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Interview
"Viele haben mir später erzählt, dass meine Zaza ihr Coming-out befördert hat"
Als Dragstar Zaza in "La Cage aux Folles" schrieb Helmut Baumann 1985 am Theater des Westens in Berlin Musicalgeschichte. Ein Gespräch über queere Themen auf der Bühne und das schläfrige deutsche Publikum.

Helmut Baumann im Jahr 2016 bei einem Pressetermin zur Berliner Gala "Künstler gegen Aids" (Bild: IMAGO / Metodi Popow)
- Von Kevin Clarke
13. Oktober 2022, 01:53h 10 Min.
Der 1939 in Berlin geborene Tänzer Helmut Baumann kam vom klassischen Ballett zum modernen Tanz und zum Musical. Nachdem er Intendant des Theater des Westens wurde, setzte er in West-Berlin viele wichtige Musicals auf den Spielplan, u.a. die europäische Erstaufführung von "La Cage aux Folles". Er selbst übernahm dabei 1985 die Rolle der Zaza und schrieb damit deutsche Musicalgeschichte.
Baumann blieb bis 1999 Intendant und künstlerischer Leiter des TdW und arbeitete vielfach mit seinem Lebenspartner zusammen, dem Choreografen Jürg Burth. Zu ihren bekanntesten Arbeiten gehörte eine "Cabaret"-Inszenierung mit Hildegard Knef, das Billy-Wilder-Musical "Eins, zwei, drei" und eine mit internationalen Stars wie Eartha Kitt besetze Produktion von Sondheims "Follies". Zwischen 2013 und 2022 trat Baumann an der Komischen Oper Berlin im "Ball im Savoy" auf, inszeniert von Barrie Kosky, neben Katharine Mehrling und Dagmar Manzel. 2023 soll er in Koskys Neuproduktion von "La Cage" abermals dabei sein in einer Cameo-Rolle.
Eine Leseprobe aus "Breaking Free"

Das Buch "Breaking Free. Die wunderbare Welt des LGBTQ-Musicals" ist am 13. Oktober 2022 im Querverlag erschienen
Das folgende Interview mit Helmut Baumann ist ein gekürzter Auszug aus dem neuen Sammelband "Breaking Free. Die wunderbare Welt des LGBTQ-Musicals" (Amazon-Affiliate-Link ), der von Kevin Clarke im Berliner Querverlag herausgeben wurde. Es ist das erste deutschsprachige Buch, das sich die Erfolgsgeschichte der Darstellung von LGBTQ im Musical genauer anschaut – einer Repräsentation, die zwar auf deutschen Bühnen weitgehend ausbleibt, aber über Streamingdienste und Youtube auch hierzulande ein Massenpublikum erreicht.
Herr Baumann, können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit einem Musical erinnern?
Das war die phänomenale Inszenierung von "Kiss Me, Kate" am Kurfürstendamm-Theater, klein gemacht mit zwei Klavieren und einer tollen Besetzung. Zu der zählten Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller als Gangster. Das war in den 1950ern, und ich habe das als Schüler gesehen. Ich war außer mir von dieser Art Theater zu spielen: mit Tanz, Musik und Witzen. Neuß und Müller waren ja bekannte Kabarettisten. Die hatten einen Biss, dass es nur so knatterte.
Wie ging's weiter?
1961 kam "My Fair Lady" nach West-Berlin, kurz nach Mauerbau. Da bin ich auch hingegangen, mehrere Male.
Wie fanden Sie "My Fair Lady"?
Die Hits gingen damals durchs Radio, auch einige andere Musicallieder wurden gesendet. Aber das ganze Genre kam nicht vor im öffentlichen Diskurs, es wurden nach dem Krieg eher Operetten gespielt. Und die waren der Maßstab im Unterhaltungssektor. Die "My Fair Lady"-Produktion am Theater des Westens war eine Riesenshow mit den Originalkostümen von Cecil Beaton und den Originaldekorationen vom Broadway. Robert Gilbert schuf die kongeniale deutsche Übersetzung. Das war eigentlich die Initialzündung fürs Genre Musical in Deutschland. "Kiss Me Kate" am Kudamm war im Vergleich nur ein Lokalphänomen. Die "Lady" war eine pompöse Angelegenheit – mit den Filmstars Karin Hübner als Eliza und Paul Hubschmid als Higgins. Rex Gildo spielte den Freddy. Das Cast-Album avancierte zu einem der kommerziell erfolgreichsten Alben der deutschen Chartgeschichte.
