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Interview
"Familiengeheimnisse gibt es überall"
Der Dokumentarfilm "Anima – Die Kleider meines Vaters" kommt am 20. Oktober in die Kinos. Im Interview erzählt Regisseurin Uli Decker, was es für sie bedeutet, einen sehr persönlichen queeren Film zu drehen.

Regisseurin Uli Decker zeigt Aufnahmen aus dem Familienalbum: "Die Fotos, die die Familie repräsentieren, sind ja Zeugnisse der Familienfassade" (Bild: Privatarchiv Familie Decker)
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19. Oktober 2022, 04:22h - 7 Min.
Der Film "Anima – Die Kleider meines Vaters", der am 20. Oktober 2022 bundesweit im Kino startet, erzählt von einem Familiengeheimnis, das erst am Sterbebett des Vaters ans Licht kommt: Er hat heimlich Kleider getragen und sich geschminkt.
Mithilfe seiner Tagebuchaufzeichnungen und Gesprächen mit dem engsten Umfeld versucht Regisseurin Uli Decker, mehr über ihren Vater und seine Leidenschaft zu erfahren. Dabei blickt sie ebenso auf ihre eigene Rebellion gegen die starren Geschlechterrollen in der bayrischen Provinz.
Wir sprachen mit Uli Decker über den Film, der Genregrenzen sprengt.

Regisseurin Uli Decker (Bild: Florentin Skimbiski)
"Anima" ist seit Anfang des Jahres auf vielen Festivals gelaufen und dabei mehrfach ausgezeichnet worden. Gab es erste Reaktionen auf den Film, die dich überrascht oder besonders gefreut haben?
Ja. Ich hatte die Vorgabe an das ganze Team gegeben, dass ich einen Film machen möchte für möglichst viele Menschen. Dass er Humor haben soll, eine gewisse Leichtigkeit und trotzdem die Tiefe nicht übertüncht. Er ist auch für ein konservatives Publikum gedacht, das sich normalerweise mit solchen Themen wenig beschäftigt und natürlich für queere Menschen.
Es soll ein Film sein, der nicht nur um das Queere kreist, sondern in dem viele Menschen sich wiederfinden können. Familiengeheimnisse gibt es überall. So ein breites Zeilpublikum in den Blick zu nehmen schien mir lange wie nach den Sternen zu greifen: Ich war mir nicht sicher, dass wir das schaffen würden.
Durch die Reaktionen, die ich jetzt bekomme, habe ich das Gefühl, es ist uns doch gelungen. Es gibt ganz viele Menschen unterschiedlichster Altersgruppen, die sich angesprochen fühlen. Letztens war ein 13-jähriger Junge in dem Film und war ganz begeistert; bis hin zur Altersgruppe meiner Eltern. Das ist echt cool! Und viele Menschen, die mit Queerness vielleicht gar nicht so viel zu tun haben, die im Moment oft in dem Film landen, weil sie mich kennen – Verwandte in Bayern, die für die katholische Kirche arbeiten sind auch begeistert und empfehlen den Film weiter.
Du hattest schon vor 17 Jahren die Idee zu diesem Film. Wie fühlt es sich an, dass er zum Kinostart jetzt ein größeres Publikum erreicht?
Einerseits ist es eine Erleichterung, dass er fertig ist. Das hat meine ganze Kraft und Energie der letzten sieben Jahre aufgesaugt – da war nicht mehr viel anderes möglich, als diesen Film zu machen. Und dann freue ich mich, dass er – hoffentlich – ein großes Publikum erreicht. Ich habe etwas Angst, da die Kinosituation im Moment so schwierig ist, dass am Ende die Kinos leer bleiben; und ich versuche alles zu tun, damit das nicht so wird.
Und dann ist natürlich auch ein mulmiges Gefühl dabei, weil ich eigentlich kein exhibitionistischer Mensch bin. Ich finde es gar nicht so angenehm, wenn alle über meine Geschichte Bescheid wissen. Aber ich habe mich im Grunde als Figur gesehen, nicht als Privatperson, und nur das erzählt, was unbedingt notwendig ist, um die Geschichte zu erzählen. Mehr braucht man nicht von mir zu wissen.
Wusstest du schon zu Beginn des Filmprojekts, dass es dabei nicht nur um deinen Vater gehen würde, sondern genauso sehr um deine eigene Identität?
Ja – ich hätte den Film nicht gemacht, wenn es diese Spiegelung nicht gegeben hätte. Ich wusste ja bis zum Ende des Schnitts nicht, ob das alles so funktioniert, wie ich es mir gedacht und gewünscht hatte. Es hätte auch ein schlechter Film werden können, bei dem wir das Gesicht verlieren. Mir war immer klar, wenn ich meinen Vater potenziell bloßstelle – was ja hoffentlich nicht das Gefühl ist, was am Ende bleibt -, dann muss ich mich potenziell auch bloßstellen und ihn nicht alleine lassen.

