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Buchtipp

Michael Brynntrup: Mit Super-8-Filmen die Welt verändern

Der retrospektive Bildband "Super 8" würdigt den Filmemacher und Videokünstler Michael Brynntrup, der seit den 1980er Jahren für seine experimentellen, anarchistischen und queeren Werke bekannt ist.


Michael Brynntrup verwirklichte seit Anfang der 1980er Jahre über 80 Film- und Videoprojekte (Bild: Steger)

"Super 8" nannte das US-amerikanische Unternehmen Kodak im Jahr 1965 eine neue Filmtechnik, die in den Folgejahren den Privat- und Amateurfilmbereich in der ganzen westlichen Welt entscheidend revolutionieren sollte. Waren vorangegangene Filmformate wie "Normal 8" nicht zuletzt aufgrund horrender Preise weitgehend den ökonomischen Eliten vorbehalten geblieben, trug die Super-8-Technik sozusagen zu einer Demokratisierung der Videotechnik bei. Fortan konnte jede*r oder zumindest viele zu Chronist*innen ihrer Zeit und Umwelt werden.

Die Vorläufigkeit der sozialen Welt


"Super 8" ist am 17. Oktober 2022 bei Salzgeber Buch erschienen

"Super 8" (Amazon-Affiliate-Link ) lautet auch der Titel eines neuen Bild- und Lesebands, der in dieser Woche bei Salzgeber Buch erschienen und Leben und Werk des schwulen Videokünstlers Michael Brynntrup gewidmet ist. Der gewählte Titel ist dabei natürlich nicht zufälliger Natur: Bereits im Vorwort erläutert Brynntrup, welche Beziehung ihn bis heute – in einer längst durch und durch digitalisierten Welt – mit der analogen Videotechnik verbindet. So sei die Video-8-Technik der entscheidende Impuls in Bezug auf die Frage gewesen, wie die Welt zu "interpretieren und zu verändern" sei.

Damit ist zugleich auch der künstlerische Anspruch Brynntrups formuliert, dem es in seinen Arbeiten nie darum ging, die soziale Welt einfach bloß möglichst detailgetreu abzubilden. Jede Arbeit war vielmehr immer auch ein Eingriff in die Welt, der dem Anspruch unterlag, soziale Vorgänge nicht als gegeben, sondern als gemacht und damit als vorläufig zu interpretieren.

Dass Leben und Werk nicht voneinander zu trennen sind, ist für Brynntrup eine wesentliche, wenn auch banal anmutende Erkenntnis, die sich seinem Werk auf so radikale Weise wie bei nur wenigen anderen Zeitgenoss*­innen eingeschrieben hat. So dokumentierte er in seinen Werken oftmals eigene biografische Erlebnisse, Erfahrungen und Beobachtungen, etwa in Bezug auf das katholische Umfeld seiner Kindheit, die Hausbesetzer*­innen-Szene der frühen 1980er Jahre, die Aids-Krise, Homophobie und Rassismus. Doch umfasste die filmische Dokumentation bei Brynntrup immer auch Verfremdung durch den Einsatz künstlerischer Mittel, sodass die Grenzen zwischen Realität und Fiktion spielerisch und zugleich höchst humorvoll infrage gestellt wurden.


Eine Doppelseite aus "Super 8" (Bild: Salzgeber Buch)

"Der Künstler lebt und arbeitet"

Folgerichtig wird der vorliegende Band eingeleitet durch Tagebucheinträge des jungen Brynntrup, in denen er seine frühen Jahre in Berlin dokumentiert. Verhandelt wird dabei vor allem sein Coming-out, die künstlerische Selbstfindung und die Erkundung subkultureller Nischen im Grenzbereich zwischen Kunst und Sexualität. Zudem umfasst der Band eine Artikelserie, die Brynntrup 1982 anlässlich des ersten Super-8-Filmfestivals "Interfilm" für die damals noch junge "taz" verfasste. Darin setzt er sich mit Historie, technischen Eigenschaften, Theorie und künstlerischen Anwendungspraxen des Super-8-Films auseinander.

Im dritten Teil des Bandes werden verschiedene Super-8-Arbeiten Brynntrups aus den 1980er und 1990er Jahren inkl. Infotexte, Pressestimmen und einer Fülle an Bildern vorgestellt. Abgerundet wird der Band durch vier Filmessays verschiedener Autor*innen in deutscher sowie englischer Sprache, in denen theoretische Aspekte in Bezug auf Brynntrups Werk diskutiert werden.

Direktlink | Michael Brynntrup im Porträt
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So ist "Super 8" ein opulenter und vielschichtiger Band geworden, dessen Lektüre sich aber nur in Kombination mit Kenntnis seiner Filme wirklich lohnt. Glücklicherweise stellt Brynntrup einen großen Teil seiner Werke auf seinem Vimeo-Kanal kostenlos zur Verfügung, weshalb ein Besuch der Seite an dieser Stelle ausdrücklich empfohlen wird. Dem Verständnis von Leben und Werk des Michael Brynntrup wird es zuträglicher sein als der gleichermaßen karge wie elegante Satz, den man unter "Bio" auf Brynntrups Website lesen kann. Dort heißt es: "Der Künstler lebt und arbeitet". Zum Glück, sei an dieser Stelle hinzugefügt.

Am Mittwoch, den 19. Oktober 2022 um 20 Uhr wird es anlässlich der Veröffentlichung von "Super 8" im Klick Kino in Berlin eine Filmvorführung mit Werken von Michael Brynntrup geben.

Infos zum Buch

Michael Brynntrup: Super 8. Bildband. 400 Seiten. 357 Abbildungen (in Duoton/Farbe). Salzgeber Buch. Berlin 2022. Gebundene Ausgabe: 44 € (ISBN 978-3959856607)

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