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Unterfinanzierung

Studie: Erheblicher Nachholbedarf bei Beratung gegen Diskriminierung

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes schlägt Alarm: Es gibt bundesweit nicht genug Beratungsstellen gegen Diskriminierung. Dabei stiegen die Anfragen seit Jahren an.


Ferda Ataman ist seit Juli Chefin der Anti­diskriminierungs­stelle des Bundes (Bild: Heinrich-Böll-Stiftung / flickr)

In Deutschland mangelt es an Beratungsstellen für Menschen, die Diskriminierung erleben. Das geht aus der am Mittwoch von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) veröffentlichten Studie "Gut beraten! Auf dem Weg zu einer flächendeckenden Antidiskriminierungsberatung in Deutschland" hervor. Demnach gibt es in der Summe bundesweit weniger als 100 Vollzeitstellen für Antidiskriminierungsberatung – im Durchschnitt kommt damit auf mehr als 920.000 Einwohner*innen nur eine beratende Person. Die Studie soll am Donnerstag im Rahmen einer Fachtagung in Berlin vorgestellt werden.

Ferda Ataman, die seit Juli die ADS leitet, forderte angesichts der Ergebnisse Konsequenzen: "Wir brauchen eine flächendeckende Antidiskriminierungsberatung, um Betroffene nicht länger allein zu lassen", erklärte die oberste deutsche Antidiskriminierungsbeauftragte. "Den größten Anteil an der Beratung leisten kleine, nicht-staatliche Stellen, die oft unterfinanziert und ohne langfristige Perspektive arbeiten." Drei von vier Beratungsstellen beschreiben laut der Studie ihre Finanzierung als nicht ausreichend. Nur eine von zehn Stellen kann demnach mit einer Perspektive von mehr als zwei Jahren planen.

/ ADS_Bund

Demgegenüber stiegen die Anfragen deutschlandweit seit Jahren, beklagte Ataman. "Es ist ein gutes Zeichen für gesellschaftlichen Fortschritt, wenn Menschen Benachteiligungen nicht hinnehmen wollen. Sie brauchen aber Anlaufstellen und Unterstützung", sagte sie. Dafür sei es wichtig, ausreichend Beratungsstellen vor Ort zu haben: "Sie haben das Vertrauen der Menschen und können ihre lokalen Kontakte nutzen."

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Wartezeiten von bis zu vier Wochen

Auch bei der ADS steigen die Anfragen derzeit massiv. Die Beratungsanfragen haben sich seit dem Sommer 2022 zeitweise mehr als verdoppelt, erklärte die Behörde. Das Servicebüro könne nicht mehr jeden Anruf annehmen, die Antwortzeit verlängert sich zeitweise auf bis zu vier Wochen. "Das ist keine Situation, mit der wir uns abfinden wollen", so Ataman. "Gute Beratung braucht Zeit, und sie braucht genügend qualifizierte Mitarbeiter*innen, die Ratsuchenden effektiv helfen."

Die vorgelegte Studie legt erstmals ein detailliertes Konzept darüber vor, wie eine qualifizierte Antidiskriminierungsberatung in Deutschland ausgestattet sein muss. Dazu gehören eine verlässliche Finanzierung und eine Qualitätssicherung der Beratung. Die Autor*innen stellen einen Bedarf von einer Vollzeit-Beratungsstelle auf 200.000 Einwohner*innen fest, das entspricht bundesweit mindestens 400 Vollzeitstellen. Dabei sollte ein wohnortnahes Beratungsangebot möglich sein – bisher sind viele Stellen vor allem in den größeren Städten angesiedelt. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes empfiehlt außerdem, in allen Bundesländern eine Landes-Antidiskriminierungsstelle einzurichten – bisher haben nur neun Länder eine solche Stelle.

Anlässlich der Fachtagung wird auch die Studie "Mindeststandards zur Dokumentation von Antidiskriminierungsberatung" vorgestellt. Die Autor*innen entwickeln ein Konzept, um Beschwerde- und Beratungsfälle einheitlich so zu dokumentieren, um ein besseres Lagebild von Diskriminierung in Deutschland zu ermöglichen.

Aufgabe der 2006 gegründeten Antidiskriminierungsstelle des Bundes ist der Schutz vor Diskriminierung von Personen aufgrund ethnischer Herkunft, des Geschlechts (inklusive Geschlechtsidentität), der Religion/Weltanschauung, der Behinderung, des Lebensalters oder der sexuellen Identität. (pm/dk)

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#1 DesillusionierterAnonym
  • 12.10.2022, 13:15h
  • Probleme, die der, bzw. den Reigerung/en seit Jahren bekannt sind. Und BEWUSST ignoriert werden.

