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Slowakei
Nach Terror in Bratislava: TV-Journalist outet sich
Nach dem queerfeindlichen Angriff mit zwei Toten forderte der Moderator Rastislav Iliev Konsequenzen in der Politik.

Iliev während der Sendung
- 19. Oktober 2022, 10:11h 5 Min.
Der slowakische TV-Journalist Rastislav Iliev hat sich am Sonntag während der Moderation der TV-Sendung "V politike" im Sender TA3 als Mitglied der LGBTI-Community geoutet. In der Sendung ging es um den Anschlag auf die queere Bar Teplaren in der Hauptstadt Bratislava vom letzten Mittwoch: Ein queerfeindlicher Angreifer hatte zwei junge Besucher erschossen und eine Barangestellte verletzt (queer.de berichtete).
"Diese Woche wurde der Coming-out-Tag begangen und wie Roman Samotný, der Besitzer von Teplaren, sagte, müssen wir aufhören zu schweigen und der Welt von uns erzählen – denn das Böse breitet sich immer noch aus", sagte Iliev während des Eröffnungsmonologs der Show. Die queere Community habe noch nie so viel öffentliche Unterstützung gebraucht wie jetzt und daher bekenne er sich "stolz zu meinem Platz in der LGBTI-Community". Er forderte andere Journalist*innen, Schauspieler*innen und Politiker*innen auf, ihm zu folgen. "Es gibt eine beträchtliche Anzahl von ihnen im Parlament." In einem nachfolgenden Interview sprach er unter anderem darüber, wie seine Eltern eine ganze Nacht geweint hätten, als er sich früher vor ihnen als schwul outete. Inzwischen seien sie Unterstützer – seine Mutter habe ihn aus ihrer Kleinstadt heraus am Montag angerufen, als er auf der Titelseite einer Zeitung erschien.
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"Ein 19-jähriger radikalisierter Fanatiker hat am Mittwochabend zwei unschuldige Menschen kaltblütig ermordet. Einfach so. Weil sie homosexuell waren", hatte der Journalist den Sendungs-Monolog eingeleitet. Der Mann habe die LGBTI-Community und Juden gehasst und einen ideologischen und geplanten Terroranschlag "gegen das Anderssein" durchgeführt.
Wütende Anklage gegen Politik
"Die meisten Politiker haben den brutalen Mord bereits verurteilt. Auch diejenigen, die die LGBTI+-Community seit Jahren systematisch verspotten", so Iliev weiter, der sich in den folgenden anklagenden Sätzen bereits als Community-Mitglied zu erkennen gab: "Sie sagen, dass wir nicht auf die Straße gehören, sondern in Anstalten. Dass wir Feinde und Abweichler sind und dass sie uns lieber isolieren würden. Wir haben jedoch nicht vergessen, dass Worte auch Waffen sind, und auch Sie sollten das nicht tun."
An Politiker*innen gerichtet, betonte er: "Hört auf, euch hinter leeren Gesten auf Facebook zu verstecken, die ihr nur abgebt, wenn es euch passt. Hört auf, euch dabei zum Mittelpunkt zu machen, und fangt endlich an, darüber nachzudenken, wie ihr das Leben von LGBTI+-Menschen einfacher machen könnt, wie ihr diejenigen bestrafen könnt, die den brutalen Mord des gestörten Jungen im Internet legitimieren, und nicht zuletzt, wie ihr uns alle schützen werdet, damit so etwas nie wieder passiert." Denn der Hass könne auch einen Christen, Juden, Rom, Ungarn oder Ukrainer oder einen Schwarzen treffen. "Was werdet ihr dagegen tun, ihr Heuchler?"

Präsidentin Zuzana Caputova (m.), hier bei einem der beiden Trauerproteste der letzten Tage, gilt als eine der wenigen politischen Unterstützer*innen der Community (Bild: ZuzanaCaputova / twitter)
Zum Abschluss des Monologs wandte sich Iliev an jene, "deren Finger bereits zu brennen beginnen und die mir Hass und hasserfüllte Kommentare und E-Mails schicken wollen": "Geht stattdessen zu euren Kindern, vielleicht haben einige von euch sie die ganze Woche nicht gesehen. Fragt sie, wie es ihnen geht, wie sie sich fühlen. Umarmt sie. Fragt sie zum Beispiel, ob sie etwas bedrückt. Denn es könnte ja sein, dass ihr sie nie wieder sehen werdet."
Attentäter wollte offenbar Regierungschef töten
So wie die Eltern von Juraj und Matus: Die beiden jungen Männer hatten am Mittwochabend vor der Bar gesessen, als Juraj K. auf sie zielte – sie starben noch vor Ort an ihren Verletzungen, während eine Barangestellte, Radka, mit einer nicht lebensgefährlichen Schusswunde in einem Bein in einem Krankenhaus behandelt wird. Der 19-Jährige Angreifer hatte in den Wochen vor und den Stunden nach der Tat rechtsextreme, queerfeindliche und antisemitische Inhalte bei Twitter gepostet, bevor er Suizid beging.
Die Behörden stufen die Tat inzwischen als Terrorakt ein. Am Dienstag bestätigten sie auch, dass Ministerpräsident Eduard Heger ursprüngliches Ziel des Attentäters gewesen sei. Er habe sich am Abend des 12. Oktober mehrmals mit einer Schusswaffe Hegers Privatwohnung genähert (s.a. Vorberichte). Weil der konservative Politiker nicht zu Hause war, sei der Angreifer zu der Bar im Stadtzentrum gegangen, die er ebenfalls schon länger auf seiner Liste möglicher Ziele gehabt habe. Das Twitter-Profil habe er erst am Tattag auf öffentlich gestellt.

Juraj (l.) und Matúš wurden bei dem Angriff getötet
Sein Coming-out sei "das mindeste", was er nach dieser Tat habe machen können, betonte Iliev am Montag in einem Interview, und eigentlich viel zu spät. Er habe viele positive Reaktionen erhalten; einige hätten betont, er hätte sie zu einem eigenen Coming-out bewegt. Jetzt gelte es, die Politik in der Verantwortung zu halten, etwa in der anstehenden Debatte zu einem (aus der Opposition stammenden) Entwurf für ein Lebenspartnerschaftsgesetz. Die Slowakei gehöre, anders als Tschechien oder selbst Orban-Ungarn, zu den wenigen Ländern, die gleichgeschlechtliche Paare rechtlich noch gar nicht absichere.
Vor allem gelte es aber, gegen Hass und Vorurteile vorzugehen, online oder in der Politik. Zwar habe er sich den Anschlag mit zwei Toten nicht vorstellen können – und es hätten mehr sein können, wäre die Bar voll gewesen, so Iliev. Aber selbst nach der Tat gebe es Personen wie Parlamentssprecher Boris Kollár, der betone, dass er weiterhin zu seinen Aussagen stehe, dass Homosexuelle etwa Abweichler seien, die nicht auf die Straße gehörten. (nb)
Nachtrag 14 Uhr: Der angesprochene Gesetzentwurf zu Lebenspartnerschaften wurde am Mittwoch im Parlament abgelehnt.