War es für Sie damals schwer, als junger Mann schwul zu sein in einer Zeit, als Homosexualität nach §175 noch kriminalisiert war, in der drakonischen Nazi-Fassung des Paragrafen?
Ich habe einen Schritt raus aus dem bürgerlichen Leben gemacht, indem ich beschloss, Tänzer zu werden. Dafür ging ich nach Hamburg an die Staatsoper. Und in dem Moment, wo ich dort durch die Bühnentür lief, war ich geschützt. Ich hatte gar keine Probleme mit meiner Homosexualität. Musicals spielten damals in diesem sehr seriösen und klassischen Umfeld für mich keine Rolle. Das Genre fand in Hamburg auch nicht wirklich statt. Deshalb hatte es weder ein schlechtes noch gutes Image. Sondern gar keins.
Wie kamen Sie dann trotzdem dazu, ein Musical zu machen?
Ich hörte irgendwann auf zu tanzen und wurde Choreograf und Regisseur. So kam ich in Kontakt mit Boy Gobert, den ich in Berlin kennengelernt hatte. Der bot mir an, bei sich am Thalia-Theater etwas zu inszenieren. Bingo! Das war eine Revue rund um die Figur von Kaiser Wilhelm. Das war Anfang der 70er Jahre meine erste Produktion mit tanzenden Schauspielern und mit Chansons. Das Resultat war so erfolgreich, dass Gobert die Idee hatte, mit seinen Thalia-Schauspielern ein Musical zu machen. Er sah das als Lockerungsübung für sie an. Da bin ich wirklich in einen Honigtopf gefallen: Ich durfte mir den Titel aussuchen und wählte "Kiss Me, Kate".
Wonach haben Sie die Stücke ausgewählt?
Ich war sehr schnell in New York, um mir Stücke anzusehen. Da habe ich 1975 "Chicago" mit Gwen Verdon und Chita Rivera gesehen. Ich rief sofort in Hamburg an und sagte: "Ich habe ein Stück für uns. Ein Vaudeville wie die Dreigroschenoper. Ich sehe auch schon die Leute vor mir, die das spielen können."
Was war für Sie der Unterschied zwischen deutschen Darstellern und Leuten wie Verdon und Rivera?
In New York waren die Darsteller nicht so uniformiert, sondern viel individueller. Wir sind in Deutschland auch schnell an die solide Ware gekommen, während in New York in der Nachfolge von "Hair" Sachen liefen, die extrem spannend und fortschrittlich waren. In Deutschland war man langsamer, bürgerlicher und spießiger.
Haben Sie sich damals auch die Gay-Musicals am Off-Off-Broadway angeschaut?
Natürlich! Sofort! Wir haben ja von morgens bis abends die Zeitungen studiert, und im "Village Voice" wurden diese Stücke besprochen. Das war eine sehr offene Zeit. Das Publikum in New York ist ein echtes Großstadtpublikum – ein Melting Pot. Da kommen Menschen zusammen, die sich wirklich für alles interessieren. Verglichen mit dem Publikum in deutschen Großstädten liegen da Welten zwischen. Das Publikum hier ist viel träger und schläfriger.
Sie kamen 1984 ans Theater des Westens. Wie ergab sich das?
Zuvor war ich Teil des Schillertheaters, weil Boy Gobert dort neuer Intendant wurde. Er hat mich mitgenommen von Hamburg nach Berlin. Weil meine ersten Produktionen mit Musik in Berlin so erfolgreich waren, wurde ich gefragt, ob ich das Theater des Westens übernehmen wolle. Der Senat hatte das Theater gerade frisch renoviert. Und jetzt sollte ich losschieben.
Gab es eine schwule Fangemeinde für Musicals in Berlin?
