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Mehr als eine Autobiografie
Ein queeres Buch, das Leben retten kann
Warum ist das binäre Geschlechtersystem so tief verankert und so machtvoll? Weshalb lohnt es sich, über die Kategorien "Mann" und "Frau" hinauszudenken? "Mehr als binär" von Alok Vaid-Menon liefert persönliche, verständliche Antworten.

Alok Vaid-Menon widmet sich dem Kampf gegen einschränkende Geschlechternormen (Bild: Katalyst Verlag)
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9. Oktober 2022, 03:55h - 3 Min.
Es ist sicher noch zu früh, um an Weihnachten zu denken. Doch wer unleidliche Diskussionen vermeiden will, der verzichtet ja am festlich geschmückten Tisch auf bestimmte Themen. Corona, natürlich, Politik im Allgemeinen, und, in den vergangenen Jahren ganz verstärkt: Gender.
Kaum ein Begriff, der es erst in diesem Jahrtausend in die breite Gesellschaft geschafft hat, weckt solch heftige Reaktionen – und mündet damit, wie zu häufig und zuletzt verstärkt, in Gewalt oder anti-queere Gesetze und entsprechende staatliche Kampagnen. Wie feindlich Rechte und Reaktionäre gegen alles sind, was binäre und heteronormative Normen hinterfragt, zeigt sich etwa in einer Liste von 850 Büchern, die Matt Krause, republikanisches Mitglied des Repräsentantenhauses von Texas, verbieten wollte: Darauf findet sich unter anderem "Mehr als binär" (Amazon-Affiliate-Link ) von Alok Vaid-Menon.
Autobiografie, Aufklärung und Gegenargumente

"Mehr als binär" im Berliner Katalyst Verlag erschienen
Dieses Buch ist jetzt erstmals auf Deutsch erschienen – und es ist nicht nur ein wichtiges Werk, es ist auch besonders hübsch geworden. Das ist den vielen bunten, flächigen Illustrationen von Julius Thesing zu verdanken (der vor zwei Jahren "You don't look gay" veröffentlicht hat. Die geben ein wunderbares Bild davon, wie bunt und vielfältig und selbstbestimmt Alok Vaid-Menon sich kleidet und schminkt.
Das Buch lässt sich kaum kategorisieren – und wahrscheinlich ist das dessen große Stärke. Alok Vaid-Menon schreibt einerseits autobiografisch, erzählt viel von Erlebtem und Erlittenen, doch nicht nur das. Essayistisch wird das Persönliche auf eine höhere, allgemeinere Ebene übertragen, um später Aufklärung in der Sache zu betreiben und schließlich die gängigsten Argumente derer, die nichtbinäre Identitäten in Frage stellen, zu entkräften.
Das alles passiert in leicht verständlichen Worten und in einer flüssigen Übersetzung des Autors, Aktivisten und Buchhändlers Linus Giese, auch wenn sie stellenweise noch freier hätte sein können ("Selbst als ich endlich den Supermarkt erreichte, konnte ich mich nicht entspannen").
"Ich wusste es im Grunde meines Herzens"
Das macht "Mehr als binär" sehr zugänglich. Alok Vaid-Menon bringt es gleich am Anfang auf den Punkt: Das Problem sei es, dass wir beigebracht bekommen, an ausschließlich zwei Geschlechter zu glauben. Eine Norm, die (im Westen) so tief verankert zu sein scheint, dass Versuche, daran zu rütteln, so heftige Gegenwehr hervorrufen. Aber auch eine Norm, die für viele identitätsstiftend ist und Orientierung in unserer Umwelt bietet. Und deren Dekonstruktion daher, in Alok Vaid-Menons Worten, als Bedrohung statt als Möglichkeit wahrgenommen wird.
Besonders eindringlich sind die Passagen, in der die Selbstfindung beschrieben wird: "Ich sagte, dass ich Angst davor hatte, meine Sicherheit für meine Authentizität aufs Spiel zu setzen, aber dass ich es tun müsse, um zu überleben" – es ist eben keine Wahl, sondern etwas, was Alok Vaid-Menon "im Grunde meines Herzens wusste".
Medien über nichtbinäre Identitäten sind im deutschsprachigen Raum noch immer rar. Es ist daher nicht übertrieben, wenn Linus Giese und Charlotte Milsch (Lektorat) das Werk von Alok Vaid-Menon im Nachwort als "überlebensnotwendig" bezeichnen.
Alok Vaid-Menon: Mehr als binär. Sachbuch. Illustriert von Julius Thesing. Übersetzt von Linus Giese. 108 Seiten. Katalyst Verlag. Berlin 2022. Gebundene Ausgabe: 19 € (ISBN: 978-3-94931-524-4).
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei amazon.de
» Website von Alok Vaid-Menon
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