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Psychoanalyse
Die Meisterin der Abwehr: Vor 40 Jahren starb Anna Freud
In ihrem Standardwerk "Das Ich und die Abwehrmechanismen" legte Anna Freud die verschlungenen Wege des Selbstbetrugs dar. Auch sie selbst ließ sich von ihrem Ego hinters Licht führen: Zeit ihres Lebens leugnete sie ihre Homosexualität.

Anna Freud in den 1920er Jahren (Bild: IMAGO / Everett Collection)
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9. Oktober 2022, 02:55h 8 Min.
Sie war eine Pionierin der Psychoanalyse. Dank Anna Freud zählt heute die Erkenntnis zum Allgemeinwissen, dass ein Großteil dessen, was wir tun und äußern, einzig der Verschleierung von Tatsachen dient. Dabei sind es vor allem wir selbst, denen wir etwas vorgaukeln.
Unser Ego fühlt sich überfordert, wenn es uns ans Eingemachte geht und etwas unser Leben auf den Kopf zu stellen droht. Dagegen gehen wir vor, indem wir uns weigern, die Realität anzuerkennen. So verschaffen wir uns vorübergehend oder auch dauerhaft Erleichterung, ohne uns jedoch weiterzuentwickeln. Begriffe wie "verdrängen", "projizieren" oder "abspalten" haben sich dabei weit über die Grenzen psychoanalytischer Fachkreise hinaus etabliert und sind mitunter sogar Teil der Alltagssprache geworden.
In ihrem 1936 erschienenen und bis heute weltweit anerkannten Standardwerk "Das Ich und die Abwehrmechanismen" (Amazon-Affiliate-Link ) hat die 1895 in Wien geborene Anna Freud die vielen verschlungenen Wege des Selbstbetrugs ausführlich und differenziert dargelegt – und sich damit endgültig von ihrem berühmten Vater Sigmund emanzipiert.
Heimliche Beziehung mit Dorothy Tiffany Burlingham
Das entbehrt nicht einer tragischen Ironie. Denn Anna Freud war nicht nur eine Koryphäe in Sachen tiefenpsychologischer Konfliktforschung – ihr Ego ging den von ihr beschriebenen Abwehrmechanismen selbst auf den Leim. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Buches pflegte sie bereits seit mehr als zehn Jahren eine intensive Beziehung zur Millionenerbin Dorothy Tiffany Burlingham. Beide Frauen stritten jedoch zeit ihres Lebens ab, ein lesbisches Paar zu sein.
Sie wohnten zunächst gemeinsam in der Wiener Berggasse 19, der Wohn- und Wirkungsstätte ihres Vaters. 1938 flüchtete Anna mit ihrer Familie vor den Nationalsozialisten nach London. Burlingham kam mit, dort lebten sie anfangs in derselben Straße, ein Jahr später dann unter einem Dach. Selbst nach dem Tod ihrer Lebensgefährtin im Jahr 1979 fiel es Anna Freud schwer, die mehr als fünfzig Jahre währende Bindung als Liebesbeziehung zu bezeichnen. Doch damit nicht genug.
Wenige Monate nach der Beerdigung Burlinghams – wir schreiben das Jahr 1980 – bekommt Anna einen Brief aus Hamburg. Dieser ist signiert von Volkmar Sigusch, Psychiater und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung, der hierzulande größten und bedeutendsten Fachgesellschaft für Sexualwissenschaft. Sigusch erhofft sich Unterstützung im Kampf gegen die Ungleichbehandlung von Homosexuellen in der Bundesrepublik und forderte darum eine Reihe von prominenten Männern und Frauen auf, sich einer Erklärung gegen den kriminalisierenden Paragrafen 175 anzuschließen. Darin hieß es, Homosexualität sei "nichts Minderes, Kriminelles, Infektiöses, das verpönt und verfolgt gehört. Für uns ist Homosexualität nichts, dessen man sich zu schämen hätte."
Die inzwischen 85-Jährige und geistig noch äußerst rege Anna Freud lehnt die Unterzeichnung ab, obgleich zu dieser Zeit in der psychoanalytischen Forschung längst ein anderer Wind wehte. Nach jahrzehntelanger Pathologisierung stellte gleichgeschlechtliches Begehren nun kaum noch ein Problem dar. Die American Psychiatric Association jedenfalls hatte Homosexualität schon vor Jahren aus ihrer Liste der psychischen Störungen gestrichen.
Anna Freud hielt Homosexualität für "heilbar"
Sigusch empfindet Anna Freuds ablehnende Reaktion als besonders "schmerzhaft", wie er Jahre später berichtet, zumal ihr Vater Sigmund "Jahrzehnte zuvor an die Rat suchende Mutter eines Homosexuellen geschrieben (hatte), Homosexualität sei nichts, dessen man sich zu schämen hätte, sie sei kein Laster und keine Krankheit, sondern eine Variation der sexuellen Funktion".
