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Friedrichshafen
Schule drohte queerem Mobbing-Opfer mit Anzeige
Jona Oremek (18) sprach in einem Online-Stream über Diskriminierungserfahrungen an ihrer Schule und eine homophobe Lehrkraft. Die Schulleitung habe daraufhin mit einer Anzeige wegen Verleumdung gedroht.

Jahrelang hatte Jona an ihrer Schule in Friedrichshafen mit Mobbing zu kämpfen (Bild: privat)
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16. Oktober 2022, 14:32h 6 Min.
Es klingt schier unglaublich, was Jona Oremek (18, ihr/sie) in ihrer Schulzeit erlebt haben soll: Jahrelang musste sie sich nach eigener Aussage von Mitschüler*innen schikanieren lassen und sogar dabei zusehen, wie eine Lehrkraft homophobe Kommentare während des Unterrichts von sich gab. Als Jona dann über diese Vorfälle in einem Online-Stream spricht, wird plötzlich sie selbst zur "Täterin" und bekommt von der Schulleitung eine Anzeige wegen Verleumdung angedroht.
Jona, die sich selbst als nichtbinär bezeichnet und vor allem in ihrer ehemaligen Heimat als "Die Obertunte vom Bodensee" bekannt ist, wollte dieses Jahr eigentlich ihr Abitur absolvieren. Doch nach zahlreichen Mobbing-Vorfällen und Konflikten mit den Lehrkräften und der Schulleitung hat sie es dort nicht mehr ausgehalten und die Schule frühzeitig und ohne Allgemeine Hochschulreife beendet. Doch wie konnte es dazu überhaupt kommen?
Anlässlich des Internationalen Tages gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie (IDAHOBIT) wurde Jona am 17. Mai 2021 von Verein "Übergang zur Vielfalt" als Speakerin in einen Stream auf der Online-Plattform "Die Streamerei" zum Thema Inklusion eingeladen. Dort erzählte sie von ihren Diskriminierungserfahrungen, die sich vor allem seit ihrem Coming-out in der achten Klasse gehäuft haben. Mitschüler*innen wollten sich daraufhin u.a. nicht mehr neben sie setzen oder beleidigten sie fast täglich als "Schwuchtel" oder "Transe".
Homophobe Äußerungen einer Lehrkraft
Besonders prekär hieran ist jedoch, dass Jona zu dieser Zeit keinerlei Unterstützung von ihrer Schulleitung erhalten haben soll. Stattdessen hätte diese ihr sogar vorgeworfen, dass sie jede Person, die sie "schräg" anschaue, gleich für "homophob" halte. Zudem hätte sich ihre adventistisch lebende Deutschlehrkraft in der neunten Klasse selbst negativ zum Thema Homosexualität geäußert, als diese von Schüler*innen gefragt wurde, wie das Christentum mit Homosexuellen umgehe. Jona zufolge beschrieb sie Homosexualität in diesem Zusammenhang als "nicht normal" und "sündhaft" und gab an, dass diese "von Gott bestraft werde".
Als Jona die Lehrkraft daraufhin per Mail kontaktierte und ihr erzählte, was diese Äußerungen in ihr ausgelöst haben, antwortete sie ihr, dass es sich dabei doch nur um eine "Meinungsverschiedenheit" und ein "Missverständnis" handle. Eine Entschuldigung oder ein Einsehen ihrerseits sei ausgeblieben, doch bei Jona hinterließ dies ein "mickriges Selbstwertgefühl". Auch weitere Gespräche mit dem Sozialpädagogen der Schule hätten hier zu keinem Erfolg geführt.
Androhung einer Anzeige
Richtig schlimm wurde es für Jona allerdings, nachdem sie über diese Erfahrungen in dem oben genannten Online-Stream gesprochen hat. Denn kurze Zeit später wurde die Schulleitung auf das gespeicherte Video aufmerksam und habe Jona damit gedroht, sie anzuzeigen, wenn dieses nicht von der Website runtergenommen wird. Der Vorwurf: Verleumdung und üble Nachrede. Dabei hat Jona weder den genauen Namen der Schule noch die Namen der Lehrkräfte genannt, sondern nur erwähnt, dass sich die Schule in Friedrichshafen befindet.
