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Kinostart
Papas queeres Geheimnis
"Anima – Die Kleider meines Vaters" ist ein tief berührender, spannender und bereichernder Dokumentarfilm, der sowohl Genre- als auch Geschlechtergrenzen überwindet. Jetzt ist er im Kino zu sehen.

Regisseurin Uli Decker erfuhr erst nach dem Tod ihres Vaters, dass dieser gerne Frauenkleider trug (Bild: Flare Film / Privatarchiv Familie Decker)
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20. Oktober 2022, 03:15h 3 Min.
"Anima" beginnt mit einem Moment zwischen Wirklichkeit und Vorstellungskraft. Die Regisseurin und Protagonistin Uli Decker besucht eine Wahrsagerin, die ihr eine Botschaft vermittelt: Sie solle in ihre Heimat gehen und ihr Erbe antreten. Die Heimat ist ein Dorf in Bayern. Wir erfahren, dass der Vater gestorben ist und die Mutter am Sterbebett den beiden Töchtern verraten hat, der Vater habe sein Leben lang heimlich Frauenkleider angezogen. Wie geht man mit einem solchen Wissen um, wenn man nicht mehr gemeinsam darüber sprechen kann?
Das geheime Erbe enthält Kartons mit den hochhackigen Schuhen des Vaters, seine Perücke, Schminke und Kleider. In Tagebuchaufzeichnungen kommt Uli den Gedanken- und Gefühlswelten ihres Vaters erstmals näher, nachdem sie zu seinen Lebzeiten ein angespanntes Verhältnis zu ihm hatte. Wie sie nun erfährt, waren es vielleicht gerade ihre Gemeinsamkeiten, die den Vater verunsichert haben. Sie selbst wollte schließlich Abenteurerin werden und einen Bart tragen, denn es schien, als würden nur Menschen mit Bärten Großes erleben dürfen. In den Aufzeichnungen des Vaters findet Decker außerdem Antworten auf die Frage, ob das Geheimnis weiter gehütet und das Transvestieren verschwiegen werden müsse (s..a. Interview mit Uli Decker: "Familiengeheimnisse gibt es überall").
Schwere Themen, zugänglich aufbereitet

Poster zum Film: "Anima – Die Kleider meines Vaters" startet am 20. Oktober 2022 im Kino
Durch Gespräche mit den engsten Familienmitgliedern und Freund*innen der Eltern, durch Fotos und Spurensuchen in der Geschichte zeichnet die Regisseurin mit ihrem Team nicht nur das Bild ihrer Familie, sondern auch das einer Gesellschaft, in der Abweichungen von der Norm nicht vorgesehen sind; einer Gesellschaft, die über mehrere Generationen hinweg queeren Personen Ablehnung und Ausgrenzung angedroht hat.
Dennoch ist "Anima" kein schwerer Film geworden. Fantasie- und humorvolle Animationen und Geräuschcollagen sorgen für einen zugänglichen Ton, der die eigene Geschichte zugleich mit einer großen Sorgfalt und Wärme behandelt. Die Musik ist treffend ausgewählt; in einer Szene schauen sich Vater und Tochter gemeinsam einen Fernsehauftritt von trans Sängerin Romy Haag an. Ein Stück von Cora Frost bleibt einem noch lange nach Ende des Films angenehm im Ohr.
Ein Dokumentarfilm, der innere Freiräume öffnet
Besonders an dem Film ist, wie er Grenzen aufhebt und Freiräume erschafft, die dazu einladen, sich selbst sein zu dürfen. Dazu tragen maßgeblich die Gedankengänge des Vaters bei, die als Voice Over über Aufnahmen von katholischen Prozessionen eingebunden sind. Im Verborgenen ist ebenso Raum für Gespräche über Transgeschlechtlichkeit wie über das eigene Transvestieren, das für den Vater Freiheit in die eigene männliche Identität bringt und die Annahme der eigenen Anima bedeutet.

Eine queere Familiengeschichte aus der bayerischen Provinz: Szene aus "Anima" (Bild: Flare Film / Siri Klug)
Zugleich ergründet der Vater in seinen Aufzeichnungen eindrücklich und nuanciert sein Verhältnis zur katholischen Kirche zwischen Beichten, Gewändern und eigenen Interpretationen der Bibel. Diese intelligenten Auseinandersetzungen aus der Vergangenheit machen den Film generationenübergreifend für ein queeres und nicht-queeres Publikum gleichermaßen spannend, sehenswert und bereichernd.
Mit 92 Minuten hat die Doku Spielfilmlänge und in der ersten Hälfte einige Stellen, die sich etwas ziehen; dabei bleibt er aber in jedem Moment auch über die Einzelpersonen hinaus relevant und nachfühlbar mit hohem Wiedererkennungswert. Insbesondere in der zweiten Hälfte ist "Anima" tief berührend, als wir mehr darüber lernen, was die einzelnen Familienmitglieder bewegt, belastet und verbindet. Am Ende ist das, was präsent bleibt, nicht der Tod, sondern die Liebe zueinander und die Lust auf das Leben.
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Anima – Die Kleider meines Vaters. Dokumentarfilm. D 2022. Regie: Uli Decker. Cast: Cora Frost, Monika Decker, Cordula Decker, Christl Spiegel, Irmtraud Karlitschek, Herbert Karlitschek, Inge Schleußinger. Laufzeit: 94 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 6. Verleih: farbfilm verleih. Kinostart: 20. Oktober 2022
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