Uli Decker wollte als Kind Papst werden (Bild: Flare Film / Falk Schuster)
Wie bist du auf die Idee mit den Animationen und den Geräuschcollagen gekommen?
Ich wollte das Thema erst in einem Spielfilm verarbeiten und nicht dokumentarisch, weil mir das Thema viel zu persönlich schien. Ist es ja auch. Dann gab es die Idee, einen Animationsfilm zu machen, wie Persepolis oder die Graphic Novel "Fun Home". Dann hatte ich die Möglichkeit, einen Dokumentarfilm zu machen, aber das Budget dafür war so gering, dass wir uns maximal zehn Minuten Animation leisten konnten. Ich habe mich entschieden, dass die innere Welt von Uli animiert wird, in einem Stil, der die Fotos als Basis nimmt, die auch im Rest des Films vorkommen. Die Fotos, die die Familie repräsentieren, sind ja Zeugnisse der Familienfassade – und wir benutzen sie in den Animationen, um auch das Verborgene, das Innere darzustellen.
Ich wollte einen queeren Film in einer queeren Form machen; queer im Sinne von vielfältig und barock. Er sollte überborden und auf die Tube drücken – mit Musik, Sounddesign und verschiedensten Stilrichtungen. Mir wurde am Anfang gesagt, das ließe sich alles nicht unter einen Hut bringen, aber ich habe schon das Gefühl, dass es letztlich zusammenpasst.
Das Sounddesign bei Metrix Halle war der Teil, der mir am meisten Spaß gemacht hat, weil wir da unendliche Möglichkeiten hatten und die Fantasie spielen lassen konnten. Die Animationen haben Falk Schuster und Team gemacht; insgesamt waren vier Animationskünstler daran beteiligt.

"Anima – Die Kleider meines Vaters" startet am 20. Oktober 2022 bundesweit in den Kinos
Im Film geht es viel um Sichtbarkeit und Sich-Verstecken-Müssen. Wie seid ihr bei der Materialauswahl damit umgegangen, dass es keine Aufnahmen von deinem Vater im Kleid gibt?
Wir hatten kein Super-8-Material oder Videomaterial und überhaupt ganz wenige Fotos von meinem Vater. Es gab die Überlegung, meinen Vater im Kleid zu animieren, aber ich fand das zu plump und direkt. Ich hatte auch überlegt, ob ich einen Freund von mir bitte, sich ein Kleid anzuziehen und man das stellvertretend für meinen Vater filmt. Auch das war mir zu offensichtlich. Das, was mein Vater im Verborgenen gemacht hat, der Fantasie der Zuschauer zu überlassen, war – denke ich – die richtige Entscheidung.
Die Szene, in der ich mich schminke und mir seine Perücke aufsetze – finde ich, macht total Sinn, weil in dem ganzen Film erzählt wird, dass ich mich gegen das Kleidertragen wehrte. Inzwischen ist das anders. (lacht) Wenn man das zum ersten Mal sieht, dann mache ich das, um meinem Vater nahe zu kommen, der sich im Verborgenen Kleider angezogen hat. Das ist eine Verschachtelung von verschiedenen Ebenen und Bedeutungen, die wieder Spaß macht. Auf solche Ideen zu kommen, ist manchmal ein langer Prozess.
An zentralen Stellen kommt die Musik von Cora Frost vor. Welche Bedeutung hat die Sängerin für diesen Film?
Die ersten Auftritte von Cora Frost habe ich mit Anfang 20 gesehen und war total hin und weg. Seither hat sie mich begleitet. Ich habe bei wenigen Künstler*innen bisher so eine Weite feststellen können. Bei dem, was sie macht, sprengt sie die Grenzen zwischen Geschlechtern, Alter und Genres – sie lässt sich nicht festnageln. Das fand ich immer schon faszinierend.
Dadurch, dass wir befreundet sind und sie mir immer Mut zu diesem Projekt gemacht hat, hatte ich das Gefühl, sie muss in diesem Film vorkommen. Sie ist auch die Wahrsagerin am Anfang und kommt in der Animation am Ende vor. Das Schlusslied hat sie auf den Film arrangiert. Das gab es, aber sie hatte es noch nie aufgeführt außer in einem Online-Stream. Da habe ich es gehört und mir gedacht: Das ist das Schlusslied von diesem Film! Sie hat es dann noch einmal passend zum Abspann aufgenommen und rhythmisch neu gestaltet. Ich finde es genial. Es entlässt das Publikum auf so stimmige Weise aus dem Film.
Wie geht es bei dir weiter? Hast du schon ein neues Projekt im Auge?
Ich arbeite gerade an einem weiteren dokumentarischen Projekt und an meinem ersten fiktionalen Stoff.
Gibt es noch etwas, über das wir noch nicht gesprochen haben, das du den Leser*innen mit auf den Weg geben möchtest?
Dass sie unbedingt in den Film im Kino gehen sollten. Es ist etwas ganz anderes, wenn man eine Erfahrung mit anderen teilt und in einem Kinosaal sitzt, in dem man nicht wie zu Hause abgelenkt ist mit gutem Sound und toller Bildqualität. Wir sollten mit allen Kräften die Kinos unterstützen, damit diese wichtigen Orte nicht verloren gehen.
Und am besten ihr nehmt alle Eure Eltern, Geschwister, Freunde, Omas und Opas mit in "Anima", auch wenn ihr denkt, die sind super konservativ. Man kann auch Überraschungen erleben!
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Anima – Die Kleider meines Vaters. Dokumentarfilm. D 2022. Regie: Uli Decker. Cast: Cora Frost, Monika Decker, Cordula Decker, Christl Spiegel, Irmtraud Karlitschek, Herbert Karlitschek, Inge Schleußinger. Laufzeit: 94 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 6. Verleih: farbfilm verleih. Kinostart: 20. Oktober 2022
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