Kurzzeitig wurde das Video dann offline genommen, doch nachdem sich die Situation für Jona an der Schule keineswegs verbessert habe, hat sie dieses wieder online stellen lassen. Daraufhin habe Jona vom Konrektor der Schule einen Anruf auf ihrem privaten Handy erhalten, der ihr gedroht habe, dass die betroffene Deutschlehrkraft rechtliche Schritte einleite, wenn das Video nicht wieder offline genommen wird. Doch an dieser Stelle wollte Jona dieses Spiel nicht weiter mit sich spielen lassen. Zumal der Konrektor gar nicht dazu berechtigt gewesen wäre, Jona über ihre Handynummer, die er über die Mitschüler*innen von Jona erhalten haben soll, zu kontaktieren.
Im Gespräch mit queer.de hat Jona noch von vielen weiteren Vorfällen und belastenden Konversationen erzählt. Am bedauernswertesten findet Jona jedoch, dass ihre Erlebnisse nie objektifiziert wurden. Sie hätte sich gewünscht, dass ihre Mitschüler*innen als mögliche Zeug*innen dazu befragt worden wären. Zudem sei Jona des Öfteren auf ihre Schulleitung zugegangen und habe sich dafür eingesetzt, dass es Workshops über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt an der Schule geben soll. Hier sei aber nichts passiert.
Beschwerdeschreiben an das Regierungspräsidium
Jona hatte im Laufe der Zeit mit psychischen und physischen Problemen zu kämpfen, zumal sie die besagte Deutschlehrkraft dann auch in der Oberstufe erneut im Unterricht hatte. Nachdem seitens der Schule nie etwas gegen die Diskriminierungsvorfälle unternommen worden sei und nie eine Entschuldigung wegen der angedrohten Anzeige bekommen habe, hat sie schließlich eine Beschwerde an das Regierungspräsidium Tübingen geschrieben, von dem sie am 21. März 2022 auch ein Antwortschreiben erhielt. Dieses Schreiben liegt queer.de vor. Darin werden die Vorwürfe von Jona abgestritten oder abgeschwächt. Zum Anrufs des Konrektors heißt es etwa, dass dieser die Handynummer nicht ausfindig gemacht hätte, um ihr eine Anzeige anzudrohen, sondern weil er sich Sorgen um den Verbleib von Jona in der Schule gemacht habe.
Weiterhin schreibt das Regierungspräsidium Tübingen: "Die Schule hat uns gegenüber versichert, dass Sie [Jona] an der Schule von Beginn an vermehrte Aufmerksamkeit und Unterstützung erhalten hätten, insbesondere ab Klasse 8." Seit zwei Jahren hätten auf den Wunsch von Jona hin Gespräche mit der Beratungsstelle für queere Menschen und Betroffene foqus e.V. an der Schule stattgefunden, ebenso mit Ansprechpartner*innenn der Caritas und des Jugendzentrums Molke FN. Zudem seien alle Mitarbeitenden der Schule für Gespräche mit ihr offen gewesen.
Zwar hätten die Gespräche mit den Beratungsstellen tatsächlich stattgefunden, doch von den Mitarbeitenden der Schule habe sich Jona nie ernst genommen gefühlt. Zudem habe sie, nachdem sie die Schule verlassen hat, einige aktuelle Schüler*innen dieser Schule getroffen, die von ähnlichen Diskriminierungserfahrungen berichtet hätten. Nach wie vor finde nicht genügend Aufklärungsarbeit statt.
Wunsch nach unabhängiger Beschwerdestelle
Jona wünscht sich, dass es künftig eine objektive, unabhängige Beschwerdestelle an der Schule gibt. Denn viele Schüler*innen hätten momentan etwa noch Angst, eine schlechtere Note zu bekommen, wenn sie sich bei ihren Lehrkräften beschweren. Sie selbst fragt sich auch: "Wie kann eine Schule, die einer Schülerin mit einer Anzeige droht, weil sie über Diskriminierung spricht, Antidiskriminierungsarbeit leisten."
Jona selbst engagiert sich nach ihrem Schulabbruch nun im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) und möchte Menschen, die ähnliche Erfahrungen wie sie gemacht haben, helfen und für ein toleranteres Miteinander sorgen. Aus diesem Grund hat sie nun auch mit queer.de über ihre Erfahrungen gesprochen. Wenn Jonas Schule das FSJ anerkennt, erhält sie auch die Fachhochschulreife und möchte danach etwas im Bereich der Sozialen Arbeit machen.
Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes bietet Hilfe an, wenn Jugendliche wegen ihrer geschlechtlichen oder sexuellen Identität ausgegrenzt oder gemobbt werden.















