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Leipzig

Studierende protestieren gegen transfeindliches Uni-Seminar

Am Leipziger Philosophie-Institut läuft ein Seminar, in dem "anthropologische Grundlagen" erarbeitet werden sollen, mit denen sich die Existenz von trans Menschen ablehnen lässt. Studierende protestieren dagegen.


Das Paulinum (rechts außen) der Uni Leipzig thront neben dem mdr-Gebäude über dem Augustusplatz (Bild: Fred Romero / flickr)

Am philosophischen Institut der Universität Leipzig ist Streit um eine Lehrveranstaltung ausgebrochen, die transfeindliche Inhalte enthält. Studierende legten schon vor Beginn des Seminars im inzwischen angelaufenen Wintersemester Protest ein.

Unter dem Titel "Historisch-genetische Theorie der Geschlechterbeziehung: Subjekt – Identität – Liebe" will der Dozent Javier Álvarez-Vázquez unter anderem das Buch "Natur und Gender. Kritik eines Machbarkeitswahns" von Christoph Türcke lesen lassen. Das aber gilt als plumpe Kampfschrift gegen die Existenz transgeschlechtlicher Menschen, Türcke obendrein als "linker" Verfechter rassebiologischer Überlegungen.

Auch die Seminarankündigung selber enthält eindeutige Anspielungen an transfeindliche Inhalte. So heißt es dort etwa: "Warum haben Menschen in allen Gesellschaften gesucht, ihre Leben in der Körperzone eines anderen zu führen?" An anderer Stelle ist von einer "Machbarkeitsfaszination" die Rede.

Rede bei Störaktion gehalten

queer.de liegen die Unterlagen einer Rede vor, die Studierende innerhalb des Seminars gehalten haben. Darin wird Álvarez-Vázquez vorgeworfen, sein Seminar verbreite "in einer unwissenschaftlichen und für den universitären Betrieb untragbaren Weise Demagogie gegen queere Personen". Besonderes Augenmerk liegt in der Rede auf dem Türcke-Buch, das sich außerhalb wissenschaftlicher Diskurse bewege und queerfeindliche Verschwörungsmythen enthalte. Geschlechtsangleichende Operationen würden darin als "Machbarkeitswahn" diffamiert.

Der Protest richte sich nicht gegen Wissenschaftsfreiheit, die von den Studierenden für unerlässlich gehalten werde, so der Text weiter. Beanspruchten aber "Demagog*innen" diese Freiheit, handele es sich bloß um einen rhetorischen Trick. Erkenntnis werde nämlich gar nicht angestrebt. Vielmehr solle durch Demagogie selber Angst verbreitet und freie Wissenschaft unterdrückt werden.

Diskussion um die Existenz von trans Personen?

Kritisiert wurde von den Studierenden nicht nur Seminarleiter Álvarez-Vázquez, sondern auch das philosophische Institut. Das nämlich habe die Veranstaltung immerhin als Teil des Lehrprogramms zugelassen.

Die Universitätsleitung hatte die Studierenden nach ersten hausintern vorgetragenen Beschwerden darauf verwiesen, doch die fachliche Diskussion mit dem Seminarleiter zu suchen. Dagegen hatten sich die Studierenden jedoch verwahrt.

In der queer.de vorliegenden Mail mit der Rede wird diese als Teil einer Störung des Seminars bezeichnet. Entsprechend heißt im Redetext, eine "von Diskriminierung betroffene Person" könne "unmöglich mit dem Täter dieser Diskriminierung über deren Legitimität diskutieren". Die Universität wolle unter dem Vorwand der freien Lehre die Verantwortung hierfür von sich schieben.

Die Leipziger Online-Zeitung "Kreuzer" berichtet, dass ein Großteil der Studierenden nach dem zur Seminareröffnung am vorvergangenen Mittwoch gehaltenen Redebeitrag so, wie darin aufgefordert, den Seminarraum verlassen hätte. Dozent Álvarez-Vázquez habe demnach währenddessen mehrfach gefordert, die Rede abzubrechen, von "Genderpolizei" und "Einschränkung der Lehrfreiheit" gesprochen.