Tatsächlich war Anna just dieses Zitat seit jeher ein Dorn im Auge. Auf dieses wurde sie etwa im Jahr 1956 von einer Journalistin der Londoner Tageszeitung "The Observer" angesprochen. Anna bat, die Worte ihres Vaters zu ignorieren. Als Begründung gab sie an, dass "wir heutzutage viel mehr Homosexuelle heilen können, als am Anfang für möglich gehalten wurde". Homosexualität hielt sie nämlich für eine neurotische Störung, die es zu behandeln galt. Seit 1949 veröffentlichte sie dazu diverse Artikel in Fachzeitschriften, in denen sie sich mit den vermeintlichen Ursachen von gleichgeschlechtlichem Begehren beschäftigte. Diese seien auf ungelöste Konflikte in der Kindheit zurückzuführen – letztlich auf eine Weigerung, erwachsen zu werden. Damit hatte sie den Grundstein dessen gelegt, was später unter dem Begriff "Konversionstherapie" bekannt wurde.
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Anna musste auf die Couch ihres Vaters
In Annas antihomosexuellem Aktivismus kam, wie es zunächst schien, nicht nur eine Abwehr ihrer eigenen Libido zum Ausdruck, sondern auch ein Aufbegehren gegen ihren Vater. Doch Sigmund Freuds Haltung gegenüber Homosexualität war alles andere als eindeutig, geschweige denn konsistent. Von dem viel zitierten Brief an die Mutter eines Homosexuellen abgesehen, äußerte er sich mitunter kryptisch zum Thema, hielt sich in fachlichen Debatten zurück oder schätzte gleichgeschlechtliches Begehren sogar als neurotisch ein – vor allem in der weiblichen Variante. Homosexualität unter erwachsenen Frauen kam für ihn einem moralischen Todesurteil gleich. Just damit trug er entscheidend zu Annas innerer Zerrissenheit bei, zumal er seine Tochter längst für lesbisch hielt, die Verantwortung dafür bei sich selbst suchte und sie in seiner missglückten Rolle als Vater begründet sah. So beschreibt es die Autorin Rebecca Coffey in diversen Artikeln der Zeitschrift Psychology Today sowie in ihrem Buch "Hysterical: Anna Freud's Story".
Obwohl Sigmund Freud wusste, dass psychoanalytische Sitzungen mit Angehörigen der eigenen Familie einen eklatanten Verstoß gegen die von ihm selbst aufgestellten Regeln bedeuteten, ließ er seine Tochter sechsmal in der Woche auf der legendären Couch in seiner Praxis Platz nehmen. Dort sprach er mit ihr über ihre Träume und Fantasien. Nachdem eine erste Analyse ab dem Jahr 1918 eigentlich schon abgeschlossen war, nahm er 1924 eine zweite an ihr vor – und zwar, wie Coffey glaubt, zuvorderst aus Sorge um Annas vermeintlich fehlgeleitete Sexualität.
Was immer sich Sigmund Freud davon versprochen hat: Die insgesamt mehr als tausend Sitzungen führten nicht dazu, dass sich seine größte Hoffnung erfüllte. Anna blieb weiterhin an einer intimen Beziehung mit einem Mann oder gar einer Heirat desinteressiert. Stattdessen lernte sie über ihren Vater die vier Jahre ältere Amerikanerin Dorothy Tiffany Burlingham kennen, die 1925 mit vier Kindern nach Wien angereist kam – "ohne Mann", wie Sigmund Freud notierte.
Eine Liebesbeziehung als "Kameradschaft"
Zwischen Dorothy und Anna muss es auf Anhieb gefunkt haben. Nicht lange danach zog Burlingham mitsamt der Kinderschar in das Freudsche Zuhause in der Berggasse 19 ein. Die beiden Frauen ergänzten und verstanden sich prächtig. Anna Freud, die ihren Beruf als Lehrerin aufgegeben und sich stattdessen dazu entschieden hatte, ihrem Vater zu folgen, führte zu diesem Zeitpunkt bereits eine eigene psychoanalytische Praxis. Dorothy Burlingham, deren Sohn Bob durch eine Behandlung von einem psychosomatischen Leiden befreit werden konnte, entschloss sich, selbst Analytikerin zu werden und fortan Anna zu assistieren.
Neben der gemeinsamen Tätigkeit in der Praxis verbrachten die beiden auch ihre Freizeit zusammen und unternahmen Reisen. Anna wurde den Kindern eine zweite Mutter. Dorothy wiederum kümmerte sich ausgiebig um Annas Vater. Dieser war ihr äußerst zugewandt. Sigmund Freud fand sich rasch mit der Beziehung ab und kommentierte diese mit den Worten: "Gottlob, Anna ist versorgt!"
