Fungus"-Galerie, die unter den Büroräumen des Künstlernetzwerks liegt, stellt gerade der georgische Künstler Lasha Kabanashvili aus. Die kleine Galerie, genau gegenüber der "Klara Bar" und gerade mal 25 Quadratmeter groß, ist stets ein Garant für außergewöhnliche Kunst. Kabanashvilis Bilder sind grelle Entwürfe einer Welt ohne Gender-Grenzen, für Feminismus und queere Selbstbefreiung. In den kleinteiligen Bildern finden sich eine Vielzahl von Anspielungen und Motiven, die Betrachtende aus dem Westen nicht immer verstehen.
Tekla Tevdorashvili

Tekla Tevdorashvili (r.) mit Mitstreiterinnen vom Netzwerk "Grlz Wave"
Doch zurück zur politischen Situation in Georgien: Trotz weitverbreiteter Homophobie gibt es in Georgien bereits seit 2014 ein Antidiskriminierungsgesetz. In der alltäglichen Praxis habe es allerdings kaum Bedeutung hat, beklagt Tekla Tevdorashvili, Aktivistin, Künstlerin und Gründerin des queer-feministischen Netzwerks "Grlz Wave". "Immerhin haben wir ein solches Gesetz, das ist schon mehr als in manch anderen Ländern. Aber es wird selten genutzt, weil es innerhalb der Gesellschaft noch immer Diskriminierung gibt. Gerade auch außerhalb von Tiflis, in kleineren Städten und Gemeinden, da kennt jeder jeden, und es ist sehr schwer, dort zur Polizei zu gehen. Und selbst wenn sie zur Polizei gehen, reagieren die Ermittler oft nicht entsprechend oder beschuldigen das Opfer, das ist dann traumatisierend und führt im Endeffekt dazu, dass das Opfer schweigt und es dann keine Anzeige erstattet und nicht darüber spricht."
Der christliche Glaube, sagt Tevdorashvilli, sei in Georgien so tief verankert, dass er nahezu untrennbar von der georgischen Kultur im Allgemeinen betrachtet werden könne. Das behindere gesellschaftlichen Fortschritt, doch das ändere sich allmählich, meint die Aktivistin.
Das Thema LGBTI-Rechte steht auf eigentümliche Weise ganz im Zentrum jener politischen Debatten, die sich um die Zukunft Georgiens drehen. Jene, die eher nach Europa wollen, und sich modern verstehen, seien selbstverständlich für Gleichstellung, sagt Tekla Tevdorashvilii. Jene, die sich eher nach Russland verorten, wollten all das nicht. "Die Repression in Russland wirkt sich auch auf Georgien aus, in dem zum Beispiel rechtsextreme Gruppierungen diese Argumentationen übernehmen und aktiv gegen eine Europäisierung arbeiten. Das Thema ist recht komplex, aber gerade bei jungen Menschen kann man sehen, dass sie für ihre Rechte kämpfen wollen."
Der Schatten des repressiven Russlands, von dem Georgien wirtschaftlich stark abhängig ist, wirkt sich auch im Alltag aus. Seit Jahren schon sind Georgiens Regionen Süd-Ossetien und Abchasien von Putins Truppen besetzt. Seit Beginn des Krieges in der Ukraine sind über 150.000 Russ*innen nach Georgien geflohen, die Zahl steigt von Tag zu Tag an. All das führt zu Konflikten in der georgischen Gesellschaft, denn es lässt den Kampf um Wohnraum, Arbeit, Ausbildungsplätze noch härter werden.
Viele Russ*innen fühlen sich verloren in Georgien, in der an jedem zweiten Lokal eine ukrainische Flagge hängt, oft verbunden mit einem Slogan: "Putin is evil, Putin is an occupier."
Sonya Neiman

Russin Sonya Neiman (r.) und ihre Freundin aus Weißrussland (Bild: Michael G. Meyer)
Eine jener Russinnen, die schon im Februar nach Tiflis floh, ist Sonya Neiman. Sie ist mit ihrer weißrussischen Freundin früh nach Tiflis gegangen, weil sie schon ahnte, dass ein normales Leben in Moskau kaum noch möglich sein würde. Sonya arbeitet in Tiflis in einer Bar, in der zeitweise eine Regenbogen-Flagge am Eingang hing. "Doch eines Abends kamen aufgebrachte Nachbarn, die uns baten, die Flagge abzuhängen. Das machten wir nicht, und am nächsten Tag kamen sie nochmal, und behaupteten, zwei Männer hätten Sex auf dem Parkplatz gehabt. Das war frei erfunden, wir dachten dann aber, wir hängen sie lieber ab, sonst kommen sie immer wieder."
Sonya Neiman und ihre Freundin wollen den Winter über noch in Tiflis bleiben. Dann aber wollen sie weiterziehen, in ein anderes Land gehen, vielleicht nach Argentinien, da kenne sie Leute. Sie seit traurig, dass sie so bald nicht mehr ihre Großeltern sehen werde, sagt aber: "Ich werde sicherlich nochmal nach Russland fahren, um meine Oma und meinen Opa zu sehen, aber ansonsten zieht mich da nichts mehr hin. Ich habe keinerlei Heimweh."
Die georgischen Aktivist*innen werden unterdessen weiterhin für mehr LGBTI-Rechte in ihrem Land kämpfen. Er sei optimistisch, sagt Giorgi Kikonishvili, auch wenn vieles sich nur sehr langsam verändere. Aber ohne Hoffnung könne man in Georgien ohnehin nicht leben.