Reizüberflutung verhindert Konversionstherapie?

In einem Beitrag für die Studierendenzeitung "Luhze" wurden weitere Passagen und Thesen aus dem Buch von Christoph Türcke wiedergegeben. Demnach prangere Türcke an, dass sich der Mensch "durch das Internet und die ständige Nutzung des Smartphones" zu einem "Cyborgwesen" verwandele. Die "ständige Reizüberflutung und Selbstdarstellung in sozialen Medien" hätte zur Konsequenz, dass sie sich nicht mehr mit der eigenen und der Komplexität der Welt auseinandersetzten.

Resultat dieser ausbleibenden Auseinandersetzung sei dann die Existenz transgeschlechtlicher Menschen: "Wenn sie sich nicht mehr wohl im eigenen Körper fühlten, so Türcke, würden die Menschen lieber durch chirurgische Eingriffe und Hormonpräparate ihr physisches Ich verändern, anstatt mittels Verhaltensänderungen und Therapien zu versuchen, Körper und Psyche in Einklang zu bringen."

Im Mai 2020 verbot der Bundestag sogenannte Konversionstherapien, wie sie von Türcke gefordert werden, teilweise. In solchen "Therapien" wird Transgeschlechtlichkeit als Pathologie aufgefasst, von der Menschen "geheilt" werden könnten (queer.de berichtete).

Türcke: Transgeschlechtlichkeit ist Gott spielen

In einem "Spiegel"-Interview (Bezahlschranke) aus vergangenem Jahr hatte Türcke Transgeschlechtlichkeit zudem als "Hype" bezeichnet und mit der Idee in Verbindung gebracht, dass der Mensch "Gott spielt". Vertreter*innen der Existenz von Transgeschlechtlichkeit warf er indirekt vor, sie dachten Geschlecht unabhängig von Geschlechtsorganen und den Menschen als "beliebig knetbare Masse". Die "Queer-Bewegung" neige dazu, zu denken, dass "die Besonderheit von Inter-, Homo- oder Transsexualität eigentlich die Regel" wäre: "Als wären wir eh alle divers."

Im Interview macht Türcke ebenfalls eine Anspielung darauf, dass bei Geschlechtsdysphorie "eigentlich Seelisches begradigt werden" müsste, statt Körper chirurgisch "umzuwandeln". Transgeschlechtlichkeit lägen vielleicht in Wahrheit psychische Leiden zugrunde oder "unbewältigte frühkindliche Erlebnisse". Die OPs gingen mit "Verstümmelung" und "Verödung" einher und darüber, dass Menschen danach lebenslang auf die Einnahme von Hormonen angewiesen seien, werde angeblich "oft nicht Klartext gesprochen".

Transgeschlechtliche YouTuber*innen seien Stars, die ihrem Publikum suggerierten: "Werdet so wie ich." Studien zum geringen Ausmaß derjenigen, die Transitionen bereuten, erklärte Türcke einfach für ungültig, da sie auf Selbstauskünften der Menschen basierten. Der wahre Anteil müsste aber "tiefenpsychologisch" herausgefunden werden, was wohl auf Zwangs-Konversionstherapien an Studienteilnehmer*innen hinauslaufen müsste.

Lernen von Jordan B. Peterson

Nach der Protestaktion im Seminar von Álvarez-Vázquez sprach dieser gegenüber "Kreuzer" von einem zugrundeliegenden Missverständnis. Zum besseren Verständnis empfahl er darum ein Interview mit dem rechtsradikalen kanadischen Psychologen Jordan B. Peterson. Darin geht es um "Political Correctness" an Universitäten und um Redefreiheit.