Ja, es gab eine Verbindung zur Gay Community. Die wütete auf unseren Premierenpartys. Bis morgens um 4 Uhr. Ich musste das Licht ausmachen, um sie rauszuwerfen. Oft sah man auch ganze Reihen von "frisierten Herrschaften" im Parkett sitzen.

Helmut Baumann als Zaza auf dem Cover einer Schallplatte mit einer Aufnahme aus dem Theater des Westens
1985 kam "La Cage aux Folles" – das perfekte Stück für "frisierte Herrschaften"?
Wir waren wie immer in New York und hatten uns die neuesten Sachen angeschaut. Und wir wussten, dass "La Cage" ein riesiger Erfolg war.
Wie hat das Berliner Publikum auf den LGBTQ-Inhalt des Stücks reagiert?
Ich habe mir nie Gedanken gemacht, dass das Berliner Publikum diese Art von Inhalt nicht akzeptieren könnte. So weit waren wir dann doch schon in den 80ern.
1985 wütete in Deutschland AIDS.
Das wurde nicht mit "La Cage" in Zusammenhang gebracht. Das spielte sich auf anderem Terrain ab. Obwohl es einige militante Aktivisten aus dem LGBTQ-Milieu gab, die fanden, dass eine solche Komödie in solchen Zeiten gar nicht gehe. Das sei ja nur lustig, denen war das keine angemessen ernsthafte Auseinandersetzung mit der schwierigen Situation von Homosexuellen in Deutschland. Das bekam ich immer wieder unter die Nase gerieben von Schwulenorganisationen.
Ahnten Sie, dass Ihre Zaza zur Legende werden könnte?
Nein, mir war nicht klar, dass das so was Besonderes werden würde. Das begriff ich erst nach zirka 800 Vorstellungen. Viele haben mir später erzählt, dass dieses Musical und das erfolgreiche Cast-Album ihr Coming-out befördert hätten – nachdem sie sich die Show sechsmal angeschaut hatten.

Helmut Baumann wird zu Zaza: Szene aus dem Dokumentarfilm "Ich bin, was ich bin" aus dem Jahr 1991 (Bild: Flamingo Film)
Haben Sie daran gedacht, weitere LGBTQ-Musicals zu spielen?
Wir hatten sehr schnell "Victor/Victoria" vor der Nase. Aber das Stück schien mir nicht besonders geglückt, und wir dachten auch: Nicht schon wieder so etwas, also etwas mit ähnlicher Thematik. Wir wollten uns nicht wiederholen. Ich habe "Victor/Victoria" erst Jahre später mit Helen Schneider in Bremen gemacht, wo's ein Riesenerfolg war.
1999 wurde das Theater des Westens vom Senat abgewickelt. Genauso wie das Metropoltheater im Osten der Stadt.
Damals hatte die SPD das Sagen und keine Leute, die sich für Kultur interessierten. Sie wollten beide Unterhaltungstheater privatisieren und nur die Hochkultur behalten. In der deutschen Gesellschaft wird immer noch zwischen E und U unterschieden. Und es bleibt diese Oberlehrerphilosophie erhalten, dass man nicht gebildet ist, wenn man sich nicht mit Hochkultur auseinandersetzt. Das fand die SPD auch, weil sie unter Druck stand. Es wurde versprochen, dass Musicals fortan die wirklichen Könner machen würden – mit amerikanischen Produktionen, die die Stage Holding nach Deutschland bringen würde. Die haben das Haus dann sehr günstig bekommen und konnten gleich loslegen.
Wo sehen Sie den Unterscheid zwischen Ihren TdW-Produktionen und diesen Stage-Stücken?
Es kam viel Trash, vieles wurde einfach runtergespielt mit schlechter Besetzung. Musical wurde zum Gastspieltheater, die Produktionen zogen quer durch Deutschland, sie waren nicht berlinspezifisch. Wir haben immer darauf geachtet, Stücke in der Stadt und für die Stadt zu machen, mit Leuten, die dem Publikum etwas bedeuteten. Die Importproduktionen sind natürlich leichter verkäuflich, sie sind bereits getestet auf ihre Publikumswirksamkeit, bevor sie hierherkommen. Es ist klar, dass die Titel eine bestimmte Klientel ansprechen. Es ist ein anderes Geschäft.