Dennoch bezeichneten sowohl Anna als auch Dorothy ihre Beziehung ein Leben lang als "kameradschaftlich". Der Briefwechsel, den sie untereinander führten, bezeugt jedoch zumindest zeitweise ein romantisches und leidenschaftliches Verhältnis. Zudem kursieren – zugegeben mäßig verlässliche – Aussagen der Haushälterin und eines Sohnes von Dorothy, denen zufolge die beiden zeitweise auch körperlich eine intime Beziehung pflegten. Doch selbst wenn Sexualität keine Rolle gespielt haben sollte: Ihre Partnerschaft unterschied sich ansonsten kaum von einer gewöhnlichen Ehe in jener Zeit.
Es ist denkbar, dass Anna und ihre Lebensgefährtin dabei die Flucht nach vorne antraten und schon zu Beginn ihrer Partnerschaft in eine Spätphase eintraten, bei der Sexualität kaum oder keine Rolle mehr spielt. In ihrem Standardwerk beschrieb Anna Freud diese Art von Abwehrmechanismus als Progression: ein vorzeitiger Sprung in ein reiferes EntwickIungsstadium, um einen inneren Konflikt zu vermeiden – und in diesem Fall eine Liebesbeziehung gutgläubig als "Kameradschaft" bezeichnen zu können. Aber das zählt freilich zum Bereich des Spekulativen. Für Anna wäre diese Art von Abwehr jedenfalls ein vertrautes Muster aus ihrer Kindheit gewesen, als sie sich frühzeitig in der Rolle sah, Verantwortung in der Familie übernehmen zu müssen – obgleich sie als das jüngste von sechs Kindern doch eigentlich die Rolle hätte genießen sollen, die ihr als Nesthäkchen zukam.
Paradebeispiel von Sublimierung
Der Logik von Anna Freuds Lehrbuch zufolge dürfte zudem Sublimierung ein entscheidender Aspekt in der Beziehung gewesen sein. Dabei werden sexuell uneingestandene Wünsche durch gesellschaftlich höher bewertete Leistungen kompensiert. Annas Vater hatte sich mit diesem Aspekt bereits ausgiebig beschäftigt – für ihn nahm die Sublimierung eine Sonderstellung unter den Abwehrmechanismen ein, er sah sie als Motor kultureller Entwicklung. Eine derartige Psychodynamik lässt sich, wenn man so will, auch in der ambitionierten Arbeit von Anna Freud und Dorothy Burlingham beobachten. Fakt ist, dass die beiden im Londoner Exil ein Heim für Kriegskinder und Waisen gründeten, das sich nach 1945 zu einem international renommierten Lehrinstitut und zu einer der fortschrittlichsten Klinik für Kindertherapie entwickelte. Darüber hinaus sind Anna Freud auch gesellschaftspolitische Verdienste zuzuschreiben. Niemand sonst brachte die Frage nach der Gewalt gegen Kinder so vehement und nachdrücklich auf die politische Agenda wie sie.
Nach dem Tod Sigmund Freuds im Jahr 1939 trat Anna dessen Erbe an und wurde zu einer Hauptvertreterin der Psychoanalyse. Bis zu ihrem Tod vor vierzig Jahren erhielt sie im Zusammenhang mit ihrer kinderpsychologischen Arbeit zahlreiche Auszeichnungen und Ehrenpreise; unzählige Schulen und andere Einrichtungen sind heute nach ihr benannt.
Zu Recht.
Nichts spricht dagegen, ihre Lebensleistung differenziert und im Kontext eines misogynen und extrem homophoben Umfelds zu betrachten. Über Anna Freuds Irrtümer und Verblendungen muss man dennoch reden dürfen.
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
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The last Tiffany : a biography of Dorothy Tiffany Burlingham / Michael John Burlingham
New York, NY: Atheneum 1989
XVII, 364 S. : Ill., 25 cm
ISBN: 0-689-11870-8 $22.50
aber auch auf Ihre eigenen psa. Arbeiten
über Blinde und Zwillinge
Psychoanalytic studies of the sighted and the blind / Dorothy Burlingham
New York: Internat. Univ. Pr., 1972
VI, 396 S.
Twins: a study of three pairs of identical twins with 30 charts / Dorothy Burlingham
New York: International Universities Press, 1952
X, 94S.
und auf die gemeinsame Arbeit über (Kriegs-)Waisen
Infants without families : the case for and against resential nurseries / Anna Freud ; Dorothy Burlingham
London : Allan & Unwin 1944
108 S. ; 19 cm
deutsch: Anstaltskinder