Peterson hatte übrigens im Juni von der ungarischen Staatspräsidentin Katalin Novak den Ungarischen Verdienstorden verliehen bekommen (queer.de berichtete) und bei diesem Anlass gleich noch einen Vortrag gehalten. Ungarn hatte im Jahr 2018 das ganze Fach der Gender Studies an Universitäten verbieten lassen (queer.de berichtete). 2021 folgte ein Verbot von "Bewerbung" von Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit in Medien, Schule und Reklame (queer.de berichtete).

Im Februar hatte Peterson beim rechtsradikalen US-amerikanischen Podcaster Joe Rogan transgeschlechtliche Menschen als Ausdruck verschiedenster Persönlichkeitsstörungen oder von Autismus dargestellt und sie in Zusammenhang mit einem angeblich anstehenden Zusammenbruch der Gesellschaft gebracht (queer.de berichtete).

Studierendenkonferenz solidarisiert sich

Die Konferenz Sächsischer Studierendenschaften erklärte sich in der Zwischenzeit mit den protestierenden Student*innen solidarisch. Man teile die Kritik an der Veranstaltung und fordere eine Absage.

In der Seminarankündigung sei von "anthropologischen Grundlagen der Geschlechterverhältnisse" die Rede, "die trotz einer 'geschlechtlichen Machbarkeitsfaszination der Medizin sowie der Pharmaindustrie'" existierten. Das lese man als Anbiederung an transfeindliche "Biologismen", also an Versuche, Phänomene allein mit Rückgriff auf vermeintliche biologische Fakten zu erklären.

-w-

#1 SeraphinaAnonym
  • 20.10.2022, 12:17h
  • Einfach nur ein verachtenswerter Biologismus mitsamt christlich-fundamentalistischen Einflüssen und eine Veranstaltung, die Werbung machen soll für Zwangskonversionstherapie, von der Menschen wie ich nur eine schlechte Legislaturperiode und Bundestagswahl entfernt sind, gerade in Zeiten in denen die CDU immer mehr mit der AFD flirtet.
    Und natürlich redet sich diese Universität wieder raus mit der Begründung von "freie Lehre" und "Meinungsfreiheit".
    Also nichts neues in diesem Land.
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#2 DestroyaAnonym
  • 20.10.2022, 12:50h
  • Körper und Psyche. Da zeigt sich der Christilich-Buddhistisch-Mystische Leib/Seele Dualismus, der nichts weiter ist als ein esoterisches Hirngespinst. Es gibt keine Psyche und keine Seele.

    Alle Verhaltensweisen, sind biologisch, genetisch.

    Die dualistische Denkweise stammt aus einer Zeit, in der es weder Neurobiologie, noch Genetik als etablierte Wissenschaft gab und Menschen an eine Gespenst im Körper glaubten.

    Menschen verhalten sich geschlechtlich auf die und die Weise, weil es ihnen ihre DNA vorgibt. Die Gesellschaft ist das Spielbrett, auf dem dieses angeborene Verhalten entsprechend der Kultur ausgelebt werden kann, oder eben auch nicht.

    Es geht also bei dem Wiederstand gegen geschlechtliche Abweichler ganz klar um Eugenik: Sie sollen vernichtet werden, weil diese Variationen von der Mehrheit, einer Lauten Minderheit(z.B. AFD) oder einer Herrschenden Elite nicht gewünscht ist. Ihnen Freiheit zu geben, wird auch die Gesellschaft aller verändenr. Das ist eine reale Konsequen und vor dieser fürchten sie sich, sie hassen uns.
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#3 HexeAnonym
  • 20.10.2022, 13:38h
  • Das transsexuelle Imperium neu aufgelegt.
    Wie kreativ.

    Dabei könnte man tatsächlich mal über "Transsexualismus" F.64 diskutieren, denn das ist schon ne Erfindung der Neuzeit.
    Vor allem in seiner pathologischen Binarität. Aber das wäre diesem Akademikern wahrscheinlich zu komplex und gibt zu wenig Klicks um sich am Ende über ein "Mimimi die wollen mich canceln" zu profilieren.

    Langweilig.
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