Übers "Geschäft" wurde der Broadway und das West End in London für LGBTQ-Themen geöffnet, weil's da eine kommerzielle Nachfrage gab. In Deutschland ist das ausgeblieben.
Weil das Publikum nicht da ist. London und New York sind Großstädte. Da ist das Publikum ganz anders gemischt und viel gewillter, sich mit Neuem auseinanderzusetzen. Und sie sind neugierig auf Neues. In Deutschland wollen alle nur sehen, was sie schon kennen. Das gilt auch für die Schwulen. In Amerika ist das anders. Alle, denen ich da begegnet bin, suchten etwas, was es so zuvor noch nicht gab. Sie wollten das Außergewöhnlich, etwas, was "anders" ist. Auch beim Musical. Außerdem sind Musicals in Deutschland verpönt. Da geht sowie niemand hin, der sich selbst respektiert. Dieses Image des Genres wirkt wie eine Bremse.
In Deutschland werden viele Musicalbesucher mit Bussen zum Theater gekarrt.
Die Theatersituation ist ganz anders, man identifiziert sich nicht mit dem Ort, wenn man für ein Musical nach Oberhausen fährt. Oder nach Hamburg und Stuttgart und Berlin. Man ist da nicht Teil des Stadtlebens, und Musicals sind auch nicht Teil einer in der Stadt verankerten Kultur. Sie sind ein Fremdkörper.
Große Stars gibt's hier auch nicht, wie's scheint. Ganz anders als in den USA oder in Großbritannien.
Für prominente seriöse Schauspieler in den USA und in England ist es gar keine Frage, Musical zu spielen. Das ist nichts Ehrrühriges. Jeder macht das, von Meryl Streep bis zu Glenn Close und Hugh Jackman. Aber hier? Wenn man in Deutschland sagt, dass man Musicals gespielt hat, wird man von Agenten und Regisseuren nicht mehr ernst genommen. Wenn ich sage, ich würde gern in einer TV-Serie oder in einem Film einen schwulen Opa spielen – mit Zaza auf meinem Lebenslauf -, dann wird das kategorisch abgeblockt. Das passt angeblich nicht zusammen. So jemand wie ich kommt gar nicht in Betracht für eine "ernste" Rolle, obwohl ich den todkranken Buchhalter Kringelein im Musical "Grand Hotel" erfolgreich gespielt habe, ebenso den Higgins in "My Fair Lady". Zählt alles nicht. Das erleben leider viele, die im Musical groß geworden sind bzw. immer noch groß werden. Sie können nicht wechseln …
Viele spielen "La Cage" in Deutschland und Österreich als reine Klamotte.
Das ist schade. Und verflacht das Genre unendlich. Vom Stück selbst ganz zu schweigen. Wir haben immer versucht das zu vermeiden und haben "La Cage" explizit ernst gespielt.
Sehen Sie eine solche Ernsthaftigkeit bei den Stage-Produktionen?
Da sitzen bürgerliche Leute drin, die furchtbar viel Geld ausgeben und sich mal was "gönnen" – mit Unterhaltung. Da hat die Revolution noch nicht stattgefunden, die Barrie Kosky in Berlin durchgesetzt hat für Musical und Operette. Auch an Stadttheatern trauen sich Intendanten nicht, das zu probieren, womit Kosky erfolgreich ist. Inzwischen ruft die Welt nach ihm – und Berlin muss sehen, wie es seinen Weggang als Intendant 2022 kompensiert. Immerhin macht er 2023 eine neue Produktion von "La Cage" und setzt damit das fort, was wir damals am Theater des Westens angefangen haben. Deshalb bin ich auch besonders froh, in einer kleinen Rolle wieder dabei sein zu dürfen. So schließt sich der Kreis!
Kevin Clarke (Hrsg.): Breaking Free. Die wunderbare Welt des LGBTQ-Musicals. 328 Seiten. Querverlag. Berlin 2022. Klappbroschur im Großformat: 29 € (ISBN: 978-3-89656-322-4)
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Nächstes Jahr von Kosky in der "Komischen Oper" .. steht schon auf meinem Plan.
Und Kosky war für die "Komische Oper" schon ein wichtiger Meilenstein.