    Als nächstes kommt noch raus, dass wir seit mittlerweile über 25 Jahren ein massives Bildungsproblem durch Lehrer*innenmangel haben. Oder dass die Infrastruktur so durch jahrzehntelanges Ignorieren und "soll sich halt die nächste Bundes-, Landes- oder Kommunalregierung damit rumschlagen" abgewrackt ist, dass bundesweit hunderte von Brücken abgerissen und neu gebaut werden müssen. Oder dass das Pflegesystem ein "kleines Problem" hat. Teilweise derart eklatant, dass nicht einmal sozialpsychiatrische Dienst in Problembereichen aufrecht erhalten werden kann. Oder bei der Digitalisierung. Oder oder oder.

    Man könnte fast ein Muster erkennen.
    Ist aber sicherlich alles nur Zufall und man ist bereits "auf einem guten Weg".
    Wie lange will man den Menschen eigentlich noch dieses gescheiterte System zumuten und alles SEIT JAHREN Überfällige insbesondere in Bereichen, die für Menschen und deren Leben, sowie deren Grundrechte nötig wären mit den Worten "Sorry, ham gerade nicht die Kohle dafür / Sorry, ham gerade Wichtigeres zu tun" verwehren?
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#2 ClaasCleverAnonym
#3 DesillusionierterAnonym
  • 13.10.2022, 08:29h
  • Antwort auf #2 von ClaasClever
  • Welches System es sein sollte, obliegt sicherlich denen, deren täglicher Fachbereich genau das ist. Und genau das ist, was ich schmerzlich vermisse: Allerspätestens seit der globale Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 hätte die Regierung, bzw. die Regierungen sich mit der Krisenanfälligkeit der aktuellen Form des Kapitalismus befassen müssen.

    Bevor jetzt jemand meint, "der will dann sicher, dass jeder zum Frühstück die Internationale singt": Nein. Was ich sehe, ist ein System, dass selbst bei kleineren Erschütterungen an den Rand des globalen Kollaps gebracht wird und für Menschen, die nicht auf irgendeine pervertierte Art und Weise davon wortwörtlich profitieren, "bestenfalls" zu Krisen und finanzieller Unsicherheit, schlimmstenfalls zu lebensbedrohlichen Situationen führt - die obig genannte Finanz- und Wirtschaftskrise, oder zuletzt natürlich die Coronapandemie, aktuell die Auswirkungen eines Angriffskrieges in Europa, dazwischen immer wieder Spitzen wie Handel/Wetten auf Lebensmittel, Cum-Ex-Skandal, Panama Papers etc., die allesamt in der jetzigen Ausprägung des Systems begründet liegen.

    Wenn ich oben schrieb, "die Regierung müsse sich damit befassen", meine ich es auch genau so und nicht als "Schnellschuss" oder "Stammtischgeplauder", indem ich, k.A., den Kommunismus fordere.

    Was mMn sinnvoll und längst überfällig wäre, ist ein Ausschuss, eine "Taskforce", ein Komitee aus unterschiedlichen Bereichen, das die Schwachstellen des aktuellen Kapitalismus herausarbeitet und Lösungen dafür findet. Da "der Markt regelt alles" mittlerweile mehrfach belegt weder funktioniert, noch für ein menschenwürdiges und gerechtes Leben sorgt, sollten daher an der Lösungsfindung unbedingt beteiligt sein:
    Ja, natürlich Ökonom*innen/Wirtschaftswissenschaftler*innen, aber auch Soziolog*innen/Sozialwissenschaftler*innen, sowie Vertreter*innen der Bereich Demografie, Bedürfnisforschung, Rechtswisschenschaft, Sozialökonomie, Sozialpsychologie, Futurologie, Sozialethik, Sozialphilosophie, Verwaltungswissenschaft und ggf. Bereiche, die mir nicht ad hoc einfallen.

    Das Ergebnis kann natürlich eine Art "Upgrade für den bestehenden Kapitalismus" sein. Es kann aber auch etwas sein, das wir -mich natürlich inklusive- überhaupt nicht auf dem Schirm haben. Nur: Wie lange können wir uns es noch wortwörtlich leisten, das zu ignorieren? Die letzten 10-15 Jahre waren gleich mehrfach "knapp an der Katastrophe vorbei". Und die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen durch die Digitalisierung, die ja nun doch "etwas" mehr ist als "ich kann ein paar dutzend Zeichen aus dem Bundestag twittern und statt Faxen kann ich auch mal eine E-Mail verschicken", die sind -zumindest öffentlich- noch nicht einmal ernsthaft auf der To-do-Liste der Regierung. Obwohl seit Jahren beispielsweise in Fachliteratur die Veränderungen nachlesbar sind.
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